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B. Schmidt, Inventing Exoticism (Benjamin Steiner)

Francia-Recensio 2016/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Benjamin Schmidt, Inventing Exoticism. Geography, Globalism, and Europe’s Early Modern World, Philadelphia, PA (University of Pennsylvania Press) 2015, 412 p., 24 col. pl., 179 b/w fig., ISBN 978-0-8122-4646-9, USD 55,50.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Benjamin Steiner

Das neue Buch des an der University of Washington lehrenden Globalhistorikers Benjamin Schmidt »Inventing Exoticism« ist eine brillant geschriebene Studie über den europäischen Blick auf die Welt der Frühen Neuzeit. Der Autor, der sich bereits mit Arbeiten zur »Atlantic History« und als Herausgeber der Reihe »The Atlantic World« beim Brill-Verlag einen Namen gemacht hat, setzt hier sein anspruchsvolles Programm mit dem Ziel der Rekonstruktion der textuellen, visuellen und materiellen Wahrnehmung der Welt im frühneuzeitlichen Europa weiter fort. Das vorliegende Werk ist gewissermaßen eine Fortsetzung von Schmidts erstem Buch »Innocence Abroad. The Dutch Imagination and the New World, 1570–1670« (Cambridge, 2001). »Inventing Exoticism« behandelt nämlich die anschließende Periode von circa 1670 bis 1730, eine Epoche, in der Schmidt eine bedeutende Transformation in der Wahrnehmungsgeschichte Europas in seinem Verhältnis zur Welt diagnostiziert.

Es geht Schmidt um nichts weniger, als zwei fundamentale historische Ideen in ihrer Entstehung nachzuzeichnen: Das ist einmal das Phänomen, das hier als »Exotismus« bzw. als das »Exotische« bezeichnet wird, und zum anderen »Europa« selbst. Denn ausgehend von Überlegungen postkolonialer Theoretiker gilt für Schmidt, dass die Herausbildung einer europäischen Identität durch die sogenannte europäische Expansion bedingt war. Präziser heißt es bei ihm, dass die Idee von »Europa« sich erst durch die Konzeption einer exotischen Welt konstituieren konnte (S. 5). Den Entstehungsort dieses Exotismus macht Schmidt indes in den Niederlanden aus; letztere stehen in diesem Werk, wie im früheren Buch, im Fokus. Denn niederländische Ateliers boten der wachsenden europäischen Konsumgesellschaft den Stoff, der nicht nur exotische Fantasien der Europäer zuhause von der gleichzeitig unheimlichen und wohlgefälligen Welt, sondern auch, in langfristiger Perspektive, die imperialen Träume späterer Kolonialherren befeuerte. Schmidt bezeichnet das gemeinsame Produkt niederländischer Drucker, Herausgeber, Buchmacher, Autoren, Zeichner, Kupferstecher und Maler als »exotische Geografie« (exotic geography). Darunter versteht er im weitesten Sinne die Absteckung eines Raumes, der die außereuropäische Welt für möglichst viele Verbraucher in Europa, gleichsam in aufwändigen »coffee-table books«, konsumierbar machen sollte (S. 18).

Niederländer waren, so Schmidt, geradezu auserkoren, die Erfinder einer europäischen Identität zu sein. Denn sie besaßen eine besondere Fähigkeit, das »Exotische« als ein angenehmes, ein gefälliges Produkt zu verkaufen. Sie vertraten darüber hinaus als Nation eine Art neutrale Position, behauptet der Autor, da sie, nach dem Zusammenbruch ihres atlantischen Kolonialreichs nach 1650, eine Politik verfolgten, die Schmidt als »pankolonial« und »hyperimperial« bezeichnet (S. 15). Weniger Herren eines »empire of territory«, geboten niederländische Medienunternehmer über ein »empire of geography«, das ihnen erlaubte, die niederländische als europäische Perspektive zu verallgemeinern (S. 10). Dies gelang ihnen über den Weg kommerziellen Profitstrebens, d. h. solche Bilder, Texte und Gegenstände herzustellen, die beim Verbraucher ankamen. Ungeachtet konfessioneller, nationaler, imperialer oder epistemologischer Interessen boten Niederländer etwas an, das die Erwartungen der Rezipienten in ganz Europa am ehesten befriedigen konnten, nämlich angenehme, spektakuläre, visuell eingängige, performativ ausgereifte und technisch perfektionierte Medienprodukte.

