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J. Hervier, Ernst Jünger (Klaus Deinet)

Francia-Recensio 2014/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Julien Hervier, Ernst Jünger. Dans les tempêtes du siècle, Paris (Fayard) 2014, 540 p., 4 p. de pl., ISBN 978-2-213-64363-2, EUR 26,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Klaus Deinet, Wuppertal

Den Worten Friedrich Sieburgs zufolge gab es eine Zeit, da öffnete man sich in deutschen Literatenkreisen dadurch Türen, dass man Ernst Jünger ostentativ einen verbalen Fußtritt versetzte. Dieser Brauch ist inzwischen abgeflaut, auch wenn er in gewissen intellektuellen Milieus bis heute weitergepflegt wird. Die Vollendung der Gesamtausgabe, ein persönliches Vermächtnis des früheren Verlegers und Jünger-Freundes Ernst Klett, das dem Stuttgarter Schulbuchverlag so manches Opfer abverlangte, hat dem Werk inzwischen einen soliden Nischenplatz in der deutschen Literatur gesichert. Und nachdem auch die letzten Überlebenden jener Flakhelfergeneration, die sich seinerzeit so vehement für die Aufarbeitung der Schuld ihrer Väter stark gemacht hatten, die blinden Flecken in ihrer eigenen Vergangenheit wiederentdeckt haben, ist der denunziatorische Impetus, der nach 1968 bei vielen Intellektuellen zum guten Ton gehörte, in der nun folgenden Enkelgeneration einer nüchterneren, wenn auch nicht notwendigerweise apologetischen Sicht auf die »Sünden« der Großväter gewichen.

Die Vorrede war nötig, um die tiefe Verwurzelung in den »querelles allemandes« zu verdeutlichen, der sich hierzulande jeder stellen muss, der sich wissenschaftlich mit Ernst Jünger auseinandersetzt. Zwar lagen bei ihm die Dinge von Anfang an etwas anders als bei Benn oder gar bei Heidegger. Er galt schon früh als Repräsentant einer »inneren Emigration«, an dessen Beispiel sich eine Generation der vom Nationalsozialismus Verführten aufrichten konnte, und wie Gottfried Benn eignete sich Jünger dafür gerade deshalb, weil beider Biografien einen charakteristischen Knick aufwiesen, im Falle Benns durch seine anfängliche Befürwortung des »Dritten Reiches«, bei Jünger durch die extrem nationalistische Position, die er vor 1933 eingenommen hatte. Jüngers »Strahlungen« standen nach 1950 in so mancher deutschen Schulbücherei und blieben auch dort stehen, als nach 1960 Grass, Walser und Böll die vorderen Plätze einzunehmen begannen.

In Frankreich war das von Anfang an anders. Warum es so war, vermag auch die jetzt vorliegende Biografie seines langjährigen Übersetzers Julien Hervier nicht mit letzter Bestimmtheit zu klären. Herviers Begründung, dass den Franzosen gerade die Transparenz gefiel, mit der sich Jünger nicht nur zu den Verstrickungen seines Volkes bekannte, sondern diese durch seine Biografie gleichsam vorgelebt habe, vermag nicht voll und ganz zu überzeugen. Denn warum blieben andere, für die das auch galt wie etwa Friedrich Sieburg, bis heute in der Wahrnehmung Frankreichs ausgespart? Dass ausgerechnet Ernst Jünger zur »Ikone« der deutsch-französischen Verständigung werden konnte, hängt sicher auch mit der Tatsache zusammen, dass er alt genug wurde, bis mit Kohl und Mitterrand zwei Repräsentanten an die Spitze ihrer jeweiligen Länder gelangten, deren Biografien nicht so eindeutig wie die ihrer Vorgänger Adenauer, De Gaulle oder Gustav Heinemann nur für den jeweils »besseren Teil« ihrer Völker standen. Kohl und Mitterrand konnten gerade dadurch die Verstrickung, der ja beide Völker wenn auch in unterschiedlichem Maße unterlegen waren glaubhafter machen. Hinzu kam freilich eine besondere Disposition in der Figur Ernst Jüngers, die ihn dazu prädestinierte, ein Bild auszufüllen, das schon viel länger im Kollektivbewusstsein der Franzosen bereit lag: das des »noblen Deutschen«, der Gegner war, Freund wurde und sich zu beidem bekannte. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang, dass man es ihm in Frankreich nicht übel nahm, als er auf die Frage eines französischen Reporters, was für ihn das größte Unglück des Ersten Weltkriegs gewesen sei, antwortete: »Dass wir ihn verloren haben.«

