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    F. Laurent; L. Mattey-Maille; M. Szkilnik, Des saints et des rois (Klaus Krönert)


    Francia-Recensio 2015/1 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Françoise Laurent, Laurence Mathey-Maille, Michelle Szkilnik (dir.), Des saints et des rois. L’hagiographie au service de l’histoire, Paris (Honoré Champion) 2014, 228 p. (Colloques, congrès et conférences sur le Moyen Âge, 16), ISBN 978-2-7453-2619-5, 45,00 Euro.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Klaus Krönert, Lille

    Das hier besprochene Buch bietet den Beweis, dass im Moment vor allem interdisziplinäre Studien helfen, unsere Kenntnisse über eine lange Zeit vernachlässigte Literaturform des Mittelalters, die Hagiografie, zu vertiefen. Im vorliegenden Fall geht es um die Verbindung von geschichtswissenschaftlichen und philologischen Ansätzen, die sich einmal mehr als sehr fruchtbar erweisen 1 . Wie in der Einleitung klar wird, die von den drei Herausgeberinnen geschrieben wurde, steht die weiterhin offene Frage nach einer möglichen Definition der Hagiografie als Genus und ihrer Verbindung zur Historiografie am Anfang der hier geführten Überlegungen, welche die Ergebnisse zweier Tagungen in Clermont-Ferrand (2010) und Paris (2011) zusammenfassen. Heilige sind in der Tat oft historisch fassbare Personen, und das Geschichtsbild des Mittelalters ist ein christliches, in dem die Geschichte letztlich immer Heilsgeschichte ist. Da zudem bis zum 12. Jahrhundert »Staat« und »Kirche« untrennbar miteinander verbunden sind, steht außer Frage, dass Heiligen und Königen im Rahmen der hier präsentierten Studien ein besonderer Platz eingeräumt werden muss. Sie können Kontinuität schaffen und regelrechte »Genealogien« bilden, die in den biblischen Erzählungen ihren Anfang nehmen und sich bis in die Gegenwart der Geschichtsschreiber und Hagiografen fortführen lassen.

    Nachdem so die Grundlage für die folgenden zwölf in französischer Sprache geschriebenen Beiträge gelegt wurde, folgt ein erster Aufsatz von Martin Heinzelmann zur Bestimmung des hagiografischen »Genus« und zur Rolle von in Serie präsentierten Heiligenportraits. Letzterer Aspekt erweist sich als besonders fruchtbar: Während die bisherigen Definitionsversuche vor allem den Blick auf das in einem Text dargestellte Individuum richteten, zeigen die in Serie geschriebenen Texte, die besonders in den ersten christlichen Jahrhunderten beliebt waren, dass das eigentliche Thema einer solchen Reihe nicht der einzelne Heilige ist, sondern die Kirche als Institution, die sich dank der Vielzahl ihrer Mitglieder offenbart. Heinzelmann identifiziert so für die spätantike und frühmittelalterliche Hagiografie drei Perioden: Die erste dauerte bis zum 6. Jahrhundert und präsentiert die Kirche vor allem als »ecclesia martyrum«. Die zweite entspricht Mabillons »goldenem Zeitalter der Hagiografie«, dem 7. Jahrhundert, in dem die Klöster und mit ihnen der Kult einzelner heiliger Kirchenpatrone eine immer größere Bedeutung gewannen. Die dritte Periode beginnt mit den Karolingern, unter denen die Legendarien aufkamen, das Konzept der universellen Kirche Verbreitung fand und damit die in Serie geschriebenen Viten zu neuer Bedeutung gelangten. Weitere Charakteristika der Hagiografie dieser Zeit: die réécriture älterer Texte und die Aufsplitterung der Hagiografie in Untergattungen wie Translationsberichte und Wundersammlungen. In jedem Fall sind die Grenzen zwischen Geschichtsschreibung und Hagiografie fließend, denn der Kampf der Heiligen mit den Feinden Gottes ist eine zur Heilsgeschichte gehörende Thematik. Die Studie schließt mit einer umfangreichen Bibliografie zu Arbeiten, die dem Projekt »Les sources hagiographiques narratives composées en Gaule avant l’an mil (SHG)« nahestehen.

    Die eigentliche Aufsatzsammlung gliedert sich in zwei Abschnitte. Von ihnen ist der erste Arbeiten gewidmet, die die politische Tragweite hagiografischer Texte bzw. die hagiografische Dimension historiografischer Werke untersuchen. Im ersten Beitrag zeigt Christiane Veyrard-Cosme die hagiografischen Elemente der Langobardengeschichte des Paul Diaconus auf: der Heilige, der dem König zur Hilfe kommt, der König, der heilige Tugenden besitzt, und die persona mixta , die weltliche und geistliche Qualitäten gleichermaßen verkörpert. Das Werk sollte so zur Versöhnung von Langobarden und Franken beitragen. Olivier Bruand untersucht im folgenden Aufsatz hagiografische Texte vom 7. Jahrhundert bis in die spät- und nachkarolingische Zeit – u. a. die Schriften zu den Heiligen Columban, Trudo, Bonitus, Bonifatius, Adalhard von Corbie, Philibert, Germanus von Paris, Benedikt, Faro, Gerald, Fiacrius, Bavo und Liborius – und liefert den Nachweis, dass Hagiografen die Anwälte nicht nur ihrer Heiligen, sondern auch ihrer Kirchen und Klöster und deren weltlicher Besitzungen waren. In der dritten Studie analysiert Anne Wagner die Beziehungen zwischen heiligen Bischöfen und den ottonischen Herrschern. Es wird dabei deutlich, dass im Reich des 10. Jahrhunderts die Könige als »vicarii Christi« Züge des Klerus übernahmen und der Klerus immer mehr auf der politischen Bühne auftrat, wobei allein die militärischen Aufgaben den Bischöfen gewisse Probleme bereiteten. Daraufhin interessiert sich Marie-Céline Isaïa für den heiligen Remigius und seine »Weihe Clodwigs«, die das literarische Produkt Hinkmars von Reims ist. Dessen Remigius-Vita half später den Kapetingern, an Legitimität zu gewinnen, und Remigius selbst gewann im 12. Jahrhundert den Status eines »Patrons der geweihten Könige«, wie besonders deutlich ein Kirchenfenster der Kathedrale von Chartres aus dem frühen 13. Jahrhundert zeigt.

