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R. Dumas, Politiquement incorrect (Frederike Schotters)

Francia-Recensio 2016/1 19.‒21. Jahrhundert ‒ Époque contemporaine

Roland Dumas, Politiquement incorrect. Secrets d’État et autres confidences. Carnets 1984–2014. Édition établie sous la direction d’Alain Bouzy, Paris (Le Cherche Midi) 2015, 677 p. (Documents), ISBN 978-2-7491-3608-0, EUR 19,50.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Frederike Schotters, Essen

Rund um die Erscheinung seiner jüngsten Publikation sorgt der ehemalige französische Außenminister Roland Dumas für öffentliches Aufsehen: In pathetischem Eigenlob präsentiert er sich beispielsweise als »Retter der Republik«, da der Conseil constitutionnel unter seiner Präsidentschaft 1995 über gewisse Unregelmäßigkeiten auf den Wahlkampfkonten von Édouard Balladur und Jacques Chirac hinweggesehen habe (S. 483ff.). Mit kompromisslosen Urteilen über die aktuelle französische Außenpolitik hält er ebenfalls nicht hinter dem Berg. Jenseits jeder »political correctness«, die er der politischen und medialen Elite eingangs zum Vorwurf macht (S. 10), kündigt der Titel an, »Secrets d’État et autres confidences« zu offenbaren. Entstanden ist ein Buch, das sowohl private und politische Sphären als auch die Quellengattungen Tagebuch und Notizbuch miteinander verschränkt.

Mit »Politiquement incorrect« gibt Dumas nach eigenen Angaben erstmals seine zeitgenössischen Notizen in nahezu unbearbeiteter Form heraus (S. 9f.). Nachtägliche Präzisierungen seien gekennzeichnet, um Passagen seines Tagebuchs nicht zu modifizieren (S. 11). Diese unbearbeiteten zeitgenössischen Aufzeichnungen, die sich als Quellengattung grundsätzlich von Memoiren in der Retrospektive unterscheiden, suggerieren eine höhere Authentizität. Nicht immer lässt er sich selbst im besten Licht dastehen, wenn er beispielsweise von eigenen Fehltritten berichtet (S. 58). Eine Bearbeitung der Edition seiner Aufzeichnungen lässt sich jedoch nicht zweifelsfrei ausschließen, zumal Dumas angibt, auch andere Dossiers und Akten erneut geöffnet und zumindest eine Ordnung in seine Papiere gebracht zu haben, die nicht zur Publikation bestimmt waren (S. 10). Bei aller gebotenen quellenkritischen Vorsicht ermöglicht das neue Buch Historikern jedoch einen Zugriff auf zeitgenössische Wahrnehmungen von Roland Dumas, indem die tagebuchartige Form seiner Notizbücher beibehalten wird, ohne die Aufzeichnungen einem Narrativ unterzuordnen.

Anekdotenreich berichtet Dumas von Erfahrungen als Wegbegleiter und Chefdiplomat von François Mitterrand und spart nicht mit bisweilen sehr intimen Details. Die Zeit nach Mitterrands Tod ist für ihn vor allem gekennzeichnet durch die Verarbeitung schmerzhafter Erinnerungen an seine Anklage in der »affaire Elf« oder Skandale um Mitterrands Präsidentschaft, während er ab Mitte der 2000er Jahre seine Aufmerksamkeit wieder verstärkt auf die Beobachtung und Kommentierung der französischen Außenpolitik richtet. Weite Passagen wie die Darstellung der Außenpolitik von 1983–1988 oder Dumas’ Werdegang und biografische Prägungen sowie Porträts von früheren Wegbegleitern sind dem Leser aus seinen früheren Publikationen hinreichend bekannt1. Überraschend neue Staatsgeheimnisse aufzudecken, die wohl auch zu Marketingzwecken im Titel beworben werden, vermag Dumas nicht. Bisweilen muten seine Worte pathetisch, um nicht zu sagen fast banal an, wenn er beispielsweise im Vorwort beschwört: »Les seules armes du diplomate pour éviter la guerre sont les mots« (S. 11). Allerdings bildet die Diplomatie, ihre vielfältigen Arbeitspraktiken, Risiken und Erfolge einen thematischen Faden innerhalb der Publikation. Dadurch verlieren diese Worte nach der Lektüre nicht nur an Banalität, sondern erscheinen vielmehr als eine Art Programmatik.

