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    L. Litzenburger, Une ville face au climat (Chantal Camenisch)

    Francia-Recensio 2016/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Laurent Litzenburger, Une ville face au climat. Metz à la fin du Moyen Âge. 1400–1530. Préface d’Emmanuel Le Roy Ladurie, Nancy (Presses universitaires de Nancy – Éditions universitaires de Lorraine) 2015, 487 p., VIII p. de pl., 137 ill. (Archéologie, espaces, patrimoines), ISBN 978-2-8143-0225-9, EUR 40,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Chantal Camenisch, Bern

    Das Klima der Stadt Metz im Spätmittelalter steht im Zentrum der von Laurent Litzenburger vorgelegten Monografie, die auf seiner 2012 an der Université de Lorraine, Nancy, eingereichten Dissertation beruht. Litzenburgers Publikation steht dabei in der Tradition der Historischen Klimatologie, wie Emmanuel Le Roy Ladurie ausführt, der das Vorwort zum Buch verfasste. Eine Klimarekonstruktion, die sich auf einen so kleinen Raum konzentriert, ist sehr ungewöhnlich und kommt vor allem dank der einzigartigen Quellenlage in Metz und des wissenschaftlichen Talents Laurent Litzenburgers zustande. Der Autor gliedert sein Werk in drei Teile, wovon sich der erste mit der Rekonstruktion des Klimas beschäftigt, während der zweite die Verletzlichkeit (vulnerability) der Stadt Metz gegenüber Klima und Witterung thematisiert und der dritte Teil sich letztlich mit der gesellschaftlichen Vorstellung von und der Haltung gegenüber Klima und Witterungsverlauf auseinandersetzt.

    Litzenburger diskutiert zu Beginn des ersten Teils die Quellen, die für eine lokale Klimarekonstruktion am Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit infrage kommen, wobei er auf ihre Eigenschaften und Merkmale eingeht. Metz verfügt in dieser Hinsicht über einen Schatz an einzigartigen narrativen Quellen für die Zeitspanne von 1422 bis 1526, zu nennen sind etwa Chronik und Journal des Metzer Kaufmanns Philippes de Vigneulles. Diese narrativen Quellen kombiniert Litzenburger mit administrativen, wie beispielsweise der Abrechnung des städtischen Säckelmeisters (receveur de la Cité), die von 1408 bis 1538 ohne größere Unterbrüche überliefert ist. Diese Abrechnungen führen städtische Einnahmen und Ausgaben auf, darunter auch verschiedene indirekte Steuern, die Aufschluss über die Agrarproduktion der Gegend gewähren. Laurent Litzenburger konnte die Weinsteuern sogar in jährliche Indizes verarbeiten, die aus einer siebenteiligen Skala (-3: extrem schlechte Ernte bis +3: extrem gute Ernte) bestehen. Da Weinbau eine große Rolle für die Gegend um Metz spielt, haben sich entsprechend umfangreiche Quellen erhalten, die darauf Bezug nehmen. Darunter finden sich beispielsweise Weinlesedaten, die hervorragende Klimaproxies (indirekte Informationen, aus denen sich der Witterungsverlauf herleiten lässt) darstellen.

    Akribisch legt der Autor dar, welche Methoden er anwendet, um aus Reihen, die sich auf den Weinbau, aber auch die Nutzung von Getreidemühlen etc. beziehen, klimarelevante Daten zu erhalten. Das folgende Kapitel widmet sich der Erstellung von saisonalen und jährlichen Temperatur- und Niederschlagsindizes, der eigentlichen Klimarekonstruktion für die Zeitspanne von 1420 bis 1537. Abschließend diskutiert Litzenburger die Typen einiger auffallender Witterungsereignisse wie Eisbedeckung von Gewässern, Überschwemmungen, Dürreperioden und Stürme. In einem Zwischenfazit bettet der Autor seine eigenen Erkenntnisse in die Ergebnisse großräumiger Rekonstruktionen ein.

    Der zweite Teil widmet sich der gesellschaftlichen Verletzlichkeit gegenüber Klima und Witterung. Zunächst stellt Litzenburger einige theoretische Ansätze vor, die in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen. Im folgenden Kapitel setzt sich der Autor mit der Verletzlichkeit der Lebensmittelversorgung der Stadt Metz auseinander. Verschiedene Arten von Lebensmittel finden dabei ebenso Berücksichtigung wie diejenigen Witterungsmuster, die besonders stark auf deren Erntemenge einwirken. Ein weiteres Kapitel handelt von der gesellschaftlichen Verletzlichkeit gegenüber hohen Lebensmittelpreisen, besonders Wein- und Getreidepreisen, und den externen Faktoren, die auf diese einwirken. In diesem Kapitel stellt der Autor auch die demografischen Konsequenzen der gesellschaftlichen Verletzlichkeit, insbesondere gegenüber Subsistenzkrisen, vor. Abschließend wird ein Blick auf die gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit gegenüber den vorgestellten Krisen geworfen, wobei der Schwerpunkt auf der obrigkeitlichen Teuerungspolitik liegt.

