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A. von Pufendorf, Mut zur Utopie (Anne-Kristin Hübner)

Francia-Recensio 2015/3 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Astrid von Pufendorf, Mut zur Utopie. Otto Klepper – Ein Mensch zwischen den Zeiten, Frankfurt a. M. (Societäts-Verlag) 2015, 376 S., ISBN 978-3-95542-118-2, EUR 14,80.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Anne-Kristin Hübner, München

Im Genre der historischen Biografie bestätigt sich einmal mehr die Annahme, jede Geschichte sei Zeitgeschichte, denn das Interesse an einer historischen Person entsteht zumeist aus einem konkreten Gegenwartsbezug. Der biografische Zugriff fokussiert nicht nur eine Person, sondern auch deren Handlungskontext, woraus sich die Möglichkeit ergeben kann, durch die Betrachtung der Vergangenheit Handlungsalternativen und Denkanstöße für das Jetzt zu erhalten. Mit ihrer Studie über den Juristen und preußischen Politiker Otto Klepper (1888–1957) legt Astrid von Pufendorf eine Überarbeitung ihrer im Jahr 1997 erschienenen Dissertation vor1. Die Notwendigkeit dieser Neuauflage begründet sie mit eben jenem Verweis auf eine Vorbildfunktion historischer Subjekte. Insbesondere die gegenwärtige wirtschaftliche Krise habe zu einem wiedererwachten Interesse »an einem ethisch begründeten politischen und wirtschaftlichen Verhalten« (S. 291) geführt und genau hier könne der biografische Blick auf Klepper zum aktuellen Diskurs beitragen.

Klepper ist auch in den knapp zwei Jahrzehnten nach Erscheinen der Dissertation Pufendorfs von der Geschichtsschreibung unbeachtet geblieben. Stets überzeugt, leidenschaftlich und zukunftsgewandt bekleidete er die meisten seiner Ämter nur für kurze Zeit. Zu kurz, als dass die Forschung in ihm eine zentrale Figur der Geschichte erkannt hätte. Abgesehen von einigen Variationen im Textaufbau hat sich wenig im Vergleich zur Erstausgabe verändert. Pufendorf verzichtet auf die Einarbeitung neuerer Forschungsergebnisse, dafür untersucht sie Kleppers Lebensstationen gründlich und mit einem Fokus auf die Quellen. Die Erzählung ist chronologisch; drei gleichgewichtete Abschnitte strukturieren Kleppers Leben schlaglichtartig. in »Preußen und das Reich« fragt die Autorin vor allem nach politischen Handlungsoptionen, die sich durch die Person Kleppers hätten verwirklichen lassen. Die Zeit des »Exils« wird von ihr als innerliche Vorbereitungszeit herausgearbeitet, in der er seinen Blick bereits auf die Zeit nach dem Krieg richtete. Die »Nachkriegszeit« ist durch Desillusionen und Enttäuschungen geprägt. Klepper fand in seiner alten Heimat keinen politischen Anschluss mehr. Als roter Faden dient die Erzählung vom »pragmatischen Utopisten« (S. 290). Ein Utopist deswegen, weil Klepper über die bestehenden Gegebenheiten hinausdachte. Ein Pragmat, weil seine Ideen nie den Rahmen des zumindest Möglichen verließen.

Klepper gefiel es, sich gelegentlich quer zur Stoßrichtung seiner Zeit zu bewegen. Als ehemaliger Präsident der Preußenbank und seit 1931 preußischer Finanzminister konnte er Einfluss auf die Agrarpolitik Preußens nehmen. Sein Gestaltungswille war dabei zwar von einem elitären Politikstil getragen. Dieser konzentrierte sich aber nicht auf die Aufrechterhaltung konservativer Herrschaftsverhältnisse, sondern prangerte die bestehenden preußischen Landbesitzverhältnisse an und sollte bauernfreundliche Reformen umsetzen. Seine Agrar- und Finanzpolitik konzipierte Klepper dabei aus einem gesellschaftspolitischen Verständnis heraus, dessen Grundbedingungen ein klassenloses und sozialunabhängiges Denken sowie verantwortungsbewusstes Handeln der Allgemeinheit gegenüber waren.

Pufendorfs Darstellungen umkreisen immer wieder die Frage, welche Chancen die Gegenwehr Einzelner oder einer Minderheit haben und »welcher Symbolwert einem solchen [...] von vornherein chancenlosen Widerstand zukommt« (S. 92). Sie betont die Brüchigkeit der preußischen Regierung im Jahr 1932 und erkennt in Klepper einen der wenigen, die in der Krise Preußens früh die zerstörerische Gefahr für die Demokratie erkannten. In Klepper fand sich ein Kämpfer, der bereit war, für die Belange der Republik – notfalls mit Gewalt – einzustehen. Allein – seine Ministerkollegen zogen nicht mit. Ohne einen hypothetischen Kausalverlauf der Geschichte zu konstruieren, arbeitet Pufendorf hier deutlich politische Alternativen heraus, die das Scheitern der Weimarer Republik womöglich hätten verhindern können. Solche Alternativen waren aber abhängig von Hingabe und Courage der historischen Akteure. Klepper hätte diese gehabt, so der Tenor der Autorin. Andere, wie der preußische Innenminister Carl Severing, nicht. Kleppers gescheiterter Versuch, die von Reichskanzler von Papen anvisierte Einsetzung eines Reichskommissars in Preußen zu verhindern, erscheint so als logische Konsequenz. Hätte es in der Weimarer Republik mehr überzeugte Demokraten wie Klepper gegeben, wäre diese nicht auseinandergebrochen, schließt man aus Pufendorfs Schilderungen. In diesem Sinne spricht sie der Eigenverantwortung des Einzelnen einen maßgeblichen Wert zu.

