Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

R. Bireley, Ferdinand II (Christoph Kampmann)

Francia-Recensio 2015/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Robert Bireley, Ferdinand II. Counter-Reformation. Emperor, 1578–1637, Cambridge (Cambridge University Press) 2014, XII–326 p., 12 ill., 2 maps, ISBN 978-1-107-06715-8, GBP 65,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Christoph Kampmann, Marburg

Kaiser Ferdinand II. (1619–1637) galt stets als eine, wenn nicht die politische Schlüsselfigur des Dreißigjährigen Kriegs. Entsprechend große Aufmerksamkeit fand Ferdinand II. in der Geschichtsschreibung, wobei die leidenschaftlichen Kontroversen früherer Tage einer etwas nüchterneren Betrachtung gewichen sind.

»Counter-Reformation Emperor« – so nennt Robert Bireley, emeritierter Professor an der Loyola University Chicago, bündig diesen Kaiser im Titel seiner neuen Biografie, und weist so schon programmatisch auf das spezifische Erkenntnisinteresse seines Werkes hin. Es zielt auf die Verbindung von Religion, Politik und Krieg und zwar weniger auf der Ebene politischer Theorie bzw. politischer Theologie als auf diejenige der konkreten Ausgestaltung der Politik. Dass Robert Bireley in seiner biografischen Studie gerade diesen perspektivischen Zugriff einnimmt, überrascht nicht. Seit vier Jahrzehnten, seit seinen großen Studien über die jesuitischen Beichtväter an den Höfen von München und Wien im Zeitalter des Dreißigjährigen Kriegs, Adam Contzen und Wilhelm Lamormaini, kreisen die Forschungen Bireleys um Fragen des Verhältnisses von Religion und Politik, mit dem besonderen Blick auf die katholischen Akteure der Zeit.

In der Tat bietet Bireleys Arbeit gerade in diesem Bereich wichtige Aufschlüsse, anhand der Schilderung der theologisch aufgeladenen politischen Gegensätze unter den kaiserlichen Räten oder bei der Darstellung des komplexen Verhältnisses des Kaisers zum Papsttum.

Doch darin erschöpft sich der Wert der Studie keineswegs. Vielmehr handelt es sich um eine umfassende Synthese, die einen profunden Überblick über zentrale Aspekte der Herrschaftszeit Ferdinands II., insbesondere ihrer politischen Wendepunkte, bietet. Dabei vermag sich der Verfasser auf seine eigenen eingehenden Forschungen zum höfischen Umfeld des Kaisers zu stützen, aber auch auf die reichen Ergebnisse der jüngeren Forschungsliteratur (so z. B. die Studien von Albrecht, Brockmann, Hengerer, Pörtner und Wilson1), die intensiv berücksichtigt und ausgewertet wird. Im Zentrum der Darstellung steht dabei gar nicht so sehr die Person des Herrschers – die über weite Strecken der Monografie eher in den Hintergrund tritt; vielmehr sind es die politisch-konfessionellen Entscheidungsvorgänge am Kaiserhof sowie ihre personellen und weltanschaulichen Hintergründe, die Bireley interessieren. Gerade hier bietet die Studie aufschlussreiche Einblicke.

In neun streng chronologisch gegliederten Kapiteln entfaltet Bireley seine Darstellung. Breiten Raum nimmt die frühe Regierungstätigkeit des jungen Erzherzogs in Innerösterreich ein, die mit bemerkenswerter Konsequenz und Härte auf die Zurückdrängung des Protestantismus zielte. Dass dies gelang, bestärkte – so Bireley – Ferdinand in seiner Grundauffassung, dass strikte konfessionelle Prinzipienfestigkeit und politischer Erfolg untrennbar verbunden seien – eine Auffassung, die Ferdinand später den Weg zu einer kompromissorientierten Politik sehr erschwert habe.

Gründlich schildert Bireley den schwierigen Weg des aus einer jüngeren Linie des Hauses stammenden Erzherzogs zum Oberhaupt der österreichischen Habsburger und zur Sukzession im Kaiseramt im Zeichen des »Bruderzwists«, in dem er – nicht immer erfolgreich – Neutralität zu wahren versuchte. Der dank mächtiger Verbündeter gelungenen Überwindung der böhmischen Krise 1619/1621 folgte der steile Aufstieg zur katholischen Hegemonie im Reich 1627/1628. Etwas versteckt unter dem Titel »Consolidation and Expansion 1621–1628« verlässt der Verfasser im 5. Kapitel die bis dahin weitgehend chronologisch geprägte Darstellungsweise und behandelt auch strukturelle Aspekte und Probleme der Regierung Ferdinands II. – so das Verhältnis von Landesherrschaft (und dem Bestreben zur Errichtung einer Primogeniturordnung) und Kaiseramt, den Regierungsstil (mitsamt Verzicht auf einen »Favoriten«), das Verhältnis zu Spanien, die unduldsame Konfessionspolitik in den Erblanden, das Verhältnis zu den jüdischen Gemeinden, die strenge formale Rechtstreue, den Verzicht auf reichsabsolutistische Ziele u. ä. Diese strukturellen Betrachtungen sind informativ, manches bleibt – auch begrifflich – unscharf: So belegt Bireley Ferdinands II. Herrschaft in den Erblanden leichthin mit Begriffen wie »moderate form of absolutism« oder »federalist system of government« – hier hätte die Leserschaft gerne genauer erfahren, was damit gemeint ist.