    Arten der Witterungsaufzeichnung, der Wettervorhersage und damit verbunden die Vorstellung, die sich die Menschen vom Ursprung von Witterung machten, stehen im Zentrum des letzten Teils der Monografie. Der Autor stellt dabei die Beobachtung an, dass sich ältere Witterungsbeschreibungen in der Regel auf extreme Witterungsereignisse beziehen, während um die Mitte des 15. Jahrhunderts ein Wandel eintritt und die Metzer Aufzeichnungen von da an auch alltäglichen Witterungsverlauf einbeziehen. Dieser Umstand ist für die Qualität von Litzenburgers Klimarekonstruktion entscheidend. Der Autor nähert sich zudem dem Weltbild der Metzer Autoren des Mittelalters an, das die Vorstellungen von meteorologischen Abläufen prägt. Bauernregeln und weitere Vorhersagemethoden, die sich beispielsweise auf Flora und Fauna oder die Astrometeorologie beziehen, sind Gegenstand weiterer Ausführungen. In den folgenden Kapiteln stellt Laurent Litzenburger die enge Beziehung zwischen Mensch und Klima vor. So finden sich in Theaterstücken und Mysterienspielen immer wieder Anspielungen auf Witterungsphänomene. Ein optimaler Witterungsverlauf bescherte zudem einer Agrargesellschaft, wie sie in Metz im Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit zu finden war, eine reiche Ernte und Grund zum Feiern, während ungünstige Witterung Anlass zu Sorge, ja geradezu Panik, geben konnte. Verschiedene Formen der religiösen Praxis traten oft mit potenziell gefährlichen Witterungsereignissen auf, wobei diese einem genau abgestimmten Muster folgten und keineswegs willkürlich festgelegt wurden. Als besonders grausam müssen dabei die Hexenprozesse angesehen werden, die in Metz und anderen Städten Lothringens vor allem in den 1480er Jahren durchgeführt wurden.

    Laurent Litzenburger legt mit seiner Monografie nicht nur sehr umfassende Resultate im Hinblick auf das Klima in Metz im 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts vor, sondern er verknüpft die Ergebnisse der Rekonstruktion auch mit der Gesellschaft dieser lothringischen Stadt. Dabei berücksichtigt er eine Vielzahl von verschiedenen Aspekten, die mit dem Grundthema, dem Klima und der Witterung, in Verbindung gebracht werden können. Dieses Werk wird sicherlich weit über den französischen Sprachraum hinaus eine interessierte Leserschaft finden und kann für künftige Forschungen im Bereich der Historischen Klimatologie ohne Weiteres als Vorbild angesehen werden.

    Die Publikation verfügt über sehr großzügige und qualitativ hochwertige Karten, Grafen, Zusatzmaterialen und Anhänge, die teilweise auf der in der Monografie enthaltenen CD-ROM zu finden sind. Insbesondere sind dies Quellen- und Literaturverzeichnisse sowie die verarbeiteten Steuerlisten, Karten usw. Diese und ebenfalls die Grundlagen für die Grafen sind im Sinne einer Open Access-Politik jeweils in Excel-Listen oder anderen Formaten vorhanden, die sich für die Erforschung ähnlicher Themen zur Weiterverarbeitung eignen.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

    PSJ Metadata
    Chantal Camenisch
    Une ville face au climat
    Metz à la fin du Moyen Âge. 1400–1530. Préface d’Emmanuel Le Roy Ladurie
    de
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Frankreich und Monaco
    Siedlungs-, Stadt- und Ortsgeschichte
    15. Jh.
    1400-1530
    Metz (4039029-9), Mikroklima (4039221-1), Klimaänderung (4164199-1)
    PDF document litzenburger_camenisch.doc.pdf — PDF document, 328 KB
    L. Litzenburger, Une ville face au climat (Chantal Camenisch)
    In: Francia-Recensio 2016/2 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500) | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2016-2/ma/litzenburger_camenisch
    Veröffentlicht am: 07.06.2016 15:57
    Zugriff vom: 28.09.2020 11:04
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