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    L. C. Seifert, R. M. Wilkin (ed.), Men and Women Making Friends in Early Modern France (Kelly Minelli)

    Francia-Recensio 2016/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Lewis C. Seifert, Rebecca M. Wilkin (ed.), Men and Women Making Friends in Early Modern France, Farnham, Surrey (Ashgate Publishing) 2015, X–305 p., 2 fig., 1 tabl. (Women and Gender in the Early Modern World), ISBN 978-1-4724-5409-6, GBP 70,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Kelly Minelli, Freiburg i. Br.

    Seit einigen Jahren ist das Thema »Freundschaft« vermehrt in den Fokus der Geisteswissenschaften gerückt, wie nicht zuletzt das 2015 abgeschlossene Graduiertenkolleg »Freunde, Gönner, Getreue« der Universität Freiburg gezeigt hat. Der Sammelband »Men and Women Making Friends in Early Modern France« widmet sich nun ebenfalls diesem Themenfeld, wobei er sich bewusst von der These eines Niedergangs der Freundschaft im Laufe der Frühen Neuzeit, wie sie von Autoren wie Brian McGuire und Alan Bray postuliert wurde, abwendet. Stattdessen betonen die Autoren des Sammelbands, angelehnt an die Studie von Ullrich Langer, die Bedeutung der »imaginative experimentation« (S. 4) mit den Codes und Werten in Freundschaften, die einen bedeutenden Einfluss auf die Vorstellung und Konstruktion von Sexualität und Geschlecht nahmen. Der Sammelband geht hierbei von zwei grundlegenden inhaltlichen Leitfäden aus: Erstens wird Freundschaft als ein kreativer Prozess verstanden: So versuchten humanistische Autoren im Frankreich des 16. Jahrhunderts die antiken Freundschaftstraktate auf die eigene Epoche anzuwenden und sie gegebenenfalls dabei teilweise verändert auf ihren politisch-kulturellen und religiösen Hintergrund anzupassen. Gleich drei aufeinanderfolgende Beiträge des Sammelbands beschäftigen sich mit den platonischen Freundschaftstraktaten, wodurch die Entwicklung des Einflusses von antiken Freundschaftsvorstellungen im Laufe der Frühen Neuzeit deutlich wird: Während die Essays von Todd W. Reeser und Marc D. Schachter aufzeigen, wie französische Autoren die antike bzw. platonische Freundschaftstradition für eine französisch-christliche Leserschaft annehmbar machten, indem sie versuchten, die potenziellen Problematiken der platonischen Freundschaftstrakte – die homoerotische Liebe zwischen zwei Männern – zu umgehen, oder indem sie die Reflexionen über Freundschaft zu einer Betrachtung über eine theologisch suggestive Version von Liebe umwandelten, macht Katherine Crawford deutlich, dass das platonische Freundschaftsideal spätestens unter Heinrich III. nicht mehr tragbar war. Der Versuch des Königs, die neoplatonische Freundschaft als ein politisches Werkzeug einzusetzen, um die konfessionsgebundenen Konflikte zu bewältigen, sowie seine Patronage zu organisieren, schlug fehl, als seine Gegner die homoerotischen Ambiguitäten der platonischen Freundschaftstexte gegen ihn benutzten.

    Neben der kreativen Verwendung und Anpassung antiker Freundschaftstraditionen wird die »creativity of friendship« (S. 6) im Sammelband auch als kreativer Prozess für das eigene Selbst verstanden, der insbesondere das geschlechtliche Selbst formt. Dies zeigt Michelle Miller in ihrem Beitrag über den Dichter Clément Marot, der sich über seine Männlichkeit, die durch die gewaltsame Züchtigung eines gemeinsamen Feindes gefestigt wurde, als geeigneten Freund für den französischen König Franz I.darstellte. Und Peter Shoemaker hebt hervor, wie weibliche Autorinnen im 16. Jahrhundert die für eine Freundschaft immanent wichtige Fähigkeit zur Vertraulichkeit und Geheimhaltung – entgegen der allgemeinen Auffassung – gerade den Männern absprachen, und dem Bild der geschwätzigen und damit nicht vertrauenswürdigen Frau entgegenwirkten.