    Die nächste Studie dieses Abschnitts stammt von Denis Hüe und behandelt Fulbert, Bischof von Chartres († 1028), und den Marienkult. Karl der Kahle hat der dortigen Kathedrale die Sancta Camisia – d. h. die Tunika, die Maria im Angesicht des Erzengels Gabriel trug – vermacht. Diese Reliquie erlangte politische Bedeutung beim Kampf gegen die Normannen Anfang des 10. Jahrhunderts, und es ist kein Zufall, dass der Marienkult in Chartres unter Fulbert einen erheblichen Aufschwung erlebte: Unter seinem Episkopat ist erstmals das Empfängnisfest belegt. Der letzte Aufsatz des ersten Abschnitts stammt von Gérard Gros und handelt ebenfalls von der Jungfrau Maria, die laut Gautier de Coinci (12. Jh.) Konstantinopel mit ihrem Mantel verteidigt hat. Der Bericht dieser Ereignisse verbindet geschickt historische Elemente mit hagiografischen Motiven.

    Der zweite Abschnitt des Buches präsentiert fünf Studien zum Thema »Heilige und Könige als Personen«. Der erste Beitrag von Élisabeth Pinto-Mathieu untersucht die Legende des heiligen Edmund, die zunächst durch Abbo von Fleury geprägt wurde, bevor sie andere Hagiografen ausgestalteten, sodass sie als Legitimation dynastischer Ansprüche dienen konnte. Der Aufsatz von Édina Bozoky zur »Konstruktion der Heiligkeit Eduard des Bekenners und der Könige von England« zeigt, wie Eduard das Idealbild eines rex justus et bonus geprägt hat, das im 12. Jahrhundert zur Kanonisierung von nicht weniger als neun heiligen Königen führte. Die Studie von Catherine Croizy-Naquet zeigt, wie ein König, den sein Lebensweg nicht unbedingt zur Heiligkeit prädestinierte, in den ihm gewidmeten Schriften immer mehr Modellcharakter erlangt hat: Richard Löwenherz. Der folgende Beitrag von Marie-Madelaine Castellani ist der Vita gewidmet, die der Dichter Rutebeuf über Elisabeth von Thüringen geschrieben hat und die u. a. für die Erziehung Isabelles von Navarra, einer Tochter Ludwigs des Heiligen, bestimmt war. Der letzte Aufsatz von Élisabeth Gaucher-Rémond behandelt die Lebensbeschreibung Ludwigs IX., die von Joinville stammt. Sie nimmt in der mittelalterlichen Literatur eine Sonderstellung ein, denn der Autor kannte den König sehr gut, und sein Werk trägt daher hagiografische, historiografische und sogar autobiografische Züge.

    Man kann nur hoffen, dass der hier vorgestellte Band viele Leser findet und dass er zu weiteren philologisch orientierten Arbeiten zur Hagiografie anregt. Gerade mit interdisziplinären Ansätzen, wie sie hier umgesetzt wurden, lassen sich sicher noch viele neue Aspekte einer lange vernachlässigten Literaturform des Mittelalters herausarbeiten.

    1 Vgl. z. B. auch Hagiographie et prédication. Mélanges de sciences religieuses 67/3 (2010).

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    PSJ Metadata
    Klaus Krönert
    F. Laurent; L. Mattey-Maille; M. Szkilnik, Des saints et des rois (Klaus Krönert)
    CC-BY 3.0
    Frühes Mittelalter (600-1050), Hohes Mittelalter (1050-1350), Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Europa nördlich und westlich der Italienischen Halbinsel / Alte Welt
    Geschichte allgemein
    Mittelalter
    4015701-5 4020531-9 4022930-0 4159652-3
    700-1500
    Europa (4015701-5), Geschichtsschreibung (4020531-9), Hagiografie (4022930-0), Herrscherkult (4159652-3)
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    F. Laurent; L. Mattey-Maille; M. Szkilnik, Des saints et des rois (Klaus Krönert)
    In: Francia-Recensio 2015/1 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500) | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-1/MA/laurent-mattey-maille-szkilnik_kroenert
    Veröffentlicht am: 10.03.2015 15:25
    Zugriff vom: 28.09.2020 11:38
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