Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

    D. Moulinet, Prêtres soldats dans la Grande Guerre (Hans-Ludwig Selbach)

    Francia-Recensio 2015/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Daniel Moulinet, Prêtres soldats dans la Grande Guerre. Les clercs bourbonnais sous les drapeaux, Rennes (Presses universitaires de Rennes) 2014, 336 p., ISBN 978-2-7535-2947-2, EUR 19,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Hans-Ludwig Selbach, Bergisch Gladbach

    Moulinets Werk unterscheidet sich in bemerkenswerter Weise von bisherigen Arbeiten zum schwierigen Verhältnis von katholischer Kirche und französischem Staat im Ersten Weltkrieg. Der Kirchenhistoriker an der Katholischen Universität von Lyon hat ein außergewöhnliches Konvolut von 2175 erhaltenen Briefen im Archiv der Diözese Moulins nach verschiedenen Kriterien untersucht. Sie stammen von 138 früheren Priestern und Seminaristen des Bistums, die als Wehrpflichtige im Weltkrieg dienten, und waren an den Rektor des Priesterseminars, Abbé Arthur Sébastien Giraud, gerichtet. Während des gesamten Krieges wirkten sie in unterschiedlichen Funktionen an allen Fronten.

    Zu Beginn gibt der Verfasser einen Überblick über die Situation des Klerus und des Priesterseminars der Diözese Moulins zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In dem überwiegend ländlich geprägten Bistum der historischen Provinz des Bourbonnais in der Mitte Frankreichs war die religiöse Praxis nur noch schwach entwickelt. Eine wesentliche Ursache für die latent antiklerikale Haltung der bäuerlichen Bevölkerung ist in der Abhängigkeit von Großgrundbesitzern zu suchen. Diese Zusammenhänge könnten zum besseren Verständnis deutlicher dargestellt werden. Schwere, letztlich entscheidende Angriffe auf das bestehende katholische Schulwesen und die kirchliche Praxis im Bistum waren die Folge der gegen die Ordenskongregationen gerichteten Gesetze und der vollständigen Trennung von Staat und Kirche in den Jahren 1901 bis 1904/1905.

    Seit 1907 war Abbé Arthur Sébastien Giraud (1863–1948) Rektor des grand séminaire. Ihm vertrauten die Priester-Soldaten und Seminaristen, öffneten im Krieg ihr Herz in den Briefen, die den Hauptteil des Buches darstellen. Zu seinen Seminaristen hatte Giraud ein fast väterliches Verhältnis, das von einer tiefen, christozentrischen Spiritualität bestimmt wurde. Ein weiterer Abschnitt beleuchtet die Situation des Klerus, der Diözese und des Seminars während des Krieges. Moulinet gliedert die militärische Verwendung der fast 200 bis Kriegsende einberufenen Priester und Seminaristen genau auf. Sie dienten als gewöhnliche Soldaten, Krankenträger, Sanitäter oder in anderen Funktionen. Bei den Kämpfen starben 13 Priester und 7 Seminaristen des Bistums. Der Verfasser kritisiert die fehlende Empathie des Bischofs für das Schicksal der Priester und Seminaristen seiner Diözese im Kriegsdienst. Mgr. Jean Penon wandte sich erst ab 1917 in Pastoral- und Hirtenbriefen speziell an die eingezogenen Geistlichen. Nach dem Krieg litt die Kirche im Bourbonnais schwer unter den durch die laizistischen Gesetze verursachten Problemen, ein großer Teil der männlichen Bevölkerung wandte sich von der Religion ab.

    Im folgenden Kapitel skizziert Moulinet beispielhaft Lebenslauf und Persönlichkeit von neun der 138 Geistlichen, die mit Abbé Giraud im Krieg korrespondierten. Die Porträtierten verbindet ihre Sicht der Brutalität des Krieges, Verzweiflung, schmerzhafte Leere und Einsamkeit angesichts der unermesslichen Verluste und des Leids. Zugleich erleben sie den Krieg als Prüfung, in der sie durch Spiritualität Stärke erfahren.

