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    A. Rösinger, G. Signori (Hg.), Die Figur des Augenzeugen (Martina Hacke)

    Francia-Recensio 2015/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Amelie Rösinger, Gabriela Signori (Hg.), Die Figur des Augenzeugen. Geschichte und Wahrheit im fächer- und epochenübergreifenden Vergleich, Konstanz (UVK) 2014, 180 S., ISBN 978-3-86764-515-7, EUR 27,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Martina Hacke, Düsseldorf

    »Bei den Alten«, heißt es bei Isidor von Sevilla († 636), »schrieb niemand Geschichte außer derjenige, der selbst dabei gewesen war, und die Dinge, die aufgeschrieben werden sollten, gesehen hatte« (Etymologien 1, 41). Geschichte schrieb demnach der »Augenzeuge«, dessen Geschichtsschreibung durch seine persönliche Anwesenheit während des Geschehens glaubwürdig war – eine Vorstellung, die Isidor von der Antike ins Mittelalter transportierte. Bis weit ins 18. Jahrhundert bestimmte sie das herkömmliche Bild vom »Augenzeugen«. Dass es sich jedoch darin keineswegs erschöpfte, ist eines der wichtigen Erkenntnisse, welche die von Amelie Rösinger und Gabriela Signori herausgegebenen Aufsätze über »Die Figur des Augenzeugen« lehren. Sie entstanden im Rahmen einer Konstanzer Tagung 2011, die zu einer interdisziplinären Forschungsinitiative des Zukunftskonzeptes der Universität Konstanz gehört. Ihr Erkenntnisinteresse richtet sich auf das Verhältnis von »Wahrheit und Subjektivität«. Die Initiative wird seit Mai 2013 von der Netzwerkplattform Doing Truth – Praxeologien der Wahrheit fortgeführt, in deren Rahmen 2014 ein Themenheft der »Zeitschrift für Kulturphilosophie« erschien.

    Die einzelnen Artikel des Sammelbandes »Die Figur des Augenzeugen« erstrecken sich von der Antike bis in die heutige Zeit. Eine Klammer schafft Nino Luraghi, der einen Überblick über die Einschätzung des Augenzeugen von Herodot bis zur Postmoderne skizziert. Insgesamt stammen die Untersuchungen aus verschiedenen Disziplinen: der Literaturwissenschaft, Geschichtswissenschaft, Kunstwissenschaft und Medienwissenschaft, eine befasst sich sogar mit dem Wissenschaftsmythos der Optografie, in der Augen als biologische Kamera gelten, die im Tod das letzte Bild auf der Netzhaut fixieren würden. Mehr als die Hälfte aller Aufsätze beschäftigt sich mit mittelalterlicher Literatur und Historiografie, sodass dieser Teil besondere Aufmerksamkeit verdient:

    Volker Scior zeigt in seinem Aufsatz über »Boten in der mittelalterlichen Kommunikation« am Beispiel von Boten, die Ludwig der Fromme im Jahre 815 aussandte, dass die Glaubwürdigkeit der überbrachten Nachricht in der certitudo und rei veritas gelegen habe, welche die Boten bezeugt hätten. Wichtig seien außerdem die Nähe des Boten zum Auftraggeber und das Vertrauen (fides) gewesen, das der Bote bei seinem Auftraggeber genoss.

    Gesine Mierke findet in der volksprachlichen Literatur des 13. Jahrhunderts verschiedene Facetten der Glaubwürdigkeit der Figur des Augenzeugen, etwa, dass die Wahrheit des Augenzeugen an seine soziale Position gebunden gewesen sei. Sie benennt zudem Funktionen von Augenzeugen in der poetologischen Konzeption, sei es, dass der Augenzeuge als Überbrücker von Handlungsräumen diene, sei es, dass die Erzähler fingierte Augenzeugen geschaffen hätten. Damals seien der Wahrheitsgehalt und die Augenzeugenschaft aufgeweicht und andere Strategien der Beglaubigung und Authentizität hervorgebracht worden.

    Michael Schwarze beschäftigt sich mit der Rolle des Augenzeugen in der »Vie de saint Louis« (wohl 1308), einem Gattungshybrid von Heiligenvita und Kreuzzugshistoriografie, dessen Verfasser Joinville sich als Augenzeuge ausgab und in der Ich-Rede schrieb. Hier treffe überindividuelle Wahrheit zusammen mit individuellem Erleben, das jedoch nicht als vormodernes Autorenbewusstsein zu verstehen sei. Dennoch zeige sich an Joinvilles Doppelrolle als Augenzeuge und narrativer Zentralinstanz ein wichtiger Entwicklungsschritt in der französischen Geschichtsschreibung des Mittelalters.

