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    J. W. Tolan, N. de Lange, L. Foschia, C. Nemo-Pekelman, Jews in Early Christian Law (Michael Toch)

    Francia-Recensio 2015/1 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    John W. Tolan, Nicolas de Lange, Laurence Foschia, Capucine Nemo-Pekelman (ed.), Jews in Early Christian Law. Byzantium and the Latin West, 6 th –11 th Centuries, Turnhout (Brepols) 2014, 379 p. (Religion and Law in Medieval Christian and Muslim Societies, 2), ISBN 978-2-503-55052-7, EUR 70,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Michael Toch, Jerusalem

    Der vorliegende Band ist Nummer zwei in der Serie » Religion and Law in Medieval Christian and Muslim Societies (RELMIN)«. Sie wird von dem Forschungsprojekt » The Legal Status of Religious Minorities in the Euro-Mediterranean World (5 th –15 th centuries) « unter der Ägide von John Tolan an der Maison des sciences de l’homme Ange-Guépin in Nantes herausgegeben. Allem Anschein nach ist der Band aus einem Kolloqium erwachsen, wenn dies auch nicht als solches angezeigt ist.

    Offenlegung: Der Rezensent hat eine These zur Frühgeschichte der europäischen Juden entwickelt, die den Grundannahmen eines guten Teils der hier veröffentlichten Beiträge diametral widerspricht. Auf Grund einer Neuerfassung sämtlicher archäologischer und textueller Quellen kam ich zu dem Ergebnis, dass die Eckdaten der spätantiken und frühmittelalterlichen jüdischen Bevölkerung Europas als sehr bescheiden, in einigen Regionen als gar nicht existierend anzusehen sind 1 . Dagegen gehen, aufgrund der Rechtsquellen und der polemischen Literatur, beide ausschließlich christlicher Herkunft, die meisten Beiträge des vorliegenden Bandes wie auch die frühere Forschung von einer weitaus umfangreicheren jüdischen Anwesenheit aus. Meine methodische Prämisse, dass jüdische Existenz erst dann als nachgewiesen anzusehen ist, wenn dafür auch Zeugnisse jüdischer Herkunft vorliegen, wird dementsprechend von den meisten Verfassern der Beiträge nicht geteilt. Einige sprechen dies explizit aus, andere argumentieren implizit mit der Dichte der christlichen Polemik bzw. Gesetzgebung als Indiz für eine jüdische Existenz, die substantiell genug sein musste, um eine solche christliche Reaktion hervorzurufen. Die Gegenthese von dem »virtuellen Juden« als rhetorische Zielscheibe wird nur ganz teilweise bzw. gar nicht akzeptiert.

    Auch angesichts dieser methodischen Schwierigkeiten in der Interpretation des Quellenmaterials kann der vorliegende Band dennoch als wichtige Bereicherung des Forschungsfeldes angesehen werden, vor allem weil hier eine bisher stiefmütterlich behandelte Region mehrfach untersucht wird, nämlich das Byzantinische Reich. Nach einer methodischen Einleitung von Nemo-Pekelman und Laurence Foschia, die sich durchaus der Problematik der Quellen bewusst sind, ist der Band in vier Abteilungen gegliedert: »Rank and Status of Jews in Civil and Canonical Law«; »Lawyers at Work: From the Adaptation of Roman Law to the Creation of Canonical Collections and False Canons«; »Juridical Sources as Indications of Jewish Life and Institutions?«; »From the Law to Violence, from Violence to Law«. Eine Zusammenfassung der Herausgeber und ein Index schließen den Band ab.

    In der ersten Abteilung behandelt Ralph W. Mathisen »The Citizenship and Legal Status of Jews in Roman Law during Late Antiquity (ca. 300–540 CE)«; Céline Martin dasselbe Thema im iberischen Raum des Frühmittelalters; und David Freidenreich den zusammengehörigen Komplex »Jews, Pagans, and Heretics in Early Medieval Canon Law«. In allen drei Aufsätzen, wie auch in den meisten Beiträgen des restlichen Bandes, liegt der Schwerpunkt ausschließlich in der Perzeption »des« Juden und des Judentums durch die christliche Seite.

