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A. Verdet, La logique du non-consentement (Corinna von List)

Francia-Recensio 2015/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Anne Verdet, La logique du non-consentement. Sa genèse, son affirmation sous l’Occupation, Rennes (Presses universitaires de Rennes) 2014, 237 p. (Essais), ISBN 978-2-7535-3435-3, EUR 18,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Corinna von List, Berlin

Die Autorin legt mit diesem Buch eine soziologische Mikrostudie über die ländliche Bevölkerung des Departements Lot während der deutschen Besatzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg vor. Die Untersuchung basiert außer auf Tagebuchaufzeichnungen vor allem auf der Befragung von Zeitzeugen der Jahrgänge 1920 bis 1930. Anne Verdet beschränkt sich dabei bewusst nicht auf Angehörige der Maquis, obwohl ihr dies bei ihrer Suche nach Zeitzeugen und Zeitzeuginnen durch die Bürgermeisterämter mehrfach angetragen wurde.

Die Studie beruht auf dem Ansatz des »non-consentement« (Nicht-Zustimmung), die die Verfasserin wie folgt definiert und somit den Begriff des zivilen Widerstandes deutlich erweitert: »Un refus de principe, refus d’une acceptation, en soi. Une acceptation qui peut tout recouvrir, la perte de la maîtrise de son existence, des règles de fonctionnement social bouleversées, un renversement des valeurs essentielles« (S. 23). Basierend auf dieser Begriffsbestimmung unterscheidet sie dann im weiteren Verlauf der Arbeit zusätzlich zwischen einer passiven und einer aktiven Nicht-Zustimmung.

Zum non-consentement passif zählt sie im Wesentlichen zwei Handlungsweisen. Zum einen die verschiedenen Wege, auf denen die Bauern bestrebt waren, die Bestimmungen der Lebensmittelrationierungen zu umgehen, um damit nach Einschätzung von Verdet dem deutschen Besatzer zu schaden. Nicht betrachtet wird dabei die Frage, inwieweit dieses Vorgehen nicht auch der französischen Bevölkerung in den Städten geschadet und zur Entwicklung des Schwarzmarktes beigetragen hat. Verdet geht in diesem Zusammenhang gemäß den Darstellungen der Zeitzeugen von einer grundsätzlich altruistischen Einstellung der Bevölkerung aus. Zum anderen wertet sie die Weigerung der Bevölkerung, ihre Schuss- und Jagdwaffen bei den Behörden abzuliefern als non-consentement passif, wobei diese Verweigerungshaltung wenig überrascht in einer Region, die wie kaum eine andere in Frankreich das Jagdprivileg hochhält. Ferner zählen zur Kategorie des passiven Nicht-Zustimmens nach ihrer Überzeugung auch heimliche Dorfbälle und der Empfang von Rundfunksendungen der BBC – beides wohlgemerkt in der unbesetzten Zone und damit anders als im Nordteil Frankreichs außerhalb des Zugriffs der deutschen Besatzungsbehörden. Nicht zuletzt fallen in den Bereich des passiven Handelns die Aufnahme von Flüchtlingen in der Folge des Spanischen Bürgerkriegs oder dem exode angesichts des deutschen Angriffs auf Frankreich. Zum non consentement passif zählt Verdet auch die Fluchthilfe für verfolgte jüdische Menschen. Dies überrascht insofern, als die Deportation von Juden ein deutsches Kriegsziel war. Mit deren Rettung vor der Vernichtung wurde dieses Kriegsziel hintertrieben und war somit aktives widerständiges Handeln. Es sollte nicht auf einer Stufe mit klandestinen Dorffesten stehen.

