Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

    S. Parth, Zwischen Bildbericht und Bildpropaganda (Robert Fleck)

    Francia-Recensio 2014/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Susanne Parth, Zwischen Bildbericht und Bildpropaganda. Kriegskonstruktionen in der deutschen Militärmalerei des 19. Jahrhunderts, Paderborn, München, Wien, Zürich (Ferdinand Schöningh) 2010, 409 S.
    (Krieg in der Geschichte, 56), ISBN 978-3-506-76751-6, EUR 39,90.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Robert Fleck, Düsseldorf

    Der vorliegende Band geht aus dem Sonderforschungsbereich »Kriegserfahrungen. Krieg und Gesellschaft in der Neuzeit« der Eberhard-Karls-Universität Tübingen hervor und schließt mehrere Forschungsdesiderata. Er bietet den ersten umfassenden Überblick über die deutsche Militärmalerei des 19. Jahrhunderts. In methodischer Hinsicht sehr schlüssig vorgehend, rekonstruiert die Autorin zunächst den Aspekt der Produktion, mit den wichtigsten Malern, wie Wilhelm Camphausen, Georg Bleibtreu, Louis Braun oder Franz und Eugen Adam, und der Entwicklung der im 19. Jahrhundert besonders neuen und aktuellen Gattung der Militärmalerei, über ihre Anfänge während der Napoleonischen Kriege und ihre Blüte in der Epoche der nationalstaatlichen Einigung Deutschlands, zwischen der gescheiterten Revolution von 1848 und dem etablierten Bismarck’schen Reich, worauf, bereits für die damaligen Protagonisten überraschend, um 1900 diese malerische Gattung aus der intensiven Wahrnehmung der institutionellen wie zivilgesellschaftlichen Öffentlichkeit herausfällt.

    Bereits mit diesem ersten Teil der Untersuchung bereichert die Autorin die Rekonstruktion des deutschen Kunstbetriebs des 19. Jahrhunderts um einen weitgehend übersehenen Aspekt: das vorübergehend zu einer eigenen Gattung aufgestiegene und auch in Friedenszeiten intensiv beachtete und rezipierte Kriegsbild. Die Beschränkung des ersten Teils der Studie auf die spezialisierten, in diesen Jahrzehnten bekannten Maler dieses Genres erweist sich als schlüssig, um den zeitgenössischen Erfolg der kunst- und kulturhistorisch in der Diskussion verbliebenen Gemälde anderer Maler wie Adolf Menzel und Anton von Werner neu zu beleuchten, die sich ikonografisch am Rande der eigentlichen Militärmalerei bewegen, aber von dieser Welle profitieren.

    Der zweite Teil der Arbeit bietet ein reichhaltiges Panorama von Erläuterungs- und Erklärungsansätzen der Militärmalerei als eines spezifischen Erfolgsgenres des 19. Jahrhunderts in Deutschland. Sehr reichhaltig ist die Darstellung der Entwicklung des Schlachtenbildes in dieser nationalen Malereitradition, von der Fernsicht zur Nahsicht, zur Verunsicherung des Betrachterstandpunkts und der Auflösung des Schlachtenbildes ab 1900 in der Episode. Auch die einzelnen Bildtypen und Topoi werden, ikonografiegeschichtlich nützlich, aufgrund einer breiten empirischen Forschungsarbeit herausgearbeitet, ebenso die neuen Medien oder Medienverbindungen, wie das Kriegspanorama als gleichfalls ephemeres Massenmedium des Schlachtenbildes, das Denken in Begriffen neuartiger medialer Verbreitung (das auch 1914/1915 bei Max Liebermann und Bruno Cassirer aus dieser Vorgeschichte her anzutreffen ist) und der enge Dialog zwischen Kriegsfotografie und Militärmalerei – dieses Kapitel enthält zahlreiche kaum bekannte Zeugnisse für den Dialog von Malerei und Fotografie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

    Die Militärmalerei erfüllte im Deutschland des 19. Jahrhunderts eine bedeutende gesellschaftspolitische und ideologische Funktion. Der erste Aspekt wird im abschließenden Teil, empirisch breit unterlegt, gut herausgearbeitet, von den »Strategien der Umdeutung« militärischer Niederlagen zu Geburtsstunden einer Nation, die ihre staatliche Einigung möglicherweise durch das Militär erreichen könne, über die Funktion der deutschen Militärmalerei als »nationale Identitätsstiftung« in ihrer Blütezeit um 1860, bis zu den »Paradebildern«, die 1870 den Einzug in Paris und anschließend die Pariser Aufmärsche vor dem Kaiser zeigen. Mit diesen Bildern des Friedens und der errungenen weltpolitischen Stellung war die deutsche Militärmalerei in ihrer eigenen Posthistoire angelangt. Publikum wie Politik verloren das Interesse an den Topoi der zuvor so einflussreichen Gattung der zeitgenössischen Kunst.

    Man würde sich wünschen, dass die Autorin mit ihrem empirischen Forschungshintergrund in der Ideologiekritik dieser Malerei noch weiter gegangen wäre, in kunst- und politikgeschichtlicher Hinsicht. Das war jedoch nicht der Gegenstand ihrer Arbeit. Statt dessen liefert sie im letzten Abschnitt noch zusätzlich einen präzisen Vergleich mit der gleichzeitigen Militärmalerei im Habsburger Reich, im Zarenreich und in Frankreich, mit Hinweisen auf zahlreiche Verflechtungen, die auch die Vorgeschichte der Moderne (Manet/Menzel, Manet’s Kriegserlebnis 1870 in Paris und Liebermanns nur medial vermitteltes Kriegserlebnis in Berlin 1914) neu beleuchten können.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

    PSJ Metadata
    Robert Fleck
    S. Parth, Zwischen Bildbericht und Bildpropaganda (Robert Fleck)
    CC-BY 3.0
    Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Kunstgeschichte
    19. Jh.
    4011882-4 4020517-4 4025097-0 4136410-7 4037220-0 4169937-3 4169958-0 4076374-2 4203238-6
    1800-1900
    Deutschland (4011882-4), Geschichte (4020517-4), Historienmalerei (4025097-0), Krieg Motiv (4136410-7), Malerei (4037220-0), Militär Motiv (4169937-3), Militärmalerei (4169958-0), Propaganda (4076374-2), Schlachtenbild (4203238-6)
    PDF document parth_fleck.doc.pdf — PDF document, 89 KB
    S. Parth, Zwischen Bildbericht und Bildpropaganda (Robert Fleck)
    In: Francia-Recensio 2014/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2014-4/ZG/parth_fleck
    Veröffentlicht am: 05.12.2014 13:45
    Zugriff vom: 16.10.2019 18:48
    abgelegt unter: