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J. Tooze, Sintflut (Werner Bührer)

Francia-Recensio 2015/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

J. Adam Tooze, Sintflut. Die Neuordnung der Welt 1916–1931, München (Siedler) 2015, 719 S., 32 Abb. ISBN 978-3-88680-928-8, EUR 34,99.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Werner Bührer, München

Adam Tooze, Professor für moderne deutsche Geschichte und Direktor für Internationale Sicherheitsstudien in Yale, ist ein ungemein produktiver Historiker. Wenige Jahre nach seiner 900seitigen Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus1 erscheint das nächste, vieldiskutierte monumentale Werk. Dieses Mal untersucht er die Entstehung einer neuen Weltordnung in der Zwischenkriegszeit. Diese Ordnung war zu einem großen Teil geprägt, wie schon Carl Schmitt erkannt hatte, durch die »eigenartige Mischung von offizieller Abwesenheit und effektiver Anwesenheit« (S. 12) des wohl wichtigsten Akteurs: der im Werden begriffenen neuen Weltmacht USA. Deren Einfluss machte sich »häufig indirekt und in Form latenter Kraft bemerkbar« und weniger durch »unmittelbare und offensichtliche Präsenz«. Um sowohl direkte als auch indirekte Einflüsse gebührend berücksichtigen zu können, setzt Tooze mit seiner Analyse auf mehreren Ebenen an: der wirtschaftlichen, militärischen und politischen. Ins Zentrum seines Buches stellt er die Frage, »wie die Welt sich mit der neuen Schlüsselrolle der USA arrangierte« (S. 15). Die »spektakuläre Eskalation der Gewalt« insbesondere in den 1930er und 1940er Jahren deutet er als Resultat der Auflehnung derer, die »den neuen Status quo« nicht akzeptieren wollten, gegen die »befürchtete künftige Dominanz der amerikanischen, kapitalistischen Demokratie« (S. 16).

Was hat die Studie zu bieten? Jedenfalls keine neuen Archivfunde, denn aufgrund ihrer breiten Anlage stützt sich Tooze ausschließlich auf die einschlägige Literatur und Quelleneditionen. Es sind deshalb die Versuche, einen ungewohnten Blick auf die Geschehnisse zu werfen, die den Reiz des Buches ausmachen. So verwirft er beispielsweise die Narrative vom »dunklen Kontinent« und von der »Hegemoniekrise«, weil sie »auf einer unzulänglichen Prämisse« beruhten: Der »moderne, weltweite Imperialismus« sei eine »radikale, neuartige Kraft, nicht ein Überbleibsel der Alten Welt« gewesen, und auch die Aufgabe, eine »nachimperialistische hegemoniale Weltordnung zu errichten«, sei neu gewesen (S. 31). Ebenso wendet Tooze sich gegen die »Versuchung«, die Konfrontation zwischen dem amerikanischen Präsidenten Wilson und Lenin im Jahr 1918 als eine »Vorwegnahme des Kalten Krieges« zu deuten, weil dadurch die »Ausnahmesituation« verkannt werde, welche durch den Krieg entstanden sei (S. 32). Er betont stattdessen eine »dramatische Verschiebung beim Machtkalkül«, im »Wechselspiel zwischen militärischer Gewalt, Wirtschaft und Diplomatie« (S. 35). Kurzum, ein »so eng miteinander verknüpftes dynamisches System«, wie es in der Zwischenkriegszeit entstand, lasse sich nur begreifen, »indem man es in seiner Gesamtheit unter die Lupe« nehme (S. 43).

Dieses Vorhaben bewältigt Tooze in vier Schritten. Zunächst untersucht er, unter der Überschrift »Die Krise Eurasiens«, den Krieg im Osten, den »brutalen Frieden« von Brest-Litowsk und die antibolschewistische Intervention der Alliierten. Der zweite Teil handelt von der Entwicklung auf dem westlichen Kriegsschauplatz und dem Wettstreit zwischen drei konkurrierenden »Visionen moderner Wirtschaftsmacht«: der »autarken, staatlich geplanten Volkswirtschaft« Deutschlands, dem »demokratischen Kapitalismus« der Vereinigten Staaten und dem »Produktivismus« amerikanischer Provenienz, der allerdings weit über die USA hinaus Anhänger fand (S.251ff.). Der deutsche Entschluss zum Waffenstillstand im November 1918 war laut Tooze ein »eindrucksvoller Sieg für die demokratische Politik«, der bis heute »nicht angemessen« gewürdigt werde (S. 273). Teil III beschäftigt sich mit der Friedenskonferenz und dem Ringen um eine neue Sicherheitsordnung einschließlich der Ausarbeitung der Völkerbundakte, dem Konflikt um die Reparationen und um die Annahme der Friedensbedingungen. Im vierten Teil schildert Tooze die Suche nach einer neuen Ordnung zwischen revolutionären Erhebungen, der von den USA forcierten deflationären Politik, die er als »hauptsächlichen Motor der Wiederherstellung der Ordnung auf nationaler wie auf internationaler Ebene« wertet, und der Weltwirtschaftskrise. Mit dem »Versagen der demokratischen Mächte« eröffneten sich Anfang der 1930er Jahre »strategische Freiräume«, in die »alptraumhafte Kräfte« hineinstießen, um sich darin auszutoben (S. 632).

Tooze, der sich bislang vor allem als Wirtschaftshistoriker einen Namen gemacht hat, streut zwar immer wieder entsprechende Exkurse ein, etwa im Kapitel über die sprichwörtlichen »Arsenale der Demokratie« oder über die Deflation Anfang der 1920er Jahre. Aber überraschenderweise stehen doch Politik, insbesondere Außenpolitik, Krieg, große Mächte und »große Männer« im Mittelpunkt der Darstellung. Es handelt sich insofern um eine eher konventionelle Erzählung, wie Tooze auch unbefangen einräumt (S. 43). Diese Erzählung gewinnt allerdings Farbe und Tiefe durch den Versuch, gängige Interpretationen zu hinterfragen und neue Lesarten zur Diskussion zu stellen – und durch die Präsentation ungewohnter »Zeitzeugen«, allen voran Leo Trotzki. Ausführlich widmet er sich den Ursachen der Gewalteruptionen im Inneren einzelner Staaten und in den internationalen Beziehungen. Und er offeriert eine neue Metapher: Im Anschluss an den amerikanischen Politikwissenschaftler Stanley Hoffmann verwendet er zur Charakterisierung der Mächtekonstellation den Begriff der »chain gang«, einer »durch die Welt taumelnden, aneinander geketteten Sträflingsgruppe«, deren Mitglieder mit sich selbst und untereinander kämpfen, zu dominieren versuchen, mitunter aber auch kooperieren (S. 43). Man darf gespannt sein, ob dieses Bild die momentan hoch im Kurs stehenden »Schlafwandler« ablösen kann.

1 Adam Tooze, Ökonomie der Zerstörung. Die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus. Aus dem Engl. von Yvonne Badal, Bonn 2007.

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PSJ Metadata
Werner Bührer
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918), Zeitgeschichte (1918-1945)
Weltgeschichte
Politikgeschichte
20. Jh.
1916-1931
Weltgeschichte (4079158-0)
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J. Tooze, Sintflut (Werner Bührer)
In: Francia-Recensio 2015/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-4/zg/tooze_buehrer
Veröffentlicht am: 21.12.2015 14:55
Zugriff vom: 17.01.2020 19:46