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M. Fulbrook, A Small Town near Auschwitz (Stephan Lehnstaedt)

Francia-Recensio 2015/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Mary Fulbrook, A Small Town near Auschwitz. Ordinary Nazis and the Holocaust, Oxford (Oxford University Press) 2012, XVII–421 p., ISBN 978-0-19-960330-5, GBP 20,00.


rezensiert von/compte rendu rédigé par

Stephan Lehnstaedt, Warschau

Sollte man als Historikerin ein Buch darüber schreiben, was die Taufpatin, die beste Freundin der eigenen Mutter, während des Zweiten Weltkriegs im besetzten Polen gemacht hat? Insbesondere, wenn der Mann dieser Freundin Landrat in Będzin (von den Deutschen Bendsburg genannt) war, einer Kleinstadt in Ostoberschlesien, von wo die jüdische Bevölkerung von fast 18 000 Personen ins unweit gelegene Auschwitz deportiert und ermordet wurde? Mary Fulbrook hat es getan und diese Herausforderung glänzend bewältigt. Ihre Studie, die tatsächlich viel mehr von dem Landrat Udo Klausa als von seiner Frau Alexandra handelt, dekliniert das Thema »gewöhnliche Deutsche und der Holocaust« aus sehr persönlicher Perspektive durch, und gerade diese emotionale Nähe und Vertrautheit erlaubt eine bemerkenswerte Eindringtiefe. Sie wird gleichzeitig stets reflektiert und offen ausgesprochen, so dass Fulbrook auch ein instruktives Beispiel dafür abliefert, wie denn mit derartigen Beziehungen umgegangen werden kann, ohne auf einen hohen wissenschaftlichen Maßstab zu verzichten.

Der Jurist Klausa war seit Februar 1940 Landrat in Będzin und hat neben umfangreichen Memoiren zahlreiche zeitgenössische Briefe hinterlassen. Seine Familie stammt ursprünglich aus Oberschlesien, war in der Region bestens vernetzt und u. a. mit den Henckel von Donnersmarcks befreundet. Klausa war im Februar 1933 in die NSDAP eingetreten und hatte vor seinem Einsatz in Polen zunächst in Böhmen und Mähren sowie im Warthegau Erfahrungen als Besatzer sammeln können, wobei er seinen Vorgesetzen als zuverlässiger Arbeiter in Erinnerung blieb. Sein Karrierestreben brachte ihm in jungen Jahren bereits den Landratsposten in Będzin, selbst wenn Klausa sich für wenige Wochen noch freiwillig zur Wehrmacht meldete, um im Frankreich-Feldzug ein paar Lorbeeren zu verdienen.

In Będzin richtete sich die Familie gemütlich in einer arisierten jüdischen Villa ein, wo sich die Ehefrau allerlei Hausrat günstig aneignen konnte – und zugleich über die Verhältnisse in Polen und die dortigen Menschen schimpfte. Sie und ihr Mann sprachen damit weitverbreitete Vorurteile aus. Die Deportation von 15 000 Juden im Sommer 1942 beklagte Alexandra Klausa als »schlimmer als die sowjetischen Verbrechen«, hatte aber vor allem Selbstmitleid, weil sie diese Grausamkeiten erleben musste. Ihr Mann, der im Mai 1942 trotz gesundheitlicher Probleme permanent mit dem Landratsposten betraut wurde, meldete sich im Dezember erneut zur Wehrmacht; die Familie verließ die Stadt im August 1943, nach der endgültigen Ghettoräumung.

Akribisch kann Fulbrook die Unschuldsbehauptungen Klausas wiederlegen, der nach dem Krieg – teilweise in Ermittlungsverfahren – seine Abwesenheit beim Militär mit den NS-Verbrechen zu erklären versuchte, mit denen er auf diese Weise nichts zu tun haben wollte bzw. von denen er gar keine Kenntnis erlangt habe. Mit dieser Argumentation befand er sich in guter Gesellschaft, wie unter anderem die Akten der Ludwigsburger Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zeigen: Klausas Kollegen und Vorgesetzte aus der Region, egal ob aus Verwaltung oder SS, gaben unisono an, nicht einmal vom Judenmord gewusst zu haben.