Und gerade hierin liegt die Stärke des Buches, das durch die untrennbare Verknüpfung oder geradezu Verschmelzung von persönlichen und politischen Erfahrungen einen Einblick in die Denkmuster Roland Dumas’ gewährt. Diese können durchaus als stellvertretend für eine vom Krieg gezeichnete Generation abgetretener Politiker gesehen werden, die ihre Berufung darin sah, den Frieden zu sichern und einen neuen Krieg zu verhindern: Diplomatie als Instrument für die Erhaltung von Gleichgewicht und Stabilität sind für Dumas Dreh- und Angelpunkt der Friedenssicherung und zugleich Ansatz für seine kritischen Urteile über die Außenpolitik, die nach François Mitterrand Einzug in Élysée und Quai d’Orsay hielt. Insofern bildet »die Diplomatie« oder Dumas’ Vorstellung einer »richtigen« Diplomatie ein verbindendes Element zwischen Berichten über »seine« Außenpolitik und jener, die er meint, aktuell zu beobachten. Deutlich werden die vielfältigen Facetten der Diplomatie unter François Mitterrand und die Rolle, die der Faktor Persönlichkeit dabei spielte: Sie erfüllte Zwecke der Vertrauensbildung (z. B. S. 99), ermöglichte aber auch bessere Übersicht und Strategieplanung (z. B. S. 25). Nicht zuletzt gewinnt man über Dumas’ diplomatische Netzwerke und die gelegentlichen Umwege diplomatischer Verhandlungen eine Vorstellung vom diplomatischen Tagesgeschäft. Über eine Zeitspanne von 30 Jahren wird für den Leser deutlich, wie sich äußere Rahmenbedingungen der Politik – zum Beispiel geostrategische Voraussetzungen und Szenarien künftiger militärischer Konflikte – langfristig veränderten.

Abgesehen von der Quellengattung ist auch der ausdrückliche Gegenwartsbezug von Dumas’ Erfahrungen neu an »Politiquement incorrect«. Die Rückkehr in die integrierte Kommandostruktur der NATO im Jahr 2009 unter Nicolas Sarkozy ist für ihn Ursprung der aktuellen Misere französischer Außenpolitik. Dieser »ralliement inconditionnel aux diktat de l’Alliance atlantique« (S. 654) stellt für ihn einen Bruch mit der traditionellen Politik französischer Unabhängigkeit dar. Schonungslos konstatiert er ein Verschwinden Frankreichs vom Radar der internationalen Diplomatie. Hinsichtlich des Konflikts in der Ukraine kritisiert Dumas die mangelnde Voraussicht des westlichen Bündnisses. Mit wenig Empathie für wechselseitige Perzeptionen seien russische Einkreisungsängste wachgerufen worden. Die Konflikte in der Ukraine, in Syrien, Libyen oder dem Irak seien mehr oder weniger Konsequenz westlicher beziehungsweise amerikanischer Politik, zu deren Handlangern sich französische Politiker obendrein selbst gemacht hätten. Ungeachtet jeglicher Maxime des Gleichgewichts seien Diktatoren niedergeworfen worden, die in ihren Regionen für Stabilität gesorgt hätten (S. 656).

Ob bewusst oder unbewusst, politisch korrekt sind viele Aussagen gewiss nicht, denen man zum Teil eine etwas einseitige wenn auch zugespitzte Darstellung bescheinigen kann. Die Leserschaft braucht Dumas’ Urteile jedoch nicht zu teilen, um Gewinn aus der Lektüre zu ziehen. Durch die Verbindung aus persönlicher Erfahrung und Kommentierung der Gegenwart ergibt sich ein geschlossener Text und ein rundes Bild seiner Persönlichkeit. Insgesamt bewegt sich »Politiquement incorrect« an der Schnittstelle zwischen Verarbeitung privater wie politischer Erfahrungen, Rechtfertigung für politische Entscheidungen und Abrechnung mit seinen Kritikern und Kontrahenten, Zeugnis für künftige politische Generationen und Denkschrift, wenn nicht Pamphlet, gegen die gegenwärtige Außenpolitik. Mit seiner Kritik möchte Roland Dumas wohl wachrütteln, verpasst aber leider die Gelegenheit, konkrete Denkanstöße für eine politische Neuausrichtung in der Gegenwart zu liefern. Einer an französischer Außenpolitik interessierten Leserschaft lässt sich die Lektüre trotz vieler Redundanzen zu früheren Publikationen dennoch empfehlen, da sie einen Einblick in das alltägliche Geschäft der Diplomatie unter Dumas und Mitterrand gewährt und zugleich einen kritischen Beitrag zum aktuellen politischen Diskurs in der französischen Öffentlichkeit leistet.

1 Vgl. dazu Roland Dumas, Affaires étrangères. Tome 1: 1981–1988, Paris 2007; Ders., Le fil et la pelote. Mémoires, Paris 1996; Ders., Coups et blessures. 50 ans de secrets partagés avec François Mitterrand, Paris 2011; Ders., Dans l’œil du Minotaure. Le labyrinthe de mes vies, Paris 2013.

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PSJ Metadata
Frederike Schotters
Deutsches Historisches Institut Paris
Politiquement incorrect
Secrets d’État et autres confidences. Carnets 1984–2014. Édition établie sous la direction d’Alain Bouzy
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
Frankreich und Monaco
Politikgeschichte
20. Jh.
Dumas, Roland (119547236), Frankreich (4018145-5), Politik (4046514-7), Außenbeziehungen (4143618-0), Erlebnisbericht (4133254-4)
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R. Dumas, Politiquement incorrect (Frederike Schotters)
In: Francia-Recensio 2016/1 | 19.-21. Jahrhundert - Époque contemporaine | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2016-1/zg/dumas_schotters
Veröffentlicht am: 12.04.2016 13:00
Zugriff vom: 22.02.2020 16:40
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