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    K. Mertsching (Bearb.), Quellen zur Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung im 20. Jahrhundert (Werner Bührer)

    Francia-Recensio 2015/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Klaus Mertsching (Bearb.), Quellen zur Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung im 20. Jahrhundert. Bd. 16: Der Deutsche Gewerkschaftsbund 1969–1975, Bonn (Dietz) 2013, 1040 S.,
    ISBN 978-3-8012-4218-3, EUR 78,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Werner Bührer, München

    Der DGB geizte nicht mit Lob für die erste Regierungserklärung des neuen Bundeskanzlers Willy Brandt: »im Gegensatz zu allen Regierungserklärungen seit 1949« seien »dieses Mal die Wünsche der Arbeitnehmer und ihrer Gewerkschaften in hohem Maße berücksichtigt« worden, hieß es in einer Stellungnahme vom 28. Oktober 1969. Einen Freibrief wollte der DGB der sozialliberalen Koalition allerdings nicht ausstellen. Er werde die neue Bundesregierung »daran messen, inwieweit sie ihre Pläne in die Tat umsetzen« werde (S. 121). Umgekehrt ließ aber auch der Kanzler die Gewerkschaften nicht darüber im Unklaren, was die Bundesregierung von ihnen erwarte. Sie sollten ihr insbesondere »gegenüber veralteten Vorstellungen und feindseligen Angriffen den Rücken freihalten« und an der »internationalen Absicherung der deutschen Friedenspolitik« mitwirken (S. 174). Wie sich das Verhältnis zwischen dem gewerkschaftlichen Dachverband und der Bundesregierung in der ersten Hälfte der 1970er Jahre entwickelte, kann man im neuen Band der höchst verdienstvollen Edition zur Gewerkschaftsgeschichte nachlesen.

    Das »Quellengerüst« (S. 69) stellen die zum Teil gekürzt abgedruckten Protokolle des monatlich tagenden DGB-Bundesvorstands dar, die im Archiv des DGB im »Archiv der sozialen Demokratie« (AsD) der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn aufbewahrt werden. Anhand dieser Protokolle lässt sich der keineswegs konfliktfreie Willensbildungsprozess im »zentralen Entscheidungsorgan« der Gewerkschaften kontinuierlich und differenziert nachvollziehen. Ergänzt wird dieser Kernbestand u. a. durch Korrespondenz des DGB-Vorsitzenden Vetter mit den Kanzlern Brandt und, seit Mai 1974, Helmut Schmidt, Sitzungsprotokolle des SPD-Gewerkschaftsrats sowie Sachakten federführender Abteilungen des DGB-Bundesvorstands. Von großem Wert sind überdies die in den Fußnoten enthaltenen Hinweise auf zusätzliche Überlieferungen im AsD, einschlägige Gewerkschaftspublikationen und Forschungsliteratur.

    Die Vorstandsprotokolle spiegeln die »immense Breite gewerkschaftlicher Reflexion« (S. 12) wider, wie der Bearbeiter in seiner ausgezeichneten Einleitung zu Recht betont. Ungeachtet der in der Tat beeindruckenden thematischen Vielfalt – von der Bildungspolitik über die »Humanisierung der Arbeitswelt« bis zur »Verbesserung der Lebensqualität« – lassen sich doch einige Themenschwerpunkte erkennen. Dazu zählen vor allem die Reform des Betriebsverfassungsgesetzes und der Mitbestimmung, die »Konzertierte Aktion« – das korporatistische Arrangement institutionalisierter, regelmäßiger Gespräche mit Regierung und Arbeitgebern –, die jährlich vorgelegten Zielprojektionen – eine Art Arbeitsprogramm für das kommende Jahr – und die gewerkschaftliche »Außenpolitik«. Letztere bedeutete doch häufig »Ostpolitik«, auch wenn der DGB bestrebt war, »eine Politik nach beiden Seiten« (S. 190) zu betreiben, also auch die transnationalen Beziehungen nach Westeuropa und in die USA zu pflegen. Vor allem beim Thema Mitbestimmung wird deutlich, dass die anfänglich hohen Erwartungen des DGB arg enttäuscht wurden: Auf Kritik stießen besonders die »fehlende Parität« und die »Gruppenrechte leitender Angestellter« (S. 839). Der von der Bundesregierung vorgelegte Gesetzentwurf sei deshalb für die Gewerkschaften »nicht akzeptabel« (S.  835). Dennoch stellten die 1970er Jahre, hier ist der Deutung des Bearbeiters zweifellos zuzustimmen, ein »goldenes Jahrzehnt« für die deutsche Gewerkschaftsbewegung dar, geprägt durch »kontinuierliche Mitgliederzuwächse, erfolgreiche Tarif- und Streikbewegungen und sozialpolitische Reformen« (S. 9). Gewerkschaftsmitglieder bekleideten wichtige Ämter in der Bundesregierung, ihr Anteil an den Bundestagsabgeordneten lag bei fast 50%. Kein Wunder, dass von Seiten der Unternehmerschaft und der Wirtschaftspresse der Vorwurf erhoben wurde, die Bundesrepublik befände sich auf dem Weg in einen »Gewerkschaftsstaat« – ein Vorwurf, gegen den sich nicht nur der DGB, sondern auch Bundeskanzler Schmidt entschieden verwahrten.

    Kurzum, wer sich für die wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Entwicklungen und die sie begleitenden Debatten in der ersten Hälfte der 1970er Jahre interessiert und überdies etwas über die Organisationsgeschichte und die damals wichtigsten Akteure des DGB und der Einzelgewerkschaften erfahren möchte, dem sei dieser Band dringend empfohlen.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

    PSJ Metadata
    Werner Bührer
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Sozial- und Kulturgeschichte
    1960 - 1969, 1970 - 1979
    1969-1975
    Deutscher Gewerkschaftsbund (2008287-3)
    PDF document dowe_buehrer.doc.pdf — PDF document, 251 KB
    K. Mertsching (Bearb.), Quellen zur Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung im 20. Jahrhundert (Werner Bührer)
    In: Francia-Recensio 2015/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-4/zg/dowe_buehrer
    Veröffentlicht am: 21.12.2015 14:55
    Zugriff vom: 16.10.2019 17:04