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L. Witschel, Von der Utopie zur Wirklichkeit (Silvia Richter)

Francia-Recensio 2015/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Laura Witschel, Von der Utopie zur Wirklichkeit. Die Europaidee des Abbé de Saint-Pierre und ihre Rezeption durch Jean-Jacques Rousseau, Marburg (Tectum Verlag) 2009, 86 S., ISBN 978-3-8288-9843-1, EUR 19,90.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Silvia Richter, Berlin

Das Buch von Laura Witschel ist eine knappe, aber sehr prägnante komparatistische Studie, die auf kaum achtzig Seiten eine Darstellung der Gemeinsamkeiten und Differenzen hinsichtlich der Europaidee des Abbé de Saint-Pierre sowie deren produktive Rezeption im Denken Jean-Jacques Rousseaus aufzeigt. Die Autorin stellt dabei zunächst die Person des Abbé de Saint-Pierre kurz vor und erläutert sein Konzept einer Europäischen Union, wie er es in seinem Werk »Projet pour rendre la paix perpétuelle en Europe (1712–1717)« ausführte1. Daran anschließend erläutert sie die Rezeption von Saint-Pierres Projekt durch Jean-Jacques Rousseau, wie dieser es in seinen Schriften »Extrait du projet de l’abbé de Saint-Pierre« (1761) sowie in seinem posthum erschienen »Jugement sur le projet de paix perpétuelle« (1782) darlegte2. Das Hauptstück der Arbeit ist ein Vergleich der Europaidee bei Saint-Pierre und Rousseau sowie ein Textvergleich der beiden Autoren hinsichtlich ihres Stils und ihres Vokabulars.

Es gelingt der Autorin, trotz der Kürze der Arbeit, wesentliche Punkte herauszuarbeiten und darzustellen: Zunächst ist hierbei auf die Definition Europas selbst einzugehen: Wer gehörte zur angestrebten »Europäischen Union« und wer nicht, d. h. wie definierte sich »Europa« konkret für Saint-Pierre und Rousseau? Interessant ist hier, dass sich in diesem Zusammenhang durchaus Anklänge an die zeitgenössische Debatte zu dieser Thematik finden lassen. So wird der Raum »Europa« sowohl von Saint-Pierre als auch von Rousseau durch die christliche Religion bestimmt, wie die Autorin aufzeigt: »Bei der Suche nach verbindenden Elementen zwischen den einzelnen Ländern Europas deckt sich die Meinung beider Autoren. Sie sehen beide die europäisch christlichen Länder als eine Einheit.« In diesem Sinne widmet sich Saint-Pierre im dritten Band seines Werks auch eigens an die christlichen Herrscher (»Projet de traité pour rendre la paix perpétuelle entre les souverains chrétiens«, 1717) und schließt die Türkei aus seiner europäischen Gemeinschaft aus (S. 27ff.). Jedoch weist die Autorin in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die erste nicht religiöse Europadefinition bereits von Macchiavelli stammt, d. h. zeitlich vor Saint-Pierre entworfen wurde, und auch Saint-Pierres Dialektik stützt sich bei genauerer Betrachtung »nicht mehr auf den christlichen Friedensgedanken, sondern argumentiert säkular« (S. 8). Das religiöse Argument ist demnach ambivalent zu betrachten.

Eine weitere Gemeinsamkeit der beiden Denker lässt sich hinsichtlich der Nüchternheit erkennen mit der beide an das Projekt eines europäischen Friedens herangehen: Obwohl die europäische Idee bei Saint-Pierre streckenweise utopische Züge annimmt, so ist er doch – ähnlich wie Rousseau – von einer in erster Linie utilitaristischen Motivation getrieben. Denn der Friede muss in Europa allein schon aus rationalen und ökonomischen Gesichtspunkten durchgesetzt werden, wie die Autorin unterstreicht: »Hätte man nach Saint-Pierres Meinung die Europäische Union bereits vor 200 Jahren etabliert, wäre Europa viermal reicher als zu dem Zeitpunkt« als Saint-Pierre sein Werk verfasst (S. 16). Es sind also keineswegs ethische Aspekte, die Saint-Pierre zum Frieden bewegen, sondern vor allem am konkreten Nutzen ausgerichtete Handlungsmaßstäbe, die er den Herrschenden an die Hand geben möchte.