Als wesentlichen Ausdruck des non-consentement actif wertet die Autorin die Weigerung dem Service du travail obligatoire (STO) nachzukommen und sich stattdessen in den Maquis zu flüchten. Die so im ganzen Departement Lot entstehenden Maquis wurden von der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Kleidung versorgt, z. T. wohnten die Refraktäre auch in Privatquartieren. Solche Versorgungs- und Beherbergungsleistungen seitens der Zivilbevölkerung endeten im Fall von Caniac-du-Causse mit Vergeltungsmaßnahmen der Deutschen. Zum aktiven Handeln zählt Verdet darüber hinaus die Bereitstellung von Empfangsmannschaften für Fallschirmabwürfe von Waffen und Sabotagematerial, jedoch führt sie nur ein solches Ereignis für Juli 1944 an und damit 6 Wochen nach der erfolgreichen Landung der Alliierten in der Normandie. An dieser Stelle hätte man sich als Leser bei der Definition des Konzeptes des non-consentement eine bessere Einbettung in die Chronologie der Ereignisse gewünscht.

Eingerahmt werden die soziologischen Fragestellungen durch einen historischen Abriss der Geschichte des Departements Lot und einer Beschreibung seiner Topografie, der Verdet einen Einfluss auf die Entstehung des non-consentement zuschreibt. Hinzu kommt ein Kapitel, in dem sie den gesellschaftlichen und beruflichen Hintergrund wichtiger Akteure der Nicht-Zustimmung porträtiert. Es handelt sich dabei um Pfarrer, Bürgermeister und Lehrer – nicht selten Lehrerinnen – und Ärzte. Sie alle verfügten über ein hohes soziales Prestige und Autorität, was ihnen qua Amt Handlungsspielräume gab, wie beispielsweise die Herstellung falsche Papiere oder das Ausstellen eines Gefälligkeitsattest, um den Arbeitsdienst zu unterlaufen.

Was den STO betrifft, wäre ein Vergleich mit anderen, ländlich geprägten Departements interessant gewesen. Denn so entsteht der Eindruck, dass das Departement Lot ein besonderer Hort der Refraktäre und des Widerstandes war. Ferner fehlt der Untersuchung eine Differenzierung zwischen der Situation im besetzten und unbesetzten Teils Frankreich, zu dem das Departement Lot gehörte und das infolgedessen erst ab Ende November 1942 den Verordnungen und militärstrafrechtlichen Sanktionen der deutschen Besatzungsmacht unterlag.

Zwar ist es sehr zu begrüßen, dass Anne Verdet mit ihrer Arbeit den zivilen Widerstand als wichtigen Stützpfeiler der Résistance in den Vordergrund rückt. Jedoch verschwimmt bei ihrem methodischen Ansatz des non-consentement der Widerstandsbegriff bisweilen fast zur Unkenntlichkeit, wenn als deren Ausdruck auch heimliche Tanzvergnügen oder Tauschhandel gelten, wobei letzterer angesichts der um sich greifenden Mangelwirtschaft wohl unabwendbar war. Diese stark erweiterte Definition hat zur Folge, dass jedwedes Handeln, das nicht ausdrücklich mit einer offen bekundeten Zustimmung zum Vichy-Regime oder zur deutschen Besatzungsmacht einhergeht, mit widerständigem Handeln gleichzusetzen ist. Eine solche Verwässerung birgt die Gefahr, in das alte Schema der wenigen Kollaborateure aber einer umso größeren Zahl an résistant(e)s zu verfallen, die Frankreich aus eigener Kraft befreit haben.

Fündig werden in diesem Buch vor allem Spezialisten zur Lokalgeschichte des Departements Lot dank dem vorhandenen Ortsregister sowie all jene Leser, die Freude an soziologischer Fachsprache und demografischen Angaben zu den einzelnen Gemeinden des Departements haben (Anhang IV).

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PSJ Metadata
Corinna von List
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Zeitgeschichte (1918-1945)
Frankreich und Monaco, Deutschland / Mitteleuropa allgemein
Militär- und Kriegsgeschichte
1930 - 1939, 1940 - 1949
1939-1945
Frankreich (4018145-5), Departement Lot (4111393-7), Weltkrieg 1939-1945 (4079167-1), Résistance (4076667-6)
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A. Verdet, La logique du non-consentement (Corinna von List)
In: Francia-Recensio 2015/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-4/zg/verdet_list
Veröffentlicht am: 21.12.2015 14:55
Zugriff vom: 27.01.2020 01:45