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    D. Röseberg, M. Mäder (Hg.), Le Franco-Allemand (Ann-Kristin Glöckner)

    Francia-Recensio 2015/3 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Dorothee Röseberg, Marie-Therese Mäder (Hg.), Le Franco-Allemand. Herausforderungen transnationaler Vernetzung, Berlin (Logos Verlag Berlin) 2013, 257 S. (Trenn-Striche/Binde-Striche – Beiträge zur Literatur- und Kulturwissenschaft, 5), ISBN 978-3-8325-3487-5, EUR 38,50.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Ann-Kristin Glöckner, Berlin

    Der vorliegende Sammelband ist aus einer Tagung anlässlich des 50. Jahrestages der Unterzeichnung des Elysée-Vertrages hervorgegangen. Insbesondere junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland und Frankreich diskutierten in diesem Rahmen über Herausforderungen und Chancen von transnationaler Vernetzung. Transnationalität als Schlagwort steht dabei im Mittelpunkt der Diskussion und ist die gemeinsame Klammer aller Beiträge. Mit unterschiedlichen methodischen Zugängen und einem breiten thematischen Zugriff wird das »Franco-Allemand« in seinen verschiedenen Dimensionen problematisierend untersucht und der Frage nachgegangen, ob durch deutsch-französische Vernetzungen nationale Interessen und Strukturen überwunden werden können.

    Der erste Abschnitt – »Sichtweisen auf einen Gegenstand« – beginnt mit einem einführenden Beitrag von Dorothee Röseberg zum »Franco-Allemand« als Laboratorium für europäische und globale Herausforderungen. Es solle nach Röseberg im Folgenden als »ein Beziehungsgeflecht in den Blick genommen [werden], an dem vielfältige Akteure beteiligt sind« (S. 5). Anschließend fasst Marie-Therese Mäder den aktuellen Forschungsstand und die Debatten um die Kulturkontaktforschung zusammen und konzentriert sich dabei auf die Ansätze des Vergleichs, des Kulturtransfers und der »histoire croisée«. Chantal Metzger widmet sich dem »Deutsch-französischen Jahr 2013« anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Elysée-Vertrags und blickt auf die beiderseitigen Beziehungen von der Unterzeichnung des Vertrags bis heute zurück. Sie hebt als Fazit die Bedeutung des deutsch-französischen Austauschs für die politische Dimension der Verständigung und des Verständnisses füreinander hervor. Gilbert Casasus schließt den ersten Abschnitt des Sammelbandes ab mit einem kritischen Blick auf die Entwicklung der deutsch-französischen Beziehungen (Le franco-allemand. Entre décomposition et recomposition). Auch wenn es momentan Unstimmigkeiten gebe, sei trotz der aktuellen Krise seiner Meinung nach das deutsch-französische Paar von zu großer Bedeutung für Europa, um gefährdet zu werden.

    Im zweiten Abschnitt – »Das Trans- und Binationale unter der Dominanz des Nationalen« – kommt Claus W. Schäfer in seiner Untersuchung des transnationalen Charakters von deutsch-französischen Städtepartnerschaften zu dem Schluss, dass »im Politischen das Transnationale häufig vom Nationalen eingeholt wird« (S. 56). Daher erfülle das Transnationale nicht, was es formal zu versprechen scheint. Im folgenden Beitrag widmet sich Georgette Stefani-Meyer der Konstruktion »des Anderen« (»de l’Autre«) im Elysée-Vertrag. Durch die respektvolle Darstellung »des Anderen« werde dabei indirekt im Vertrag die durch Kriege aufgebaute Polarität zwischen Deutschland und Frankreich dekonstruiert. Agnès Borde Meyer widmet sich dem Vorschlag des Archäologen und damaligen Präsidenten des Deutschen Archäologischen Instituts Erich Boehringer aus dem Jahr 1960, eine deutsch-französische Zusammenarbeit bei Ausgrabungen in Syrien und Afghanistan anzustreben. Christophe Losfeld beschäftigt sich im Folgenden mit der Selbstwahrnehmung der Franzosen und der Sicht auf die Deutschen in französischen Filmen über die Résistance vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis heute. Von der Heroisierung der Franzosen und der stereotypen Darstellung der Deutschen sei eine Entwicklung zu einer differenzierten Darlegung der Motive für eine Mitarbeit in der Résistance und einer facettenreicheren Darstellung unterschiedlicher Tätertypen der Deutschen zu beobachten. Sandrine Aumercier stellt in ihrem Aufsatz fest, dass der Psychoanalytiker Jacques Lacan, der die theoretischen Ansätze von Sigmund Freud weiterentwickelt hat, in Deutschland wenig bekannt sei. Dieser Umstand könnte möglicherweise an der »hyper-francité« (S. 118) des Denkers liegen. Der Beitrag von Sandra Duhem zur späten Anerkennung des deutschen Expressionismus in Frankreich schließt die Sektion ab. Mithilfe des Ansatzes des Kulturtransfers untersucht sie dafür exemplarisch die 1978 im Centre Pompidou gezeigte Ausstellung »Paris-Berlin«.

