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    P. Moulinier, Les étudiants étrangers à Paris au XIXe siècle (Antonin Dubois)

    Francia-Recensio 2014/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Pierre Moulinier, Les étudiants étrangers à Paris au XIX e siècle. Migrations et formation des élites. Préface de Victor Karady, Rennes (Presses universitaires de Rennes) 2012, 425 p. (Histoire), ISBN 978-2-7535-2077-6, EUR 21,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Antonin Dubois, Paris/Heidelberg, Johan Lange, Paris

    Die Studierenden sind die Stiefkinder der Universitätsgeschichte. Dies gilt noch stärker für die französische als für die deutsche Geschichtsschreibung. Die Mehrheit der Historikerinnen und Historiker, die zur Studentengeschichte gearbeitet haben, taten dies nur en passant , im Rahmen ihrer Forschungen über das französische Hochschulwesen. Beispiele sind der amerikanische Historiker George Weisz, der für sein Buch über die Reformen und die Veränderungen der französischen Universität in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bekannt ist, oder Jean-François Condette, der neben seiner Arbeit über die Rektoren der Universität Lille auch Aufsätze zu den Themen Studentinnen und Studentenvereine verfasst hat 1 . Jean-Claude Caron hat seinerseits vor fast 25 Jahren die beste Studie über die Pariser Studenten in der Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Empire veröffentlicht 2 . Pierre Moulinier widmet sich nun dezidiert der Geschichte der Studenten in Frankreich 3 . Wie bei den genannten Historikern ist auch Mouliniers Zugang stark von der Sozialgeschichte beeinflusst. Das Alltagsleben sowie die sozioökonomischen Hintergründe sind ihm genauso wichtige Themen wie das politische Engagement der Studierenden oder ihre Verteilung in den verschiedenen Fakultäten.

    »Les étudiants étrangers à Paris«ist das zweite Buch Pierre Mouliniers, das das französische Studentenleben des 19. Jahrhunderts behandelt. Hatte er sich zuvor für aus Paris stammende Studenten interessiert, geht es ihm in seinem neuen Werk um die Studenten aus der ganzen Welt, die an die Seine kamen, um dort die Universität zu beziehen – und manchmal ihr Leben lang blieben 4 . Mouliniers Studie fügt sich daher auch in die Geschichtsschreibung des internationalen intellektuellen Austauschs und der intellektuellen Migrationen ein. Es ist also nur folgerichtig, dass Victor Karady, einer der größten Spezialisten auf diesem Gebiet, das Vorwort geschrieben hat.

    Die spezifischen Quellen, auf die sich Pierre Moulinier stützt, sind entscheidend für den Zuschnitt des Buches. Erstens sind persönliche Schriften der ausländischen Studierenden sehr selten, zumindest solche, die in Frankreich greifbar sind. Nur eine international kooperierende Historikergruppe könnte in den jeweiligen Ländern und Archiven dieses Schriftgut wiederfinden und erforschen. Die einzelnen Tagebücher, die Moulinier nutzt, repräsentieren daher nicht die ganze ausländische Studentenschaft und müssen als einzelne, individuelle Dokumente betrachtet werden, die aber bedeutende qualitative Aussagen erlauben. Eine häufigere Quellengattung sind die »guides de l’étudiant«, die den neuen Studierenden helfen sollten, sich an der Pariser Universität zurechtzufinden. Ein Problem, das sich aus den von Moulinier genutzten offiziellen Dokumenten des Ministeriums und der Fakultäten ergibt, betrifft die Widersprüchlichkeit und Fragmentarität dieser seriellen Quellen. Moulinier sagt ganz ehrlich, dass die Zahlen, die er vorstellt, nur Tendenzen abbilden und dass es unmöglich sei, die genaue Anzahl von französischen sowie ausländischen Studierenden im 19. Jahrhundert zu eruieren, da die offizielle Immatrikulation in Frankreich erst 1896 eingeführt wurde und erst ab dem Jahr 1900 ausführliche Statistiken vorliegen.

    Pierre Moulinier interessiert sich für vielfältige Aspekte des studentischen Lebens. Es werden nicht nur das politische und das soziale Porträt der ausländischen Studierenden dargestellt (woher sie kamen, ihre sozioökonomischen Hintergründe, was sie studierten, die Gründe ihres Studiums in Paris), sondern auch die administrativen Aspekte des Studiums, das Alltags- und das kulturelle Leben, die transkulturellen Herausforderungen für die Studenten und Professoren, wie auch für die Staatsbehörden, die Studierende mit einem Stipendium ins Ausland sandten; die Beziehungen zwischen den ausländischen und den französischen Studenten und daher auch die Themen Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus. Die ausländischen Studentinnen hatten eine besondere Bedeutung für die Entwicklung des Frauenstudiums in Frankreich, und auch für sie interessiert sich das Buch.

    Grundsätzlich baut sich das Buch aus zwei Arten von Kapiteln auf. In manchen präsentiert Moulinier sehr detaillierte Fallbeispiele (Studiengänge, universitäre Partnerschaften), in anderen (v. a. in den Kapiteln 3, 4 und 8) bietet er wichtige statistische Erhebungen (Herkunft, Anzahl von Studentinnen, Abschlüsse).

