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G. Gassmann, Konversen im Mittelalter (Matthias Witzleb)

Francia-Recensio 2016/1 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Guido Gassmann, Konversen im Mittelalter. Eine Untersuchung anhand der neun Schweizer Zisterzienserabteien, Wien, Zürich, Berlin, Münster (LIT-Verlag) 2013, 368 S. (Vita regularis. Ordnungen und Deutungen religiosen Lebens im Mittelalter. Abhandlungen, 56), ISBN 978-3-643-80161-6, EUR 31,90.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Matthias Witzleb, Marburg

Es zählt zu den typischen Merkmalen wissenschaftlicher Fleißarbeiten, die Leser mit einer überbordenden Fülle von Informationen zu konfrontieren – und nicht selten zu ermüden. Letzteres trifft auf die gelungene Dissertation Guido Gassmanns nicht zu, die unter der Betreuung von Mariano Delgado an der theologischen Fakultät der Universität Freiburg im Üechtland entstand. Das Werk ist durchweg anregend zu lesen, logisch gegliedert und wartet mit eindrucksvollen Ergebnissen auf.

Gassmanns Forschungsinteresse ist primär darauf gerichtet, sämtliche ermittelbaren Konversen (Laienbrüder) der neun auf dem Gebiet der heutigen Schweiz gelegenen Zisterzienserklöster mit ihren Namen und »attributiven Zusätzen sowie ihren Funktionen im Kloster und in der Quelle ausfindig zu machen und zusammenzustellen« (S. 15). Dazu musste er mühevoll nach punktuellen Erwähnungen in den Zeugenlisten der lokalen Urkundenüberlieferung, in Nekrologien, Anniversarienverzeichnissen, frühen Urbaren, Rechnungsbüchern etc. fahnden. Die Ergebnisse der Suche ermöglichten ihm teilweise die Beantwortung weiterer Fragen, etwa jener nach der Herkunft der Konversen und ihrer Motive für den Klostereintritt, nach ihren Tätigkeitsfeldern und ihrer Stellung innerhalb der Klosterhierarchie. Der zeitliche Rahmen wird durch den Niedergang und das allmähliche Verschwinden des Konverseninstituts in den Schweizer Zisterzen des 13. und 14. Jahrhunderts abgesteckt. Während er sich für die allgemeine Geschichte der zisterziensischen Laienbrüder unter anderem auf die Vorarbeiten Michael Toepfers1 und für die Frühzeit auf seine eigene Masterarbeit2 stützen konnte, beschreitet Gassmann mit der Quellenarbeit neue Wege: Eine derartige Tiefenanalyse, noch dazu innerhalb eines größeren geografischen Raums, war bislang ein Desiderat.

Nach einer Einleitung, in der er knapp die frühe Geschichte der Zisterzienser allgemein und im Schweizer Raum referiert, den Forschungsstand und seine eigene Methodik und Fragestellung darlegt, steigt Gassmann mit einem Kapitel zur sozialen und geografischen Herkunft der Konversen und ihrer Motivation für den Klostereintritt in die Quellenauswertung ein. Erstaunlicherweise – denn hier wurde ein Generalkapitelsbeschluss von 1188 nicht befolgt! – rekrutierten sich die Konversen einiger Klöster, wie die Mönche, auch aus dem (ritterlichen) Adel und dem städtischen Bürgertum. Die Häufigkeit nehme jedoch seit dem ausgehenden 13. Jahrhundert ab. In Frienisberg sei dies bei allein 5 der 13 bekannten Konversen der Fall, während etwa in Montheron und Kappel nur Nachweise für bürgerliche und bäuerliche Konversen vorlägen; in Kappel spiegele sich bei den Konversen die soziale Zusammensetzung des Mönchskonvents wider. Eintritte und Stiftungen alter oder kranker Männer aus der Oberschicht waren wohl nicht selten. Wie die Mönche stammten die Konversen überwiegend aus der Umgebung der Klöster oder Klostergüter. Die Erkenntnis, dass Konversen aus dem Adel oder Bürgertum häufiger im Besitz wichtiger Ämter nachzuweisen sind, weist auf eine grundlegende Problematik hin: Die Quellen verzeichnen überwiegend Konversen mit Einfluss. »Eine zahlenmäßig große Gruppe unter den Konversen unserer Abteien bildeten sicherlich jene, die namenlos geblieben sind und im Kloster ein unscheinbares Dasein verlebt haben« (S. 55). Quantitative Aussagen sind daher nur schwer möglich.