Durch profundes Quellenstudium – die ausführlichen Zitate stören zuweilen den Lesefluss – gelingt es Pufendorf, langjährige Geschichtsbilder umzustoßen und weiterer Legendenbildung vorzubeugen, indem sie u. a. die Version Severings zum »Preußenschlag« revidiert. Anhand dieses Beispiels verdeutlicht sie die bedenkliche Selbstdarstellung historischer Persönlichkeiten in der Rückschau sowie die Festsetzung fragwürdiger Geschichtsbilder durch die Geschichtswissenschaft selbst und verweist auf die unbedingte Notwendigkeit, diese kritisch zu hinterfragen und zu überprüfen.

Im Jahr 1933 zwang Klepper der Unmut der Nationalsozialisten über seine Person dazu, Deutschland zu verlassen. Bis 1947 lebte er u. a. in Frankreich, China und Mexiko im Exil. Zwar stützte ihn ein weit verzweigter Freundeskreis, die Nähe zu einem bestimmten Freundeskreis oder einer bestimmten Vereinigung suchte Kleper aber nicht. Fern der Heimat konzentrierten sich seine Anstrengungen auf die Entwicklung von Konzepten für ein Deutschland nach Hitler. Dabei richtete er seinen Blick bereits auf ein freiheitliches Europa, dessen demokratisches Gelingen maßgeblich mit der Umstrukturierung der Wirtschaft, wie der »Loslösung der Großindustrie aus dem privatwirtschaftlichen Sektor und einer radikalen Agrarreform«, so Klepper (S. 192), zusammenhinge. Seine gesellschaftspolitischen Entwürfe flossen 1947 in den Aufbau der Wirtschaftspolitischen Gesellschaft (Wipog) in Frankfurt ein, eines Thinktanks für freie Marktwirtschaft. In diesem Kreis entstand auch die Idee zur Gründung der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, dessen erster Geschäftsführer Klepper für kurze Zeit sein sollte. Dass ihm trotz seiner demokratischen Grundüberzeugungen und seines unermüdlichen Tatendrangs nach 1945 eine politische Karriere verwehrt blieb, interpretiert Pufendorf auch als Folge seiner Zeit im Exil.

Klepper verweigerte zeitlebens den Eintritt in eine Partei. Die Zugehörigkeit zu jeglichen Vereinigungen schien er bewusst zu vermeiden. Dieser Umstand und die wechsellagigen Zeiten, in denen er lebte, verhinderten eine längere Besetzung von Schlüsselpositionen. In der Rückschau mag es gerade dieser Status des unabhängigen Experten gewesen sein, der ihm Denkfreiheit für seine Konzepte verschaffte. Dem Kontinuum seiner Gedankenwelt und seiner Reformlust taten seine karrieristischen Brüche jedenfalls keinen Abbruch und genau hierin liegt das Verdienst des Buches: Astrid von Pufendorf recherchiert akribisch und fügt behutsam zusammen, was herausgelöst aus der Chronologie von Kleppers Leben zunächst fragmentarisch erscheint, sodass am Ende das Bild eines sich treu bleibenden und seinen demokratischen Standpunkt stets weiterentwickelnden Menschen entsteht. Die Veranschaulichung der Beharrlichkeit von Kleppers zutiefst partizipatorisch-demokratischen Überzeugungen, die immer die gesamte Gesellschaft im Blick hatten, ist es, mit der die Autorin ihr Versprechen einlöst, den grundsätzlichen Vorbildcharakter Otto Kleppers nicht nur für unsere Gegenwart herauszuarbeiten.

1 Astrid von Pufendorf: Otto Klepper (1888–1957). Deutscher Patriot und Weltbürger, München 1997.

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PSJ Metadata
Anne-Kristin Hübner
Deutsches Historisches Institut Paris
Mut zur Utopie
Otto Klepper – Ein Mensch zwischen den Zeiten
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Zeitgeschichte (1918-1945), Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
Deutschland / Mitteleuropa allgemein
Politikgeschichte
20. Jh.
Klepper, Otto (119491184), Biografie (4006804-3)
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A. von Pufendorf, Mut zur Utopie (Anne-Kristin Hübner)
In: Francia-Recensio 2015/3 | 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-3/zg/pufendorf_huebner
Veröffentlicht am: 11.09.2015 16:53
Zugriff vom: 15.11.2019 01:11
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