Die Sprache Schmidts ist, wenngleich stilistisch etwas opulent, an einer hohen Theoriebildung orientiert, die sich nicht, wie möglicherweise aus den bislang referierten Thesen zu erwarten, im Vokabular moderner Marketingexperten erschöpft. Vielmehr setzt sich der Autor mit einer Vielzahl von aktuellen Forschungspositionen auseinander, von denen er seine eigene Argumentation sehr präzise abgrenzt. Am wichtigsten ist wohl, dass Schmidt viele Thesen postkolonialer Theoretiker, allen voran Edward Said, bestätigen kann, mit der Einschränkung, dass sich eine globale Differenz zwischen Europa und dem sogenannten »Anderen« viel früher als Said annimmt durchgesetzt hat. Der Orientalismus, wie ihn Said für das 19. Jahrhundert beschrieben hat, entsteht nicht nur bereits im 17. Jahrhundert, sondern auch unter ganz anderen Voraussetzungen. Denn anders als um 1800 gibt es um 1700 keine voll ausgebildete Vorstellung von »Europa« und einem »Anderen«.

Für Schmidt befinden sich beide Begriffe im Wandel, wobei zwei Wendepunkte in der Geschichte dieser Differenz von großer Bedeutung sind. Vor 1650, vor dem Exotismus, so Schmidt, wären die europäischen Weltbeschreiber darauf bedacht gewesen, die kulturellen Lücken zwischen Europa und weit entfernten Ländern und Völkern zu reduzieren, oder, nach Stephen Greenblatt, das Inkommensurable als »Wunder« (marvels) verstehbar zu machen (S. 13). Nach 1650 hingegen, mit der Herausbildung einer exotischen Geografie, wäre, so Schmidt, dann v. a. von niederländischen Kunstwerkstätten der Versuch unternommen worden, das Distinkte und Ungewöhnliche der exotischen Welt in einen Gegensatz zum Eigenen zu Hause zu stellen. Dabei geht es Schmidt aber insbesondere um die damit einhergehende Hervorhebung der Ähnlichkeit des Exotischen in der Welt.

Mit diesem Organisationsprinzip der Ähnlichkeit des Exotischen und der Differenz zum Europäischen grenzt sich Schmidt nun gegenüber der Sichtweise einer »grammar of difference« ab, in der, nach Frederick Cooper und Ann Stoler, die Differenz zwischen dem westlichen Imperialismus und den nichteuropäischen Gesellschaften immer wieder reproduziert werde (S. 15). Für Schmidt gelten diese Kategorien erst ab 1750, dem zweiten Wendepunkt, als die exotische Geografie im Zuge der Durchsetzung eines weiteren Ordnungsprinzip, das er gegen Ende des Buches als »order and method«-Prinzip bezeichnet (S. 326–335), und mit ihr das Denken in Ähnlichkeiten abgelöst wird. Seiner Meinung nach ignorieren postkoloniale Theoretiker das Moment der Ähnlichkeit im Exotischen, während dieses den eigentlich Hauptgegensatz zum imperialen Dominanzmuster darbiete.

Darin aber besteht die Hauptleistung des Autors: Das komplexe Ineinandergreifen von »hyperimperialen« Motiven in der kommerziell ausgerichteten Produktion von Exotica in den Niederlanden mit der allmählichen Herausbildung eines imperialen, d. h. auch epistemologisch dominierenden Sendungsbewusstseins in Europa, das eben diese exotische Welt für sich vereinnahmen will, zu beschreiben. Dass die exotische Geografie der Niederländer diesen Prozess geradezu unintendiert einleitet, ist letztlich der zunächst harmlos erscheinenden Marktausrichtung zu schulden (S. 159). In vier sehr materialreichen Kapiteln beschreibt Schmidt dieses Milieu von Druckern, Kupferstechern, Kopisten und Kunsthandwerkern. Die »Impresarios« Jan van Meurs und Pieter van Aa sind die Hauptprotagonisten in dieser Geschichte einer außerordentlich erfolgreichen Medienindustrie. Autoren, Maler, Zeichner, ja selbst die eigentlichen Reisenden, die das Wissen der Welt nach Hause tragen, gehen in dieser Welt der marktorientierten Buch-, Kunst- und Kunstobjektproduktion beinahe unter, werden sozusagen Opfer einer Marktdynamik, die sich immer weniger für den Inhalt als für die Form interessiert.

Auch hier liefert Schmidt bedeutende Einzelerkenntnisse, die er an Roger Chartiers Diagnose knüpft, nach der das Buch gegenüber dem Text im 18. Jahrhundert immer mehr an Bedeutung gewinnt. Auch Michel de Certeaus Überlegungen zur »Kunst des Handelns« und der Bedeutung des Lesens fügt Schmidt die wichtige Beobachtung hinzu, dass die Materialität des gedruckten Buches als Objekt den Reiz und Erfolg eines Mediums in dieser Zeit ausmachte. Das wird freilich alles genauso vor dem Hintergrund von Marshall McLuhans Erkenntnissen zur Eigendynamik des Mediums begründet, wie auch dem einer Wissenskultur des Vertrauens und »Kredits« auf Wahrheitsbehauptungen, wie sie Steven Shapin für die Wissenschaftsgeschichte des 17. Jahrhunderts exemplarisch beschrieben hat (S. 62).

