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S. Salzborn, Antisemitismus (Oliver Schulz)

Francia-Recensio 2015/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Samuel Salzborn, Antisemitismus. Geschichte, Theorie, Empirie, Baden-Baden (Nomos) 2014, 211 S. (Interdisziplinäre Antisemitismusforschung, 1), ISBN 978-3-8487-1113-0, EUR 39,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Oliver Schulz, Clermont-Ferrand

Antisemitisches Denken und Handeln ist leider immer noch und nicht nur in der Bundesrepublik Deutschland ein drängendes gesellschaftliches Problem, das nicht auf einzelne politische Lager und gesellschaftliche Gruppen begrenzt ist und häufig im Gewand der Globalisierungs- und Kapitalismuskritik oder noch offensichtlicher der »Israelkritik« und antizionistischer Tendenzen daherkommt. Dieses Problem wird weiter verschärft durch Entwicklungen in westlichen Einwanderungsgesellschaften, in denen zunehmend ein häufig von der Bezugnahme auf den Nahostkonflikt befeuerter muslimischer Antisemitismus an Einfluss gewinnt und auch zu politischer Gewalt auf Europas Straßen führen kann. Die Ausschreitungen bei den Gaza-Demonstrationen im Sommer 2014 sind hier nur ein Beispiel für diese Tendenzen1.

Nicht nur vor dem Hintergrund der aktuellen Situation ist es daher sehr zu begrüßen, dass der Göttinger Politikwissenschaftler Samuel Salzborn eine Veröffentlichung zum Antisemitismus vorgelegt hat, die Geschichte, Theorie und Empirie gleichermaßen behandelt. Der 2014 im Nomos-Verlag erschienene Band vereint 15 bereits veröffentlichte Texte Salzborns, die in den drei Abschnitten »Historische Kontextualisierungen«, »Theoretische Reflexionen« und »Empirische Befunde« erneut abgedruckt wurden. Die Orte des Erstabdrucks weisen eine erhebliche Bandbreite auf und reichen von wissenschaftlichen Sammelbänden und Zeitschriften wie den »Blättern für deutsche und internationale Politik« oder der »Österreichischen Zeitschrift für Politikwissenschaft« über die »Jüdische Allgemeine« bis hin zu der Zeitung »Jungle World«.

Angesichts dieser Vielfalt und der erheblichen thematischen Bandbreite der Beiträge ist es naturgemäß schwer, diesen Band als Ganzes zu besprechen: Sehr kurze journalistische Artikel über die Ambivalenz Jean-Jacques Rousseaus gegenüber dem Judentum oder die Debatten über die Umbenennung von nach Antisemiten benannten bzw. antisemitisch konnotierten Straßennamen, stehen neben längeren Aufsätzen, die sich mit der Genese des Antisemitismus in Europa, Antisemitismustheorien und Gender, latentem Antisemitismus oder antizionistischem Antisemitismus in der Partei »Die Linke« auseinandersetzen.

Im Folgenden können daher nur einige Punkte angesprochen werden, die dem Rezensenten besonders wichtig erscheinen. Generell könnte aus der Sicht des Historikers prinzipiell die Methodik im Umgang mit historischem Material bemängelt werden. Hier entsteht zuweilen der Eindruck, als gehe es vor allem darum, eine bereits bestehende These nur noch mit Belegen aus der Sekundärliteratur und gedruckten Quellen zu belegen. Deutlich wird dies etwa an dem ersten längeren Artikel »Die Genese des Antisemitismus in Europa«. Hier benennt der Autor zwar zahlreiche richtige und wichtige Dinge wie den sozialdarwinistischen Rassismus, wie er sich im 19. Jahrhundert in Deutschland, Großbritannien und Frankreich manifestierte, die zunehmende Bedeutung von Antisemitenparteien, vor allem in Mitteleuropa, oder die Pogrome im spätzaristischen Russland. Gleichwohl geschieht dies auf einer sehr schmalen Quellenbasis und ist zudem auch nicht durchgehend europäisch ausgerichtet, was allerdings angesichts der wenigen zur Verfügung stehenden Seiten nicht weiter verwundert. Nicht nur angesichts des Mangels an vergleichenden und transnationalen Studien in der Antisemitismusforschung ist hier allerdings bereits ein umfangreiches Forschungsfeld benannt, das in weiteren Arbeiten mit dem Instrumentarium des Historikers bearbeitet werden sollte.

