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    M.-C. Hoock-Demarle, Bertha von Suttner 1843–1914 (Elisa Marcobelli)

    Francia-Recensio 2016/2 19.‒21. Jahrhundert ‒ Époque contemporaine

    Marie-Claire Hoock-Demarle, Bertha von Suttner 1843–1914. Amazone de la paix. Avant-propos de Stéphane Hessel, Villeneuve-d’Ascq (Presses universitaires du Septentrion) 2014, 353 p., 10 ill. (Histoire et civilisations), ISBN 978-2-7574-0738-7, EUR 29,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Elisa Marcobelli, Paris

    Marie-Claire Hoock-Demarle präsentiert eine sehr ausführliche Biografie über Bertha von Suttner, die es ermöglicht, das gesamte Leben der Friedensaktivistin im Detail kennenzulernen. Vor allem aber beschreibt die Autorin sorgfältig, wie aus der Gräfin von Kinsky (die spätere Baronin von Suttner) die »Amazone des Friedens« geworden ist.

    Ihre Kindheit und Jugend verbringt Bertha von Suttner in der »Welt von gestern«. Sie ist die Tochter des Generalleutnants Baron von Kinsky und verbringt die ersten Jahre ihres Lebens in der Welt des Adels und des Militärs. Schon bald gerät ihre Familie jedoch in wirtschaftliche Not. Bertha von Suttner will und muss anfangen zu arbeiten. Dieser Umstand gibt ihr die Möglichkeit, bei verschiedenen Gelegenheiten zwei wichtige Persönlichkeiten, die ihr weiteres Leben bestimmen sollen, kennenzulernen: den Baron von Suttner, ihren zukünftigen Ehemann, und Alfred Nobel, der einige Jahre später zu einem wichtigen persönlichen Freund wird. Während ihres ganzen Lebens besucht Bertha von Suttner die Salons von Wien und Paris und verbringt viel Zeit in den wichtigsten Bäderstädten der Epoche. Zu einer ganzen Reihe der bekanntesten europäischen Persönlichkeiten ihrer Zeit, die sie an diesen Orten kennenlernt, unterhält sie freundschaftliche Beziehungen.

    Die große Veränderung im Leben Bertha von Suttners, so Marie-Claire Hook-Demarle, vollzieht sich im Jahr 1891. Ihr Roman »Die Waffen nieder!« erscheint 1889 und wird zu einem großen Verkaufserfolg. Im Oktober 1891 wird auf ihre Anregung hin die Österreichische Gesellschaft der Friedensfreunde gegründet, deren Vorsitz Bertha von Suttner führt. Darüber hinaus wird sie stellvertretende Vorsitzende des Bureau international permanent de la paix, zu dessen Entstehung sie beigetragen hat. Mit Alfred Hermann Fried gründet sie ferner eine Revue, die nach ihrem Roman »Die Waffen nieder!« benannt ist. Von diesem Moment an bis zu ihrem Lebensende ist Bertha von Suttner eine bekannte öffentliche Persönlichkeit. Sie unterhält eine rege Korrespondenz mit vielen wichtigen Persönlichkeiten ihrer Zeit, die die Autorin des Buchs ausführlich beschreibt (Kapitel VIII). Höhepunkt ihres Lebens ist die Nobelpreisverleihung im Jahr 1912, zwei Jahre vor ihrem Tod und somit kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

    Neben der Frage nach dem Weg, der Bertha von Suttner zur entschlossenen Kämpferin für den Frieden machte, schenkt M.-C. Hoock-Demarle zwei weiteren zentralen Elementen im Leben der Baronin besondere Aufmerksamkeit: Zum einen beschreibt sie den wichtigen Platz, den die Literatur in ihrem Leben einnahm und deren Einfluss auf ihre intellektuelle Entwicklung. So wird im Buch darauf eingegangen, welche Werke die Baronin las, welche Autoren sie kannte und wie sie von der einen oder der anderen Lektüre beeinflusst sein könnte. Dazu analysiert M.-C. Hoock-Demarle im Detail ihr schriftstellerisches Werk, dem zwei komplette Kapitel des Buchs gewidmet sind (Kapitel VI und XI).

    Zum anderen widmet M.-C. Hoock-Demarles der Frage der Frauenbewegung viel Raum. Auch wenn Bertha von Suttner selbst nie ein großes Interesse an ihr zeigt (sie sieht sich eher als gleiche unter gleichen in einer »Welt von Männern«), stellt die Autorin das Leben der Baronin in konstanten Bezug zu der entstehenden Frauenbewegung. So fragt sie sich, ob Pazifismus und Feminismus nicht ein und derselbe Kampf seien (S. 325). Die Position Bertha von Suttners sei hier im Grunde für ihre Zeit eher ungewöhnlich. Zwar handelte sie durchaus wie eine Feministin, die für die Autonomie der Frau und deren eigenen Platz in der politischen Aktion kämpfe, gleichzeitig war sie jedoch nie in eine organisierte feministische Bewegung eingebunden und habe nie an der Seite der Feministinnen gekämpft (S. 329).

    Diese Biografie zeichnet das Leben Bertha von Suttners unter diesen verschiedenen Gesichtspunkten nach und macht das Buch, weil gut strukturiert, zu einer angenehmen und gut lesbaren Lektüre. Dem Historiker fällt allerdings der eine oder andere Mangel auf. Beispielsweis werden in der Einleitung zwar andere früher erschienene Biografien zum Leben der Baronin erwähnt (S. 15f.), diese Auflistung sucht man dann jedoch vergeblich einer kritische Bemerkung über den aktuellen Stand der Literatur. Darüber hinaus hätte man an vielen Stellen Anmerkungen und ergänzende Hinweise auf die einschlägige Sekundärliteratur erwartet. Auch was die Quellen anbelangt, fragt man sich vor allem in der ersten Hälfte des Buchs oft, auf welche Dokumente sich die Autorin stützt, um das Leben Bertha von Suttners zu rekonstruieren. Stammen die meisten Informationen aus ihren »Memoiren«, die M.-C. Hoock-Demarle oft zitiert, und aus ihrer umfangreiche Korrespondenz, oder wurden auch noch andere Quellen herangezogen bzw. Sekundärliteratur verwendet?

    Abgesehen von dieser Kritik aus der Sicht der aktuellen historischen Forschung kann man das Erscheinen dieses Buches nur begrüßen, da es die nuancierte Persönlichkeit Bertha von Suttners, einer bedeutenden Frau und Akteurin des öffentlichen Lebens, die heute leider weitgehend in Vergessenheit geraten ist, wieder ins Gedächtnis ruft.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

    PSJ Metadata
    Elisa Marcobelli
    Bertha von Suttner 1843–1914
    Amazone de la paix. Avant-propos de Stéphane Hessel
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
    Europa
    Familiengeschichte, Genealogie, Biographien
    19. Jh., 20. Jh.
    1843-1914
    Suttner, Bertha von (118620126)
    PDF document hoock-demarle_marcobelli.doc.pdf — PDF document, 262 KB
    M.-C. Hoock-Demarle, Bertha von Suttner 1843–1914 (Elisa Marcobelli)
    In: Francia-Recensio 2016/2 | 19.–21. Jahrhundert – Époque contemporaine | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2016-2/zg/hoock-demarle_marcobelli
    Veröffentlicht am: 07.06.2016 16:30
    Zugriff vom: 16.07.2020 04:33
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