    In den beiden nächsten Abschnitten zeigt sich sehr eindrucksvoll, in welcher Weise die Priester-Soldaten und Seminaristen die schwere Bürde, den Druck und die Gewissensqual ihrer doppelten Rolle als Soldat und Seelsorger zu bewältigen versuchten. Auch ihre Selbstwahrnehmung als Priester unter Soldaten wird analysiert. Dabei sind gewisse thematische Überschneidungen unvermeidlich. Obwohl sie wie ihre Kameraden unter den entmenschlichten Bedingungen an der Front und der Zerstörungskraft der Waffen litten, entwickelten die Geistlichen kaum Hassgefühle gegenüber den Deutschen. Für viele war der Dienst in ihrer jeweiligen Funktion ein persönlicher Weg der Nachfolge Christi. Manchmal konnten sie mit Soldaten, die keine oder nur sehr geringe religiöse Kenntnisse besaßen, bestimmte Formen der Frömmigkeit praktizieren. Als Geistliche hatten sie unter den Soldaten einen besonderen Status, spürten die Grenzen der gerühmten »Brüderlichkeit der Schützengräben«. Man erwartete von ihnen spirituellen Halt in schwierigen Momenten – vor einem Angriff oder bei einer Verwundung. Bei ihrer Tätigkeit waren die Geistlichen im Sanitätsdienst schweren psychischen Belastungen ausgesetzt, als Pfleger im Lazarett bei der Betreuung von Verwundeten und Sterbenden. Beim Einsatz als Krankenträger und Sanitäter an der Front befanden sie sich zudem in ständiger Lebensgefahr. Zumeist konnten sie aber dabei auch als Seelsorger wirken. In den Briefen wird deutlich, dass sie es als ihre wichtigste Aufgabe ansahen, den Sterbenden geistlichen Beistand zu leisten und ihnen die Krankensalbung zu spenden.

    Moulinet dokumentiert anschließend, in welcher Weise die Priester-Soldaten und Seminaristen sich ihrem Vertrauten Giraud zum Spannungsverhältnis zwischen persönlichem Glauben und der Kriegsrealität offenbarten. In zahlreichen Briefen lässt sich die grundsätzliche Einsicht in die Notwendigkeit des Krieges und die Bejahung der Union sacrée (Überwindung bisheriger politischer Konflikte angesichts einer notwendigen Kriegskoalition zur Verteidigung der Nation) erkennen. Allgemein ist Entsetzen über das persönlich Erlebte zu spüren. Das Schicksal Frankreichs im Krieg wird mit dem unmittelbaren Wirken Gottes in Verbindung gebracht. In den Trennungsgesetzen und im Laizismus sehen die Verfasser der Briefe eine Abkehr von Frankreichs Berufung als »älteste Tochter der Kirche«. Der Krieg ist für sie gleichsam die göttliche Strafe, die Frankreich zur Umkehr bewegen soll. Mit Verbitterung registrieren die Geistlichen, dass trotz des hohen Blutzolls der jungen Soldaten bei kirchlichen Trauerfeiern mit offiziellen Feldgeistlichen staatliche Symbole, z. B. die Trikolore, fehlen und empfinden dies als Ablehnung der Union sacrée.

    In den beiden letzten Kapiteln beleuchtet der Autor, wie die dienstpflichtigen Kleriker des Bistums Moulins ihr geistliches Leben gestalteten. In den Briefen an ihren Mentor betonen sie die Bedeutung des Gebets zu Christus und die Feier der Messe für ihren persönlichen Glauben. Das Bemühen um die Nachfolge Jesu in seinem Leiden hilft ihnen, auch bei Gefahr gelassen zu bleiben, wobei das Zurückstellen des eigenen Willens als persönliches Sühneopfer gesehen wird. Neben der Verehrung Mariens, der Thérèse von Lisieux und Jeanne d’Arcs ist vielen auch die Herz-Jesu-Verehrung wichtig.

    Moulinets Darstellung wird durch die Einbeziehung der einschlägigen wissenschaftlichen Literatur sowie durch biografische Angaben zu mehr als 200 Geistlichen ergänzt. Ein Bildteil von 16 Seiten rundet die bemerkenswerte Arbeit ab. Die Ergebnisse der herausragenden Analyse dürften jedoch, weit über die Kleriker des Bistums Moulins hinaus, mit gewissen Einschränkungen Befindlichkeit und Selbstverständnis des Großteils der etwa 33 000 rekrutierten Priester-Soldaten, Seminaristen und Ordensleuten der französischen Armee widerspiegeln. Sie unterstützen die Union sacrée, an ihrem Patriotismus gab es keinen Zweifel, doch das undankbare Vaterland stand ihrem Dienst im Krieg misstrauisch und weitgehend gleichgültig gegenüber.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

    PSJ Metadata
    Hans-Ludwig Selbach
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
    Frankreich und Monaco
    Kirchen- und Religionsgeschichte, Militär- und Kriegsgeschichte
    1900 - 1919
    1914-1918
    Französischer Soldat (4301343-0), Geistlicher (4137184-7), Weltkrieg 1914-1918 (4079163-4), Militärgeistlicher (4169961-0), Frankreich (4018145-5)
    PDF document moulinet_selbach.doc.pdf — PDF document, 329 KB
    D. Moulinet, Prêtres soldats dans la Grande Guerre (Hans-Ludwig Selbach)
    In: Francia-Recensio 2015/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-4/zg/moulinet_selbach
    Veröffentlicht am: 21.12.2015 14:55
    Zugriff vom: 07.08.2020 14:27