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    K. Krimm (Hg.), NS-Kulturpolitik und Gesellschaft am Oberrhein (Rainer Möhler)

    Francia-Recensio 2014/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Konrad Krimm (Hg.), NS-Kulturpolitik und Gesellschaft am Oberrhein. 1940 1945, Ostfildern (Jan Thorbecke Verlag) 2013, 385 S. (Oberrheinische Studien, 27), ISBN 978-3-7995-7827-1, EUR 34,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Rainer Möhler, Saarbrücken

    »Die Verwendung der Bezeichnung ›Oberrhein‹ in jeder Form zu geschäftlichen und gewerblichen Zwecken aller Art ist untersagt« – mit § 1 der Verordnung »zum Schutze der Bezeichnung ›Oberrhein‹« vom 7. November 1940 zog der Chef der Zivilverwaltung im Elsass, der badische Gauleiter und Reichsstatthalter Robert Wagner, die Konsequenzen aus der Besprechung beim »Führer« wenige Wochen zuvor, am 25. September. Hier hatte Adolf Hitler seine Entscheidung getroffen, dass Straßburg die Gauhauptstadt des zu bildenden Gaus Oberrhein werden solle; die Ersetzung der alten Bezeichnungen »Elsass« und »Lothringen« durch »Oberrhein« und »Westmark« sollte möglichst bald durchgeführt werden. Während jedoch Wagners Gauleiter-Nachbar Josef Bürckel bereits ab März 1941 mit der Bezeichnung »Reichsstatthalter in der Westmark« den Begriff in die Amtssprache einführte (allerdings nur als verwaltungsmäßigen Zusammenschluss von der Pfalz mit dem Saarland), blieb die Umwandlung des Gaus Baden-Elsass in einen gemeinsamen Gau Oberrhein bis Kriegsende aus. Die ungeklärte staatsrechtliche Situation der besetzten Westgebiete, ihre lediglich de-facto-Annektion, verzögerte die angestrebte Neuordnung – die brutale Germanisierung und Nazifizierung der betroffenen Gebiete wurde allerdings bis zur letzten Konsequenz durchgeführt.

    Der Begriff »Oberrhein« hat seine eigene Geschichte, die sich im Zeitalter der Nationalstaaten seit dem 19. Jahrhundert emotional zuspitzt und bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts seine zunächst geopolitische, dann völkische bis rassistische Ideologisierung erfährt. Der Freiburger Geograf Friedrich Metz formulierte es im Vorwort zu seinem Standardwerk »Die Oberrheinlande« von 1925 in aller Deutlichkeit: »An die Stelle der Waffen aus Eisen und Stahl sind heute die des Geistes getreten. Mögen sie nicht untauglich befunden werden im Kampfe um die Wahrheit und die Freiheit unseres Volkes«. Der Herausgeber des hier vorzustellenden Sammelwerkes »NS-Kulturpolitik und Gesellschaft am Oberrhein 1940-1945«, der ehemalige Archivdirektor des Generallandesarchivs Karlsruhe Konrad Krimm, problematisiert in seiner Einführung leider nur sehr knapp die Gefahr eines unreflektierten Gebrauchs dieses »diffusen« Begriffs.

    Das Buch, erschienen im Jahr 2013, besitzt selbst bereits eine eigene Geschichte, denn an seinem Beginn stand im Jahr 2006 eine wissenschaftliche Tagung, veranstaltet von der Arbeitsgemeinschaft für geschichtliche Landeskunde am Oberrhein zusammen mit der Forschungsstelle Widerstand gegen den Nationalsozialismus an der Universität Karlsruhe. Es hinterlässt einen etwas disparaten Eindruck, sowohl was den unterschiedlichen Umfang als auch die Thematik der einzelnen Beiträge angeht. Es setzt sich aus drei Teilen zusammen: Etwas vereinzelt steht der Beitrag des renommierten Widerstandsforschers Peter Steinbach zur Bedeutung des badischen Schriftstellers Reinhold Schneider (1903–1958) für den christlich motivierten Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Umfeld der »inneren Emigration«. Seine Gedichte konnte er in den Kriegsjahren als »graue Literatur« mit Hilfe des elsässischen Verlegers Joseph Rossé im Alsatia-Verlag in Colmar veröffentlichen.