In dem Aufsatz »Antisemitismus und nationaler Opfermythos« (S. 27–42) macht Salzborn in der Bundesrepublik einen Gegensatz zwischen einer »hoch spezialisierten Forschung« einerseits und einer »historisch desorientierten und weitgehend faktenresistenten deutschen Bevölkerung« andererseits aus (S. 27). Diese Behauptung fällt dann angesichts der sehr intensiven Beschäftigung mit der NS-Vergangenheit auch außerhalb des Wissenschaftsbetriebs vielleicht doch etwas zu scharf aus, wird aber als Provokation hoffentlich zu weiteren Überlegungen und Forschungen in diesem Gebiet anregen. Ähnliches lässt sich sagen über die Behandlung des Themas »Flucht und Vertreibung«. Auch hier erscheint die Argumentation als etwas pauschalisierend, verkürzend und leicht holzschnittartig, wenn beispielsweise die deutsche Bevölkerung in den bis 1945 zum Deutschen Reich gehörenden Gebieten wie Schlesien, Pommern und Ostpreußen und die sog. »Volksdeutschen« aus dem östlichen Mitteleuropa miteinander vermengt werden. Andererseits liest sich dieser Beitrag aber auch als deutliches Plädoyer für eine umfassende wissenschaftliche Beschäftigung mit der Geschichte des Bundes der Vertriebenen, der Landsmannschaften und der nachgegliederten Organisation der früheren Landkreise sowie der Behandlung des Themas »Flucht und Vertreibung« zu verschiedenen Zeitpunkten in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Angesichts der weitgehenden Ablehnung dieser Gruppe durch die einheimische westdeutsche Bevölkerung und die politisch motivierte Tabuisierung der Thematik in der DDR, wäre es in der Tat sehr interessant, im Detail zu erfahren, in welcher Weise dieses Thema im vereinigten Deutschland tatsächlich zu einem »nationalen Opfermythos« werden konnte. In diesen Zusammenhang gehört auch die Erforschung der Diskurse jenseits des BdV und der nachgeordneten Vertriebenenorganisationen, um das Phänomen differenziert zu erfassen.

In dem Beitrag »Antizivilisatorische Affektmobilisierung. Zur Normalisierung des sekundären Antisemitismus« geht Salzborn am Beispiel der Debatten um Jürgen W. Möllemann und Martin Walser auf den sekundären Antisemitismus ein, der als Strategie der Schuldabwehr zu verstehen ist, indem Juden zumeist vor dem Hintergrund des heutigen Nahostkonflikts unter anderem eine Täterrolle zugeschrieben werden soll.

Im zweiten Abschnitt des Buches mit dem Titel »Theoretische Reflexionen« geht der Autor in dem Beitrag »Antisemitismus und Nation« der Frage nach einem Zusammenhang zwischen Antisemitismus und Nationalismus nach, während er in »Israelkritik oder Antisemitismus? Kriterien für eine Unterscheidung« auf verstörende Kontinuitäten hinweist, etwa bei Boykottaktionen gegen israelische Produkte, die stark an den Slogan »Kauft nicht beim Juden!« der Nationalsozialisten erinnern. Den antizionistischen Antisemitismus in der Gegenwart verortet der Autor vor allem bei Teilen der Linken. Der Verweis auf die Forschungen Wolfgang Kraushaars ruft in diesem Zusammenhang ebenfalls in Erinnerung, dass ein Teil dieser radikalen linken Gruppen in den Terrorismus abdriftete. In dem leider nur sehr kurzen Beitrag »Die Angst vor dem Abstrakten. Antisemitismus und Antikapitalismus« stellt Salzborn am Beispiel personalisierender und moralisierender Kapitalismuskritik das Phänomen strukturell antisemitischer Kapitalismus- und Globalisierungskritik pointiert dar.

Im dritten Abschnitt »Empirische Befunde« geht der Autor direkt im ersten Beitrag »Latenter Antisemitismus« einem eminent wichtigen Phänomen nach, das sich im heutigen Kontext stark als sekundärer Antisemitismus artikuliert. Theoretisch-methodisch schwierig bleibt freilich die Messung und präzise Erfassung latenter antisemitischer Strömungen, die aus der Analyse von Interviews mit Probanden gewonnen wurden. Ein besonders interessanter Beitrag ist der gemeinsam mit Sebastian Vogt verfasste Aufsatz »Antisemiten als Koalitionspartner? Die Linkspartei zwischen antizionistischem Antisemitismus und dem Streben nach Regierungsfähigkeit«, der zu heftigen Reaktionen geführt hat2.

