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C. von Oertzen, Strategie Verständigung (Anne Kwaschik)

Francia-Recensio 2015/2 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Christine von Oertzen, Strategie Verständigung. Zur transnationalen Vernetzung von Akademikerinnen 1917–1955, Göttingen (Wallstein) 2012, 528 S., ISBN 978-3-8353-0921-0, EUR 39,90.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Anne Kwaschik, Berlin

Strategie Vernetzung – so könnte der Titel der 2012 in deutscher und 2014 in englischer Sprache erschienen Habilitationsschrift von Christine von Oertzen zur Geschichte der International Federation of University Women vielleicht präziser heißen. Denn mit der Gründung der IFUW im Juli 1920 hatte die erste Generation von Frauen, die in den USA und Großbritannien einen akademischen Abschluss und eine Position an einer Universität erhielten, eine Organisation konzipiert, die sich eben diese internationale Vernetzung und Förderung von Akademikerinnen zum Ziel setzte. Die IFUW war Teil des wissenschaftlichen Internationalismus und seiner Vernetzungs- und Organisationswelle der 1920er Jahre. Das Buch zeichnet diese Geschichte der IFUW in einem ersten Teil nach, setzt dann aber den Fokus auf den Deutschen Akademikerinnenbund und dessen Rolle in der IFUW zwischen 1918 und 1955. Mit dieser Doppeldimension gelingt der Verfasserin aufgrund ihrer akribischen Quellensuche und -lektüre sowie ihrer souveränen Interpretations- und Präsentationsleistung eine wichtige Neubewertung: Sie kann eine Wechselwirkung von internationaler und nationaler Ebene nachweisen. Im Anschluss an Karen Offen und Carol Miller widerlegt sie die These von Richard Evans und Brian Harrison aus den 1980er Jahren, welche die internationale Vernetzung und Politik im Bereich der Frauenbewegung als losgelöst von der nationalen Ebene beschrieben hatten1.

Der Erfolg der Arbeit zur Bildung eines weiblichen akademischen Elitenetzwerks, der gleichzeitig ein Beitrag zur Völkerverständigung sein sollte, dokumentiert sich in den Zahlen: 30 nationale Akademikerinnenverbände gehörten der IFUW bereits 1930 an. Diese hatten insgesamt über 24 000 Mitglieder. Die Ausrichtung der Treffen sollte die Anliegen des Verbands in den einzelnen Nationen sichtbar machen. So tagte die IFUW zwischen 1920 und 1939 19 Mal. Es fanden acht Mitgliederversammlungen statt: in Großbritannien (London 1920, Edinburgh 1932), Frankreich (Paris 1922), Norwegen (Oslo 1924), Holland (Amsterdam 1926), Spanien (Madrid 1928), Polen (Krakau 1926) und Schweden (Stockholm 1939). Seit 1928 wurden Stipendien aus eigenem Stiftungskapital (aufgrund der Spenden von Amerikanerinnen und Britinnen) möglich. Bis 1941 wurden 35 internationale Jahresstipendien vergeben, darüber hinaus zahlreiche Kurzzeitförderungen und Preise. Nach 1938 wurde ein Großteil dieser Gelder zur humanitären Hilfe verwendet. Ab 1941 konzentrierte sich die finanzielle und moralische Unterstützung auf die in Deutschland verbliebenen Kolleginnen. Allerdings ergab das Engagement des Hilfenetzwerkes – so die Verfasserin kritisch – für die insgesamt wohl rund 640 Frauen letztlich »keine Erfolgsbilanz« (S. 323).

Die Verfasserin stellt die Entstehungs- und Konstituierungsphase der IFUW zwischen 1917 und 1925 dar und analysiert die Arbeit der IFUW-Gremien bis 1933. Genau schildert sie als einen »Ursprung der systematischen transnationalen akademischen Vernetzung« die mit dem Verlauf des Ersten Weltkriegs einhergehende »Verfemung alles Deutschen« in den Vereinigten Staaten (S. 36f.), welche dazu geführt habe, dass die US-Bildungselite, in der bereits Frauennetzwerke existierten, nach alternativen Studienländern für den akademischen Nachwuchs gesucht habe (S. 64). In der Evaluierung der Aktivitäten des IFUW kommt die Verfasserin gleichwohl zu dem Schluss, dass das gesamte Engagement der IFUW von einem »unparteiische[n] Internationalismus« geprägt gewesen sei (S. 107).

Im Zentrum der Analyse und der folgenden Kapitel stehen die deutschen Akademikerinnen sowie der Deutsche Akademikerinnenbund (DAB) als Mitgliedsorganisation der IFUW. »Aus welchem Interesse und mit welchem Gewinn« engagierten sich deutsche Akademikerinnen und »welchen Einfluss« hatte die IFUW zwischen 1918 und 1955 auf die weibliche Bildungselite von Weimarer Republik, Drittem Reich und früher Bundesrepublik (S. 12)? Zur Entwicklung der Beziehungen zwischen den Akademikerinnen der Weimarer Republik und der IFUW konstatiert die Verfasserin, dass eine Annäherung bis 1923 vor allem an – auch danach fortbestehenden – divergierenden Meinungen in der Kriegsschuldfrage gescheitert sei, die Gründung des sogleich in die IFUW eingegliederten DAB im Jahr 1926 aber bereits mit Unterstützung der internationalen Organisation erfolgte. Dieser späte Zusammenschluss der deutschen weiblichen Bildungselite wird als »offensive Antwort« auf die »Krisensituation« interpretiert, in der vermehrt prominente Stimmen das Recht von Frauen auf höhere Bildung in Frage stellten (S. 161).