    Bereits zu Anfang des ersten Kapitels beschreibt Pierre Moulinier die Vielfältigkeit der Gründe, die junge Leute dazu antrieben, im Ausland zu studieren, sowie die Rolle der staatlichen Institutionen in diesen intellektuellen Wanderungsprozessen. So waren mangelnde Universitätsstrukturen im Heimatland einer der wichtigsten Gründe für die Migration von Studierenden. Manche Staaten förderten diesen Prozess und boten Stipendien an, um ein Auslandsstudium zu ermöglichen. Die staatlichen Institutionen spielten aber auch in den universitären Einwanderungsländern eine große Rolle. Sie regulierten die Aufnahme von ausländischen Studenten. Zum Beispiel vertraten Frankreich und Deutschland im 19. Jahrhundert (vor allem nach 1871) eine sehr unterschiedliche Politik gegenüber ausländischen Studierenden. Manche politische Kräfte und Universitätsbehörden der Dritten Republik versuchten ausländische Studenten zu werben, wurde darin doch eine Möglichkeit gesehen, die internationale intellektuell-kulturelle Bedeutung Frankreichs zu erneuern. In Deutschland waren es hingegen die aufgrund jüngster wissenschaftlicher Erfolge starken Universitäten mit ihren berühmten Autonomie-Strukturen und nicht so sehr ein wirklicher Wille zur Internationalisierung, die ausländische Studierende anzogen.

    Der Schluss des Buches gibt Informationen über die neuen Fragestellungen der Zwischenkriegszeit. Ein Aspekt sei hier kurz benannt: Der Erste Weltkrieg hat auch im Bereich der Universitäten die internationalen Beziehungen umgestaltet. Die französischen Universitätsbehörden bildeten in den zehn Jahren nach dem Krieg neue Partnerschaften mit ihren vorherigen militärischen Alliierten, vor allem mit den USA. Diese erweiterte internationale Offenheit der offiziellen Institutionen kontrastierte jedoch mit einer neuen Ausländerfeindlichkeit im studentischen Milieu.

    Kritikpunkte an Mouliniers Buch betreffen nur Details bzw. den Wunsch nach weiterführendern Untersuchungen. Insbesondere hätten Vergleiche mit anderen wichtigen Universitätsstädten wie Lille, Montpellier oder Toulouse einen breiteren Überblick ermöglicht. Die Erfahrungen der ausländischen Studierenden dürften dort anders als in Paris gewesen sein. Im Kapitel 9 wäre ein Plan von Paris mit Hinweisen zu den im Text genannten Wohngebieten der ausländischen Studenten (die »türkische Heimat«, das »russische Viertel« etc.) und zu den universitären Institutionen willkommen gewesen.

    Dieses ausgezeichnetes Werk ist also eine lohnenswerte Lektüre: Es informiert den Leser über die Geschichte der französischen Universität des 19. Jahrhunderts und stellt gleichzeitig eine Studie der Geschichte der (intellektuellen) Migrationsprozesse dieser Zeit dar. Die Arbeit Mouliniers wird hoffentlich Ausgangspunkt für weitere Studien über ausländische Studierende an den Universitäten der französischen Provinz oder über die französischen Studierenden im Ausland sein.

    1 George Weisz, The Emergence of Modern Universities in France. 1863–1914, Princeton, NJ, Guildford 1983; id., Associations et manifestations: les étudiants français de la Belle Époque, dans: Le Mouvement social 120 (1982); p. 31 - 44; Jean-François Condette, »Les Cervelines« ou les femmes indésirables. L’étudiante dans la France des années 1880–1914, dans: Carrefours de l’éducation 15 (2003/1), p. 38 61; id., Les associations générales d’étudiants en France et le politique (1881–1914). 1 ère partie: Espoirs et développement, dans: Carrefours de l’éducation 23 (2007/1), p. 85 101; id., Les associations générales d’étudiants en France et le politique (1881–1914), 2 e partie: Les espoirs déçus du régime républicain: limites et contestation des AGE, dans: Carrefours de l’éducation 24 (2007/2), p. 149 158.

    2 Jean-Claude Caron, Générations romantiques. Les étudiants de Paris et le Quartier latin, 1814–1851, Paris1991.

    3 Siehe z. B.: Moulinier Pierre, La vie sociale et culturelle de l’étudiant au Quartier latin à la Belle Époque, dans: Bulletin de l’Association de la Montagne Sainte-Geneviève 308 (2005), p. 43–56; id., La »Belle Époque« des carabins et des potards : préhistoire du syndicalisme étudiant ? (1902 –1912) , dans: Matériaux pour l ’histoire de notre temps 86, ( 2007 /2), p. 10 –28 ; id., L’AGE de Paris, les associations corporatives et la représent ation des étudiants à la Belle Époque , dans: Les Cahiers du GERME 29 (2010/2011), p. 49 53.

    4 Id., La naissance de l’étudiant moderne au XIX e siècle, Paris 2002 (Histoire de l’éducation).

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    PSJ Metadata
    Antonin Dubois
    P. Moulinier, Les étudiants étrangers à Paris au XIXe siècle (Antonin Dubois)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
    Frankreich und Monaco
    Bildungs-, Wissenschafts-, Schul- und Universitätsgeschichte, Siedlungs-, Stadt- und Ortsgeschichte
    19. Jh.
    4018145-5 4044660-8 4003749-6
    1800-1900
    Frankreich (4018145-5), Paris (4044660-8), Ausländischer Student (4003749-6)
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    P. Moulinier, Les étudiants étrangers à Paris au XIXe siècle (Antonin Dubois)
    In: Francia-Recensio 2014/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-4/ZG/moulinier_dubois
    Veröffentlicht am: 05.12.2014 13:35
    Zugriff vom: 16.10.2019 18:46
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