    Zweitens setzt der Sammelband seinen Fokus auf die cross-gender-Freundschaften, welche, bedingt durch den gemeinsamen Umgang von Männern und Frauen in den Salons und dem Ideal der Freundschaft zwischen einem männlichen Beichtvater und einer weiblichen Büßerin, wie es die katholische Reform postulierte, im Frankreich des 17. Jahrhunderts stärker in den Vordergrund traten. Diese Freundschaften, so die These des Sammelbandes, bildeten ein charakteristisches Merkmal der französischen Kultur dieser Epoche. In dieser Hinsicht analysiert Lewis C. Seifert, wie die Marquise de Sablé in ihren Gemächern im Pariser Konvent Port-Royal eine Verbindung zwischen spiritueller und weltlicher Freundschaft herstellte, die es ihr ermöglichte, weltliche Freundschaften zwischen Männern und Frauen zu ersinnen, die ohne diejenigen erotischen Spannungen auskamen, die von der Galanterie verlangt wurden. Rebecca M. Wilkin blickt auf die Brieffreundschaft zwischen Descartes und Elisabeth von der Pfalz, eine bis dahin quasi einzigartige philosophische Freundschaft zwischen einem Mann und einer Frau, in der beide jeweils unterschiedliche »friend-making strategies« (S. 162) benutzten, um diese ungewöhnliche Freundschaft zwischen zwei Personen unterschiedlichen Geschlechts und Status erst möglich zu machen.

    Deutlich wird, dass der interdisziplinäre Zugriff einen großen Mehrwert für den Sammelband generiert, da das Thema Freundschaft eben nicht nur in seiner literarischen Rezeption oder seiner Darstellung in moralischen und philosophischen Schriften untersucht, sondern der Fokus auch auf die konkreten Praktiken von Freundschaft in der Lebenswirklichkeit gelegt wird. Dies zeigt Robert A. Schneider in seiner Studie über die face-to-face-Gemeinschaften der gens de lettres im Paris der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, in denen die Beziehungen zwischen den einzelnen Mitgliedern ein konstitutives Element bei der Entstehung des literarischen »Feldes« im frühneuzeitlichen Frankreich bildeten. George Hoffmann fragt in seinem Beitrag, ob Montaigne selbst den von ihm postulierten Maßstäben der perfekten Freundschaft seines Essays »De l’amitié« folgte, wobei deutlich wird, dass dieses Ideal der einzigartigen Freundschaft auch einem zuweilen recht einfachen Zweck folgte – nämlich die Bildung eines engen, geschlossenen Freundschaftskreises zu verhindern, der zu viel soziale Energie und Zeit fordern würde. Und auch Daniella Kostroun analysiert die praktische Umsetzung von literarischen Freundschaftstraditionen, indem sie zeigt, wie die Nonnen des Konvents von Port-Royal gezielt frühneuzeitliche Freundschaftstropen als rhetorische Strategie verwendeten, um ihren Ideen und Ansichten zu politischen und theologischen Kontroversen Ausdruck zu verleihen, da ihnen eine direkte Auseinandersetzung mit theologischen Problematiken untersagt war.

    Obwohl der Sammelband von seinem interdisziplinären Zugriff profitiert, ist dieser nicht unproblematisch. So werden in der Einleitung zwar zwei grundlegende inhaltliche Annahmen postuliert, die zuweilen auch als gemeinsamer theoretischer Rahmen dienen sollen, doch scheint es einigen Beiträgen schwerzufallen, sich an den zwei vorgegebenen Leitfäden zu orientieren: Gerade der Bezug auf die Genderproblematik scheint in einigen Aufsätzen eher einen additiven Charakter zu haben, da die Thematik am Ende der jeweiligen Aufsätze zwar kurz aufgegriffen wird, für die inhaltlichen Aussagen der Texte aber nicht unbedingt einen Mehrwehrt hat. Nichtsdestotrotz bietet der Sammelband einen weitreichenden Einblick in die Thematik des frühneuzeitlichen Freundschaftsverständnisses und überzeugt durch seine detaillierten Untersuchungen zu unterschiedlichen sozialen, kulturellen und politischen Kontexten und verschiedenen Akteursgruppen sowie seine Erweiterung der Analyseperspektive durch die Zusammenführung von literarisch-philosophischen Freundschaftsdiskursen und tatsächlicher sozialer Praxis.

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    PSJ Metadata
    Kelly Minelli
    Deutsches Historisches Institut Paris
    Men and Women Making Friends in Early Modern France
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Frankreich und Monaco
    Sozial- und Kulturgeschichte
    Neuzeit bis 1900
    1500-1800
    Frankreich (4018145-5), Freundschaft (4018480-8)
    PDF document seifert_minelli.doc.pdf — PDF document, 334 KB
    L. C. Seifert, R. M. Wilkin (ed.), Men and Women Making Friends in Early Modern France (Kelly Minelli)
    In: Francia-Recensio 2016/1 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2016-1/fn/seifert_minelli
    Veröffentlicht am: 12.04.2016 13:00
    Zugriff vom: 26.01.2020 13:26
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