In der Rekonstruierung der Gleichschaltung des DAB im Nationalsozialismus korrigiert von Oertzen Hypothesen über die Frauenorganisationen im Dritten Reich. Sie weist u. a. nach, dass sich der DAB den neuen Gegebenheiten anpasste und bereits im Frühling 1933 allen jüdischen Mitgliedern die Verbandszugehörigkeit aberkannte. Im Oktober 1934 wurde die Organisation in das Deutsche Frauenwerk integriert und in Reichsbund Deutscher Akademikerinnen (RDA) umbenannt, der mit seinem Austritt aus der IFUW im Januar 1936 lediglich seinem bevorstehenden Ausschluss zuvorkam. Zwar sei der RDA, so die Verfasserin, im Mai desselben Jahres aufgelöst worden, doch wurden entgegen der NS-Propaganda mithilfe offizieller Organe schnell neue Strukturen zur Vernetzung von Akademikerinnen geschaffen, unter denen in diesen Jahren eine »Aufbruchsstimmung« geherrscht habe (S. 220).

In der Rekonstruktion der Hilfsangebote skizziert die Verfasserin ein gleichermaßen faszinierendes wie bedrückendes biografisches Profil dieser ersten Wissenschaftlerinnengeneration, die ab 1933 hilfesuchend mit der IFUW in Kontakt trat. Sie belegt, dass das Fehlen beruflicher Perspektiven zumeist den Ausschlag für die Entscheidung zur Flucht gegeben hat und dass die übliche »soziale Deklassierung als Hausangestellte« im Zielland für die meisten Emigrantinnen nur eine Übergangsphase gewesen sei. Viele Akademikerinnen hätten zurück in eine wissenschaftliche Tätigkeit gefunden, was von einer »entschiedene[n] und krisenerprobte[n] Berufsidentität« zeuge (S. 331f.).

Nach dem Zweiten Weltkrieg – so erläutert die Verfasserin für die Zeit von 1945 bis 1955 – verschob sich die Tätigkeit der IFUW von der Graduiertenförderung zu Menschenrechten und Mädchenbildung (S. 333). In Westdeutschland hatte sich der DAB im Juni 1949 wiedergegründet und war rund zwei Jahre später wieder Teil der IFUW geworden, trotz einiger Bedenken wegen seiner nationalsozialistischen Vergangenheit. Der Umgang des DAB mit ebendieser, so konstatiert von Oertzen abschließend, ist bis heute vom »Mythos der Selbstauflösung« im Jahr 1933 geprägt (S. 384).

Am Ende dieser beeindruckend analysierten wechselvollen Geschichte des IFUW drängt sich die Forderung nach weiteren Studien auf: zu den Mitgliedsorganisationen, nationalen Konstellationen, einzelnen Akademikerinnen, ihren Netzwerken und Freundschaften, Diskussionen im Umkreis der Mitgliederversammlungen. Dass dafür in wissenschaftsgeschichtlicher Hinsicht mit der Verbindung von transnationaler Netzwerkgeschichte und Kultur- und Geschlechtergeschichte ein Grundstein gelegt ist, auf dem sich darüber hinaus mit Hilfe einer Datenbank aufbauen lässt, ist der Arbeit der Berliner Historikerin zu verdanken.

1 Karen Offen, European Feminisms, 1700–1950. A Political History, Stanford 2000; Carol Miller, Geneva – The Key to Equality: Inter-War Feminists and the League of Nations, in: Women’s History Review 3/2 (1994), S. 219–245; Brian Harrison, Prudent Revolutionaries. Portraits of British Feminists Between the Wars, Oxford 1987; Richard J. Evans, Comrades and Sisters. Feminism, Socialism and Pacifism in Europe, 1870–1914, Brighton, New York 1987.

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PSJ Metadata
Anne Kwaschik
Deutsches Historisches Institut Paris
Strategie Verständigung
Zur transnationalen Vernetzung von Akademikerinnen 1917–1955
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Zeitgeschichte (1918-1945), Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
Sozial- und Kulturgeschichte, Bildungs-, Wissenschafts-, Schul- und Universitätsgeschichte
20. Jh.
1917-1955
Akademikerin (4000883-6), Soziales Netzwerk (4055762-5), Kulturkontakt (4033569-0), International Federation of University Women (127292-5)
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C. von Oertzen, Strategie Verständigung (Anne Kwaschik)
In: Francia-Recensio 2015/2 | 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-2/ZG/oertzen_kwaschik
Veröffentlicht am: 19.06.2015 13:16
Zugriff vom: 27.01.2020 01:07
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