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C. Veyrard-Cosme, Tacitus nuntius (Ernst Tremp)

Francia-Recensio 2015/3 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Christiane Veyrard-Cosme, Tacitus nuntius. Recherches sur l’écriture des »Lettres« d’Alcuin (730?–804), Turnhout (Brepols) 2014, 320 p., 1 ill. en coul. (Collection des Études augustiniennes. Série Moyen Âge et Temps modernes, 50), ISBN 978-2-85121-265-8, EUR 45,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Ernst Tremp, St. Gallen/Freiburg i. Ü.

Die Auflösung des Titelzitats »tacitus nuntius« (»schweigender Bote«) findet der aufmerksame Leser auf S. 104: eine Definition des Briefes, wie sie nach antikem Vorbild Alkuin von York in seiner Schulschrift »Disputatio Pippini cum Albino« zuhanden seines Zöglings, des Karlssohns Pippin, verwendet hat. Der Brief wird nach Ambrosius auch als »sermo in absentia« (»Predigt in Abwesenheit«) bezeichnet (S. 18). Damit sind seine Haupteigenschaften als hybrides Kommunikationsgefäß umschrieben, wie sie treffend für Alkuins eigene Briefe gelten. Die Studie untersucht das mit gegen 300 Briefen an 141 Empfänger umfangreiche und breitgefächerte Briefkorpus des angelsächsischen Gelehrten. Seine Überlieferung setzt erst mit Alkuins Tätigkeit im Frankenreich ab 783 ein, der Hauptteil stammt aus seinen letzten Lebensjahren als Abt von Tours (796–804), als er, fern vom Hof, mit Karl dem Großen und seiner Familie, mit Äbten, Mönchen und Bischöfen korrespondierte.

Die Autorin ist eine ausgewiesene Kennerin Alkuins. Sie kann zahlreiche einschlägige Aufsätze vorweisen, legte 2003 eine Neuausgabe seiner hagiografischen Prosawerke mit französischer Übersetzung vor und bereitet für die »Sources chrétiennes« eine Neuausgabe der Briefe vor. Die hier zu besprechende Studie stellt die aus der Editionsarbeit gewonnenen Ergebnisse zusammen. Dass die »Sources chrétiennes« zweisprachig sind, kommt auch dieser Arbeit zugute: Zahlreiche Quellen-Auszüge, auch aus Gedichten und anderen Werken, werden in extenso zitiert samt französischer Übersetzung; streckenweise mutet das Buch fast wie ein Alkuin-Lesebuch an. In der gehaltvollen Einleitung wird das Untersuchungsfeld abgesteckt, von der Entstehung der Briefe über die Rezeption bis zur Überlieferung.

Der erste von vier Teilen liefert eine kenntnisreiche Skizze von Alkuins Biografie. Vom Bildungsuniversum an der Kathedralschule von York kündet Alkuins hochinteressantes Gedicht mit dem Katalog seiner Autoren-Lektüren. Es wird einem entsprechenden Gedicht Theodulfs von Orléans gegenübergestellt, ohne dass allerdings, wie man erwarten würde, ein inhaltlicher Vergleich gezogen wird (S. 27–31). Der Eindruck verstärkt sich im Laufe der Lektüre, dass den aneinandergereihten Quellenauszügen oft nur eine summarische Interpretation folgt. Nach der weltbewegenden Begegnung Alkuins mit König Karl 781 in Parma folgt als zweite Lebensphase das Wirken am Hof. Der anglofone Alkuin taucht in die romanisch und germanisch sprechende Welt ein und wird zum Kosmopoliten. Ob er, wie früher angenommen wurde, die Hofschule tatsächlich von 782 bis 796 leitete (S. 48), wird neuerdings infrage gestellt; die Präsenz Alkuins im unmittelbaren Umfeld des Herrschers wird heute auf zweimal drei Jahre (786–789 und 793–796) eingegrenzt1. Eine überzeugende neue Interpretation liefert die Verfasserin für den Beinamen »Flaccus«, den Alkuin in der Hofgesellschaft trug: Nicht (oder nicht bloß) seine nordisch blonden Haare seien die Ursache dafür gewesen, sondern der Vergleich mit Marcus Verrius Flaccus, dem begabten Lehrer der Enkel des Kaisers Augustus, worüber Sueton berichtet.

Schon die Zeitgenossen maßen den Alkuin-Briefen einen hohen erbaulichen und didaktischen Wert bei, wie die »Vita Alcuini« (Werkkatalog im c. 21) oder Notker Balbulus in seiner »Notatio de illustribus viris« bezeugen. Sie wurden bereits zu Lebzeiten Alkuins gesammelt. Gründe dafür waren Alkuins überragende Autorität, sein Einfluss an der Seite Karls des Großen und die Modellhaftigkeit der in den Briefen behandelten Themen. Bereits Alkuin selbst (»en quête d’une forme de postérité«) wie auch sein Freund Arn von St-Amand/Salzburg sorgten sich um die Sammlung und Archivierung der Briefe. Die ältesten und wichtigsten Briefsammlungen werden eingehend beschrieben. Dass das Brief-Korpus dennoch nicht vollständig ist, bezeugen indirekte Nachrichten von Empfängern, z. B. Benedikt von Aniane, deren Alkuin-Briefe nicht überliefert sind.

