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    A. Iriye, J. Osterhammel (ed.), Global Interdependence (Rolf Steininger)

    Francia-Recensio 2014/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Akira Iriye, Jürgen Osterhammel (ed.), Global Interdependence. The World After 1945, Cambridge, MA (The Belknap Press of Harvard University Press) 2014, 978 p., 63 halft., 9 maps, 1 graph, 8 tabl., (A History of the World), ISBN 978-0-674-04572-9, GBP 39,95.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Rolf Steininger, Innsbruck

    Sechs Autoren beschreiben in fünf umfangreichen Kapiteln die »Welt nach 1945«, mit dem Anspruch, eine neue Perspektive (»fresh perspective«) in die Zeitgeschichte einzubringen. Diese »Zeitgeschichte«, reduziert auf die Welt seit 1945, betrachten sie im globalen, d. h. transnationalen Kontext und nicht etwa, wie vielfach in der Vergangenheit geschehen, auf die jeweilige nationale oder regionale Geschichte reduziert. Dabei wollen sie vor allen Dingen zeigen, dass diese globale Geschichte viele Ebenen hat, die sich zwar nicht zwangsläufig überlappen, aber trotz allem miteinander verbunden sind. Der Kalte Krieg war die grundlegende Struktur dieser »Zeitgeschichte«; daneben gab es aber unabhängige Ebenen im wirtschaftlichen und kulturellen Bereich. Und es gab Ebenen, die sich der Mensch mit Tieren, Pflanzen, Wasser und Luft teilten. Den Autoren geht es um den »transnationalen« Aspekt dieser Ebenen, wo auch Völker und Länder der nicht-westlichen Welt Geschichte geschrieben haben. Der Anspruch der Autoren ist hoch, wird aber nicht immer eingelöst.

    Im ersten Kapitel liefert Wilfried Loth von der Universität Essen-Duisburg einen chronologisch angelegten Überblick über die internationale Geschichte seit 1945 (»States and the Changing Equations of Power«, S. 11–199). Er vertritt zunächst seine bekannte These über die Entstehung des Kalten Krieges (»Fehlperzeption«). Dann werden die großen Themen der damaligen Zeit abgearbeitet: Marshallplan, Entwicklung in China, Koreakrieg, Entkolonialisierung, Berlinkrise, Kubakrise, Vietnamkrieg, Ende des Kalten Krieges etc. Dabei haben sich auch kleine Fehler eingeschlichen: im Koreakrieg sind nicht 54 000 US-Soldaten gefallen, sondern 35 000 (im Übrigen ein Fehler, der auch in manch anderen Publikationen immer wieder auftaucht – sogar im Koreakrieg-Memorial in Washington); das Treffen Kennedy-Chruschtschow in Wien fand nicht am 5./6. Juni 1961, sondern am 3./4. Juni statt. Insgesamt gibt es nichts wirklich Neues in diesem Beitrag, keinesfalls ist er aus einer »fresh perspective« geschrieben. Loth hat dies alles schon auf vielfache Weise auf Deutsch geliefert (auch dieser Beitrag ist eine Übersetzung aus dem Deutschen).

    Im zweiten Kapitel (»Opening Doors in the World Economy«, S. 202–361) beschreibt Thomas W. Zeiler von der University of Colorado, wie die USA im Kalten Krieg ihre Wirtschaftsmacht einsetzten und wie diese Open-Door-Politik letztlich zu einer globalen Wirtschaft führte – auch zum Aufstieg etwa von Deutschland und Japan als Konkurrenten der USA. Zeilers These: Ohne den Kalten Krieg wäre die wirtschaftliche Entwicklung möglicherweise anders verlaufen, in jedem Fall aber dennoch global geworden – mit wenig Fortschritt im Nahen Osten, in Lateinamerika und in Afrika. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich das laut Zeiler geändert, was viel mit dem Ende des »amerikanischen Jahrhunderts« zu tun habe.

    Im dritten Kapitel gehen J. R. McNeill von der Georgetown University und Peter Engelke, Senior Fellow des Atlantic Council in Washington, D. C., »Into the Anthropocene: People and their Planet« (S. 365–533). Sie führen uns dabei zunächst zurück zum Ursprung der menschlichen Spezies, um dann die Beziehung zwischen unserem Planeten und seinen Bewohnern zu untersuchen. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges sei dieses Verhältnis miteinander im Einklang gewesen, für die Zeit danach konstatieren sie einen drastischen Wandel. Verantwortlich dafür: Verdreifachung der Weltbevölkerung, verstärkte Urbanisierung, Energiepolitik, Erderwärmung etc. Alles Probleme, die uns heute beinahe täglich beschäftigen.

    Im vierten Kapitel (»Global Culture«, S. 537–678) zeigt Petra Goedde von der Temple University in Philadelphia, dass es auch im kulturellen Bereich eine Globalisierung gegeben hat, wobei Kultur im weitesten Sinne verstanden wird. Migration, Tourismus, Konsumverhalten etwa haben die Menschen einander nähergebracht, ohne dass dabei nationale Eigenarten aufgegeben werden mussten. Ausführlich geht Goedde in ihrem Beitrag auf die Rolle der Frau in verschiedenen Ländern ein. Hier wird deren Geschichte fast zu seiner Geschichte der Menschenrechte, die immer und überall verletzt wurden – und immer noch werden.

    Im abschließenden fünften Kapitel (»The Making of a Transnational World«, S. 679–847) analysiert der Herausgeber Akira Iriye von der Harvard University, wie diese »transnationale« oder eben globale Welt entstanden ist. Dabei greift er die Erkenntnisse der ersten vier Kapitel auf und bemerkt mit Nachdruck, dass hier auch die Jugend eine wichtige Rolle gespielt hat und noch spielt. Das ist dann die vielzitierte »Facebook-Generation« – obwohl Iriye diesen Ausdruck nicht benutzt. Im letzten Satz seiner Einleitung macht er als Herausgeber noch einmal deutlich, was uns dieser voluminöse Band sagen will: dass Mensch und Tier auf diesem Planeten voneinander abhängig sind – mit allen Konsequenzen. Eine Botschaft, der man weite Verbreitung wünschen möchte.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

    PSJ Metadata
    Rolf Steininger
    A. Iriye, J. Osterhammel (ed.), Global Interdependence (Rolf Steininger)
    CC-BY 3.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
    Weltgeschichte
    Politikgeschichte
    2000 - 2009, 2010 - 2019
    4000145-3 4557997-0 4072885-7 7612596-8
    2000-2012
    Abhängigkeit (4000145-3), Globalisierung (4557997-0), Internationale Politik (4072885-7), Transnationalisierung (7612596-8)
    PDF document irye-osterhammel_steininger.doc.pdf — PDF document, 86 KB
    A. Iriye, J. Osterhammel (ed.), Global Interdependence (Rolf Steininger)
    In: Francia-Recensio 2014/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-4/ZG/iriye-osterhammel_steininger
    Veröffentlicht am: 05.12.2014 13:45
    Zugriff vom: 16.10.2019 19:21
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