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W. Hastings Burke, Hermanns Bruder (Stefan Martens)

Francia-Recensio 2014/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

William Hastings Burke, Hermanns Bruder. Wer war Albert Göring?, 2. Aufl., neue Ausgabe, Berlin, Weimar (Aufbau Verlag) 2012, 237 S. (Wer war Albert Göring?), ISBN 978-3-351-02747-6, EUR 19,99; James Wyllie, Goering and Goering. Hitler’s Henchman and his Anti-Nazi Brother, Stroud, Gloucestershire (The History Press) 2010, VI–246 p., ISBN 978-0-752-45648 -5, GBP 9,99.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Stefan Martens, Paris

1998, fünf Jahre nach dem preisgekrönten Film »Schindlers Liste« von Steven Spielberg zeigte die BBC eine Fernsehdokumentation, die unter dem Titel »The Real Albert Göring« berichtete, dass der jüngere Bruder des zweiten Mannes im Dritten Reich bedrohten Juden zu Hilfe zu kommen gekommen sei bzw. ihnen zur Flucht aus Europa verholfen habe. Als Beweis diente eine handschriftliche Liste mit 34 Namen, die Albert Göring nach seiner Verhaftung durch die Amerikaner aus dem Gedächtnis erstellt hatte. Dem Australier William Hastings Burke, von Hause aus kein Historiker, schien »die Vorstellung, jenes Monster, das wir aus dem Geschichtsunterricht kennen, hätte einen Oskar Schindler zum Bruder gehabt, […] geradezu unglaublich« und begab sich auf Spurensuche. Das Ergebnis seiner aufwändigen Archivrecherchen und seiner Gespräche mit Zeitzeugen hat er als Buch veröffentlicht, das zwei Jahre später auch auf Deutsch erschienen ist.

Da es Burke trotz intensivem Bemühen nicht gelungen ist, außer der besagten Liste und den Papieren, die die Amerikaner für die Vernehmungen zusammengestellt hatten, weitere Unterlagen ausfindig zu machen, stützt sich seine Darstellung vor allem auf das Ergebnis seiner Interviews. Ausgangspunkt war für ihn die besagte Liste, die Albert Göring zusammengestellt hatte. Sie enthielt neben weniger bekannten Personen auch eine ganze Reihe prominenter Namen. Burke hat sich aber nicht nur darauf beschränkt, entweder die Genannten – sofern sie noch am Leben waren – selbst, oder aber deren Angehörige ausfindig zu machen, sondern hat sich parallel dazu darum bemüht, mit den Nachkommen der beiden Brüder, also nicht nur von Albert, sondern auch von Hermann Göring zu sprechen. Elisabeth, die Tochter von Albert, wurde für ihn eine wichtige Gesprächspartnerin.

Auch wenn es Burke gelingt, das eine oder andere Detail zu erhellen, das Portrait, das er von Albert Göring als einem entschiedenen Gegner des NS-Regimes zu entwerfen versucht, der seinen Namen und seine enge Beziehung zu seinem einflussreichen Bruder immer wieder geschickt zu nutzen verstand, um Prominenten, wie Franz Lehar, oder auch weniger bekannten Menschen aus seinem näheren und weiteren Umfeld zu helfen, bleibt unscharf. Dies liegt zum einen sicher an der schwierigen Quellenlage, zum anderen aber auch an der Neigung des Autors zu Ausschweifungen. Über weite Strecken verliert er sich in der Schilderung seiner Reisen kreuz und quer durch Europa und speziell seine Erlebnisse in Deutschland auf den Spuren seines »Helden«.

James Wyllie, der sich laut Klappentext nach einem Debut als Lehrbeauftragter für Geschichte in Cambridge heute als Drehbuchautor verdingt, hat einen anderen Weg beschritten: in Form einer Doppelbiografie versucht er, das Leben der beiden Brüder parallel zu verfolgen. Doch trotz einer beeindruckenden Literaturliste und diverse Verweise auf Archivbestände in Großbritannien, Deutschland und Tschechien – Albert Göring arbeitete während des Zweiten Weltkriegs für die Firma Skoda – vermag auch er es nicht, die Neugier des Lesers zu befriedigen.

Im Zentrum steht für Wyllie eindeutig der bekanntere der beiden Brüder. Die wichtigsten Stationen der Kariere des zwei Jahre jüngeren Albert Göring werden über die Jahre zu gegebener Zeit zwar immer wieder in die Darstellung einbezogen, doch eine intensivere Auseinandersetzung mit seinem Werdegang und seinen Motiven, warum er sich – nach dem Anschluss Österreichs, wo er sich bis zu diesem Zeitpunkt außerhalb von Hitlers Machtbereich befand – in den Dienst des NS-Regimes stellte, bleibt unbeantwortet. Offen bleibt auch, warum er nach dem Ende des Krieges und seiner Entlassung aus der Haft in Prag zwar zunächst nach Argentinien ging, schon kurz darauf aber wieder nach Deutschland zurückkehrte und bis zu seinem Tod im Jahre 1966 in München von seinen Rettungsaktionen kein Aufhebens machte.

Im Unterschied zu Wyllie hat Burke zumindest in Ansätzen versucht, die Motive zu ergründen. Die Frage, ob ihn die Atmosphäre in der deutschen Kolonie, die nach dem Krieg in Argentinien Zuflucht gefunden hatte, tatsächlich abgestoßen hat, bleibt offen. Im Grunde überlässt es Burke dem Leser, darüber zu spekulieren, ob Albert sich als Opfer seines Bruders oder am Ende nicht doch – trotz seiner Verdienste um die Rettung von Menschen – als Schuldiger sah, der dank seines Namens während des Kriegs ein vergleichsweise sorgenfreies Leben in führender Stellung mit einem gesicherten finanziellen Auskommen genossen hatte.

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PSJ Metadata
Stefan Martens
W. Hastings Burke, Hermanns Bruder (Stefan Martens)
CC-BY 3.0
Neuere Zeitgeschichte (1945-heute), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918), Zeitgeschichte (1918-1945)
Deutschland / Mitteleuropa allgemein
Familiengeschichte, Genealogie, Biographien, Jüdische Geschichte
20. Jh.
4011882-4 132191571 118540157 4006804-3
1900-1966
Deutschland (4011882-4), Göring, Albert (132191571), Göring, Hermann (118540157), Biografie (4006804-3)
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W. Hastings Burke, Hermanns Bruder (Stefan Martens)
In: Francia-Recensio 2014/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-4/ZG/hastings-burke_martens
Veröffentlicht am: 05.12.2014 13:40
Zugriff vom: 17.10.2019 04:40
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