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    P. Ther, Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent (Adrian Gmelch)

    Francia-Recensio 2015/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Philipp Ther, Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa, Berlin (Suhrkamp) 2014, 431 S., ISBN 978-3-518-42461-2, EUR 26,95.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Adrian Gmelch, München

    Ehemaliger Ostblock und Neoliberalismus. Das sind die zwei großen Themen, die der Osteuropa-Historiker Philipp Ther in seinem Buch untersucht. Welche Verbindung besteht zwischen beiden? Was hat der Neoliberalismus aus den ehemaligen Ostblockstaaten gemacht? Der Autor geht von der These aus, dass im Grunde gerade das Scheitern der östlichen Systemkonkurrenz zu einer Hegemonie des Neoliberalismus in Europa geführt hat. Dieser habe zunächst die westeuropäischen mit den osteuropäischen Staaten anhand seiner Triade aus Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung nach den Revolutionen von 1989 bis 1991 wirtschaftlich und politisch quasi geeint. Doch seit der Krise 2008/2009 scheint gerade diese Entwicklung unterbrochen und sogar teils rückgängig gemacht worden zu sein.

    Zunächst schildert der Autor in zwei Kapiteln die Gründe und Konsequenzen der Umbrüche von 1989 bis 1991 innerhalb des Ostblocks. Wohltuend dabei ist, dass Ther, der den Herbst 1989 in Prag erlebte und mehrere Jahre in osteuropäischen Ländern verbracht hat, Anekdoten einfügt – das macht die Lektüre um einiges leichter und interessanter. Im Grunde hätte man diese ersten Kapitel jedoch kürzer fassen können, denn es herrscht kein Mangel an Literatur über die Krisen und Revolutionen in den achtziger und neunziger Jahren, so dass man davon ausgehen kann, dass der Leser hier gute Vorkenntnisse mitbringt. So gesehen ist der Einstieg zwar informativ, aber bei einigen Schilderungen von Ereignissen blättert man aus Vertrautheit schnell weiter.

    Anspruchsvoll und sehr interessant wird es im Mittelteil des Buches, wenn es um die Transformation der ehemaligen Ostblockstaaten geht, wenn die durchgeführten neoliberalen Reformen analysiert und ost- und mitteleuropäische Metropolen miteinander verglichen werden, was einige neue Erkenntnisse bringt. Sehr deutlich wird dabei, dass die Transformation in den betroffenen Staaten kein Kontinuum war, sondern auch durch Krisen geprägt wurde, und sich von Land zu Land unterschied. So gestalteten sich etwa die Wahlerfolge von Kommunisten und Linken Mitte der neunziger Jahre in Polen, Ungarn und auch in den neuen Bundesländern als zwischenzeitliche Niederlage der neoliberalen Reformer. Einerseits stimmt es, dass sich die Wirtschaft in Staaten wie Rumänien oder Bulgarien schlechter entwickelte, weil dort die neoliberalen Reformen erst später durchgeführt wurden, andererseits war jedoch eine extreme neoliberale Reform wie in Russland, die quasi zur Selbstentmachtung des Staates führte, eher kontraproduktiv. Ther differenziert die vermeintliche Hegemonie des Neoliberalismus hervorragend aus, indem er zeigt, dass die Reformen in Ostmitteleuropa nicht immer eine reine Anwendung der Lehre waren, sondern oft mit Kompromissen einhergingen.

    Auch auf die negativen Folgen des Neoliberalismus wird eingegangen. Dabei wird der Demokratiemangel hervorgehoben und betont, dass zunächst nur ein sehr kleiner Anteil der Bevölkerung vom beginnenden Aufschwung profitierte. So heißt es an einer Stelle sehr kritisch: »Die sozialen Schattenseiten der Reformen und die pragmatischen Anpassungen wurden weitgehend ausgeblendet, der Blick richtete sich auf die Wachstumszahlen und die makroökonomischen Indikatoren. So schwierig die Praxis des Neoliberalismus gewesen sein mochte – in der internationalen Wahrnehmung überwogen die Erfolge die Nebenwirkungen.« Ther zeigt darüber hinaus auf, wie die postkommunistischen Länder als Experimentierfeld für staatlich getragene neoliberale Reformen und für neue, heikle Geschäftsmodelle privater Investoren dienten. Die größte Schwachstelle neoliberaler Politik macht der Autor aber schließlich im »betont rationalen Habitus ihrer Vertreter« aus. Intellektuell mochten Argumente für die freie Marktwirtschaft überzeugen, doch emotional wurde für ihre Durchsetzung kaum etwas unternommen: Pamphlete und Demonstrationen fehlten gänzlich und Reform-Ikonen wie Leszek Balcerowicz in Polen oder Jegor Gaider in Russland hatten lediglich das Charisma von Technokraten. Eine Begeisterungslosigkeit bei der Bevölkerung war meistens die Folge.

