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    U. Hägele, Walter Kleinfeldt. Fotos von der Front 1915–1918 (Petra Bopp)


    Francia-Recensio 2016/1 19.–20. Jahrhundert – Époque contemporaine

    Ulrich Hägele, Walter Kleinfeldt. Fotos von der Front 1915–1918/Photos du front 1915–1918, Münster, New York (Waxmann Verlag) 2014, 188 S., zahlr. Abb. (Visuelle Kultur. Studien und Materialien, 8), ISBN 978-3-8309-2935-2, EUR 24,90.


    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Petra Bopp, Hamburg


    Der ausgewiesene Fotohistoriker Ulrich Hägele, Mitarbeiter am Zentrum für Medienkompetenz der Universität Tübingen, publizierte bereits 2012 einen Band über die Fotografien von Walter Kleinfeldt mit dem Bilderkosmos seines Tübinger Fotostudios zwischen 1920 und 2010. Dieses Bildarchiv zu Stadt und Region der Universitätsstadt am Rand der Schwäbischen Alb entstand nach der Rückkehr des Soldaten Walter Kleinfeldt aus dem Ersten Weltkrieg. Der Sohn von Walter Kleinfeldt, der das Fotogeschäft seines Vaters weiterführte, entdeckte vor fünf Jahren in kleinen Holzkästen 134 Glasdias von Fotos, die an der Front zwischen 1916 und 1918 entstanden waren. Hundert Jahre nach Ausbruch des »Großen Krieges« recherchierte und analysierte Ulrich Hägele diesen Nachlass und publizierte 2014 die Bildzeugnisse in dem vorliegenden Band. Eine Auswahl von fünfzig Aufnahmen ist zudem in einer Wanderausstellung zu sehen. Der zweisprachige, deutsch-französisch edierte Band verweist auf bislang sieben Ausstellungsstationen, drei in Frankreich (Aix-en-Provence, Paris, Nancy) und vier in Deutschland (Reutlingen, Mönchengladbach, Tübingen, Dettenhausen).

    Im Frühjahr 1915 meldete sich der 16jährige Walter Kleinfeldt nach dem Notabitur als Kriegsfreiwilliger und kam im November 1915 im Departement Somme an die Front. Kaum im Schützengraben angekommen bestellte er bei seiner Mutter eine Plattenkamera und Filmmaterial. Ab Januar 1916 bis zum Kriegsende fotografierte Walter Kleinfeldt seine Kameraden in den Schützengräben, in den zerstörten französischen Dörfern, Städten und Landschaften der Somme, mit Quartiersfamilien und mit der Gasmaske. Er sandte die belichteten Platten mit der Feldpost zu seiner Mutter, um sie entwickeln und vergrößern zu lassen. Kleinfeldt hinterließ aber nicht nur Fotos, sondern schrieb Feldpostbriefe und führte ein Feldtagebuch, in dem er die Aufnahmen mit Datum und Belichtungszeit sowie einer kurzen Bewertung auflistete. Aus diesen schriftlichen und bildlichen Quellen stellte Ulrich Hägele Buch und Ausstellung zusammen.

    »Ich bin nun froh, dass ich meinen Photokasten überall dabei habe«, schrieb Kleinfeldt im Brief vom 4. August 1916. Mit seiner Contessa-Ola-Kamera, einer kleinen handlichen Balgen-Kamera aus den Contessa-Camerawerken in Reutlingen, fotografierte Kleinfeldt die üblichen Frontmotive: Gruppenaufnahmen mit den Kameraden, militärisches Gerät und rauchende Landschaften. Dabei gelangen ihm eindrucksvolle Nahaufnahmen wie das Bild eines zerschossenen, zersplitterten Baumes oder das in Grauweiß verschwimmende Foto eines Schusses. Auch das unscharfe, weil in sekundenschneller Aktion aufgenommene Bild eines abstürzenden brennenden Fesselballons mit dem Piloten am Fallschirm ist ein herausragendes Beispiel für die frühe private Kriegsfotografie. Ulrich Hägele charakterisiert diese Vielfalt in den Motiven und ihren Bildkompositionen als eine Entwicklung Kleinfeldts während des Krieges »vom Knipser zum semi-professionellen Fotografen« (S. 43). Auch Anton Holzer bescheinigt Kleinfeldt in seinem Vorwort die Begabung zum Amateurfotografen und nennt ihn einen »lakonischen Beobachter für das Alltägliche und Schreckliche des Krieges« (S. 11).