Habe Ferdinand II. bis dahin eine eher konservative, rechtsförmige Politik verfolgt, so sei es nach 1627 zur Überspannung, zum »Overreach«, gekommen, deren markantester und zugleich »tragischster« Ausdruck das Restitutionsedikt gewesen sei. Mit der Entscheidung, auf der Basis einer streng katholischen Auslegung des Religionsfriedens die schlagartige Restitution des gesamten »entfremdeten« Kirchenguts zu fordern, habe jene einflussreiche Gruppe am Hof um den Beichtvater Lamormaini triumphiert, die den Krieg als Religionskrieg bzw. (im alttestamentarischen Sinn) als Heiligen Krieg gedeutet habe.

Entsprechend habe die Kriegswende nach Breitenfeld 1631/1632 auch zu einer Verschärfung der (nach Bireleys Sicht theologisch aufgeladenen) Gegensätze am Kaiserhof geführt. Einige Räte (allen voran Lamormaini) hätten trotz der militärischen Rückschläge am Edikt und dem konfessionell kompromisslosen Kurs eisern festhalten wollen. Nur auf diese Weise könne sich der Kaiser und sein Haus göttlichen Beistands versichern, falsche Nachgiebigkeit werde in den Ruin führen – so das Argument, das seinen Eindruck auf den Kaiser auch lange nicht verfehlt habe.

Gegen diese Auffassung habe sich am Kaiserhof immer entschiedenerer Widerstand formiert – geführt von einflussreichen Räten wie Eggenberg, der dem Kaiser seit Langem verbunden war. Auch diese Räte hätten sich neben politischen auch theologischer Argumente und entsprechender, im katholischen Lager kursierender Fachgutachten bedient: Die Parallelen zwischen dem zeitgenössischen Kriegsgeschehen und dem Heiligen Krieg des Alten Testaments wurden darin explizit zurückgewiesen. Eine wirklich gottgefällige Politik werde nicht durch Appelle an eine göttliche Vorsehung, sondern durch menschliche Vernunft bestimmt.

Nach 1632 habe am Hof – so Bireley – die in Religionsangelegenheiten kompromisslosere Gruppe langsam, aber stetig an Boden verloren. Dass auch das Papsttum reichsreligionsrechtliche Zugeständnisse strikt zurückwies, konnte daran nichts ändern. War die Autorität des Papsttums doch in dieser Hinsicht durch sein widersprüchliches Agieren unter Urban VIII. geschwächt, was schon zeitgenössisch (und nicht zuletzt am Kaiserhof) sehr genau registriert worden sei: Auf der einen Seite habe die Kurie mit Nachdruck und ohne Einschränkung vom Kaiser konfessionelle Prinzipienfestigkeit gefordert, auf der anderen Seite trotz dringender Bitten Wiens 1631/32 kaum wirkliche Hilfe für den Kaiser geleistet und indirekt durch die Unterstützung Frankreichs, das bekanntlich seit 1630 mit Schweden vertraglich verbunden war, die protestantische Partei im Reich de facto gefördert – was Urban VIII. im Kardinalskollegium auch offen entgegenhalten wurde.

Zur endgültigen Niederlage der Anhänger einer kompromisslosen Konfessionspolitik kam es erst nach der erneuten Kriegswende, also mit den kaiserlichen Waffenerfolgen 1634, als ernsthafte Friedensgespräche mit Kursachsen begannen. Auch in diesem Zusammenhang vermag Bireley zu zeigen, wie intensiv sich die Befürworter einer konfessionspolitischen Verständigung (unter Abkehr vom Restitutionsedikt) noch mit Argumenten ihrer theologischen Gegner auseinanderzusetzen hatten, bis der Kaiser sich schließlich entschlossen habe, hier nun mit der Position Lamormainis, mit der er so lange sympathisiert habe, zu brechen.

Der Prager Frieden – dies zeichnet Bireley in knappen Zügen nach – schuf die Voraussetzung für die Konsolidierung der kaiserlichen Macht, auch für die Königswahl seines Sohnes unmittelbar vor seinem Tod. Scheinbar gefestigt hinterließ Ferdinand II. seinem Sohn das Reich.

Lamormaini legte mit seinen berühmten »Virtutes« die Grundlagen für den Nachruhm Ferdinands II. – ein Werk, das die Glaubensfestigkeit des Kaisers auch in politicis, bei der Verteidigung der Kirche, pries, dabei aber – ein aus Sicht Bireleys sehr bezeichnender Umstand – das Restitutionsedikt unerwähnt ließ.

Bireley hat ein außerordentlich informatives, von der neuesten Forschungsliteratur ausgehendes Überblickswerk vorgelegt (wobei der Kupferstich von Sadeler auf dem Umschlag anders als angegeben nicht Ferdinand II., sondern Rudolf II. zeigt). Ob die politische Entscheidungsfindung am Kaiserhof wirklich so theologisch durchdrungen war wie Bireley postuliert – dies erscheint auf der Basis anderer neuerer Studien zuweilen doch fraglich. Aber gerade durch seine besondere Perspektive wirkt das Werk sehr anregend für die weitere Diskussion über den »Counter-Reformation Emperor« Ferdinand.

Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

PSJ Metadata
Christoph Kampmann
Deutsches Historisches Institut Paris
Ferdinand II
Counter-Reformation Emperor, 1578–1637
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Deutschland / Mitteleuropa allgemein
Politikgeschichte
17. Jh.
1578-1637
Ferdinand II., Heiliges Römisches Reich, Kaiser (118532510), Biografie (4006804-3)
PDF document bireley_kampmann.doc.pdf — PDF document, 350 KB
R. Bireley, Ferdinand II (Christoph Kampmann)
In: Francia-Recensio 2015/4 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-4/fn/bireley_kampmann
Veröffentlicht am: 21.12.2015 14:50
Zugriff vom: 27.01.2020 01:42
abgelegt unter: