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    J. Barbier, Archives oubliées du haut Moyen Âge (Andrea Stieldorf)

    Francia-Recensio 2015/3 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Josiane Barbier, Archives oubliées du haut Moyen Âge. Les gesta municipalia en Gaule franque (VIe–IXe siècle), Paris (Honoré Champion) 2014, 542 p. (Histoire et archives, 12), ISBN 978-2-7453-2674-4, EUR 100,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Andrea Stieldorf, Bamberg

    Josiane Barbier rollt in ihrer Studie die Frage der gesta municipalia vor dem Hintergrund der komplexen Wandlungsprozesse im merowingischen und karolingischen Frankenreich neu auf. Sie greift damit einen Trend auf, die Funktionen von pragmatischer Schriftlichkeit erneut zu untersuchen, wie ihn auch neuere Studien zu Formularen etc. und eben auch den gesta municipalia, die jüngst Warren Brown (»On the ›gesta municipalia‹ and the Public Validation of Documents in Frankish Europe«, in: Speculum 87 [2012], S. 345‒375«) in den Blick genommen hat, belegen. Ist grundsätzlich das Fortleben der gesta municipalia im fränkischen Gallien auch über die Schwelle des 6. und 7. Jahrhunderts in der Forschung nicht umstritten, so gibt es doch erheblichen Diskussionsbedarf hinsichtlich der Wandlungen, die dabei zu beobachten sind, also wie eng die Quellenbelege tatsächlich eine Anlehnung an die spätantike Praxis spiegeln, oder ob es sich bei den überlieferten Fällen und deren Terminologie nicht doch eher um bloße Hüllen handelt. Barbier verbindet dies freilich sehr viel stärker als andere mit der Frage, wer die Träger dieser spezifischen Form der Sicherung von Rechtsgeschäften im merowingischen und karolingischen Frankenreich waren.

    Gegliedert ist die Studie in drei große Teile, deren erster sich an einigen Quellenbeispielen mit der Entwicklung der Forschung und den sich jeweils stellenden Problemen beschäftigt und dabei schon wesentliche Grundzüge der Entwicklung skizziert, die in Spezialstudien, die die folgenden Kapitel bildend, vertieft werden (S. 49–172). Der zweite Teil führt die Hinweise auf die gesta municipalia in erhaltenen Privaturkunden sowie den formulae mit den relevanten Quellenzitaten an und bietet chronologische Übersichten zu den formulae, den ihnen zugrunde liegenden Urkunden vom 6. bis 9. Jahrhundert; nicht berücksichtigt wurde dabei die chronologische Streuung der Überlieferung bis ins 12. Jahrhundert (S. 173–254). Der Schwerpunkt des Bandes liegt auf dem dritten Teil, der sich in vier Spezialstudien (zum Testament des Sohnes der Idda, dem Testament der Ermenthrudis – das Barbier nun in die Zeit 575/584 datiert, der Schenkung des Leodebodus und dem Testament des Widerad) mit einer Auswahl der erhaltenen Dossiers genauer befasst und fast die Hälfte des Bandes einnimmt (S. 255–473).

    Positiv hervorzuheben ist trotz kleinerer Inkonsequenzen die insgesamt gelungene Leserführung dieser Arbeit, die in der Entwicklung ihrer Argumente immer eng an den insgesamt 40 näher untersuchten Quellen bleibt. So bleiben die Gedankengänge der Autorin auch da nachvollziehbar, wo sie versucht, positive Ansätze und Irrwege der bisherigen Forschung aufzuzeigen, und schließlich ihre eigenen Überlegungen entwickelt. Bedauerlich ist, dass die Ergebnisse dieser sehr detailreichen, akribischen Studie über die Zusammenfassungen zu den einzelnen Kapiteln hinaus nicht resümierend zusammengetragen und analysiert werden.

    Barbier kehrt wieder zur von Émile Chénon entwickelten Chronologie hinsichtlich der gesta municipalia zurück und sieht darin ein Rechtssicherungsverfahren, das trotz der geringen Zahl der erhaltenen Belege weit verbreitet gewesen sei, aber aufgrund der Tatsache, dass die defensores und curiales anders als die Bischöfe und Grafen nicht im Fokus der Historiografie gestanden hätten, unterschätzt worden sei. Mit regionalen und zeitlichen Differenzierungen sei es in allen Verwaltungsmittelpunkten Galliens vertreten gewesen. Durchaus im Einklang mit Arbeiten wie denen von Alice Rio (»Law, Custom and Justice in Late Antiquity and the Early Middle Ages«, 2011) oder auch Warren Brown betont sie, dass feststellbare Änderungen am Procedere nicht einem institutionellen Verfall geschuldet seien, sondern vielmehr als Ausdruck von Transformationsprozessen zu sehen seien, die aufgrund veränderter Bedürfnisse etwa zu einer größeren Bedeutung der öffentlichen Anerkennung gegenüber dem Eintrag in ein öffentliches Buch geführt hätten. Obwohl Barbier durchaus immer wieder auf die Überlieferungssituation der einzelnen Dossiers bzw. Formulare Bezug nimmt, wird diese Frage nicht systematisch aufgearbeitet, was bei einer Spanne vom 6. bis ins 12. Jahrhundert von Interesse gewesen wäre.

    Was diese Studie besonders auszeichnet, ist freilich, dass Barbier die einzelnen Hinweise auf die gesta municipalia nicht nur konsequent vor dem konkreten politischen Hintergrund verortet, sondern auch die beteiligten Personen systematisch untersucht und so belegen kann, dass es vor allem Mitglieder der geistlichen und weltlichen Führungsschicht waren, die dieses Rechtssicherungsverfahren nutzten und trugen. Insgesamt handelt es sich um eine detailreiche Studie, die zu weiteren Auseinandersetzungen mit dem Thema einlädt.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

    PSJ Metadata
    Andrea Stieldorf
    Deutsches Historisches Institut Paris
    Archives oubliées du haut Moyen Âge
    Les gesta municipalia en Gaule franque (VIe–IXe siècle)
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühes Mittelalter (600-1050)
    Frankreich und Monaco
    Bibliotheksgeschichte, Archivgeschichte, Geschichte der Dokumentation, Historische Hilfswissenschaften
    6. - 12. Jh.
    500-900
    Frankreich (4018145-5), Privaturkunde (4175756-7)
    PDF document barbier_stieldorf.doc.pdf — PDF document, 328 KB
    J. Barbier, Archives oubliées du haut Moyen Âge (Andrea Stieldorf)
    In: Francia-Recensio 2015/3 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500) | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-3/ma/barbier_stieldorf
    Veröffentlicht am: 11.09.2015 16:43
    Zugriff vom: 30.11.2020 02:49
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