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    A. Rutz (Hg.), Krieg und Kriegserfahrung im Westen des Reiches 1568–1714 (Christian Mühling)

    Francia-Recensio 2016/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Andreas Rutz (Hg.), Krieg und Kriegserfahrung im Westen des Reiches 1568–1714, Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 2016, 388 S. (Herrschaft und soziale Systeme in der Frühen Neuzeit, 20), ISBN 978-3-8471-0350-9, EUR 55,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Christian Mühling, Würzburg

    Auf dem Historikertag 2014 in Göttingen ist wiederholt die Forderung erhoben worden, die landesgeschichtliche Forschung in Deutschland müsse sich von einer allzu strengen geografischen Beschränkung des ihr jeweils zu Grunde liegenden Gegenstandes lösen und in stärkerem Maße regional, sowie transkulturell vergleichende Perspektiven aufgreifen. Auf diese Weise könne sie einen stärkeren Anschluss an die allgemeine Forschungsdiskussion gewinnen. Der Bonner Landeshistoriker Andreas Rutz verspricht mit seinem Sammelband »Krieg und Kriegserfahrungen im Westen des Reiches 1568–1714« diese Forderungen einzulösen.

    Der Band beschäftigt sich mit dem deutsch-niederländischen und deutsch-französischen Grenzraum vom Beginn des Achtzigjährigen Krieges bis zum Ende des Spanischen Erbfolgekrieges. Entsprechend der Intensität und des grenzüberschreitenden Charakters der Kriege im Betrachtungszeitraum werden nicht nur die verschiedenen deutschen Landesgeschichten dieses Raumes berücksichtigt, sondern auch diejenigen der angrenzenden Länder, insbesondere des heutigen Frankreichs, Luxemburgs, Belgiens und der Niederlande. Die genannten Kriege wurden nicht nur über die Grenzen heutiger Landesgeschichtsschreibung hinaus geführt, sondern hatten überregionale Auswirkungen, die eine solche transregionale Betrachtungsweise geradezu aufdrängen.

    Die genannten kriegerischen Auseinandersetzungen werden in drei Sektionen auf lokaler und regionaler Ebene unter unterschiedlichen Blickwinkeln in Augenschein genommen. Die erste Sektion ist mit der schlichten Überschrift »Krieg« betitelt und vereint recht unterschiedliche Beiträge, die alle eine größtenteils archivalische Quellengrundlage gemeinsam haben. Während Magnus Ressel die Auswirkungen der Regierung des Herzogs von Alba in den Spanischen Niederlanden auf rheinische Städte untersucht, beleuchtet Michael Kaiser die diplomatischen Reaktionen rheinischer Fürsten und Städte auf Militäroperationen der Generalstaaten innerhalb des Reichsgebiets. Claude Muller schließlich schreibt eine positivistische Geschichte der französischen Kriegsführung im Elsass zu Zeiten des Spanischen Erbfolgekrieges.

    Die zweite Sektion behandelt lokale und regionale Kriegserfahrung im deutsch-französisch-niederländischen Grenzraum. René Hanke, Fritz Gerhard und Guy Thewes widmen sich in jeweils eigenen Regionalstudien der Kriegserfahrung im Rheinland, Süd-West-Deutschland und Luxemburg. Der Beitrag von Matthias Asche, Susanne Häcker und Patrick Stiele widmet sich hingegen thematisch den Auswirkungen des Krieges auf die deutsche Universitätslandschaft und kommt dabei zu dem überraschenden Ergebnis, dass der Dreißigjährige Krieg keinesfalls mit einem Niedergang des höheren Bildungswesens gleichzusetzen ist. Mehr noch als dieser Artikel hebt sich die architekturgeschichtliche Studie von Guido von Büren und Marc Grellert über das rheinische Festungswesen von den übrigen Beiträgen der Sektion ab und hat nur indirekt etwas mit Kriegserfahrung zu tun.

    Die dritte und letzte Sektion schließlich behandelt Kriegswahrnehmungen und -darstellungen. Astrid Ackermann kombiniert eine ereignisgeschichtliche und medienhistorische Darstellung der Einnahme Breisachs durch Bernhard von Sachsen-Weimar. Stephan Kraft untersucht die Darstellung des Krieges am Oberrhein im »Abenteuerlichen Simplicissimus Teutsch« und schreibt dieser eine zentrale Stellung im Roman zu. Guillaume van Gemert untersucht Medienstrategien der Vereinigten Provinzen in Deutschland und weist diese entscheidende Bedeutung für die niederländische Deutschlandpolitik zu. Das positive Bild der Niederlande in der Publizistik habe zur politischen Unterstützung der Vereinigten Provinzen im Reich beigetragen. In einer transkulturell angelegten Studie untersucht Émilie Dosquet die publizistische Darstellung der Verwüstung der Pfalz im Neunjährigen Krieg in französischen, deutschen und englischen Flugschriften. Sie vermag dadurch zu erklären, wie die Verwüstung der Pfalz zu einem europäischen Medienereignis wurde.

    Trotz der nicht leichten Aufgabe für den Herausgeber, Kohärenz zwischen den einzelnen Tagungsbeiträgen herzustellen, erweisen sich die einzelnen Studien besonders in der ersten und zweiten Sektion teilweise als sehr heterogen. Das gilt auch für die methodische Herangehensweise, die von einerseits lokal begrenzten, rein ereignisgeschichtlichen Kriegsdarstellungen hin zu andererseits inhaltlich und methodisch innovativen Einzelstudien reicht. Problematisch erweist sich hier vor allem das Fehlen einer abschließenden Synthese in Form eines Fazits, das die Ergebnisse der einzelnen Beiträge zusammengefasst und ihre Bedeutung für die Gesamtfragestellung herausgestrichen hätte. Hier wäre auch der Platz gewesen, historischen Wandel von Krieg und Kriegserfahrung über den nicht unbeträchtlichen Betrachtungszeitraum des Bands nachzuzeichnen. Dies geschieht zwar teilweise in den Einzelstudien, lässt die Ergebnisse der synchronen Untersuchungen aber à part erscheinen.

    Dennoch bleibt abschließend festzuhalten, dass der Band einen wichtigen Beitrag zur Internationalisierung der deutschen Landesgeschichte leistet. Die meisten der Untersuchungen stellen schon für sich selbst genommen transregionale oder transkulturelle Studien dar, andere bleiben zwar regional beschränkt, erhalten aber durch die Gesamtheit des Bandes eine überregionale Kontextualisierung. Es bleibt zu hoffen, dass diese Herangehensweise künftig Schule machen wird.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

    PSJ Metadata
    Christian Mühling
    Krieg und Kriegserfahrung im Westen des Reiches 1568–1714
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Militär- und Kriegsgeschichte
    Neuzeit bis 1900
    1568-1714
    Westdeutschland (4079211-0), Krieg (4033114-3)
    PDF document rutz_muehling.doc.pdf — PDF document, 323 KB
    A. Rutz (Hg.), Krieg und Kriegserfahrung im Westen des Reiches 1568–1714 (Christian Mühling)
    In: Francia-Recensio 2016/3 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2016-3/fn/rutz_muehling
    Veröffentlicht am: 20.09.2016 12:25
    Zugriff vom: 20.01.2020 15:24
    http://vg04.met.vgwort.de/na/9fba4373c5194d308b9afbdb69c2fd71
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