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    G. Luca Potestà (Hg.), Autorität und Wahrheit (Sita Steckel)

    Francia-Recensio 2015/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Gian Luca Potestà (Hg.), Autorität und Wahrheit. Kirchliche Vorstellungen, Normen und Verfahren (13. bis 15. Jahrhundert), München (Oldenbourg) 2012, X–200 S. (Schriften des Historischen Kollegs. Kolloquien, 84), ISBN 978-3-486-70771-7, EUR 49,80.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Sita Steckel, Münster

    Der Band dokumentiert eine hochkarätig besetzte Tagung, die der Herausgeber im Rahmen seines Aufenthalts am Historischen Kolleg in München 2008/2009 veranstaltete. Die knappe Einleitung macht bereits deutlich, was von den Beiträgen ausgeführt wird: Die Frage nach den titelgebenden Kategorien der »Autorität« und »Wahrheit« eröffnet für die innere Entwicklung und Transformation der spätmittelalterlichen Kirche essentielle Zugänge, die aber in ganz unterschiedlichen Herangehensweisen verfolgt werden können. Die Beiträge beschäftigen sich daher mit verschiedenartigen Schnittstellen im Spannungsfeld gelehrt-theologischer und juristischer Argumentation, religiöser Autoritätskonstruktion in Bild und Text und politischer Entscheidungsfindung. Die Beiträge setzen dabei auf unterschiedlichen, vom Untertitel »Kirchliche Vorstellungen, Normen und Verfahren« nur ansatzweise umschriebenen Ebenen an.

    Mit der christlich-jüdischen Disputation von Barcelona 1263 beschäftigt sich der erste Beitrag von Deeanna Klepper (S. 1–20). Ihre Analyse stellt die unterschiedlichen Ansatzpunkte heraus, an denen Kritik der gegnerischen Meinung festmachte: Die Interpretation der Tradition des jeweiligen Gegners warf die weitergehende Frage auf, wie sich Kompetenzen des Auslegens zueinander verhielten, also bloßes (literales) Textverständnis, Kenntnis der Auslegungstraditionen und entsprechender Relevanzzuschreibung bestimmter Passagen sowie prinzipielle Berechtigung zur Auslegung. Wie dies für religiöse Polemik typisch ist, hatten beide Kontrahenten zudem sowohl das Publikum der eigenen Religionsgemeinschaft wie das des religiösen Gegenüber im Blick.

    Der Beitrag von Elsa Marmurszteijn (S. 21–44) beschäftigt sich in einer chronologisch breiteren Studie mit gelehrten Disputationen zum Thema Autorität im 13. Jahrhundert. Auf das Verhältnis von gelehrten Theologen und Papst bzw. kirchlicher Hierarchie fokussiert, bespricht sie Konzepte, an denen diese spannungsreiche Beziehung festgemacht wurde: Die Vorstellung einer Sukzession der Doktoren neben der amtlich-kirchlichen Apostelnachfolge, das Konzept der clavis scientiae, und schließlich das umstrittene Recht der Theologen, kirchliche Verfahren in Frage zu stellen. Während sie die Autonomieforderungen und den Autonomiegewinn der Gelehrten betont, diskutiert Sylvain Pirons Beitrag (S. 91–112) Einschränkungen seit dem frühen 14. Jahrhundert. Wie seine Diskussion und Kontextualisierung der Rechtfertigungsschrift des in Avignon angeklagten Jean de Roquetaillade aus der Mitte des 14. Jahrhunderts zeigt, unterstellten sich Gelehrte zunehmend der Kontrolle durch die kirchliche Hierarchie. Dies führte auch zu einer Rekonzeptualisierung gelehrter Autorität als vorläufig und bestätigungsbedürftig. Eine erneute Verschiebung in Richtung größerer Autorität eines gelehrten und religiös ausgewiesenen Individuums diskutiert Alexander Patschovskys Beitrag (S. 147–158) über das »Gewissen als Letztinstanz« und das Wahrheits- und Kirchenverständnis des Jan Hus. Er arbeitet die im Konfliktverlauf zunehmende Fokussierung des Gewissens und des individuellen Verdiensts als »Individualismus« heraus, der als veritable Gegenposition zu »Papalismus« und »Konziliarismus« erscheint.

