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    S. A. Forner, German Intellectuals and the Challenge of Democratic Renewal (Bernd Faulenbach)

    Francia-Recensio 2016/1 19.‒21. Jahrhundert ‒ Époque contemporaine

    Sean A. Forner, German Intellectuals and the Challenge of Democratic Renewal. Culture and Politics after 1945, Cambridge (Cambridge University Press) 2014, XII–383 p., ISBN 978-1-107-04957-4, USD 99,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Bernd Faulenbach, Bochum

    Das Buch von Sean A. Forner handelt von deutschen Intellektuellen, die nach 1945 – als Gegner der Nazis – für die Realisierung einer auf die deutsche Kultur gegründete, durch Partizipation gekennzeichnete Demokratie eintraten und bislang von der Geschichtsschreibung zu wenig beachtet werden. Der an der Michigan State University lehrende Historiker betont das Gemeinsame der von ihm als »engaged democrats« bezeichneten Gruppe, umreißt ihren politischen Grundansatz und ihr Konzept der erneuerten politischen Kultur, beleuchtet ihre Wege politischer Einflussnahme und fragt nach ihrem Verhalten nach Gründung der Bundesrepublik und der DDR. Forner misst der Gruppe eine wichtige Rolle bei der Herausbildung der demokratischen politischen Kultur bei, was aus seiner Sicht einer Interpretation widerspricht, nach der die Demokratiebildung in Deutschland in zwei Stufen erfolgte: Zunächst seien demokratische Institutionen aufgebaut, doch erst in den 1960er Jahren sei durch einen Prozess der Westernisierung eine demokratische politische Kultur herausgebildet worden.

    Forners »public intellectuals« sind eine recht heterogene Gruppe, zu der er kommunistische Intellektuelle wie Ernst Bloch, Wolfgang Harich, Alfred Kantorowicz und Hans Mayer, die Linkskatholiken Walter Dirks und Eugen Kogon, die Heidelberger Intellektuellen Karl Jaspers, Alexander Mitscherlich, Dolf Sternberg und Alfred Weber sowie Alfred Andersch und Axel Eggebrecht rechnet. Weitere Namen tauchen gelegentlich auf, etwa im Kontext der Thematisierung des »Kongresses für kulturelle Freiheit«. Fragen könnte man auch nach Affinitäten der Gruppe zu demokratischen Sozialisten wie Carlo Schmid, Willy Brandt und Gerhard Weisser. Genannt wird Hans Werner Richter, der eine wichtige Rolle in der Gruppe 47 spielte, deren Verhältnis zu den »engaged democrats« nicht erörtert wird.

    Die von Forner untersuchten Intellektuellen waren Gegner der Nazis, kamen aus der äußeren oder inneren Emigration oder aus dem Widerstand. Sie meldeten sich früh, seit der »Stunde Null«, zu Wort, engagierten sich teilweise bei Versuchen von neuen Parteibildungen, fanden ihren Wirkungsrahmen jedoch eher in offenen Kreisen oder vor allem als Publizisten. Ihre demokratischen Konzepte waren unideologisch und undogmatisch, z. T. aber auch vage. Sie wandten sich sowohl gegen den Westen als auch den Osten, Hans Mayer etwa hoffte auf eine Synthese einer demokratisch erneuerten Sowjetunion und einer Weiterentwicklung von Roosevelts New Deal. Im Grunde strebten sie ein demokratisches neutrales Deutschland in einem demokratisch neutralen Europa an. Sie wollten bei der Realisierung von Freiheit immer die sozialen Verhältnisse als wesentliche Voraussetzung einbeziehen. Im Grunde strebten sie Konzepte eines Dritten Weges zwischen Kapitalismus und sowjetischem Sozialismus an.

    Ihr Demokratiekonzept sollte aus den Massen Staatsbürger machen. Ziel war – so stellt Forner heraus –- »self-civilizing subjects of a self-constituing public«, d. h. Demokratisierung durch Partizipation von unten zu erreichen. Bemerkenswerterweise aber waren die Intellektuellen gleichwohl nicht frei von elitären Vorstellungen, vor allem auch in ihrem Rekurs auf die deutsche Kultur. Zwar setzten sie sich teilweise kritisch mit der deutschen Geschichte auseinander, doch wollten sie gleichwohl ausgewählte deutsche kulturelle Traditionen für eine Erneuerung der Demokratie in der Gegenwart fruchtbar machen, wozu sie ein neues Verhältnis von Macht und Kultur anstrebten. Offensichtlich dachten sie in Kategorien der deutschen Denktradition und knüpften dabei teilweise an Diskurse der Weimarer Zeit an.