Das Kapitel zur Visualität des Exotischen beeindruckt neben den wohl überlegt ausgewählten Beispielen mit einer Darstellung der Konflikte, denen sich niederländische Drucker-Impresarios seitens einer akademischen Wissenselite ausgesetzt sahen. Schmidt nämlich widerspricht der Behauptung Lorraine Dastons und Katherine Parks, dass das Visuelle den Ruf des »Vulgären« besaß (S. 125). Zwar seien beispielsweise die überaus technisch ausgereiften Darstellungen der Ruinen von Persepolis des reisenden Zeichners Cornelis de Bruijn durch das wissenschaftliche Establishment hinsichtlich ihrer Vertrauenswürdigkeit in Frage gestellt worden. Der Markterfolg verschaffte den Bildern de Bruijns, aller Skepsis der etablierten gentlemen scientists zum Trotz, jedoch weit mehr nachhaltige Wirkung als seinen Konkurrenten (S. 143–161).

Die Liste an eindrücklichen Beispielen ließe sich fortsetzen. Die Kapitel zur exotischen Körperlichkeit (»Exotic Bodies«) und zum exotischen Vergnügen (»Exotic Pleasures«) bieten einen ebenso faszinierenden wie verstörenden Leseeindruck. Das Thema der Gewalt und der Sexualität erscheint nur scheinbar losgelöst von den vorhergehenden Überlegungen. Denn Schmidt interpretiert die drastischen Darstellungen von Folter, Mord und Vergewaltigung in der nichteuropäischen Welt auf unterschiedlichen Medien als eine »Transmediation« bzw. als »ikonische Schaltkreise« (iconic circuits), ein von Carlo Ginzburg entlehnter Begriff, die das Phänomen der Gewalt in die exotische Welt verlagern (S. 294). Auf diese Weise wird ein epistemisches Setting abgesteckt, in dem dann die imperialen Konzepte, wie z. B. das des orientalischen Despoten, ihre Form der Differenz zwischen Europa und dem Anderen annehmen können. Ein Epilog beschließt die eindrucksvolle Schau der niederländischen Weltkonstruktion und weist auf die Ablösung der exotischen Geografie durch die imperiale Epistemologie der »Ordnung und Methode« späterer aufgeklärter Generationen voraus (S. 331).

Benjamin Schmidt gelingt mit »Inventing Exoticism« ein hervorragendes Lehrstück moderner Wissens- und Wahrnehmungsgeschichte, das durchweg auf hohem Niveau argumentiert. Das Buch bietet auch einen Leitfaden durch eine große Materialsammlung über die kategorialen Grenzen der herkömmlichen Kunstgeschichte hinweg und rückt Texte, Bilder und Objekte in einen historischen Zusammenhang. Der Sprachstil, das üppige und mitunter überschwängliche Vokabular bedürfen vielleicht der Gewöhnung des Lesers. Die Prosa erinnert eher an eine Vortragssprache, die begrifflich nicht immer streng differenziert. Manche Unklarheit bleibt bei der Verwendung zentraler Begriffe bestehen, wie z. B. beim Begriff »Empire«, den Schmidt als zentrale Kategorie in Abgrenzung zum »Exotismus« verwendet (z. B. S. 16). Wie »Empire« überhaupt in der Epoche von 1670 bis 1730 zu verstehen ist, wird nicht erläutert. Man könnte Schmidt hier auf seine eigene Kritik am postkolonialen Verständnis von »Europa« verweisen, welches irrtümlicherweise als selbstverständlich vorausgesetzt würde. Auch »Empire« ist wie das »Exotische« und »Europa« eine historisch flüchtige Kategorie, was nicht nur für den niederländischen Beobachtungsstandpunkt gilt. So macht denn auch die Annahme einer »hyperimperialen« Tendenz wenig Sinn, wenn nicht klar ist, worüber sich diese erheben soll.

Doch ungeachtet dieser allgemeinen terminologischen Bedenken stellt dieses Buch einen überaus wichtigen Beitrag für das Verständnis der Globalgeschichte der Frühen Neuzeit dar.

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PSJ Metadata
Benjamin Steiner
Deutsches Historisches Institut Paris
Inventing Exoticism
Geography, Globalism, and Europe’s Early Modern World
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Niederlande
Sozial- und Kulturgeschichte
Neuzeit bis 1900
1600-1800
Globalisierung (4557997-0), Exotik (4153341-0)
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B. Schmidt, Inventing Exoticism (Benjamin Steiner)
In: Francia-Recensio 2016/1 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2016-1/fn/schmidt_steiner
Veröffentlicht am: 12.04.2016 13:00
Zugriff vom: 27.01.2020 02:07
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