Gassmanns Quellenstudien illustrieren eindrucksvoll die mögliche Bandbreite der sozialen Herkunft, etwa die jenes Heinrich dictus Jude, der offenbar als Konvertit aus der Stadt Sennheim 1311–1344 Leiter einer Grangie des Klosters Lucelle/Lützel war (S. 110 u. ö.). Oder die herausgehobene Stellung des Wettinger Konversen und »Prokurators« Werner von Riehen, der sehr wahrscheinlich als Stadthofmeister in Riehen und Basel fungierte; er stand nicht nur 1248–1255 in diplomatischen Diensten der Päpste, sondern gelangte auch an privaten Besitz, namentlich den einer Grangie, weshalb er vom zisterziensischen Generalkapitel verklagt wurde (S. 142f.). Diese leuchtenden Beispiele weisen einmal mehr auf den punktuellen Charakter der Quellen hin. Manche Aussagen Gassmanns, besonders jene zur Motivation des Klostereintritts (S. 64–72), müssen angesichts der Quellenarmut weitgehend spekulativ bleiben. Auch sind die überlieferten Quellen ungleich verteilt.

Mit 84 Seiten legt Gassmann im dritten Kapitel den Schwerpunkt seiner Ausführungen auf die praktische Tätigkeit der Konversen. Er kann reiche Belege für Schweizer Konversen als Grangienmeister, Stadthofmeister, mercatores, Zinsmeister und Handwerker mannigfacher Profession anführen. En passant bietet er eine Übersicht über sämtliche Schweizer Grangien (S. 91–97). Sogar der seltene Nachweis eines schreibkundigen Autors fehlt nicht: Heinrich Sleli aus Gunzikon, Konverse in Wettingen, der im Jahr 1264 einen Traum schriftlich fixierte (S. 163). Recht knapp, aber präzise, sind die Ausführungen des vierten Kapitels zur Stellung der Konversen gegenüber den Mönchen und den Familiaren und Lohnarbeitern. Bei der Schilderung des spirituellen Lebens der Konversen im fünften Kapitel hebt Gassmann den »nicht unerheblichen Anteil« (S. 215) der Konversen an der Etablierung der Christus- und Marienfrömmigkeit in der Praktizierung des »englischen Grußes« hervor. Der ausführliche Anhang beschreibt zu jedem Kloster die jeweils konsultierten Quellen, gefolgt von einer kommentierten Auflistung sämtlicher nachgewiesener Konversen; in Kurzform folgt nochmals eine alphabetische Liste der Konversennamen zu jedem Kloster mit kurzen Bemerkungen. Fünf Karten und umfangreiche Register runden den Band ab.

Besonders in der Einleitung wird der Lesegenuss leider etwas getrübt durch eine Häufung von Flüchtigkeits-, Grammatik- und Sinnfehlern. Hier wären, neben dem Autor, auch der Herausgeber und der Redakteur der Reihe in der Pflicht gewesen. Gewöhnungsbedürftig sind die Quellenzitate in Anführungszeichen anstatt in Kursive. Diese Petitessen tun dem hohen Wert der Abhandlung indes keinen Abbruch. Guido Gassmann hat einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Zisterziensergeschichte geleistet. Nun bleibt zu hoffen, dass andere Autoren seinem Vorbild folgen – etwa mit Studien zu den Konversinnen und Konversen der Zisterzienserinnenklöster oder Untersuchungen mit anderen geografischen Schwerpunkten.

1 Michael Toepfer, Die Konversen der Zisterzienser. Untersuchungen über ihren Beitrag zur mittelalterlichen Blüte des Ordens, Berlin 1983 (Berliner historische Studien, 10. Ordensstudien, 4).

2 Guido Gassmann, Die Konversen der Zisterzienser in den Anfängen des Ordens, Aachen, Mariawald 2011 (Patrium Cisterciense. Quellen und Untersuchungen zum zisterziensischen Erbe). Leicht überarbeitete Druckfassung der Masterarbeit, Luzern 2005.

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PSJ Metadata
Matthias Witzleb
Konversen im Mittelalter
Eine Untersuchung anhand der neun Schweizer Zisterzienserabteien
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Hohes Mittelalter (1050-1350)
Schweiz
Kirchen- und Religionsgeschichte
6. - 12. Jh.
1000-1200
Schweiz (4053881-3), Konverse (4165199-6), Zisterzienser (1008453-8)
PDF document gassmann_witzleb.doc.pdf — PDF document, 332 KB
G. Gassmann, Konversen im Mittelalter (Matthias Witzleb)
In: Francia-Recensio 2016/1 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500) | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2016-1/ma/gassmann_witzleb
Veröffentlicht am: 12.04.2016 13:00
Zugriff vom: 22.01.2020 18:14
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