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    B. Hofinger, H. Kufner, C. F. Laferl, J. Moser-Kroiss, N. Tschugmell (Bearb./ed.), Die Korrespondenz Ferdinands I. (Heinz Noflatscher)

    Francia-Recensio 2016/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Bernadette Hofinger, Harald Kufner, Christopher F. Laferl, Judith Moser-Kroiss, Nicola Tschugmell (Bearb./ed.), Die Korrespondenz Ferdinands I./The Correspondence of Ferdinand I. Familienkorrespondenz Bd. 5: 1535 und 1536/Family Correspondence Vol. 5: 1535 and 1536, Wien, Köln, Weimar (Böhlau) 2015, 714 S. (Veröffentlichungen der Kommission für Neuere Geschichte Österreichs, 109), ISBN 978-3-205-79591-9, EUR 79,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Heinz Noflatscher, Innsbruck

    In jeder Historikergeneration, so Herwig Wolfram, müsse es jemand geben, der einen Band der Familienkorrespondenz Ferdinands I. bearbeiten könne (S. 7). Mit dem humorigen Diktum hat sich der Miteditor des dritten Bandes und bekannte Mediävist nicht nur klug von der sehr verdienstvollen, aber doch auch mühsamen und leider nicht immer anerkannten Kärrnerarbeit verabschieden dürfen; der Hinweis war indes ebenso auf den sehr hohen Anspruch der Edition gemünzt und hat sich bislang anscheinend bestätigt. So war der erste Band noch 1912 zu Franz Josephs Zeiten erschienen, es folgten weitere Bände 1937–1938, ein dritter 1973–1984 und ein vierter 2000. Für die Edition des fünften Bandes musste ein fast neues Team eingearbeitet werden; nachdem Christiane Thomas allzu früh verstorben war, Herwig Wolfram und Gernot Heiss nach dem dritten sowie Christina Lutter seit dem letzten Band ausgeschieden waren, hat nun diese nicht einfache Aufgabe Christopher F. Laferl, sozusagen die verbliebene Kontinuitätsperson, übernommen.

    Mit dem stattlichen Band ist wiederum eine sehr hochwertige Edition erschienen, die (mit den 51 nachweislichen Deperdita) insgesamt 210 Stücke versammelt. Die Arbeitsgruppe hat dafür zahlreiche Bestände im Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv, in den Archives générales du Royaume/Algemeen Rijksarchief in Brüssel sowie im Archivo General de Simancas durchgesehen. In klassischer Editionsmanier enthält jedes Stück den Text mit Kopfregest, Lokation sowie sach- und umfangreichem textkritischen Apparat. Dem Anspruch des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung auf internationale Sichtbarkeit entsprechend, sind die sehr ausführlichen Regesten jeweils übersetzt. Dies ist neu und wird die Aufnahme, etwa in der universitären Lehre, sicher fördern. Da die französischsprachigen Schreiben weit überwiegen (rund 80%), erfolgte die Edition abermals in Zusammenarbeit von Geschichtswissenschaft und Romanistik.

    Die »Familienkorrespondenz« betrifft vorwiegend die persönliche Kommunikation zwischen den Brüdern Ferdinand und Karl oder umgekehrt. Sie enthält aber mit 35 Stück auch nicht wenige Schreiben an die Schwester Maria, die Regentin der Niederlande. Das Netzwerk der Korrespondenz spiegelt somit familiale Herrschaft einer großen Dynastie wieder. Machterhalt äußerte sich gerade im Hause Habsburg unter Einbezug ebenso der Agnaten sowie der Frauen, sofern sie verfügbar waren. Dennoch enthält der Band überraschenderweise nur drei Schreiben Ferdinands an die französische Königin Eleonore und keines an die in Portugal verheiratete Schwester Katharina. Dies unterstreicht den (zunehmend?) politischen Charakter der Korrespondenz – in dem Sinn, dass die äußere Politik des Hauses eben der ältere Karl zu führen, so wie er bereits diese beiden Schwestern verheiratet hatte. Denn es haben sich gleichwohl Schreiben Karls an Katharina erhalten1, und dies, obwohl Ferdinand mit der iberischen Halbinsel, die er erst mit 15 verließ, eigentlich mehr als jener verbunden war.

    Bei einer künftigen Konzeption ähnlicher Familienkorrespondenzen sollte vermutlich auch jene mit den Müttern einbezogen werden. Nun war die politische Rolle der Mütter von christlichen Herrscherinnen mit jenen etwa der Sultansmütter zwar nicht vergleichbar, aber sie wurde bislang doch deutlich unterschätzt. Freilich stellt sich diese Frage im Falle Ferdinands und Karls V. eigentlich nicht, da Juana als »Wahnsinnige« von den übrigen, vor allem männlichen Familienmitgliedern bekanntlich weggesperrt war.