    Der zweite Teil des Buches besteht aus architekturgeschichtlichen Abhandlungen zu den stadtplanerischen Entwürfen der NS-Zeit für die alte Gauhauptstadt Karlsruhe und die neue in Straßburg. Ernst-Otto Bräunche geht in seinem Beitrag »Gauhauptstadt auf Widerruf« auf die vielfältigen Bemühungen in Karlsruhe ein, dem drohenden Prestigeverlust entgegen zu wirken und die wirtschaftlichen Folgen der Abwanderung von Gaubehörden nach Straßburg aufzufangen. Es galt zu verhindern, dass Karlsruhe wieder eine »Provinzstadt ohne Gesicht und ohne Rang« werden würde, so Oberbürgermeister Hüssy. Dem Buch liegt eine aufwändig gestaltete CD-ROM bei, die die städtebaulichen Entwürfe für ein Karlsruher »Gauforum« an der Ettlinger Straße, gestaltet vom Stadtbaurat Karl Peter Plästerer, enthält. Ebenfalls auf dieser CD-ROM liegt ein interessantes Inventar von Plänen und Modellen zum Wettbewerb für das »Neue Straßburg« bei, das von Dorothea Roos kommentiert wird. Sie stützt sich dabei vor allem auf die Veröffentlichungen von Wolfgang Voigt, der die Geschichte der Idee Adolf Hitlers, Straßburg neu zu gestalten, und die ihm zugeschriebene diesbezügliche Skizze vom Juni 1940 zuletzt in seinem Buch »Deutsche Architekten im Elsass 1940 1944« (2012) beschrieben hat. Der daraufhin angestoßene Architektur-Wettbewerb, an dem mit Paul Schmitthenner und Fritz Beblo auch zwei Elsässer teilnahmen, verlief aufgrund des weiteren Kriegsgeschehens im Sande. Übrig geblieben sind Entwürfe und einige Modelle, die in sehr guter Qualität auf der CD-ROM zu betrachten sind.

    Der dritte Teil des Buches widmet sich Themen, die im engeren Sinne dem Titel »Kultur und Gesellschaft« entsprechen. Zwei der Beiträge sprengen das normale Format eines Aufsatzes: Wolfram Hauer berichtet auf fast 100 Seiten über die »Umgestaltung des Schulwesens und der Lehrerbildung jenseits des Rheins nach badischem Vorbild«, stellt die inhaltliche Neuausrichtung der Schulpolitik und die wichtigsten Akteure vor. Alles in allem sehr informativ und sehr ausführlich, aber eher für eine Monografie geeignet. Ähnliches gilt für den Aufsatz von Markus Enzenauer zur »Nazifizierung, Germanisierung und Organisationsgrad der elsässischen Bevölkerung während der ›verschleierten Annexion‹ 1940–1944/45« (64 Seiten). Er unternimmt hier den hoch interessanten Versuch, den »Erfolg« der NS-Politik in Bezug auf die durchgreifende Nazifizierung der elsässischen Bevölkerung durch die Auswertung aller zur Verfügung stehenden statistischen Quellen zu erfassen. Selbst wenn auch er nicht in die Köpfe der Zeitgenossen blicken kann, ergibt sich doch ein neue, überzeugende Sichtweise auf die elsässische Volksgemeinschaft: Das vom »Führer« vorgegebene Ziel, 10% der erwachsenen Bevölkerung partei-organisatorisch zu erfassen, wurde im Elsass weit übertroffen. Während bislang stets nur auf die niedrigen Zahlen der NSDAP-Mitgliedschaften und der freiwilligen SS-Meldungen hingewiesen wurde (1–2% der Gesamtbevölkerung), fordert Enzenauer zu Recht, auch die Massenmitgliedschaft in der elsässischen Ersatzparteiorganisation, dem »Opferring«, mit zu berücksichtigen. Bei einer Gesamtbevölkerung von 1 061 324 Einwohnern im Jahr 1941 konnte ab Mitte 1942 die Zahl von 160 000 »Partei«-Mitgliedern deutlich überschritten werden, d. h. bezogen auf die erwachsene Bevölkerung mehr als 20%. Enzenauer findet dadurch die älteren Aussagen des Generalreferenten des Gauleiters und Oberstadtkommissars von Straßburg, Robert Ernst, über die anfängliche Begeisterung der Elsässer angesichts der erneuten deutschen Besatzung bestätigt – es wäre wünschenswert, wenn diese Thesen auch im französischen Sprachraum eine wissenschaftliche Rezeption und Diskussion erfahren würden.