Wenn allerdings nur auf die Rolle von Marx und Kautsky als Begründer einer antisemitischen Tradition bei einem Teil der politischen Linken hingewiesen wird, so geraten andere Traditionsstränge, wie Michail Bakunin oder die französischen Frühsozialisten, aus dem Blick. Andererseits wird hier ein erhebliches Forschungsdesiderat erkennbar, denn die Frage, in welcher Weise die bereits im frühen 19. Jahrhundert Merkmale des »modernen« Antisemitismus artikulierenden Autoren wie Charles Fourier, Alphonse Toussenel oder Pierre-Joseph Proudhon in Deutschland rezipiert wurden, bedarf erst noch einer detaillierten Erforschung3. In dem Beitrag wird am Beispiel der sog. Gaza-Flottille im Jahr 2010 nachgezeichnet, in welcher Weise Politiker der Partei Die Linke als Teilnehmer an dieser Aktion deren antisemitischen Gehalt nicht nur tolerierten, sondern auch selbst mit antisemitischen Äußerungen weiter befeuerten. Die Tatsache, dass sich nach der Rückkehr der drei Politiker nach Deutschland diese nicht erklären mussten und mit Gesine Lötzsch eine hochrangige Angehörige der Partei ihren Stolz über die Gaza-Flottille zum Ausdruck brachte, verweist darauf, dass derartige Einstellungen bis in die Parteispitze hineinreichen. Weitere Beispiele, wie die Versuche, Vertreter der Hamas nach Deutschland einzuladen, die Zusammenarbeit mit faschistischen Organisationen oder auch der Abdruck eines aus dem rechtsextremen Spektrum stammenden Artikel in einem Buch über Die Linke und den Nahostkonflikt unterstreichen dies weiter. Gerade dieses Thema würde weitere Beachtung und eine genaue und flächendeckende Erforschung bis in Kreis- und Ortsverbände der Partei hinein verdienen.

Welches Fazit lässt sich nach der Lektüre des Bands ziehen? Während einige der sehr kurzen Beiträge nicht unbedingt eines Neuabdrucks bedurft hätten, würden die Leser über andere Themen gern mehr erfahren. Hierzu gehört die Debatte darüber, wo Kritik an der israelischen Politik in den besetzten Gebieten aufhört und wo antisemitische Argumentationsmuster beginnen, und vor allem natürlich die Frage nach der Verbreitung antisemitischer Einstellungen im linken politischen Milieu. Zu dem letztgenannten Aspekt liefert der Beitrag über die Partei Die Linke zahlreiche, mitunter provokante Argumente, die hoffentlich in zukünftigen Forschungen einer ausführlichen Überprüfung unterzogen werden. Damit dies geschehen kann, sind dem interessanten Buch Samuel Salzborns viele Leser zu wünschen.

1 Zur Aktualität des Phänomens vgl. »Antisemitismus in Deutschland. Erscheinungsformen, Bedingungen, Präventionsansätze», abrufbar unter: http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Themen/Gesellschaft-Verfassung/EXpertenkreis_Antisemmitismus/bericht.pdf;jsessionid=45981417E99DF86B34656BC017CB8FDD.2_cid295?__blob=publicationFile (Zugriff am 22.9.2015).

2 Vgl. Peter Ullrich, Alban Werner, Ist »DIE LINKE« antisemitisch? Über Grauzonen der »Israelkritik« und ihre Kritiker, http://fr.scribd.com/doc/76998298/Ullrich-Werner-Ist-die-LINKE-antisemitisch-Uber-Grauzonen-der-Israelkritik-und-ihre-kritiker (Zugriff am 20.10.2015).

3 Vgl. Reinhard Rürup, Antisemitismus und moderne Gesellschaft: Antijüdisches Denken und antijüdische Agitation im 19. und frühen 20. Jahrhundert, in: Christina von Braun, Eva-Maria Ziege (Hg.), Das bewegliche Vorurteil. Aspekte des internationalen Antisemitismus, Würzburg 2004, S. 87f. Auch der französische Historiker Michel Dreyfus, der eine beeindruckende Überblicksdarstellung über linken Antisemitismus in Frankreich vorgelegt hat, spricht sich dezidiert für vergleichende Untersuchungen aus. Vgl. Michel Dreyfus, L’antisémitisme à gauche. Histoire d’un paradoxe, de 1830 à nos jours, Paris 22011.

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Oliver Schulz
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Zeitgeschichte (1918-1945), Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
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Politikgeschichte
Europa (4015701-5), Deutschland (4011882-4), Antisemitismus (4002333-3)
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S. Salzborn, Antisemitismus (Oliver Schulz)
In: Francia-Recensio 2015/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-4/zg/salzborn_schulz
Veröffentlicht am: 21.12.2015 14:55
Zugriff vom: 16.10.2019 19:01