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    K. O. Frieling, Sehen und gesehen werden (Ursula Gießmann)

    Francia-Recensio 2015/3 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Kirsten O. Frieling, Sehen und gesehen werden. Kleidung an Fürstenhöfen an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit (ca. 1450–1530), Ostfildern (Jan Thorbecke Verlag) 2013, 345 S., 50 Abb. (Mittelalter-Forschungen, 41), ISBN 978-3-7995-4360-6, EUR 55,00.


    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Ursula Gießmann, Köln


    Lange haben Historiker und Kunsthistoriker, sofern überhaupt ein Interesse für Kleidung oder Stoffe der Vormoderne bestand, weitgehend getrennt von Textilrestauratoren und Kostümkundlern geforscht. Zwischen Theorie und Praxis bzw. Text- und Bildquelle und überliefertem Artefakt bestand eine Kluft, die auch durch Kommunikationsversuche auf Tagungen und gemeinsamen Publikationen sichtbar blieb. Seit einigen Jahren ist eine zunehmende Bereitschaft erkennbar, gegenseitig das Gespräch zu suchen1.Doch dafür sind Übersetzerinnen und Übersetzer der einen in die andere Fachsprache notwendig; Experten und Expertinnen, die nicht nur den eigenen, fachspezifischen Forschungsstand aufarbeiten und neue Quellen erschließen, sondern darüber hinaus auch die Ergebnisse und Forschungsfragen der angrenzenden Fächer aufgreifen, zusammenfassen und in die eigene Arbeit einfließen lassen.

    Eine solche Übersetzung hat Kirsten O. Frieling in ihrer 2013 erschienenen Dissertationsschrift mit dem Titel »Sehen und gesehen werden« unternommen, die sich der fürstlichen Kleidung am Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit widmet. Dabei konzentriert sie sich im Wesentlichen auf die Höfe von drei ausgewählten Reichsfürsten – Brandenburg, Sachsen und Württemberg – in den Jahren zwischen 1450 und 1530. Sie stützt sich einerseits auf Archivmaterial und edierte Quellen, zieht aber auch Bilder als Quellen heran. Während man sich eine ausführlichere Zitierung des Archivmaterials in Anmerkungen bzw. Teileditionen gewünscht hätte, entfalten die zumeist farbigen und qualitativ hochwertigen 41 Abbildungen eine hohe argumentative Überzeugungskraft. Darüber hinaus nimmt Frieling auf Basis der Pionierarbeiten von Françoise Piponnier zur Kleidung am Hof der Anjou im 14. und 15. Jahrhundert und von Agnès Page zur derjenigen des savoyischen Herzogshauses im 15. Jahrhundert2 eine Einordnung der reichsfürstlichen Befunde in die Forschungen zur europäischen Hofkultur vor.

    Die Arbeit gliedert sich in zwei Teile: Nach einer knappen Einleitung, in der Frieling methodenbewusst die Probleme einer historischen Arbeit zu Kleidung ohne erhaltene Artefakte benennt, widmet sie sich im ersten Hauptteil zunächst den Stoffen und Gewändern selbst, bevor sie im zweiten Teil den Versuch unternimmt, die von ihr selbst »herauspräparierten vestimentären Praktiken« (S. 13) – kurz »Dresscodes« – zu entschlüsseln (vgl. Titel des 3. Kapitels). Ein detailliertes Personen- und Sachregister erschließt insbesondere den enzyklopädisch angelegten ersten Teil und ermöglicht damit auch eine punktuelle Nutzung dieser Arbeit.

    Im ersten Hauptteil wird unter der von Harry Kühnel inspirierten Überschrift »Terminologie und Typologie« gut informiert dargelegt, was insbesondere die kostümhistorische Forschung bislang zu Stoffen, Farben und Verzierungen wie etwa Stickereien, Schnüren und Borten herausgefunden hat. Der bisweilen ausführlich wiedergegebene Forschungsstand wird dann teilweise mit eigenen Quellenfunden kontrastiert und gegebenenfalls präzisiert, wie etwa zur Verbreitung des Granatapfelmusters unter den Fürsten im Reich (S. 60f.). Sodann widmet sich die Autorin auf breiterer Quellenbasis als zuvor der Anfertigung von Kleidung und geht insbesondere auf höfische Besonderheiten der Materialbeschaffung und Anprobe ein, aber auch auf die handarbeitende Fürstin und die von ihr angefertigten Kleidungsstücke. Hierbei wird deutlich, dass es an den von Frieling untersuchten Höfen ebenfalls üblich war, gebrauchte Kleidung in unterschiedlicher Weise zu recyceln, wie dies bereits für die städtische Gesellschaft herausgearbeitet wurde3.

    Abgeschlossen wird der erste Hauptteil von einer Darlegung der verschiedenen Kleidungstypen, aus denen sich eine fürstliche Garderobe an der Schwelle vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit zusammensetzte. Hier geht Frieling insbesondere auf den anlassgebundenen Gebrauch der Kleidung ein und eröffnet damit eine vestimentäre Perspektive auf das vielgestaltige Hofleben. Während über Turnier- und Jagdkleidung bereits zusammenfassende Studien vorliegen, verschafft der Blick auf intimere Bereiche der fürstlichen Garderobe, wie die Badebekleidung, neue Einblicke in bislang kaum geöffnete »fürstliche Gewandtruhen« (vgl. Titel des Kapitels 2.3).