Der zentrale Unterschied zwischen Saint-Pierre und Rousseau zeigt sich jedoch in der Herangehensweise an die Europaidee: Während ersterer voller Zuversicht sein Projekt entwirft, es an die Herrschenden adressiert, ihnen schmeichelt und sich mit ihnen zu verbünden versucht, um seine Ideen zur politischen Umsetzung zu bringen, ist Rousseaus Rezeption der Europaidee Saint-Pierres wesentlich charakterisiert durch eine tiefgreifende Skepsis an den herrschenden politischen Verhältnissen (S. 64). Seine scharfe Kritik an der Politik seiner Zeit sowie seine von Misanthropie und Radikalität geprägte Argumentation, lassen Rousseau als einen Vertreter einer neuen Generation erscheinen, die auch eine Änderung der innenpolitischen Lage herbeizuführen beabsichtigte. Dies ist für Rousseau die unabdingbare Voraussetzung für einen dauerhaften Frieden in Europa, wie Witschel hervorhebt: »In den Augen Rousseaus müssten sich, bevor Europa geeint werden könne, die innenpolitischen Verhältnisse radikal ändern« (S. 50). In diesem Zusammenhang wirft Rousseau Saint-Pierre vor, in der Ausführung seiner Europaidee naiv und »wie ein Kind« (ibid.) zu handeln. Letztlich erkennt man somit an der Rezeption der Europaidee Saint-Pierres bei Rousseau einen tiefgreifenden Wandel von der Frühaufklärung (Saint-Pierre), mit ihrem Vertrauen in die Ratio der Herrscher, zur kritischen Wende der späteren Aufklärungsbewegung, die ab Mitte des 18. Jahrhunderts einsetzte, Kulturkritik und Herrschaftskritik verband und in Rousseau einen ihrer markantesten Vertreter hatte.

Laura Witschels Werk arbeitet die dargelegten Unterschiede und Gemeinsamkeiten sehr präzise heraus, jedoch geht die Argumentation an manchen Stellen sehr kleinschrittig voran und gleicht auf manchen Seiten fast einer Inhaltsangabe (vgl. S. 19–27). Aufgrund der sehr weitschweifenden Ausführungen Saint-Pierres – den behäbigen und schweren Stil seiner Werke bemängelten bereits die Zeitgenossen – ist Witschels Resümee auf der anderen Seite jedoch auch wieder hilfreich, da es einen genauen Überblick gibt, was in jedem Abschnitt der Argumentation Saint-Pierres jeweils dargelegt wird und somit einen leichteren Zugang zum Denken Saint-Pierres ermöglicht. Insbesondere für Studierende oder Forscher, die sich erst einen Überblick über Saint-Pierres Europaidee verschaffen wollen, sei daher das Werk empfohlen. Bemängelt werden muss abschließend ein fehlendes Lektorat, durch das manche Tippfehler, die das Lesevergnügen etwas trüben, behoben hätten werden können (vgl. S. 16, 18, 21). Aufgrund der Kürze der Arbeit fällt zudem das Fazit und die Schlussbetrachtung am Ende etwas knapp aus. Die eingehende und präzise Analyse Witschels hätte es durchaus erlaubt, die Zusammenfassung der Ergebnisse ein wenig breiter auszuführen. Hierfür sei für die interessierten Leserinnen und Leser verwiesen auf die umfangreiche Studie von Olaf Asbach3 – auf die sich Laura Witschel in ihrer Arbeit auch produktiv bezieht –, in deren Rahmen das politische Denken Saint-Pierres und Rousseaus eingehend analysiert wird.

1 Charles-Irénée Castel de Saint-Pierre, Projet pour rendre la paix perpétuelle en Europe, hg. von Simone Goyard-Fabre, Paris 1981 (Les Classiques de la politique).

2 Jean-Jacques Rousseau, Écrits politiques, in: Œuvres complètes, hg. von Bernard Gagnebin und Marcel Raymond, Bd. 3 (Bibliothèque de la Pléiade), Paris 1964.

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PSJ Metadata
Silvia Richter
Deutsches Historisches Institut Paris
Von der Utopie zur Wirklichkeit
Die Europaidee des abbé de Saint-Pierre und ihre Rezeption durch Jean-Jacques Rousseau
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Frankreich und Monaco
Ideen- und Geistesgeschichte, Politikgeschichte
18. Jh.
1712-1778
Castel de Saint-Pierre, Charles Irénée (119510952), Projet pour rendre la paix perpétuelle en Europe (7597218-9), Europagedanke (4071026-9), Rezeption (4049716-1), Rousseau, Jean-Jacques (118603426)
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L. Witschel, Von der Utopie zur Wirklichkeit (Silvia Richter)
In: Francia-Recensio 2015/4 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-4/fn/witschel_richter
Veröffentlicht am: 21.12.2015 14:51
Zugriff vom: 07.08.2020 14:41
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