    Den dritten Abschnitt – »Transnationales zwischen Nationalem und Globalem« – eröffnet Aline Hartemann mit einer Studie zum Fernsehsender ARTE und der dahinter stehenden Umsetzung des europäischen Gedankens der Kooperation. Franziska Flucke untersucht das Projekt des deutsch-französischen Schulbuchs als Beispiel transnationaler Vernetzung im Bereich Bildung und zieht als Fazit, dass der Alltag im Klassenzimmer auf beiden Seiten des Rheins noch nicht ausreichend transnational geprägt sei, um das Buch in der Praxis zu nutzen. Teva Meyer widmet sich im Folgenden der gemeinsamen Protestbewegung gegen den Bau von Atomkraftwerken, die Deutsche und Franzosen in den 1960er Jahren entlang der deutsch-französischen Grenze geeint hat. Es folgt ein Beitrag von Sarah Haase über die transnationale Dimension von deutsch-französischen Vereinen und ihre grenzüberschreitende Rolle als Mittler im Kulturtransfer. Dana Martin untersucht die Gemeinsamkeiten und Charakteristika von deutsch-französischen Paaren im Vergleich zu Paaren derselben Nationalität. Die »couples mixtes franco-allemands«, so stellt sie abschließend fest, ließen sich im Vergleich zu anderen gemischten Paaren als »gagnants de l’histoire« bezeichnen (S. 223). Louise Schellenberg plädiert im Anschluss für eine gemeinsame Afrikapolitik von Deutschland und Frankreich und nimmt den Fall Togo als Ausgangspunkt ihrer Argumentation aufgrund der gemeinsamen Kolonialgeschichte. Henning Fauser stellt im abschließenden Beitrag die deutsch-französische Nachwuchsforschervereinigung GIRAF-IFFD im Hinblick auf ihren spezifisch transnationalen Charakter vor. Er zieht das Fazit, dass der Verein zwar stärker französisch als deutsch orientiert sei, er aber dennoch einen Erfolg im Hinblick auf den deutsch-französischen Austausch darstelle.

    Den Schlusspunkt setzt Michel Cullin, der an Stelle eines Nachwortes sich kritisch mit dem häufig in Bezug auf die deutsch-französischen Beziehungen gebrauchten Ausdruck der Versöhnung (»réconciliation«) auseinandersetzt.

    In diesem zweisprachigen Sammelband wird das klassische Spektrum der deutsch-französischen Beziehungen untersucht: von Städtepartnerschaften über das gemeinsame Geschichtsbuch bis zu ARTE. Dabei wird es um einige neue Facetten wie die »couples franco-allemands« bereichert. Das Konzept der Transnationalität als Leitmotiv ist ein überzeugender Ansatz, hätte in einigen Aufsätzen allerdings tiefergehender angewendet werden können. Der Aufbau des Bandes leuchtet nicht unbedingt ein und trägt zu einem unübersichtlichen Eindruck bei. Die Trennung zwischen auf Grenzen verweisende (Abschnitt II) und das Nationale überwindende Beispiele (Abschnitt III) des »Franco-Allemand« entspricht nicht den differenzierteren Ergebnissen der Studien. Eine historisch bedingte Anordnung lässt sich, anders als von Röseberg im Vorwort angekündigt, nicht feststellen. Auch das Verständnis des »Franco-Allemand« hätte genauer ausgeführt werden können, es bleibt an der Oberfläche.

    Trotz dieser kritischen Anmerkungen stellt der Sammelband insgesamt eine interessante Ergänzung zur bisherigen Erforschung der deutsch-französischen Beziehungen dar.

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    PSJ Metadata
    Ann-Kristin Glöckner
    Deutsches Historisches Institut Paris
    Le Franco-Allemand
    Herausforderungen transnationaler Vernetzung
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein, Frankreich und Monaco
    Sozial- und Kulturgeschichte
    21. Jh.
    Frankreich (4018145-5), Deutschland (4011882-4), Kulturwissenschaften (4033597-5), Vernetzung (4359141-3)
    PDF document roeseberg_gloeckner.doc.pdf — PDF document, 270 KB
    D. Röseberg, M. Mäder (Hg.), Le Franco-Allemand (Ann-Kristin Glöckner)
    In: Francia-Recensio 2015/3 | 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-3/zg/roeseberg_gloeckner
    Veröffentlicht am: 11.09.2015 16:53
    Zugriff vom: 22.10.2020 02:24
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