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H. Zmora, The Feud in Early Modern Germany (Frank Kleinehagenbrock)

Francia-Recensio 2015/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Hillay Zmora, The Feud in Early Modern Germany, Cambridge (Cambridge University Press) 2011, XIV–211 p., ISBN 978-0-521-11251-2, USD 110,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Frank Kleinehagenbrock, Würzburg

Ungeachtet der Problematik seiner politischen Haltung und ihres Einflusses auf sein wissenschaftliches Werk hat Otto Brunner unbestreitbar mit seinem Buch »Land und Herrschaft« aus den späten 1930er Jahren für die Beschäftigung mit dem Fehdewesen neue Maßstäbe gesetzt, die bis heute in der Forschung Beachtung finden. Konsequent setzt sich Hillay Zmora in seinem zweiten Buch, das sich mit dem Fehdewesen des ausgehenden Mittelalters befasst, eingangs kritisch mit der Brunner-Rezeption auseinander. Hatte Brunner darauf hingewiesen, dass Fehden legitime Mittel zur Konfliktregulierung gewesen seien, analysieren jüngere Forscher mittlerweile eher ein »komplexes soziales Phänomen« (S. 14), das nicht nur für den europäischen Adel typisch war, sondern ebenso im bäuerlichen Kontext festgestellt werden kann. Insbesondere in »der deutschen Gesellschaft des späten Mittelalters« (S. 18) habe die Fehde einen hohen Stellenwert besessen. In seinen früheren Publikationen hat der Autor den Zusammenhang von Fehde und frühen Ansätzen fürstlicher Staatsbildung betont, in dieser jüngeren Studie möchte er diese in ein allgemeineres Erklärungsmodell für Fehden integrieren.

Auch in dieser zweiten monografischen Auseinandersetzung mit der Fehde stellen teils aus Archiven, teils aus gedrucktem Material herausgearbeitete Beispiele aus Franken die empirische Basis für die Untersuchung dar. Die 278 Fehden, die im Zeitraum zwischen 1440 und 1570 in Franken ausgemacht wurden, werden im Appendix mit Quellenangaben chronologisch aufgelistet. Franken eignet sich aufgrund seiner vielgestaltigen Territorialstruktur, die sich wegen der vielerorts komplexen Herrschaftsverhältnisse nur höchst unbefriedigend kartographisch mit klaren Grenzziehungen erfassen lässt, besonders gut für eine solche Untersuchung. Zudem war gerade das 16. Jahrhundert dadurch geprägt, dass sich das Verhältnis von Fürsten, Grafen und Herren innerhalb und eben auch außerhalb des neu entstehenden Fränkischen Reichskreises, der in Hillay Zmoras Überlegungen keine Bedeutung beigemessen wird, neu austarierte. Die Bindungen von adeligen Geschlechtern (nobles) untereinander, aber auch der Wandel des Verhältnisses von adeligen und fürstlichen Dynastien ist dann der Ausgangspunkt für das erweiterte Erklärungsangebot für die Vielzahl von Fehden im späten 15. Jahrhundert und die zurückgehende Fehdehäufigkeit ab dem zweiten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts (S. 27).

Dies wird in mehreren Schritten belegt: Zunächst wird die Welt des fränkischen Adels mit seinen familiären Bindungen und Wertvorstellungen in den Blick genommen, die den Rahmen für die Entfaltung des Fehdewesens vorgegeben haben. Die Fehdeführenden waren in ein adeliges Netzwerk integriert, das einen Normrahmen vorgab (u. a. S. 45). Es kämpften Menschen gegeneinander, die sich kannten und deren Familien langfristig interagieren mussten. Deswegen hat sich die Gewalt oft auch mehr gegen Sachen (einschließlich Untertanen) als gegen Personen gerichtet (S. 54f.). Wiewohl eine Fehde in kommerzieller Hinsicht verlustträchtig gewesen ist, ist es aber nicht allein um Fragen des Ansehens und der Ehre gegangen. Fehden waren Ausdruck eines bestimmten Wertesystems, in dem die adeligen Fehdeführenden für sich Werbung machen und sich für fürstlichen Militärdienst empfehlen konnten. Entsprechend prägen bestimmte Perspektiven und Moralvorstellungen Berichte über Fehden.

Doch es ging auch um konkrete Werte, die Verteidigung des dynastischen Erbes sowie das Zusammenhalten und den Ausbau des Lehensbesitzes adeliger Familien, die um 1500 aufgrund der demographischen Entwicklung immer mehr untereinander darum konkurrierten. Dies verstärkte die Bedeutung der zumeist fürstlichen Lehenhöfe, schuf Abhängigkeiten und Bindungen und trug auch zur erhöhten Fehdehäufigkeit um 1500 bei. Parallel dazu entwickelte sich freilich das Turnierwesen, das einerseits Möglichkeiten zur Repräsentation und zum symbolischen Konfliktaustrag schuf, andererseits aber auch zum Ausdruck einer gemeinsamen adeligen Kultur wurde. Dies habe sich langfristig auf die Fehdeführung ausgewirkt, als die Fürsten den Adel immer weniger als Verbündete benötigten und sich immer häufiger mit rechtlichen Argumentationen und militärischer Gewalt zu dessen Lasten durchsetzten – ein Trend, der nach dem Wormser Reichsabschied von 1495 verstärkt wurde: Die Fehdeführung von nobles gegen Fürsten ging merklich zurück (Tabelle S. 129), und auch das Selbstverständnis beider Gruppen wandelte sich (S. 143). Der Adel in Franken fand sich immer mehr in den organisierten Strukturen der fränkischen Reichsritterschaft wieder (S. 159). Gegen Ende des Buches wird konsequenterweise »noble« immer mehr durch Wörter aus der Wortfamilie »knight« ersetzt, was durchaus intensiver hätte reflektiert werden können.

Der Niedergang des Fehdewesens steht so nicht mehr nur im Kontext fürstlicher Territorialbildung, sondern ist auch in den Zusammenhang mit dem Reichsreformprozess mit seiner Jahrzehnte langen Institutionen- und Normbildung zu sehen. Hierbei handelt es sich jedoch um einen quasi übergeordneten Staatsbildungsprozess, nämlich den des Reiches. Diesbezüglich könnte die Argumentation intensiviert werden: Das Entstehen von Reichs- und Kreisstandschaft sollte mitbedacht werden. Auch die Veränderungen des Verhältnisses von Grafen und Herren sollten Beachtung finden. Es ist aber ein Verdienst dieses Buches, die Wandlungen ritteradeligen Selbstverständnisses zu einer von den Fürsten unabhängigen adeligen Stellung im Reich am Beispiel der Fehde als kulturgeschichtlichen Wandlungsprozess zu präsentieren.

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PSJ Metadata
Frank Kleinehagenbrock
Deutsches Historisches Institut Paris
The Feud in Early Modern Germany
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Spätes Mittelalter (1350-1500), Frühe Neuzeit (1500-1789)
Deutschland / Mitteleuropa allgemein
Sozial- und Kulturgeschichte
15. Jh., 16. Jh.
1440-1570
Deutschland (4011882-4), Fehde (4153827-4), Adel (4000464-8), Franken (4018093-1)
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H. Zmora, The Feud in Early Modern Germany (Frank Kleinehagenbrock)
In: Francia-Recensio 2015/4 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-4/fn/zmora_kleinehagenbrock
Veröffentlicht am: 21.12.2015 14:51
Zugriff vom: 19.06.2019 00:48
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