Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

E. Buchheim, R. Futselaar, Under Fire (Tatjana Tönsmeyer)

Francia-Recensio 2015/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Eveline Buchheim, Ralf Futselaar, Under Fire. Women and World War II, Amsterdam, Hilversum (Uitgeverij Verloren) 2014, 188 p. (Yearbook of Women’s History/Jaarboek voor Vrouwengeschiedenis, 34), ISBN 978-90-8704-475-6, EUR 20,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Tatjana Tönsmeyer, Wuppertal/Essen

Zum zweiten Mal seit 1995 widmet das »Yearbook of Women’s History/Jaarboek voor Vrouwengeschiedenis« dem Zweiten Weltkrieg ein Themenheft – nicht, um Frauen, wie es das Stereotyp lange wollte, als Mütter, Opfer oder Pflegerinnen abzubilden. Vielmehr leuchten die beiden Herausgeber, Eveline Buchheim und Ralf Futselaar, vielfältige Zusammenhänge aus, in denen Frauen ihr Leben im Zweiten Weltkrieg gestalteten, mit Belastungen umgingen und Chancen, die sich ihnen eröffneten, ergriffen. Weibliche »agency« ist damit ihr Zentralbegriff. Die vor allem biografiegeschichtlich geprägten Beiträge widmen sich dabei vielfältigen Kontexten und thematisieren sowohl Frauenleben auf der Seite der Achsenmächte wie auch in den besetzten Staaten, mögen sie Widerstandskämpferinnen gewesen, als Jüdinnen verfolgt worden oder vor allem damit befasst gewesen sein, ihren Alltag zu bewältigen. Auch beschränken sich die Beiträge nicht auf Europa, sondern schließen Südostasien, besonders in China und Japan, mit ein.

Ohne auf alle Beiträge gleichermaßen eingehen zu können, seien einige beispielhaft hervorgehoben. So zeigt Toni Moranz i Ariño die Mitglieder der faschistischen Sección Femenina als politisch handelnde Frauen, die keine Vorbehalte hatten, jene Demokratie zu zerstören, die ihnen erst wenige Jahre zuvor individuelle Rechte zugestanden hatte. Vielmehr propagierten sie die Ziele der Falange und bauten nach dem Ende des Bürgerkriegs Kontakten zu faschistischen bzw. nationalsozialistischen Frauenorganisationen in Italien und Deutschland auf. Dadurch erschlossen sie sich, entgegen dem auf Häuslichkeit abhebenden Frauenbild, über den nationalen politischen Raum hinaus auch eine internationale Sphäre, wurden sie doch bei Auslandsreisen als Repräsentantinnen ihres Heimatlandes betrachtet. Wie »männlich« Ideologie und Repräsentationen des Faschismus in ihrer überwiegenden Mehrzahl auch gewesen sei mögen: In ihrem Engagement für das faschistische Projekt erwiesen sich Frauen der Sección Femenina als politische Akteurinnen, die sich neue Handlungsspielräumen zu erschließen wussten.

Einen weiteren thematischen Zusammenhang, der ebenfalls lange durch die Ausblendung weiblicher Protagonistinnen gekennzeichnet war, behandelt William Bradley Horton. Er nutzt die Reisen der japanischen Schriftstellerin und Journalistin Hayashi Fumiko, die diese im Regierungsauftrag nach Südostasien unternahm, als eine Art Brennglas, um anhand ihrer Begegnungen mit einheimischen Frauen wie auch entsandten weiblichen Hilfskräften der japanischen Armee auf die Vielfalt von gegenderten Interaktionszusammenhängen zu verweisen. Diese würden in der japanischen Historiografie bis heute zwar nicht direkt tabuisiert, aber seien doch weitgehend vergessen, weil sie sich vor allem auf Quellen stützte, in denen Frauen nicht vorkämen.

Ein Thema, das sich in Variationen wiederfindet, sind die vermeintlichen oder tatsächlichen Kontakte mit dem Feind, für die sich Frauen in allen Nachkriegsgesellschaften verantworten mussten. Während in Frankreich dafür der Begriff der »Horizontalen Kollaboration« geprägt wurde, waren in den Niederlanden im Oktober 1945 fast 24 000 Frauen wegen »Kollaboration« interniert und stellten damit ein Viertel aller in diesem Sinne verdächtigten Personen. Ihre Zahl lag in Belgien niedriger, doch machte sich angesichts der Inhaftierungen, so Helen Grevers, in beiden Ländern moralische Panik breit, denn man fürchtete, dass die Frauen durch die Haft »moralisch degenerieren« würden. Ähnlich sah sich auch ein Teil der inhaftierten Frauen sittlichen Gefährdungen ausgesetzt, weil sie zusammen mit Prostituierten einsaßen, denen gegenüber sie bei den Behörden ihre eigene Respektabilität als Ehefrauen und Mütter verteidigten. Da die Behörden die Sorgen teilten, sollte diese Gruppe möglichst bald aus der Haft entlassen werden: Weiblichkeit und damit traditionelle Geschlechterrollen bestimmten zunehmend den öffentlichen Diskurs, Fragen nach krimineller oder politischer Täterschaft wurden dem nachgeordnet.

Rollenzuschreibungen und Wahrnehmungsmuster sind somit einer der roten Analyse-Fäden, die sich durch die hier versammelten Beiträge ziehen. Agency entwickelten die Protagonistinnen dabei nicht selten durch ein vermeintliches Eingehen auf gesellschaftliche Erwartungen, das sie mit der Verfolgung eigener Ziele zu verbinden wussten – ob hinsichtlich ihrer Bildung, Berufstätigkeit oder sexuellen Autonomie. Die im Band versammelten Einzelschicksale fordern somit dazu auf, Fragen nach jenen Chancen, die Krieg und Besatzung auch Frauen eröffneten, systematisch zu stellen. Dies schließt gerade auch jene nach den gegenderten sozialen Normen und Wahrnehmungsmustern kriegführender und besetzter Gesellschaften ein, in denen sich Frauen bewegten und deren Teil sie waren, spiegelte sich in ihnen doch wider, welche Rollen für Frauen in den Kriegs- und Nachkriegsjahren als akzeptabel galten. Dies würde auch und gerade für eine Erfahrungsgeschichte der Besatzung im Zweiten Weltkrieg gelten, die angesichts der Tatsache, dass Männer bestimmter Jahrgänge vielfach eingezogen, gefallen oder in Kriegsgefangenschaft waren, in besonderem Maße geschlechter- und generationensensibel betrieben werden sollte. Man darf daher hoffen, dass in nicht zu ferner Zukunft das »Yearbook of Women’s History/Jaarboek voor Vrouwengeschiedenis« sich in diesem Sinne erneut mit den Kriegsjahren beschäftigen wird und damit weiter zu einer gegenderten Erzählung des Zweiten Weltkriegs beiträgt.

Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

PSJ Metadata
Tatjana Tönsmeyer
Under Fire
Women and World War II
de
CC-BY-NC-ND 4.0
PDF document buchheim_toensmeyer.doc.pdf — PDF document, 324 KB
E. Buchheim, R. Futselaar, Under Fire (Tatjana Tönsmeyer)
In: Francia-Recensio 2015/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-4/zg/buchheim_toensmeyer
Veröffentlicht am: 21.12.2015 14:54
Zugriff vom: 16.10.2019 17:19