Die Interpretation von Klausas Handeln fällt vielschichtig aus und ist auch ein Plädoyer gegen Determinismus und Monokausalität, beispielsweise weil Alexandra Klausa während der Ghettoauflösung für wenige Tage einen ihr persönlich bekannten Juden versteckte. Am Ende attestiert Fulbrook aber dennoch eine Ignoranz gegenüber den Opfern und eine mangelnde Schuldeinsicht bis in die Nachkriegszeit, mit einer Sympathie für die NS-Politik vor 1945. Nicht zuletzt spricht dafür ein Bericht über eine Familienreise nach Będzin 1989: Ein Foto der Hauptstraße ist kommentiert mit den Worten, dass sie in der kurzen deutschen Zeit nicht so heruntergekommen gewesen sei (S. 331).

Udo Klausa steht damit für so viele niedere und mittlere Funktionäre des Nationalsozialismus, ohne die dieser nie möglich gewesen wäre. Auch seine Frau fügt sich in das Bild, selbst wenn der Vergleich mit der jüngeren Sophie Scholl wohl etwas unfair ist, weil damit exzeptionelle moralische Standards angelegt werden; richtig ist aber auch, dass bloße Kritik an der Art und Weise des Massenmords – verbunden mit Selbstmitleid – wohl kaum etwas mit persönlicher Integrität zu tun haben. Typisch ist schlussendlich, dass die Klausas nach dem Krieg ein normales Leben als gute Staatsbürger führten und die Freundschaft etwa mit Fulbrooks Mutter, die kurz nach 1933 bereits vor Hitler geflohen war, nahtlos wieder aufnahmen.

Am Ende plädiert Fulbrook für eine Geschichte, die Täter und Opfer gleichzeitig in den Blick nimmt. Sie selbst bindet in ihre Darstellung immer wieder Zeugnisse von jüdischen Überlebenden ein, aber deren Relevanz für die eigene Analyse und Fragestellung ist nicht immer erkennbar – und dass die Opfer eine andere Sichtweise auf das Geschehen als die Klausas hatten, wohl offensichtlich. Gerade in dieser Hinsicht zeigt die Studie trotz umfassender Archivrecherchen Schwächen: Die durchaus ergiebige polnische Literatur hat Fulbrook nicht ausgewertet, das Schicksal der polnischen Mehrheitsbevölkerung blendet sie vollkommen aus – übernimmt dafür aber unkritisch die Zahl von sechs Millionen Opfern aus Polen, was zutreffend von drei Millionen Juden, aber weit übertrieben von ebenso vielen toten Polen ausgeht (S. 19).

So wie Oberschlesien von polnischer Seite aus gut erforscht ist und hier nicht rezipiert wird, muss auch die Kontextualisierung innerhalb der Täterforschung als eher schwach bezeichnet werden. Fulbrook weist lediglich zweimal allgemein auf die zentrale Studie von Markus Roth (beide Male als »Michael Roth« bezeichnet) zu den Kreishauptleuten im Generalgouvernement hin, freilich ohne näher darauf einzugehen; zudem bleibt die eigentliche Rolle der Zivilverwaltung für Besatzung und Holocaust in Ostoberschlesien blass. Allerdings hat die Täterforschung für die Stellung der Administration neben und ihre Kooperation mit der SS wertvolle Beiträge geleistet, die insbesondere im Rahmen eines Vergleichs gewinnbringend genutzt werden könnten. Dies hätte der Einordnung von Klausas Verhalten deutlich mehr Aussagekraft verliehen. So hat dieses Buch am Ende zwar viele Stärken – nicht zuletzt die gute Lesbarkeit trotz manch ärgerlicher Fehler bei deutschen und polnischen Schreibweisen – aber durchaus auch gewisse Schwächen.

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PSJ Metadata
Stephan Lehnstaedt
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Zeitgeschichte (1918-1945)
Europa
Jüdische Geschichte
20. Jh.
1939-1945
Be̜dzin (4559259-7), Judenverfolgung (4028814-6), Landrat (4166616-1), Nationalsozialismus (4041316-0), Klausa, Udo (189448229)
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M. Fulbrook, A Small Town near Auschwitz (Stephan Lehnstaedt)
In: Francia-Recensio 2015/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-4/zg/fulbrook_lehnstaedt
Veröffentlicht am: 21.12.2015 14:55
Zugriff vom: 16.10.2019 19:18