Der zweite Teil der Studie wendet sich dem Inhalt des Brief-Korpus zu. Behandelt werden die materiellen Aspekte, die verschiedenen Arten und die Formen der Übermittlung, der Vektor Zeit zwischen der Gegenwart der Entstehung eines Briefes und dem in der Zukunft liegenden Empfang und seine philosophisch-theologischen Implikationen, die Aspekte der Verschlüsselung von Personen und Inhalten, das Motiv des Verbrennens nach der Lektüre durch den primären Empfänger usw. Alkuin teilte die Vorliebe der Angelsachsen für Geheimnisse und Rätsel; oft fällt es nicht leicht, Briefe von ihm zu entschlüsseln.

Im dritten Teil behandelt die Verfasserin die großen Vorbilder, von denen sich Alkuin als Briefschreiber leiten ließ, allen voran den Apostel Paulus, »épistolier par excellence« und »secrétaire des Cieux«. Weiter waren ihm die Briefe des Kirchenvaters Hieronymus Vorbilder, insbesondere in seinen 26 Briefen an Frauen, allen voran an die Äbtissin Gisela von Chelles, Schwester des Königs, die er geistlich betreute und in Exegese unterwies. Die Verfasserin kann auch stilistische und motivische Anklänge an die Briefe des Paulinus von Nola nachweisen. Ambivalent ist die Haltung Alkuins gegenüber den Autoren der klassischen Antike. Grundsätzlich verurteilt er die heidnische Dichtung, etwa die profane Lektüre an der Tafel eines Bischofs (Brief Nr. 124). Vergil zitiert er dennoch häufig in seinen Gedichten, verwendet ihn wie andere antike Autoren auch in den didaktischen Schriften, hingegen kaum in den Briefen, wo patristische Zitate vorherrschen. Mit ihrer thematisch umfassenden, durchdringenden Analyse in diesen Abschnitten geht die Verfasserin weit über die Briefe hinaus.

In einem ausführlichen vierten Kapitel befasst sie sich mit den in Briefform an Herrscher und Bischöfe gerichteten Ermahnungen, Anweisungen und Ratschlägen Alkuins, den »Fürstenspiegeln« und »Bischofsspiegeln« (specula). Neun Briefe sind an angelsächsische Könige gerichtet, unter ihnen Aethelred I. von Northumbrien und Offa von Mercien. 39 Briefe schrieb Alkuin an fränkische Herrscher, je zwei an die Königssöhne Pippin und Karl und, natürlich als wichtigstes Korpus, 35 Briefe an Karl den Großen, die alle in Alkuins letztem Lebensabschnitt als Abt von Tours verfasst wurden (Zusammenstellung S. 214–216). Darin kommen die zentralen Vorstellungen Alkuins von den Aufgaben des Herrschers und vom Wesen guter Herrschaft, aber auch ihre weltgeschichtlichen Dimensionen, etwa die »Translatio studii« von Athen über Rom ins Frankenreich, zur Sprache. Unter den Briefen an Bischöfe (Zusammenstellung S. 230) greift C. Veyrard-Cosme exemplarisch den Brief Nr. 311 an Erzbischof Aethelhard von Canterbury heraus, der als opus geminum zusammen mit einem Schlussgedicht gestaltet ist. Hier und in den übrigen zur Verbreitung vorgesehenen Episkopal-Briefen kommt Alkuins hoher Anspruch zur Geltung, nach dem Vorbild des »Liber pastoralis« Gregors des Großen die Bischöfe theoretisch und praktisch zu bilden und Anleitungen für die Verkündigung des Glaubens zu geben. In dieser Bedeutung hat auch Notker Balbulus die Alkuin-Briefe erkannt, wenn er sie seinem Schüler, dem künftigen Bischof Salomo III. von Konstanz, zur Lektüre ans Herz legte. Die Ermahnungen an die Bischöfe erlauben es, Alkuins Vorstellungen vom Amt und von den Aufgaben des Bischofs zu erschließen. Nach der »Admonitio generalis« Karls des Großen, die Alkuin verfasst hat, hatten diese von den Bischöfen rezipierten und verbreiteten Sendschreiben wohl den größten Einfluss auf die christliche Formung der karolingischen Gesellschaft.

Die Untersuchung als Ganze ist von einer intimen Kenntnis der Gedankenwelt Alkuins geprägt, gewachsen aus langer Beschäftigung mit seinen Texten. Der Band wird von verschiedenen Verzeichnissen beschlossen: einem Register der biblischen Stellen, einem Register der Personennamen, Völker und Autoren (aber ohne die Ortsnamen). Nützlich gewesen wäre auch ein Verzeichnis der Handschriften, die in der Studie als Überlieferungsträger der Werke Alkuins z. T. ausführlich beschrieben werden.

1 Vgl. dazu Rudolf Schieffer, Alkuin und Karl der Große, in: Ernst Tremp, Karl Schmuki (Hg.), Alkuin von York und die geistige Grundlegung Europas. Akten der Tagung vom 30. September bis zum 2. Oktober 2004 in der Stiftsbibliothek St. Gallen, St. Gallen 2010, S. 24–26; dieser Tagungsband fehlt im umfangreichen Literaturverzeichnis.

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Ernst Tremp
Deutsches Historisches Institut Paris
Tacitus nuntius
Recherches sur l’écriture des »Lettres« d’Alcuin (730?–804)
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Frühes Mittelalter (600-1050)
Großbritannien
Lateinische Literatur
6. - 12. Jh.
735-804
Alcuinus, Flaccus (118502026), Brief (4008240-4)
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C. Veyrard-Cosme, Tacitus nuntius (Ernst Tremp)
In: Francia-Recensio 2015/3 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500) | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-3/ma/veyrardcosme_tremp
Veröffentlicht am: 11.09.2015 16:45
Zugriff vom: 30.11.2020 03:50
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