    Gabriela Signori stellt für das 14. Jahrhundert einen Wandel gegenüber der Isidorschen Auffassung vom Augenzeugen fest. Am Beispiel der »Chronik« des blinden (!) Gilles li Muisis zeigt sie für die französische Geschichtsschreibung, dass zu diesem Zeitpunkt das Dabei-Gewesen-Sein (interesse) nicht (mehr) als Anforderung an einen Augenzeugen ausgereicht habe. Wichtiger werde die besondere »Eignung, sich zu bestimmten Sachverhalten zu äußern« (S. 84). Die Bedeutung der Autorität als Begründung der Glaubwürdigkeit des Augenzeugen sei geschwunden und stattdessen die Nähe zur Sache, um die es ging, wichtiger geworden. Damit, so Signori, habe sich die Wahrheit schrittweise objektiviert, indem sie allmählich ihre ursprüngliche autoritätsbezogene Subjektivität abgestreift habe. Mit den veränderten Anforderungen habe sich auch das Wahrheitsverständnis verändert.

    Zusammengefasst zeigen sich also je nach Untersuchungsgegenstand der einzelnen Aufsätze, von denen hier nur Teilergebnisse einiger weniger Beiträge splitterhaft wiedergegeben werden können, heterogene Antworten auf Fragen nach den Augenzeugen. Sie richten sich auf ihre Glaubwürdigkeit, die Begründungen oder Strategien ihrer Authentifizierung und auf Veränderungen im Laufe der Zeit. Im Zentrum steht dabei die »Wahrheit« der Augenzeugen. Diesen Begriff haben die Herausgeberinnen zwar einerseits an Michel Foucaults Figur des Wahrsprechers (den »Parrhesiasten«) angelehnt, in Hinblick auf den »Augenzeugen« jedoch erheblich eingeschränkt zugunsten einer praktikableren definitorischen Skizzierung, die sich auf das körperliche Dabeigewesensein und das sinnliche Wahrnehmen des Augenzeugen begrenzt (S. 8).

    Nicht ohne Mut ist der Umgang mit diesen Ideen und Begriffen, aber es gelingt den Herausgeberinnen tatsächlich, soweit es hier für die Mediävistik (und nur für diese) gesagt werden kann, durch ihre Verwendung eine Debatte anzustoßen, welche die verkrustete Oberfläche unserer Vorstellung von der Figur des Augenzeugen aufbricht. Damit sind sie im deutschsprachigen Raum – in der französisch- und englischsprachigen Forschung finden sich zur Zeit anscheinend keine vergleichbaren Ansätze – zwar die ersten mit dieser mit dem Begriff der »Wahrheit« verknüpften Zielsetzung, aber nicht die ersten überhaupt, die das traditionelle Konzept vom »Augenzeugen« tiefgreifend untersuchen. Bereits der Aufsatz von Sabine Schmolinsky über »Historische Evidenz und Augenzeugenschaft« mit einer Diskussion auf der Grundlage der kognitionswissenschaftlichen Gedächtnisforschung (erschienen in: Wolfram Drews, Heike Schlie [Hg.], Zeugnis und Zeugenschaft. Perspektiven aus der Vormoderne, München u. a. 2011, 301310) durchdrang die oft nur beiläufig hinterfragte Hülle der Figur des »Augenzeugen«.

    Es ist kennzeichnend, dass der entscheidende Frageansatz für den hier betrachteten kulturwissenschaftlich angelegten Sammelband aus der wissensgeschichtlich ausgerichteten Philosophie stammt und nicht aus der Mediävistik selbst. Im Grunde ist es verwunderlich, dass die Mediävisten bislang nicht von sich aus den Augenzeugen in seinen tieferen Strukturen – seine Glaubwürdigkeit, die Mittel und Strategien seiner Glaubwürdigkeit, sein Verhältnis zur Wirklichkeit und viele andere Aspekte – untersucht haben, wo doch diese Figur für sie nicht nur bloß ein Thema der »inneren Quellenkritik« ist, sondern vielmehr von erkenntnistheoretischer Dimension! Es bleibt also zu hoffen, dass die Forschungen auf diesem Feld weitergeführt werden, damit sowohl einzelne Aspekte des »Augenzeugen« als auch epochenübergreifende Zusammenhänge deutlicher werden.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

    PSJ Metadata
    Martina Hacke
    Deutsches Historisches Institut Paris
    Die Figur des Augenzeugen
    Geschichte und Wahrheit im fächer- und epochenübergreifenden Vergleich
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Spätes Mittelalter (1350-1500), Frühes Mittelalter (600-1050), Hohes Mittelalter (1050-1350)
    Theorie und Methode der Geschichtswissenschaften
    Mittelalter
    Augenzeuge (4254623-0), Geschichtsschreibung (4020531-9)
    PDF document roesinger_hacke.doc.pdf — PDF document, 336 KB
    A. Rösinger, G. Signori (Hg.), Die Figur des Augenzeugen (Martina Hacke)
    In: Francia-Recensio 2015/2 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500) | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-2/MA/roesinger_hacke
    Veröffentlicht am: 16.06.2015 15:34
    Zugriff vom: 22.05.2019 17:51
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