    Im zweiten Hauptteil wird der kommunikativen Dimension der Kleidungspraktiken als sozialer Praxis nachgegangen, wobei Aspekte wie Distinktion und Gruppenidentität die Interessenschwerpunkte bilden. Hierbei untersucht Frieling »Dresscodes«, worunter sie von einer Gemeinschaft implizit getroffene, interaktiv ausgehandelte und durch Handlung aktualisierte Vereinbarungen über die Auswahl und die Beschaffenheit von Kleidung (S. 162) versteht.

    Um aufzuzeigen, dass sozialer Status auch unter Reichsfürsten über Kleidung ausgehandelt wurde, führt Frieling den chronikalisch detailliert überlieferten Kleidungsgebrauch auf den hinlänglich bekannten festlich ausgestalteten politischen Großereignissen des späten 15. Jahrhunderts wie Landshuter Hochzeit (1475), Trierer Fürstentreffen (1473) und Wormser Reichstag (1495) als Beispiele an; die wenig überraschende Erkenntnis, dass auch innerhalb der Reichsfürsten Rang und Status vestimentär codiert und konstituiert wurden, wird dabei freilich nicht durch weiteres Material zu den eigentlich im Fokus stehenden Fürstenhäusern Brandenburg, Sachsen und Württemberg ergänzt. Dies ändert sich dann beim Blick auf die Kleidung der Kinder am Hof. Frieling zeigt auf breiter, teilweise unedierter Quellenbasis, dass an vielen europäischen Höfen ein einheitliches Erscheinungsbild unter fürstlichen Geschwisterkindern gewünscht war und damit die Fürstenfamilien insgesamt als einheitliches Gesamtgefüge auftraten (S. 221).

    Anschließend widmet sich Frieling der Kleidung bei Hofe, also Hofgewändern und Livreen, die der Fürst seinem Hofpersonal zur Verfügung stellte. Auch hier wird das vestimentäre Potenzial herausgestellt, durch Kleidung einerseits eine soziale Binnendifferenzierung zu erreichen und andererseits eine soziale Gruppenidentität zu konstituieren. Durch den Blick auf die Hofkleidung wird das soziale Phänomen »Hof« auf innovative Weise ausgeleuchtet und die Vielfalt eines materiell anpassungsfähigen »Herrschaftsinstruments« (S. 285) herausgearbeitet. Dieser Abschnitt zum Hofgewand stellt den fruchtbarsten und ertragreichsten Teil der insgesamt gelungenen Arbeit dar.

    Kirsten O. Frieling hat in ihrer Monografie zur Kleidung an Fürstenhöfen im spätmittelalterlichen Reich einerseits weitverzweigte Forschungen zur höfischen Kleidung zusammengetragen und durch eigene Quellenfunde ergänzt und präzisiert. Andererseits hat sie wichtige Ergebnisse zum Hofgewand als einem wirkungsvollen Herrschaftsmittel erzielt, denen zu wünschen ist, dass sie nicht nur von Kostümkundlern, sondern auch von Forschern etwa zur politischen Geschichte des spätmittelalterlichen Reichs rezipiert werden.

    1 Vgl. etwa Rainer C. Schwinges, Regula Schorta (Hg.), Fashion and Clothing in Late Medieval Europe. Mode und Kleidung im Europa des späten Mittelalters, unter Mitwirkung von Klaus Oschema, Riggisberg, Basel 2010.

    2 Françoise Piponnier, Costume et vie sociale. La cour d’Anjou, XIVeXVe siècle, Paris, La Haye 1970; Agnès Page, Vêtir le prince. Tissus et couleurs à la Cour de Savoie (1427‒1447), Lausanne 1993.

    3 Vgl. Katharina Simon-Muscheid, Die Dinge im Schnittpunkt sozialer Beziehungsnetze. Reden und Objekte im Alltag (Oberrhein, 14.–16. Jahrhundert), Göttingen 2004 (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, 193).

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    PSJ Metadata
    Ursula Gießmann
    Deutsches Historisches Institut Paris
    Sehen und gesehen werden
    Kleidung an Fürstenhöfen an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit (ca. 1450–1530)
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Europa nördlich und westlich der Italienischen Halbinsel / Alte Welt
    Sozial- und Kulturgeschichte
    15. Jh., 16. Jh.
    1450-1530
    Hof (4025453-7), Kleidung (4031011-5), Soziale Stellung (4181935-4)
    PDF document frieling_giessmann.doc.pdf — PDF document, 278 KB
    K. O. Frieling, Sehen und gesehen werden (Ursula Gießmann)
    In: Francia-Recensio 2015/3 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500) | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-3/ma/frieling_griessmann
    Veröffentlicht am: 11.09.2015 16:45
    Zugriff vom: 27.01.2020 00:44
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