    Ihr Verhältnis zu den Besatzungsmächten verschlechterte sich mit dem beginnenden Ost-West-Konflikt. Sie wandten sich gegen die wachsende Polarisierung, kritisierten auch die Wiederaufrüstung, die aus ihrer Sicht die Tendenzen zu einer »Restauration« der politisch-gesellschaftlich-kulturellen Verhältnisse verstärkten. »Restauration« wurde das Schlüsselwort ihrer Gesellschaftskritik. Die Intellektuellen gerieten in den 1950er Jahren in die Defensive, behielten jedoch in der Bundesrepublik während der 1950er Jahre, etwa in der frühen Friedensbewegung, und verstärkt wieder in den 1960er Jahren einen gewissen Einfluss, während sie in der DDR, deren Realität Forner etwas zu verkennen scheint, geradezu marginalisiert wurden, was in ihrer Übersiedlung in den Westen bzw. ihrer Verhaftung deutlich wurde.

    Es ist Forners Verdienst, den Blick auf eine bislang wenig beachtete Gruppe zu lenken und dadurch das Bild der deutschen politischen Kultur der Nachkriegsjahrzehnte zumindest zu ergänzen. Er arbeitet bei mancher anfechtbaren Nivellierung der Unterschiede zwischen den Intellektuellen und der unzureichenden Abgrenzung der Gruppe recht eindrucksvoll die 1945 beginnenden vielfältigen Bemühungen von Intellektuellen heraus, Demokratie in Deutschland durchzusetzen. Dies wirft die Frage nach der Bedeutung der vieldiskutierten »Westernisierung« auf, die – auf der Basis der Ergebnisse von Forners Studie – nicht als einfache Übertragung westlichen Denkens auf Deutschland, d. h. vor allem auf die Bundesrepublik zu verstehen ist. So wichtig auch in der Nachkriegszeit die Öffnung des Geisteslebens zu den westlichen Nachbarn und die wachsende Kommunikation mit dem Westen war, so ist »Westernisierung« doch als ein Prozess zu sehen, der sich aus unterschiedlichen Traditionen, auch aus der deutschen Tradition, speiste, keineswegs ausschließlich in der Assimilation deutschen intellektuellen Lebens an den Westen bestand und auf die Dauer zur Stärkung der Gemeinsamkeiten der westlichen politischen Kultur bei Fortdauer mancher nationaler Unterschiede führte. Forners Buch legt insofern eine differenzierte Betrachtung der deutschen »intellectual history« nach 1945 nahe.

    Die Durchsetzung der demokratischen politischen Kultur durchlief in Deutschland verschiedene Phasen mit sich verändernden Konfliktkonfigurationen, die ihrerseits in Beziehung gesetzt werden müssen zu einem vielschichtigen politisch-gesellschaftlichen Wandel, der sich teilweise gleichsam hinter dem Rücken der Intellektuellen vollzogen hat. Auch wenn dies die Rolle der von Forner untersuchten Intellektuellen relativieren mag, sind sie doch eine interessante für die deutsche Entwicklung aufschlussreiche Gruppe.

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    PSJ Metadata
    Bernd Faulenbach
    Deutsches Historisches Institut Paris
    German Intellectuals and the Challenge of Democratic Renewal
    Culture and Politics after 1945
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Politikgeschichte
    20. Jh.
    1945-1990
    Deutschland (4011882-4), Intellektueller (4027249-7), Politische Beteiligung (4076215-4), Politische Kultur (4046540-8), Kultur (4125698-0), Demokratie (4011413-2)
    PDF document forner_faulenbach.doc.pdf — PDF document, 268 KB
    S. A. Forner, German Intellectuals and the Challenge of Democratic Renewal (Bernd Faulenbach)
    In: Francia-Recensio 2016/1 | 19.-21. Jahrhundert - Époque contemporaine | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2016-1/zg/forner_faulenbach
    Veröffentlicht am: 12.04.2016 13:00
    Zugriff vom: 27.01.2020 02:25
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