    Bereits 1920 fertigte Kleinfeldt von den Negativen Diapositive an und hielt damit Vorträge über seine Erfahrungen an der Front. Zudem publizierte er einige seiner Fotos in Zeitschriften und Bildbänden in den 1920er Jahren – auch dies ein Hinweis auf die hier bereits einsetzende journalistische Herangehensweise Kleinfeldts. Hägele geht in seiner Einleitung auf die komplizierte Entstehungs- und Provenienzgeschichte ein, bevor er alle 134 Aufnahmen in drei motivisch gegliederte Kapitel einordnet. Dabei versucht er mit kurzen Zitaten aus 16 erhaltenen Feldpostbriefen und dem Tagebuch, den Fotos eine grobe Kontextualisierung zu geben. Dies misslingt jedoch häufig, da Beschreibungen aus den Briefen von 1915 zu den später entstandenen Fotos hinzugefügt werden oder die ausgewählten Zitate nicht mit den Fotos stimmig sind. Zudem erschwert diese Form der Annotierung jegliche Chronologie und Kontinuität des Kriegsverlaufs, sowohl bildlich wie in der schriftlichen Notierung.

    Auch die ikonografische Aufteilung der drei Kapitel in »Kriegsalltag im Schützengraben«, »Kriegsgerät und Landschaft« sowie »Tod und Zerstörung« lässt sich nicht sinnvoll durchhalten, da die Aufnahmen häufig alle drei Motive zeigen. Lediglich 25 Fotos können mithilfe der Auflistung im Feldtagebuch sinnvoll zugeordnet werden. Viele Fotos erscheinen daher wie Illustrationen der Schilderungen aus den Feldpostbriefen und verlieren dabei ihre eigenständige Bildaussage. Zudem geht in dieser chronologisch unzusammenhängenden Gliederung die Beobachtung der Auswirkungen des Krieges auf den Fotografen verloren. Dies hätte bei diesen qualitätsvollen Bildern eine wichtige Erkenntnis der Analyse ergeben können. Da jedoch die Nummerierung aus der Tagebuchliste nicht auf die Fotos übertragen wurde, ist die Datierung ex post ein schwieriges Unterfangen.

    Diese Hinweise zu einer sinnvolleren Gliederung sind aber die einzigen Einschränkungen in dieser verdienstvollen Edition zur frühen Privatfotografie aus dem Ersten Weltkrieg. Die zeitgleich erschienenen Fotobände und Filme in Frankreich und Großbritannien verweisen auf die Möglichkeiten der vergleichenden Betrachtung dieser visuellen Relikte und Erinnerungsmarker der beteiligten Nationen, wie sie in der Dokumentation der BBC »Hidden Histories – WW1s Forgotten Photographs« mit den Fotos von Walter Kleinfeldt und dem englischen Soldaten William Smallcombe, jeweils vorgestellt und kommentiert von Sohn Volkmar Kleinfeldt und Enkel Michael Smallcombe, im Gespräch erläutert werden. Dies könnte zusammen mit den Aufnahmen des französischen Soldaten Frantz Adam, »Ce que j’ai vu de la Grande Guerre« (Paris 2013) in ihrer zeithistorischen Kontextualisierung ein interessanter Ansatz im Sinn der Histoire croisée in einer Ausstellung sein.

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    PSJ Metadata
    Petra Bopp
    Deutsches Historisches Institut Paris
    Walter Kleinfeldt
    Fotos von der Front 1915–1918/Photos du front 1915–1918
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
    Weltgeschichte
    Geschichte des Journalismus (Zeitungen etc. und Personen), der Medien und der Kommunikation
    20. Jh.
    1899-1945
    Kleinfeldt, Walter (1033155608), Weltkrieg 1914-1918, Motiv (4189594-0), Bildband (4145395-5), Fotografie (4045895-7)
    PDF document haegele_bopp.doc.pdf — PDF document, 175 KB
    U. Hägele, Walter Kleinfeldt. Fotos von der Front 1915–1918 (Petra Bopp)
    In: Francia-Recensio 2016/1 | 19.-21. Jahrhundert - Époque contemporaine | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2016-1/zg/haegele_bopp
    Veröffentlicht am: 12.04.2016 13:00
    Zugriff vom: 27.01.2020 02:03
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