Auch Herviers Biografie, von der der Verlag stolz verkündet, es sei die erste in französischer Sprache, die diesen Titel verdient, unterscheidet sich von ihren deutschen Vorgängern wohltuend dadurch, dass sie von Kautelen sowohl gegenüber dem Leser wie gegenüber ihrem Gegenstand weitgehend frei ist, was sich darin zeigt, dass sie es nicht nötig hat, dem Leser auf Schritt und Tritt zu sagen, wie der Verfasser diese und jene Äußerung seines Protagonisten bewertet. In Herviers Darstellung erzählt sich Jüngers Leben weitgehend von selbst, vor allem entlang der Tagebücher und der autobiografischen Schriften, die Jüngers Werk in reichem Maße begleiten, ja die ein gutes Drittel seines Oeuvres ausmachen, von den Tagebüchern des Ersten Weltkriegs, die er zu den »Stahlgewittern« verdichtete, über die »Strahlungen«, die die Jahre 1939–1948 begleiteten, bis hin zu den fünf Bänden des Alterswerks »Siebzig verweht«, deren Aufzeichnungen bis 1995, drei Jahre vor seinem Tod, reichen. Gewiss, streng germanistischen Ansprüchen genügt dieses Verfahren nicht; immerhin wissen wir dank der strukturalistischen Hermeneutik, dass auch der Tagebuchschreiber nicht unbedingt die authentische Gefühlsverfassung seines in der ersten Person sprechenden »Ich« wiedergeben muss, sondern dass dieses »Ich« seinerseits Masken aufsetzt. Der Frische und Unmittelbarkeit der Darstellung tut ein solches Verfahren aber keinen Abbruch. Bei Hervier erleben wir die Kriegsabenteuer des Frontkämpfers Jünger quasi durch der Brille seines Ego, wozu auch die minutiöse Schilderung der Schauplätze und der Kampfverläufe beiträgt. Hervier kann sich hier auf seine eigenen Kommentare in der Pléiade-Ausgabe stützen; es handelte sich bei dieser Publikation um die erste Ausgabe der Tagebücher Jüngers, die mit einem kritischen Kommentar versehen erschienen. Die Klett-Gesamtausgabe besaß diesen noch nicht.

Das Bild, das man auf solche Weise von Jüngers Persönlichkeit gewinnt, ist keineswegs durchweg bestrickend. Der jugendliche Ernst Jünger muss von einer geradezu notorischen Lebensgier besessen gewesen sein, zu der deren Kehrseite, die Todesverachtung, ein notwendiges Korrelat abgab. Diese Mischung ließ ihn auch nach zwei Kriegsjahren, als bei anderen der Elan nachließ und Depressionen sich breit machten, im Krieg immer noch auf den »goût« des persönliches Kampfes von Mann gegen Mann hoffen, den zu schmecken ihm der Stellungs- und Grabenkrieg allerdings nur sehr wenige Gelegenheiten verschaffte. Seine Gegenüber, die Franzosen und Engländer, hat Jünger nur in Ausnahmefällen zu Gesicht bekommen, obwohl er fast den gesamten Krieg im Westen mitmachte, von den Abwehrschlachten in der Champagne 1914/15 über Verdun, die Somme und den Rückzug auf die Siegfriedstellung 1917 bis zu den letzten Gefechten im Frühjahr 1918. Dass er dieses vierjährige Inferno trotz 14-facher Verwundung physisch und psychisch ziemlich unbeschadet überstand, verdankte er neben einer großen Portion Glück (einmal fielen beide Helfer, die den Verletzten aus der Gefahrenzone schafften, unter feindlichen Kugeln) seiner enormen Fähigkeit, sich auch inmitten des Krieges Inseln der Lebensbejahung zu bewahren, sei es nun durch Lektüre, durch Besäufnisse mit Kameraden oder durch ephemere Liebesabenteuer mit jungen Französinnen. Dass Jünger das Risiko des Lebens liebte und auch später noch in heikle Zonen vorzustoßen wagte, zeigt sich auch in seiner lebenslangen Beschäftigung mit Drogen, von der Hervier ein anschauliches Bild gibt.

In der Zwischenkriegszeit bildete Jünger zusammen mit seinem Bruder und so zwielichtigen Figuren wie Ernst von Salomon und Arnolt Bronnen eine Art rechter Bohème, der der Legalitätskurs Hitlers zuwider war und wo man sich in der Pose eines Bürgerfressers gefiel. Den Instrumentalisierungsversuchen durch den Nationalsozialismus widersetzte er sich aber von Anfang an, wohl auch aus Abneigung gegen Goebbels, den er persönlich kannte. Der Dichter der »Marmorklippen« mutierte 1940 zum Offizier im besetzten Paris im Stab Speidels und Stülpnagels. In den Aufzeichnungen dieser Jahre finden sich keine Beispiele eines Landser-Tons mehr, von dem die frühen Tagebücher nicht frei waren, stattdessen spiegeln sie ein seltsames Abgeschottetsein des Schreibers gegenüber den Kriegsvorgängen bei gleichzeitiger hochpräziser Wahrnehmung der kleinen Dinge. Mit gleicher Intensität schildert er hier die Erschießung eines deutschen Deserteurs, bei der er anwesend sein musste, wie seine Besuche bei Picasso und Braque oder die Erkundungsgänge in Antiquariaten. Das hat ihm immer wieder den Vorwurf der Gefühllosigkeit eingetragen, aber diese Diagnose trifft nicht, wie Hervier deutlich macht. In den Aufzeichnungen aus den mittleren Jahren paaren sich Feinnervigkeit und Resignation zu einem forcierten Stoizismus, hinter dem sich die stete Gefährdung durch die Depression verbarg, der Jünger regelmäßig, auch in späteren Jahren noch, ausgesetzt war und die durch den tragischen Tod seines Sohnes Ernstel und den frühen Hingang seiner ersten Frau Gretha genährt wurde.