    Zwei weitere Beiträge widmen sich Teilaspekten der Geschichte der Straßburger Reichsuniversität, die anstelle der nach Clermont-Ferrand evakuierten Université de Strasbourg im November 1941 eröffnet wurde. Frank-Rutger Hausmann, ein profunder Kenner der NS-Wissenschaftsgeschichte, gibt einen konzisen Überblick über die Planungs- und Entstehungsgeschichte der Reichsuniversität und hebt die Bedeutung der Aktivitäten des Historikers und Elsässers Ernst Anrich, Gründungsdekan der Philosophischen Fakultät, für die innovativen Elemente des Universitätskonzeptes hervor. Dazu gehörte auch das Straßburger »Grenzwissenschaftliche Institut« des Psychologen Hans Bender; hierzu hat Hausmann bereits 2006 eine Monografie veröffentlicht. Alexander Pinwinkler beschäftigt sich in seinem Beitrag zu »Konstruktionen des Volkstums in historisch-landeskundlichen Forschungen an der Reichsuniversität Straßburg« mit Professoren der Philosophischen Fakultät: Neben den beiden nationalsozialistischen Professoren Günther Franz und Ernst Anrich betrachtet er hierbei auch den Mediävisten Hermann Heimpel; allen drei Professoren war ein stereotyp-abwertendes Frankreichbild gemeinsam.

    Zwei der zehn Beiträge wurden von französischen Wissenschaftlerinnen geschrieben: Marie-Claire Vitoux untersucht in ihrem knappen Beitrag die Darstellung der Situation und Stimmung in der elsässischen Bevölkerung unter der NS-Besatzung durch den Colmarer Historiker und Lehrer Marie-Joseph Bopp, der bereits unmittelbar nach Kriegsende, auf der Grundlage seiner tagebuchartigen Aufzeichnungen, sein bis heute stark wirkendes Buch »L’Alsace sous l’occupation allemande« veröffentlichte. Die Straßburger Konservatorin am Musée archéologique, Bernadette Schnitzler, widmet sich in ihrem reich bebilderten Beitrag der NS-Propaganda am Beispiel der »Geschichtserziehungsaktion« und der Ausstellung »2000 Jahre Kampf am Rhein« im Jahr 1942. In einer sehr anschaulichen Art und Weise wird deutlich, wie auch im Elsass der Nationalsozialismus eine konstruierte germanische Vorgeschichte für seine aktuelle Eroberungspolitik instrumentalisierte.

    Noch immer sind Biografien zur elsässischen Zeitgeschichte in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Einzelerscheinung. Die einzelnen Beiträge im »Nouveau dictionnaire de biographie alsacienne« können dieses Desiderat nicht auffangen. Vor allem die Politiker der Heimatrechte-Bewegung der Zwischenkriegszeit harren ihrer wissenschaftlichen Bearbeitung. Umso mehr ist daher zu begrüßen, dass Pia Nordblom mit ihrem biografischen Abriss zum katholischen Verleger Joseph Rossé und seinem Verlag Alsatia versucht, dessen politisches Leben zwischen »Widerstand und Kooperation, Nation und Region« zu beschreiben. Rossé war als Unternehmer und Politiker zu einer sektoralen Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten bereit, um seine Ziele als katholischer Elsässer durchzusetzen, wobei er sich laut Nordblom letztlich überschätzte. Kooperation und tätige Opposition seien bei ihm zwei Seiten einer Münze gewesen, nur das eine zur Kenntnis zu nehmen, bedeute »Geschichtsklitterung« (S. 340). Rossé, nach 1945 als Kollaborateur und »Nanziger« verurteilt, starb 1951 nach längerer Inhaftierung.

    Der Beitrag von Pia Nordblom zeigt beispielhaft, wie vielgestaltig und interessant die Geschichte einer Grenzregion sein kann. Es harren hierbei noch viele Themen einer wissenschaftlichen Aufarbeitung. Das Sammelwerk zur NS-Kulturpolitik und Gesellschaft liefert hierfür einen wichtigen Beitrag.

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    PSJ Metadata
    Rainer Möhler
    K. Krimm (Hg.), NS-Kulturpolitik und Gesellschaft am Oberrhein (Rainer Möhler)
    CC-BY 3.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Politikgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte
    1940 - 1949
    4075561-7 4033581-1 4041300-7
    1940-1945
    Oberrheinisches Tiefland (4075561-7), Kulturpolitik (4033581-1), Nationalismus (4041300-7)
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    K. Krimm (Hg.), NS-Kulturpolitik und Gesellschaft am Oberrhein (Rainer Möhler)
    In: Francia-Recensio 2014/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-4/ZG/krimm_moehler
    Veröffentlicht am: 05.12.2014 13:45
    Zugriff vom: 17.10.2019 05:44
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