    Wie schon in den vorangehenden Bänden kreisen die Inhalte vor allem um vier Themen: die Konflikte mit dem Osmanischen Reich und Frankreich; die Vorherrschaft in Ungarn und die Religionspolitik im Reich. Hinzukommen die Konzilspläne; 1535 wird der Tunisfeldzug Karls ausführlicher korrespondiert. Erwähnt ist zudem die Finanzierung des Reichskammergerichts. Selbst in den religionspolitisch schwierigen Jahren blieb eine alte dynastische Rivalität bestehen – etwa, wenn der bayerische Herzog äußere Politik macht und einen eigenen Sekretär bei Johann Szapolyai unterhält. Heinrich VIII. ist ebenso ein Problem – hier öffnet sich die familiäre Innenwelt etwas; Regentin Maria wird persönlich und bedauert das Schicksal aller Frauen im Umfeld des Königs. Die Anne Boleyn vorgeworfenen Vergehen glaubt sie nicht; gegenüber der päpstlichen Exkommunikation eines Standesgenossen sind Ferdinand und Karl ratlos. Mittlerweile ist die Erforschung von vormoderner Spionage, Arkanität und Geheimem Wissen u. ä. aktueller geworden, zuletzt sogar für das Mittelalter, also die Zeit vor dem Ausbau des Gesandtschaftswesens. Auch dazu finden sich in der Korrespondenz bereits der beiden Jahre deutliche Hinweise, was angesichts der Expansion und »Fremdheit« des Osmanischen Reiches nicht verwundern mag. »Gesprächsstoff« sind ferner die Täufer in Münster.

    Wie in der Einleitung bemerkt, mag überraschen, dass im Vergleich zu den vorangegangenen Jahren die unpolitischen familiären Themen noch spärlicher vorkommen. So hatte die Korrespondenz ihrer unmittelbaren Vorfahren, Maximilians I. und Margaretes in den Niederlanden, noch wesentlich mehr Persönliches, auch Launiges oder Ironisches enthalten. Entsprach dieser neue Stil der burgundisch-spanischen Distanznahme selbst zwischen engsten Familienmitgliedern? Persönliches findet sich fast »nur« in der gegenseitigen Sorge und in Ratschlägen um die Gesundheit, wie bei Gichtproblemen Karls und Marias, oder deren Kopfschmerzen. Dabei räsoniert Ferdinand darüber, dass ihn die Gicht nicht plage, obwohl er doch altersmäßig zwischen den beiden stehe. Oder als bei Eleonore in Frankreich Zobelfelle, ein Geschenk Ferdinands, aufgrund der Strapazen und des Pferdeschweißes beschädigt und arg »verfilst« ankommen, entfährt ihm aus der Feder, er habe sie doch selbst eingepackt.

    »Sua fata habent libelli« – das Bearbeiterteam hat nicht zuletzt mit Hilfe der Datenbank zur politischen Korrespondenz zu Karl V.2 die weitere Familienkorrespondenz Ferdinands bis zu dessen Tode im Wesentlichen schon beisammen (S. 8f.). Zwei Bände, welche die Jahre 1537 bis 1540 umfassen, sind bereits in Bearbeitung; diese sollen zudem die Nachträge enthalten. Somit wäre ein soweit absehbares Erscheinen ebenso dieser Jahre nicht nur sehr wünschenswert, sondern voraussichtlich auch gut machbar. Mit dem vorliegenden Band wird die neue Politikgeschichte auch zur Ära Karls V. und Ferdinands I. mit eine vorzügliche Grundlage haben.

    1 Vgl. die Datenbank zur Politischen Korrespondenz Karls V. der vormaligen Konstanzer Arbeitsgruppe: http://karl-v.bsz-bw.de/index.htm [eingesehen am 28.7.2016].

    2 Ebd.

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    PSJ Metadata
    Heinz Noflatscher
    Die Korrespondenz Ferdinands I./The Correspondence of Ferdinand I.
    Familienkorrespondenz Bd. 5: 1535 und 1536/Family Correspondence Vol. 5: 1535 and 1536
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Europa
    Politikgeschichte
    16. Jh.
    1503-1564
    Ferdinand I., Heiliges Römisches Reich, Kaiser (118532502), Briefsammlung (4146609-3)
    PDF document hofinger_noflatscher.doc.pdf — PDF document, 267 KB
    B. Hofinger, H. Kufner, C. F. Laferl, J. Moser-Kroiss, N. Tschugmell (Bearb./ed.), Die Korrespondenz Ferdinands I. (Heinz Noflatscher)
    In: Francia-Recensio 2016/3 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2016-3/fn/hofinger_noflatscher
    Veröffentlicht am: 20.09.2016 12:25
    Zugriff vom: 27.01.2020 02:03
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