Hervier meint, Jünger habe seine Feindschaft gegenüber dem Hitlerregime »avec un grand fond de prudence ponctué d’audaces calculées« (S. 331) maskiert, aber der Tod seines Sohnes – er war wegen »wehrzersetzender« Äußerungen angeklagt worden und fiel bei der »Frontbewährung« im Kampf gegen italienische Partisanen – habe ihm im Nachhinein die Fragilität dieser Haltung offenbart, und er habe nicht zuletzt deswegen in seinem späteren Leben einen persönlichen Kult um den toten Sohn betrieben. Obwohl Jünger sich ab 1950 fast fünfzig Jahre lang in einem der abgelegensten Winkel der schwäbischen Provinz, in der Oberförsterei des Ortes Wilflingen, verkroch, blieb sein Lebensstil doch auf demonstrative Weise anti-provinziell. Er lebte quasi mit dem Rücken zu den kleinlichen Debatten der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft, unternahm mit seiner zweiten Frau bis ins hohe Alter hinein regelmäßige Fernreisen, vor allem nach Asien und Afrika, und heimste schließlich als Patriarch die Ehrungen ein, die ihm in seinen mittleren Jahren versagt geblieben waren.

Vielleicht liegt in dieser Unkonventionalität des Lebensstils auch der Schlüssel für seine lebenslange Affinität zu Frankreich. Frankreich war für ihn von Anfang an das Tor zur Freiheit, gewissermaßen das mediale Zwischenglied, das Zugang zu den Geheimnissen des Lebens verschaffte. Schon der Siebzehnjährige verschrieb sich in Nancy der Fremdenlegion, aus einer Mischung aus Zivilisationsüberdruss und Abenteurertum, ein Experiment, aus dem ihm sein Vater mit viel Verständnis und Geschick rechtzeitig wieder heraushalf. In den beiden Weltkriegen war es der Boden und die Kultur dieses Landes, auf dem er seine einschneidendsten Erfahrungen machte. Anders als bei Sieburg, der sich die französische Welt erst als Siebenundzwanzigjähriger erschloss und der sich im Alter wieder von ihr abnabelte, gehörte für Jünger das Französische im umfassendsten Sinne (Sprache, Kultur, Landschaft) zu seinem Leben dazu und ging ihm auch in späteren Jahren nicht verloren. Vielleicht war es nicht zuletzt diese tiefe Nähe, die Selbstverständlichkeit und die Ehrfurcht, mit der er die Sprache und die Gebräuche unserer Nachbarn handhabte, was ihn für französische Leser bis heute so attraktiv werden ließ und ihn auch – so wurde vermutet – zum Prototyp des Deutschen in der bekannten Novelle »Le Silence de la mer« gemacht hat, die während des Krieges im Untergrund veröffentlicht wurde.

Herviers Buch ist das Produkt der Nähe zweier Männer, wie es das Foto auf dem Cover bezeugt. Er hat Jünger noch zu dessen Lebzeiten gekannt, zahlreiche Gespräche mit ihm geführt und einen ausgedehnten Briefwechsel unterhalten, der sogar unter dem Titel »Jünger und Frankreich – eine gefährliche Begegnung?« publiziert wurde. Offenbar verband die beiden – Jünger war 40 Jahre älter – eine große gegenseitige Achtung und Sympathie. Das macht die Schilderung so frisch und gibt den Aussagen ein hohes Maß an Authentizität. Wer wollte, könnte in dieser Nähe des Biografen zu seinem Gegenstand eine Gefahr für das Urteil des Lesers sehen. Aber man unterschätze diesen nicht! Weniger als alles andere liebt er es, von diesem in seinem Urteil über jenen gegängelt zu werden.

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PSJ Metadata
Klaus Deinet
J. Hervier, Ernst Jünger (Klaus Deinet)
CC-BY 3.0
Neuere Zeitgeschichte (1945-heute), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918), Zeitgeschichte (1918-1945)
Europa
Familiengeschichte, Genealogie, Biographien
20. Jh.
4015701-5 118558587 4006804-3
1895-1998
Europa (4015701-5), Jünger, Ernst (118558587), Biografie (4006804-3)
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J. Hervier, Ernst Jünger (Klaus Deinet)
In: Francia-Recensio 2014/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-4/ZG/hervier_deinet
Veröffentlicht am: 05.12.2014 13:45
Zugriff vom: 16.10.2019 18:48
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