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    B. Gotto; H. Möller; J. Mondot; N. Pelletier; Krisen und Krisenbewusstsein in Deutschland und Frankreich in den 1960er Jahren (Ulrich Lappenküper)

    Francia-Recensio 2015/1 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Bernhard Gotto, Horst Möller, Jean Mondot, Nicole Pelletier (Hg.), Krisen und Krisenbewusstsein in Deutschland und Frankreich in den 1960er Jahren, München (Oldenbourg) 2012, X–321 S. (Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Sondernummer), ISBN 978-3-486-71289-6, EUR 49,80.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Ulrich Lappenküper, Friedrichsruh/Hamburg

    Wenngleich sich die zeitgeschichtlich arbeitende Historiografie zunehmend intensiver den 1970er Jahren des 20. Jahrhunderts zuwendet, bieten auch die vorhergehenden Dezennien für die Geschichtswissenschaft noch manch interessantes Forschungsfeld. Spannende Einblicke in zentrale Agenden der 1960er Jahre liefern die nun schriftlich vorliegenden Diskussionen einer interdisziplinären Arbeitsgruppe der Universität Bordeaux III und des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin. Im Zentrum des Sammelbandes steht die Fragestellung nach der »Dialektik gesellschaftlicher Krisen und kulturellem Krisenbewusstsein« in der Bundesrepublik Deutschland und Frankreich (S. IX).

    Zum Auftakt der schlicht »Politik« (S. V) überschriebenen ersten Sektion beleuchtet Ingrid Gilcher-Holtey »Echos und Effekte« des »einzigartigen Mobilisierungsprozess[es] der 1968er Bewegungen in Frankreich und Deutschland« (S. 1) unter besonderer Berücksichtigung der »kulturellen Produktion« (S. 14). Horst Möller untersucht mit ebenfalls komparativem Zugriff die politischen Parteien und Protestbewegungen dies- und jenseits des Rheins und arbeitet dabei die Unterschiede der soziokulturellen Rahmenbedingungen heraus. Sylvie Guillaume konzentriert sich auf die Krisen des französischen »Zentristen«, die ihres Erachtens trotz eines schlechten Images durchaus bedeutenden Einfluss im bipolaren System der französischen Parteienlandschaft ausübten. Jean Garrigues wendet sich in einem »survol trop rapide« diversen »moments clés« der Arbeit der Assemblée nationale jener Jahre zu und legt dabei »un décalage évident« zwischen der »nature socio-culturelle de la révolte« und den »calculs politiciens« frei (S. 42). Anne Rohstocks Studie über die Reformmaßnahmen der französischen und westdeutschen Hochschulpolitik mündet in den bemerkenswerten Befund, dass die strukturellen und organisatorischen Neuerungen »nicht die von der Politik erwünschten Veränderungen« gebracht hätten und kaum »über eine formale Ebene« hinausgegangen seien (S. 57). Hélène Miard-Delacroix analysiert die westdeutsche Notstandsgesetzgebung zwischen politischer Rechtfertigung und öffentlicher Instrumentalisierung. Christine Bouneau erklärt die windungsreiche Haltung der französischen Sozialisten zur 68-Krise mit der Kumulation der sich damals vermischenden Problemkreise. Bernard Lachaise ruft die Konflikte in den Reihen der Gaullisten zwischen der Mehrheit und einer Minderheit in Erinnerung, die Staatspräsident de Gaulle als »un contestataire voire un révolutionnaire« beurteilten und Premierminister Pompidou eine »droitisation du mouvement gaulliste« vorwarfen (S. 95). Manfred Kittel geht den »Wirkungen der Protestbewegung von 1968 auf die Volksparteien CDU und SPD« nach (S. 97) und hebt dabei vor allem die »innerparteiliche Demokratisierung« hervor. Der »Sturm der ›68er-Bewegung‹«, so fügt er relativierend hinzu, sei jedoch auf eine Parteienlandschaft getroffen, »die schon vorher von der Flut des Wandels überspült war« (S.117).

    Zu Beginn des zweiten, die Bereiche »Wirtschaft und Gesellschaft« behandelnden Teils deutet Bernard Poloni die »Accords de Grenelle« und das »Loi de stabilité« als Elemente der ökonomischen und sozialen Krise Frankreichs der 1960er-Jahre (S. 119). Christophe Bouneau studiert die Krisen und die Bewusstseinskrise im französischen Arbeitgeberverband, » qui stigmatisa en permanence [...] le mal français du déclin et du misérabilisme, derrière les feux de la politique gaullienne d’indépendance nationale « (S. 138). Thomas Raithel beschreibt den Einzug des Planungsdenkens in der französischen bzw. bundesrepublikanischen Arbeitsmarktpolitik als »Ausprägung eines modernen Rationalisierungsprinzips« (S. 151). Christine Bouneau bewertet in einem zweiten Beitrag über die Krise der Jugendbewegungen in Frankreich am Vorabend des Jahres 1968 die Frage der Autonomie als Herzstück der Probleme. Pierre Guillaume wendet sich den »ébranlements« (S. 165) der traditionsbewussten Teile der französischen Gesellschaft am Beispiel der Bauern, Bergarbeiter und Eisenbahner zu und interpretiert sie als »éléments de la contrepartie« (S. 175) des gesellschaftlichen Modernisierungsprozesses. Elisabeth Zellmer beleuchtet grenzüberschreitende Kooperationen von Frauen und feministischer Politik.

