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S. Epstein, 1930 (Christiane Goldenstedt)

Francia-Recensio 2015/3 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Simon Epstein, 1930. Une année dans l’histoire du peuple juif, Paris (Éditions Stock) 2011, 340 p. (Les essais), ISBN 978-2-234-07102-5, EUR 21,50.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Christiane Goldenstedt, Ganderkesee

Die behauptete Passivität der deutschen Jüdinnen und Juden in der Weimarer Republik, vor allem ab 1930, ist ein Mythos. Das ist die These des empfehlenswerten Buches von Simon Epstein, Historiker an der Universität Jerusalem.

Dieses exzellent geschriebene Buch enthält eine Einleitung, vier Hauptteile und einen Epilog. Der erste Teil vermittelt einen globalen historischen Überblick über die ökonomische, demografische und soziologische Entwicklung der jüdischen Bevölkerung, z. B. in den USA, der UdSSR, in Nordafrika und Europa ab 1830. Weltweit war die jüdische Bevölkerung durch die Informationen der jüdischen Presse miteinander vernetzt und bildete demzufolge ein Ganzes. Hier besticht die große Detailgenauigkeit wie auch der präzise und differenzierende Blick des Verfassers, dem es gelingt, komplexe Sachverhalte verständlich darzustellen. Das gilt auch für alle weiteren Kapitel. Im zweiten und dritten Teil arbeitet Epstein die Herausforderungen und Kämpfe heraus, mit denen die Jüdinnen und Juden in den einzelnen Ländern im Jahre 1930 konfrontiert waren. Gegen antisemitische Ausschreitungen, Exzesse und Pogrome, die weltweit stattfinden, leisteten sie eine sehr große Gegenwehr und fanden in vielen Bereichen Unterstützung durch die einzelnen Regierungen.

Das Jahr 1930 markiert, so Epstein, eine historische Zäsur für die jüdische Bevölkerung auf der ganzen Welt, denn eine Akkumulation von politischen Konflikten wies auf die Tragödie hin, die in die Shoah von sechs Millionen jüdischen Opfern mündete. Aufgrund der Weltwirtschaftskrise von 1929 verriegelten die neuen Kontinente und viele Länder gegenüber den jüdischen Flüchtlingen ihre Türen und betrieben eine restriktive Einwanderungspolitik. In Palästina verschärfte sich der arabisch-jüdische Konflikt 1929 nach dem Massaker in Hebron an 67 jüdischen Männern, Frauen und Kindern. Die Beziehungen der Juden in Palästina zur Mandatsmacht Großbritannien wurden in diesem Zeitraum spannungsgeladener, da die britische Regierung die jüdische Einwanderungspolitik reglementieren wollte (Passfield Weissbuch). Zionistische Sozialistinnen und Sozialisten aus Palästina wie David Ben-Gurion und Golda Meyerson (Golda Meir) protestierten gegen diese englische Mandatspolitik. Vom 27. September bis zum 1. Oktober 1930 fand auf Initiative der internationalen sozialistischen Parteien und der Gewerkschaftsbewegung Histadrut der Weltkongress für das arbeitende Palästina in Berlin statt. Namhafte jüdische Sozialisten und Intellektuelle wie Léon Blum, Eduard Bernstein, Martin Buber, Simon Dubnov, Albert Einstein und Sigmund Freud hatten zur Teilnahme an diesem Kongress aufgerufen. In seiner Eröffnungsrede erteilte Ben-Gurion der englischen Mandatspolitik mit Vehemenz eine Absage, äußerte aber die Hoffnung auf eine friedliche und konstruktive Zusammenarbeit mit der arabischen Bevölkerung in Palästina (vgl. S. 205).

Im vierten Teil stellt Epstein seine Kernthese vor: Er fokussiert auf das Jahr 1930 in der Weimarer Republik und lenkt die Sicht auf die in der Forschung immer noch unterbewertete Rolle des Kampfes der deutschen Jüdinnen und Juden gegen die Nationalsozialisten. Ihre Integration war ab 1919 in Deutschland weitgehend gelungen und eine Teilhabe am politischen und kulturellen Leben fand statt. Mit den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise und dem Bruch der Großen Koalition 1930 begannen die Auflösungserscheinungen der Demokratie von Weimar. Die Reichstagswahlen vom September, bei denen die NSDAP die zweitstärkste Fraktion im Reichstag wurde, führten zu einer weiteren Instabilität der politischen Lage, die nun durch einen wachsenden aggressiven Antisemitismus charakterisiert war. Friedhofschändungen, Übergriffe auf jüdische Kommilitoninnen und Kommilitonen in den Universitäten sowie Gewaltaktionen der SA gegen die jüdische Bevölkerung sind hierfür Beispiele. Aber die deutschen Jüdinnen und Juden leisteten Gegenwehr, waren bereit, sich den großen politischen Herausforderungen zu stellen und nicht zurückzuweichen.

