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I. G. Marcus, Jewish Culture and Society (Michael Toch)

Francia-Recensio 2015/4 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Ivan G. Marcus, Jewish Culture and Society in Medieval France and Germany, Farnham, Surrey (Ashgate Publishing) 2014, XII–330 p. (Variorum Collected Studies Series, 1047), ISBN 978-1-4724-3634-4, USD 170,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Michael Toch, Jerusalem

»Jewish Culture and Society in Medieval France and Germany« ist die Sammlung von Aufsätzen eines der bedeutendsten heute wirkenden Erforschers der Kultur-, Sozial- und Mentalitätsgeschichte des mittelalterlichen europäischen Judentums. Ein Teil der Aufsätze erschien in Sammelbänden, Festschriften und Ähnlichem, ein Teil in englischsprachigen Fachzeitschriften der Judaistik, kein einziger in allgemeinen Geschichtszeitschriften. Insgesamt war damit das Werk des Autors für die allgemeine Mediävistik nur schwer zugänglich. Dieses Manko ist mit der vorliegenden Veröffenlichung beseitigt. Es mag ein weiterer Schritt auf dem schwierigen Weg der Annäherung zwischen jüdischer und allgemeiner Geschichte sein, eine Annäherung, die in der Forschung der letzten Jahrzehnte deutliche Fortschritte machte und dennoch längst nicht vollständig ist oder auch nur allgemein akzeptiert wird.

Der Band enthält insgesamt 16 Aufsätze aus den Jahren 1978 bis 2006. Wie allgemein bei der Reihe »Variorum Collected Studies« üblich, erscheinen die einzelnen Beiträge ohne neue, durchgehende Paginierung, sondern mit derjenigen der ursprünglichen Ausgabe. Das erleichtert die Orientierung, bedeutet aber auch, dass keiner der Aufsätze ergänzt, korrigiert oder sonstwie auf den neuesten Stand gebracht wurde.

Der Band ist in zwei Teile gegliedert: »The Jews of Medieval Northern France and Germany (Ashkenaz)«, und »Medieval German Pietism (Hasidei Ashkenaz)«. Der Begriff »Ashkenaz« kennzeichnet eine Besonderheit der judaistischen Begrifflichkeit: Für die judaistische Forschung waren das mittelalterliche Nordfrankreich und (West)-Deutschland eine kulturelle Einheit und nicht zwei sprachlich und politisch geschiedene Entitäten. Der erste Teil vereint neun Aufsätze zu unterschiedlichen Aspekten: die Kennzeichnung der Kultur des frühen (10.–11. Jh.) aschkenasischen Judentums als einer jüdisch-christlichen Symbiose, ein Zugang, der die selbstgewollte Abschottungstendenz in der jüdischen Geschichte negiert; die Gründungslegende des aschkenasischen Judentums, genauer gesagt die nicht nur von Juden praktizierte Gewohnheit, die eigenen Ursprünge in einem Herrscherakt Karls des Großen zu suchen; »Raschi’s Historiosophy«, erschlossen aus den Einleitungen zu seinen Bibelkommentaren, ein Versuch, die Geschichte aus theologischen Werken zu rekonstruieren. Der Aufsatz »The dynamics of Jewish renaissance and renewal in the twelfth century« untersucht die neuere Forschungsliteratur auf die inneren Spannungen des jüdischen 12. Jahrhunderts, zwischen beginnender Krise im Gefolge der Kreuzzugsverfolgungen und innerem Wachstum, während der Beitrag »Honey cakes und Torah« eine methodisch bahnbrechende Untersuchung der Einschulungsrituale jüdischer Schulanfänger darstellt und einen Zugang zu der 2004 erschienenen Studie »The Jewish Life Cycle: Rites of Passage from Biblical to Modern Times« bietet. Der Aufsatz »A pious community and doubt« geht den inneren Spannungen zwischen der Bereitschaft zum Märtyrertod und der Anziehungskraft der Kultur der christlichen Mehrheitsgesellschaft nach. Die weiteren Aufsätze sind angesiedelt im Quellenmaterial und der Thematik des »Kiddusch ha-Schem«-Komplexes, die die 1096 erstmals zum Ausdruck kommende und das aschkenasische Judentum im Weiteren prägende Bereitschaft zum Freitod angesichts des Konversionsdruckes vonseiten der christlichen Gesellschaft erörtert.

Gegenüber dieser breiten Palette von Problemen befassen sich die Aufsätze des zweiten Teils des Bandes mit einem Einzelphänomen, das die Forschung seit Langem beschäftigt, die sogenannte »Hasidei Aschkenaz« (»The German Pietists«). Hier geht es um die Begrifflichkeit: eine Bewegung, Gruppe, oder Strömung, bzw. einfach nur eine Familientradition, jedoch mit einem radikal-elitistischen Programm, das einerseits nur von ganz wenigen Personen getragen wurde, andererseits aber tiefgreifend das kulturell-religiöse Selbstverständnis des gesamten aschkenasischen Judentums ab dem 13. Jahrhundert prägen sollte. Diesem Phänomen geht Marcus in einer Reihe von Ausprägungen nach. So untersucht er Rezensionen und Struktur des sogenannten »Buch[s] der Frommen«, des Hauptwerks der Pietisten; das biblische Hohelied im Verständnis der Pietisten, verglichen mit dem Raschis; die Bibelexegese der »Frommen von Aschkenas«; die »Narrative fantasies« im »Buch der Frommen«. Es folgen weitere Detailuntersuchungen bis hin zum Gesamtdeutungsversuch von »The historical meaning of Hasidei Ashkenaz: fact, fiction or cultural self-image«. Mit diesem Überblick sei der Reichtum der vorliegenden Aufsatzsammlung, von Themen, Zugängen und Neuerungen her, kurz angedeutet.

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PSJ Metadata
Michael Toch
Deutsches Historisches Institut Paris
Jewish Culture and Society in Medieval France and Germany
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Frühes Mittelalter (600-1050), Hohes Mittelalter (1050-1350), Spätes Mittelalter (1350-1500)
Frankreich und Monaco, Deutschland / Mitteleuropa allgemein
Jüdische Geschichte
Mittelalter
1000-1500
Frankreich (4018145-5), Deutschland (4011882-4), Aschkenasim (4256207-7)
PDF document marcus_toch.doc.pdf — PDF document, 256 KB
I. G. Marcus, Jewish Culture and Society (Michael Toch)
In: Francia-Recensio 2015/4 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500) | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-4/ma/marcus_toch
Veröffentlicht am: 21.12.2015 14:45
Zugriff vom: 07.08.2020 14:35
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