    Spannend ist der Vergleich der verschiedenen ostmitteleuropäischen Metropolen. Prag und Warschau (»Boomtown«) erlebten einen beispiellosen Aufschwung, Berlin hingegen einen wirtschaftlichen Rückgang bis 2005. Auch Wien profitierte ungemein von der Öffnung nach Osten. Die stärkste wirtschaftliche Entwicklung von 2000 bis 2008 hatte gerade die österreichische Hauptstadt zu verzeichnen, danach kommen Prag und Warschau, dann erst Berlin und Budapest. Kiew hinkte hinterher und sieht sich nun seit dem Ukraine-Konflikt gänzlich abgehängt und ausgegrenzt. Das Ergebnis dieses Aufschwungs in den meisten Hauptstädten war die Entstehung einer breiten Mittelschicht in den Stadt- bzw. Metropolregionen. Diese Entwicklung soll aber nicht über die eigentlichen Zustände hinwegtäuschen, wie Ther klarstellt: »Doch man sollte sich von diesem Glanz nicht blenden lassen. Die Kluft zwischen Arm und Reich existiert nicht nur zwischen Stadt und Land, sie ist auch ein Teil der sozialen Realität in den verglichenen Hauptstädten.«

    Erstaunlich gut kommen bei Ther die europäischen Institutionen weg. Kohäsionspolitik und demokratische Stabilisierung seien größtenteils auch der Verdienst der Brüsseler Hilfsprogramme. In Zeiten der Eurokrise, bei der die EU-Kommission als Neoliberalisierungsmaschine verschrien und die Troika als »Brüsseler Implantat im nationalen Parlament« erscheint (so Thomas Assheuer in »Die Zeit« vom 28. Mai 2015), tut es durchaus einmal gut, auch etwas Positives über die Europäische Union zu lesen. Das erste nennenswerte Hilfsprogramm für Osteuropa PHARE ab 1989 blieb zwar erst einmal hinter den Erwartungen zurück, doch ab 1998 entwickelte Brüssel spezielle Programme zur zielgenauen Hilfe, die stetig aufgestockt wurden und ziemlich erfolgreich waren. So schreibt Ther auch: »Insgesamt war die europäische Integration mit all ihren Programmen ein ungeheurer Erfolg. […] Der Aufschwung in den östlichen Regionen der EU offenbart sich noch deutlicher, wenn man nach Russland oder in die Ukraine reist.«

    Das Buch thematisiert weitere wichtige und brandaktuelle Aspekte wie etwa den Zusammenhang zwischen den Reformen von 1989/1990 und den Reformen, mit denen die Südstaaten seit der Eurokrise 2008/2009 zu kämpfen haben. Etwa im Hinblick der Wirtschaftsdaten Polens gegenüber denen Portugals wird die Frage aufgeworfen, ob der Süden der »neue Osten« sei, doch eine klare Antwort darauf bleibt aus.

    Ein kritischer Punkt muss noch angesprochen werden. In einem Kapitel heißt es: »Außerdem ist es die erklärte Absicht dieses Buches, sich nicht von vornherein auf den ehemaligen Ostblock zu beschränken.« Genau das macht der Autor aber. Natürlich spricht er auch von dem »Rest« Europas, doch meist nur auf Deutschland (etwa das Kapitel über »Schröder-Deutschlands« Anpassung »nach unten«) oder Österreich beschränkt. Somit scheint der Untertitel nicht so recht zu passen. Nimmt man es genau, dann müsste der Untertitel eher »Eine Geschichte des neoliberalen Ost(mittel)europa« lauten. Allerdings wäre das Buch dann aber auch um einiges umfangreicher geworden.

    Am Ende seines Buches holt Ther noch einmal sein ganzes stilistisches Können hervor und greift die oft benutzte Metapher des »europäischen Zuges« auf, um sie konsequent weiterzuentwickeln: »Der Neoliberalismus war wie ein funkelnder Expresszug, der Wachstum und Wohlstand versprach. Alle Staaten Europas wollten ab einem bestimmten Zeitpunkt auf diesen Zug aufspringen, keiner konnte sich seinem Sog entziehen. […] Recht beliebt war der Kellner aus Brüssel, denn er servierte Hors-d’oeuvres […] und versprach vielen Passagieren, dass sie immer bei ihm speisen dürfen, wenn sie eine Reihe von Bedingungen erfüllten. […] Aufgrund der Geschwindigkeit überhitzte sich der Zug, die Fahrgäste zogen ihre Oberkleidung aus (den ohnehin nicht sonderlich gut ausgebauten Sozialstaat), weil ihnen die Kellner erzählten, dass die dünn angezogen schneller reisen könnten. […] Der Zug wäre beinahe entgleist und kam mit kreischenden Bremsen zum Stehen. Die knapp vermiedene Katastrophe führte seltsamerweise nicht dazu, dass der Zug eine andere Richtung einschlug.« Es sind auch solche beinahe literarische Exkurse, die dieses informative Buch extrem lesenswert machen.

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    PSJ Metadata
    Adrian Gmelch
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
    Ostmitteleuropa
    Wirtschaftsgeschichte
    20. Jh., 21. Jh.
    1989-2013
    Ostmitteleuropa (4075753-5), Wirtschaftssystem (4117663-7), Systemtransformation (4060633-8), Liberalisierung (4120670-8), Deregulierung (4201191-7), Privatisierung (4047297-8), Osteuropa (4075739-0), Neoliberalismus (4171438-6)
    PDF document ther_gmelch.doc.pdf — PDF document, 270 KB
    P. Ther, Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent (Adrian Gmelch)
    In: Francia-Recensio 2015/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-4/zg/ther_gmelch
    Veröffentlicht am: 21.12.2015 14:55
    Zugriff vom: 17.10.2019 04:39
    http://vg01.met.vgwort.de/na/60e3d7d012104663ae45aef7118dcaa4