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    S. Biddlecombe (ed.), The Historia Ierosolimitana of Baldric of Bourgueil (Otfried Krafft)

    Francia-Recensio 2015/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Steven Biddlecombe (ed.), The Historia Ierosolimitana of Baldric of Bourgueil, Woodbridge, Suffolk (The Boydell Press) 2014, CVIII–153 p., ISBN 978-1-84383-901-9, USD 99,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Otfried Krafft, Marburg

    Balderich bzw. Baudri von Bourgeuil († 1130) schuf zahlreiche Werke in unterschiedlichen literarischen Gattungen, darunter Gedichte, Briefe sowie hagio- und historiographische Schriften. Seine Geschichte des Ersten Kreuzzugs beruht weitgehend auf den anonymen »Gesta Francorum«, die er aus stilistischen Gründen zu einem neuen Text umarbeitete und ausschrieb. Wegen dieses Mangels an genuinen Informationen wurde Balderichs »Historia Ierosolimitana« ein »geringer Wert«1 zugeschrieben. Bisher war sie in der Ausgabe des »Recueil des historiens des croisades. Historiens occidentaux« (Bd. 4/1) von 1879 verfügbar, in der nicht nur das mittelalterliche Latein in die klassische Form zurückgeführt, sondern auch die Herstellung eines Archetyps versucht wurde.

    Biddlecombe legt die »Historia« nun nicht nur in einer kritischen Edition auf erweiterter Handschriftenbasis vor, sondern unterzieht das Werk, seine Rezeption sowie Leben und Bildung Balderichs einer neuen Untersuchung. Die Grundideen der »Historia« und einige weitere Aspekte werden in der Einleitung vertieft betrachtet, wobei die Art der Darstellung Bohemunds als des eigentlichen Helden sehr überzeugend analysiert wird (S. lv–lxx). Biddlecombe sieht dann auch den Wert der »Historia« in ihrer stilistischen Eigenständigkeit, die sich etwa bei der Beschreibung der Kreuzzugsanführer anhand antiker Vorbilder zeigt.

    Es lassen sich für sie drei Redaktionen ermitteln, deren älteste Balderich laut Biddlecombe noch 1105 als Abt von Bourgeuil erstellte, während die zweite nach 1107 während seiner Amtszeit als Erzbischof von Dol entstand. Eine noch von einer anderen Person substantiell erweiterte Fassung liegt schließlich in nur einer Handschrift vor (G: Paris, BNF ms. lat. 5513). Biddlecombe beschreibt alle Manuskripte und gruppiert sie – oft nach eher statistischen Gesichtspunkten –, ohne ein Stemma beizugeben. Dabei bietet der Inhalt der ältesten Handschrift (A: Paris, BNF ms. lat. 5134) noch über Biddlecombe hinausgehende Anhaltspunkte für ihre Entstehung, denn sie enthält wohl kaum zufällig die Vita des Leonhard von Limoges, also eines Heiligen, der Wunder für Bohemund gewirkt haben soll2.

    Der Editionstext orientiert sich an A als Leithandschrift, deren mittellateinische Orthographie strikt beibehalten wird. Interpunktionszeichen hat der Editor dabei auffallend eifrig gesetzt, aber nicht die Kapitelzählung der früheren Ausgabe übernommen. All dem sind nur textkritische Anmerkungen beigegeben, in denen – obwohl es sich eher um Erweiterungen als Varianten handelt – auch hier das Eigengut von G untergebracht ist. Parallelstellen zu den »Gesta Francorum« sind nicht hervorgehoben. Zitate aus der Vulgata und antiken Autoren sind zwar kenntlich gemacht, aber nur erschwert auf dem Umweg über eine Liste aufzufinden. Personen und Orte sind im Index aufgeführt, der aber kaum mehr als eine Auswahl bietet. Adela von Blois (erscheint S. XII, Anm. 9) fehlt beispielsweise nicht nur dort, auch die neueste Monografie über sie bleibt unerwähnt3. Die jüngste Edition der Gedichte Balderichs wird ebensowenig zitiert4. Bei der Literaturauswahl gibt es ansonsten eine klare anglophone Präferenz.

    Andere weit gravierendere Kritikpunkte liegen auf einem anderen Feld: In fremdsprachigen, vor allem in lateinischen Textpassagen treten bei Stichproben Fehler hervor (»De mirabilis«, S. lxxxi; »Die misericordia«, S. xcviii; »ornametorum«, S. 119; »Ziztierzienserstift«, S. viii, S. lxxxviii, S. 129), gerade in Anhang I (»quatum«; »Saluto te«, »Petri«, »gratia ago«, alle S. 121; »amicitiar« statt amicitiarum; »uto« statt »utor«, S. 122). Was dies für die Benutzbarkeit der Neuausgabe insgesamt bedeutet, ist kaum abzuschätzen: Obsolet wird die ältere Edition von 1879 mit Sicherheit nicht, da sie für Gegenproben, zum Verständnis der bisher üblichen Kapitelzählung und wegen ihrer Sachanmerkungen weiterhin notwendig sein wird.

    Insgesamt bleibt es Biddlecombes Verdienst, dass er nicht nur eine moderne, textgetreue Ausgabe der »Historia« Balderichs auf stark verbreiterter Handschriftenbasis vorgelegt, sondern das Interesse an diesem vielseitigen Autor neu belebt hat.

    1 André Vernet, Baldricus von Bourgeuil, in: Lexikon des Mittelalters 1 (1980), Sp. 1364.

    2 Albert Poncelet, Boémond et S. Léonard, in: Analecta Bollandiana 31 (1912), S. 24–44.

    4 Baldricus Burgulianus, Carmina, Jean-Yves Tilliette (ed.), 2 Bde., Paris 1998–2002.

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    PSJ Metadata
    Otfried Krafft
    Deutsches Historisches Institut Paris
    The Historia Ierosolimitana of Baldric of Bourgueil
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Spätes Mittelalter (1350-1500), Frühes Mittelalter (600-1050), Hohes Mittelalter (1050-1350)
    Europa nördlich und westlich der Italienischen Halbinsel / Alte Welt
    Kirchen- und Religionsgeschichte
    Mittelalter
    1000-1200
    Kreuzzug 1096-1099 (4073803-6), Baldericus Burguliensis (119023067), Historia Hierosolymitana (1060277883)
    PDF document biddlecombe_krafft.doc.pdf — PDF document, 324 KB
    S. Biddlecombe (ed.), The Historia Ierosolimitana of Baldric of Bourgueil (Otfried Krafft)
    In: Francia-Recensio 2015/2 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500) | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-2/MA/biddlecombe_krafft
    Veröffentlicht am: 16.06.2015 15:33
    Zugriff vom: 28.09.2020 11:57
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