    Pavlina Rychterovas Aufsatz (S. 113–126) verfolgt das grundlegendere Anliegen, die unterschiedlichen Dimensionen und Ebenen von Autoritäts- und Wahrheitskonzepten im volkssprachlichen katechetischen Schrifttum des spätmittelalterlichen Böhmen aufzuweisen und zu systematisieren. Wie sie zeigt, müssen jeweils sowohl die Autorität der lateinischen Vorlagen, die Autoritätskonzeptionen der Autoren oder Übersetzer der Texte sowie die Strategien der Konstitution von Autorität im Text selbst untersucht werden. Interessante Querverbindungen ergeben sich dabei zum Beitrag Isabel Iribarrens (S. 159–178) über Jean Gersons an die Zölestiner gerichtete kritische Analyse von Ubertino de Casales »Arbor vitae«. Der Theologe beschäftigt sich wesentlich mit Problematiken der Rezeption des »Arbor« durch verschiedene, sowohl universitär-gelehrte wie ungelehrte Rezipienten und dokumentiert dabei seine Besorgnis um Ambivalenzen auf den verschiedenen Ebenen von Vorlagen/Einflüssen, Autor und Text. Auch David Burrs Aufsatz (S. 79–90) über den Kommentar Angelo Clarenos zur Franziskanerregel behandelt verschiedene Ebenen. Wie er zeigt, nimmt Angelo insgesamt das komplexe Zusammenspiel textueller, religiös inspirierter und amtlicher Autorität in den Blick. Er ist bestrebt, bestimmte Intentionen des Franziskus als unantastbar darzustellen und päpstliche Eingriffe in die Regel hinwegzuerklären – ohne allerdings die kirchliche Autorität insgesamt negieren zu wollen.

    Eine Reihe weiterer Beiträge fokussiert deutlicher den Umgang mit spezifischen Textbeständen: Robert E. Lerners Aufsatz (S. 127–146) über den ausführlichen, bislang aber wenig erforschten Traktat Alfonso Pechas zum Großen Schisma schlägt den Bogen von der Autorität kirchlicher Verfahren zu deren schriftlicher gelehrter Beurteilung. Er bietet eine neue Datierung (1385/1386) und Vorschläge zur Kontextualisierung der noch weiter nachwirkenden Schrift. Felicitas Schmieders Beitrag (S. 65–78) stellt dagegen in vergleichendem Zugriff die Spannung zwischen Texttraditionen und neuem Erfahrungswissen über geografische und kulturelle Verhältnisse in Asien in den Vordergrund. Wie sie nachzeichnet, sind in Reiseberichten, Traktaten und Karten zunehmend eigenständige Strategien der Harmonisierung von alt und neu und der kritischen Innovation festzustellen. Duane Hendersons Aufsatz zur »Historisierung und historischen Kritik an kirchlichen Rechtstexten in spätmittelalterlicher Traktatlitereratur« (S. 179–198) verfolgt die Entwicklung von eher situativen, meist polemischen Kritiken an juristischen Texten zu systematischen gelehrten Analysen. Wie er zeigt, verschränkte sich diese Form des »juristischen Humanismus« mit anderen historisierenden Zugängen und hatte ihren Platz nicht zuletzt in ekklesiologischen Streitschriften.

    Interesse für einen anderen Quellentyp kennzeichnet schließlich Roberto Rusconis Untersuchung über die »verità dei segni ovvero i segni della verità« (S. 45–64): Er lenkt das Augenmerk auf die gegenseitige Bestätigung von unsichtbarer Wahrheit und sichtbaren Zeichen und analysiert neben Texten auch Bilder. Von den Stigmata des Franziskus ausgehend, diskutiert der Beitrag verschiedene Diskurse, in denen die Bedeutung göttlich verursachter Zeichen der Wahrheit sich mit denen menschlicher Zeichen der Authentifizierung verschränkte.

    Die durchweg gehaltvollen und lesenswerten Beiträge zeigen somit verschiedene Möglichkeiten der Annäherung an das Thema auf. Ihre Heterogenität trägt vor allem einer sehr komplexen historischen Dynamik Rechnung. Dass einige Quellengattungen wie Bilder nur am Rande thematisiert werden und andere Aspekte von Visualität und Materialität wenig Platz finden, zeigt nur das weitere Potential der Fragen nach Autorität und Wahrheit, für die hier wichtige Bausteine geliefert werden. Dem Band ist eine breite Leserschaft zu wünschen.

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    PSJ Metadata
    Sita Steckel
    Deutsches Historisches Institut Paris
    Autorität und Wahrheit
    Kirchliche Vorstellungen, Normen und Verfahren (13. bis 15. Jahrhundert)
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Hohes Mittelalter (1050-1350), Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Europa nördlich und westlich der Italienischen Halbinsel / Alte Welt
    Kirchen- und Religionsgeschichte, Politikgeschichte, Rechtsgeschichte
    13. Jh., 14. Jh., 15. Jh.
    1200-1500
    Macht (4036824-5), Wahrheit (4064314-1), Kirche (4030702-5)
    PDF document potesta_steckel.doc.pdf — PDF document, 330 KB
    G. Luca Potestà (Hg.), Autorität und Wahrheit (Sita Steckel)
    In: Francia-Recensio 2015/2 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500) | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-2/MA/potesta_steckel
    Veröffentlicht am: 16.06.2015 15:34
    Zugriff vom: 07.08.2020 14:24
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