    Die zweite Abteilung geht, mit Beiträgen von Bruno Judic, Jessie Sherwood, Philippe Depreux und Capucine Nemo-Pekelman, dem gleichen Strang im Werk Gregors des Großen, in der Rechtssammlung Gerhards von Mainz, im karolingischen Recht, und in einem apokryphen Kanon vorgeblich des 9. Jahrhunderts nach. Die dritte Abteilung fragt nach der Brauchbarkeit von (christlichen) Rechtsquellen als Indikatoren für jüdisches Leben und Einrichtungen und bejaht insgesamt oder eingeschränkt deren Aussagewert. Auszunehmen von der angekreideten methodischen Einseitigkeit ist hier der Beitrag von Alexander Panayotov, der den byzantinischen Rechtsquellen die Aussage der von und für Juden verfassten Inschriften vom Balkan gegenüberstellt.

    Die Aufsätze der letzten Abteilung sind dem gewalttätigen Aspekt des christlichen Zugangs gewidmet, nämlich den im Byzantinischen Reich und bei den Westgoten praktizierten Zwangstaufen der Juden. Ein Versuch von María Jesús Fuente, über die Funktion der Frauen im Widerstand gegen den Konversionsdruck dabei auch der jüdischen Seite gerecht zu werden, kann nicht überzeugen. Angesichts des gänzlichen Fehlens von einschlägigen Quellen bleibt die Ansicht, dass »women in particular probably were the ones who helped most to keep Judaism alive in their houses« (S. 281), eine ansprechende, aber unbelegbare Hypothese. Gesondert zu erwähnen ist der letzte Beitrag des Bandes von Amnon Linder, »The Jewish Oath«. Auch hier ist Offenlegung am Platz: Der Verfasser war der erste akademische Lehrer des Rezensenten. Es ist dies eine bisher noch nicht vorliegende Tour d’Horizon, die weit ins Spätmittelalter hineinreicht, einer die Forschung seit Langem beschäftigenden Einrichtung. Das Faszinierende ist, dass sie genau an der Nahtstelle von christlichen und jüdischen Einstellungen und deren institutionellen Umsetzung liegt. In der Einrichtung eines besonderen, den Juden vor christlichen Gerichten auferlegten »Judeneides« treffen sich tagtägliches Misstrauen und eine seit der Patristik theologisch überlieferte Anschauung vom Wesen »des« Juden mit innerjüdischen Rechtstraditionen und Rechtszeremonien.

    Insgesamt besticht der Band durch die regionale und sachliche Breite der behandelten Komplexe. Daneben veranschaulicht er auch einige wesentliche methodische Probleme in der Erforschung des Zusammentreffens christlicher Mehrheitsgesellschaft und jüdischer Minderheit im Mittelalter. Über die hier beanstandete Einseitigkeit des Verständnisses der wenigen vorliegenden Quellen wird, auch und gerade mit Hilfe dieses Bandes, in der Zukunft zu diskutieren sein.

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    PSJ Metadata
    Michael Toch
    J. W. Tolan, N. de Lange, L. Foschia, C. Nemo-Pekelman, Jews in Early Christian Law (Michael Toch)
    CC-BY 3.0
    Frühes Mittelalter (600-1050)
    Europa nördlich und westlich der Italienischen Halbinsel / Alte Welt
    Jüdische Geschichte
    6. - 12. Jh.
    4015701-5 4114087-4 4073199-6
    500-1100
    Europa (4015701-5), Judentum (4114087-4), Kanonisches Recht (4073199-6)
    PDF document tolan_toch.doc.pdf — PDF document, 92 KB
    J. W. Tolan, N. de Lange, L. Foschia, C. Nemo-Pekelman, Jews in Early Christian Law (Michael Toch)
    In: Francia-Recensio 2015/1 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500) | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-1/MA/tolan_toch
    Veröffentlicht am: 11.03.2015 11:15
    Zugriff vom: 25.02.2020 04:14
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