    Den dritten Teil über die Kultur eröffnet Jean-François Sirinelli mit luziden Gedanken über die Ambivalenzen und Paradoxien im Frankreich der 1960er Jahre. Sylvie Guillaume widmet sich »à l’amont et à l’aval« der Krisen in den beiden Nachbarländern unter dem Rubrum von »Modernité et archaïsmes« (S. 193) und deckt dabei zahlreiche Elemente der Konvergenz wie der Divergenz auf: Gleichzeitigkeit des studentischen Protests, Analogien bei den »recompositions politiques« (S. 203), aber Unterschiede in der Struktur wie in der Zielrichtung. Jean Mondot porträtiert François Mauriac als »séismographe« der deutsch-französischen Beziehungen der 1960er-Jahre (S. 205), wohingegen Nicole Pelletier sich mit der Rolle von Hans Magnus Enzensberger beschäftigt. Elizabeth Guilhamon wirft einen Blick auf das »Cinéma de la transgression« in der DDR (S. 227), Claire Kaiser beleuchtet die Diskurse westdeutscher Filmemacher in der Folge des Manifestes von Oberhausen im Jahr 1962. Eva Oberloskamp erörtert die Kommunismuskritik Margarete Buber-Neumanns als Beispiel für den sich in der jungen Bundesrepublik herausbildenden Antitotalitarismus.

    Das letzte Kapitel über die internationalen Beziehungen der 1960er Jahre leitet Jean-Paul Cahn mit einem Beitrag über die »lecture allemande de la crise française« in Bezug auf den Algerienkrieg (S. 257) ein und legt »trois niveaux complémentaire« offen (S. 270): die regierungsamtliche Position, die Haltung der parlamentarischen Opposition und die öffentliche Meinung. Zum Schluss des lesenswerten Bandes steuert Georges-Henri Soutou zwei Aufsätze über die internationalen Krisen des Jahres 1968 aus französischer Sicht und über die Haltung der Pariser Regierung zum Prager Frühling bei. Überzeugend weist er nach, dass de Gaulle an seiner Grundkonzeption der Unabhängigkeit von den USA, des Dreischritts von »Entente«, »Détente« und »Coopération« gegenüber der Sowjetunion sowie des Ziel eines »nouveau ›Concert européen‹« festgehalten (S. 271), das Tempo des Wandels aber verlangsamt und die Entspannungspolitik »weniger ideologisch [...] und mehr machtpolitisch« betrieben habe (S. 289).

    Wie die Herausgeber einleitend betonen, bietet der Sammelband »keine enzyklopädische Darstellung« zum Generalthema. Er wirft aber »exemplarisch Schlaglichter auf ausgewählte Krisensymptome« und liefert über die Klärung diverser Einzelfragen hinaus einen wichtigen Beitrag zur Demokratieforschung. Von besonderem Reiz sind dabei die komparativ angelegten Studien über »den zur Chiffre der Krise gewordenen ›Mai 68‹« (S. IX).

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    PSJ Metadata
    Ulrich Lappenküper
    B. Gotto; H. Möller; J. Mondot; N. Pelletier; Krisen und Krisenbewusstsein in Deutschland und Frankreich in den 1960er Jahren (Ulrich Lappenküper)
    CC-BY 3.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein, Frankreich und Monaco
    Geschichte allgemein
    1960 - 1969
    4011882-4 4018145-5 4033203-2
    1960-1970
    Deutschland (4011882-4), Frankreich (4018145-5), Krise (4033203-2)
    PDF document gotto_lappenkueper.doc.pdf — PDF document, 281 KB
    B. Gotto; H. Möller; J. Mondot; N. Pelletier; Krisen und Krisenbewusstsein in Deutschland und Frankreich in den 1960er Jahren (Ulrich Lappenküper)
    In: Francia-Recensio 2015/1 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-1/ZG/gotto-moeller-mondot-pelletier_lappenkueper
    Veröffentlicht am: 13.03.2015 09:05
    Zugriff vom: 28.09.2020 11:03
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