Hier setzt Epsteins umfassende Beweisführung an und es gelingt ihm anhand vieler Beispiele, seine These zu untermauern. So fokussiert er einerseits auf die Jüdische Volkspartei, die als wichtige politische Kraft bei Gemeinderatswahlen antrat, andererseits auf die hochentwickelte Verbandsstruktur des Central-Verbein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (CV) nicht-zionistischer Prägung. Im Jahr 1893 gegründet, setzte er sich für die Gleichstellung der jüdischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger und für die Bekämpfung des Antisemitismus im Deutschen Reich ein. Die Jüdinnen und Juden stellten nur knapp 1% der Gesamtbevölkerung von 62,5 Millionen im Deutschen Reich, d. h., der Central-Verein war mit ca. 70 000 Mitgliedern sehr gut aufgestellt. Die Agitation war in seiner Aktivität beeindruckend, insbesondere seine umfassende Pressearbeit: Der CV gab zum Beispiel im Rudolf Mosse-Verlag eine wöchentliche Ausgabe heraus und versorgte auch die großen deutschen Tageszeitungen mit Informationen (vgl. S. 229). Außer diesen Publikationen baute der CV ein Aufklärungsnetz auf, das als »Büro Wilhelmstraße« in die Geschichte einging und der nationalsozialistischen Propaganda entgegentreten sollte. Psychologische Strategien wurden entwickelt, die die Massenanziehungskraft des Nationalsozialismus erklären sollten (vgl. S. 239). Eine wichtige Publikation dieses antifaschistischen Pressebüros war der »Anti-Nazi«, der unter anderem nachwies, dass die Rassenlehre wissenschaftlich unhaltbar sei (vgl. S. 229).

Nicht unerwähnt bleiben soll der »Jüdische Alarm«, der von den Gewerkschaften und dem Reichsbanner bei Demonstrationen verteilt wurde. Es handelte sich um ein aggressives Sensationsblatt, das Zeichnungen und bissige Karikaturen enthielt und die nationalsozialistische Presse karikierte (vgl. S. 231). Zum Central-Verein gehörte auch der in Berlin ansässige Philo-Verein, der Bücher und Pamphlete gegen die NSDAP veröffentlichte. Darüber hinaus veranstaltete der CV Protestkundgebungen und Aufklärungsversammlungen (vgl. S. 230). Jüdische Rechtsanwälte führten aufsehenerregende Prozesse und wehrten sich erfolgreich gegen rassistische Diffamierungen in Zeitungen. Der CV kooperierte vor allem mit der SPD, aber auch mit den bürgerlichen Parteien wie der DDP und DVP, im Besonderen aber mit dem sozialdemokratischen Verteidigungsbund Reichsbanner. Es gab Verbindungen zur Berliner Polizei und zur katholischen Kirche. Zudem gründeten im Jahre 1927 jüdische Studenten den Jüdischen Abwehrdienst (JAD), der den Reichsbund jüdischer Frontsoldaten verstärken sollte. Das deutsche Judentum stand nicht allein im Kampf gegen die Nationalsozialisten und es hatte viele Mitstreiter und Mitstreiterinnen. So gehörte Konrad Adenauer dem Deutschen Komitee Pro Palästina an, das sich für eine Förderung der jüdischen Palästinasiedlungen aussprach (vgl. S. 224). Die sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete und Frauenrechtlerin Marie Juchacz veröffentlichte Artikel im Publikationsorgan des Central-Verbeins und appellierte auch an die jüdischen Staatsbürgerinnen, »aufrecht im Kampf gegen die Nationalsozialisten« zu widerstehen (22. August 1930, vgl. S. 254).

Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass die Jüdinnen und Juden die Bedrohung durch die Nationalsozialisten sehr ernst nahmen und ihnen bis zum Ende der Weimarer Republik eine große Gegenwehr entgegensetzten, auch wenn ein scharfer Antagonismus zwischen dem Central-Verein und den Zionisten bestand (vgl. S. 271). Trotz alledem: Die Vernichtung der deutschen Jüdinnen und Juden war nicht die Folge ihrer mangelnden Kampfbereitschaft oder einer zugeschriebenen Passivität, sondern resultierte aus der Tatsache, dass sie es mit einem übermächtigen Gegner zu tun hatten, den sie vor allem nach den Reichstagswahlen 1930 und 1932 nicht besiegen konnten.

Wie kam es aber zu dem Mythos? Er ging von den Jüdinnen und Juden selbst aus. Ab 1933 verurteilten die ausländischen jüdischen Gemeinschaften, vor allem in Polen, Frankreich und in den USA, die Jüdinnen und Juden im Deutschen Reich, die keinen massiven Widerstand geleistet hätten, um sich den Nationalsozialisten entgegenzustellen. Von nun an galt die deutsche jüdische Bevölkerung als passiv, unehrenhaft und »degeneriert«. Die falsche Vorstellung von einem furchtsamen, assimilierten deutschen Juden wurde in den jüdischen Gemeinschaften der ganzen Welt, vor allem in Polen, verbreitet. Im Verlauf der Jahre grub sich dieser Mythos tief ins jüdische kollektive Bewusstsein und in die jüdische Geschichtsschreibung ein und er lebt bis heute fort.

Epstein hat mit Intensität ein umfangreiches europäisches und internationales Archiv- und Quellenmaterial ausgewertet, vor allem in Berlin, New York und Jerusalem. Die bibliografischen Angaben umfassen 25 Seiten. In der Forschung schließt sein Buch, das eine internationale Resonanz und Wertschätzung verdient, eine Geschichtslücke. Aus diesen Gründen wäre eine Übersetzung in die deutsche Sprache wünschenswert, denn Simon Epstein hat den deutschen Jüdinnen und Juden der Weimarer Republik ein großes Denkmal gesetzt.

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PSJ Metadata
Christiane Goldenstedt
Deutsches Historisches Institut Paris
1930
Une année dans l’histoire du peuple juif
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Zeitgeschichte (1918-1945)
Europa
Jüdische Geschichte
1930 - 1939
1930
Juden (4028808-0)
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S. Epstein, 1930 (Christiane Goldenstedt)
In: Francia-Recensio 2015/3 | 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-3/zg/epstein_goldenstedt
Veröffentlicht am: 11.09.2015 16:53
Zugriff vom: 07.08.2020 14:50
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