Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

J. Sheehan, D. Wahrman, Invisible Hands (Christine Zabel)

Francia-Recensio 2016/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Jonathan Sheehan, Dror Wahrman, Invisible Hands. Self-Organization and the Eighteenth Century, Chicago (The University of Chicago Press) 2015, XVIII–375 p., ISBN 978-0-226-75205-1, USD 45,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Christine Zabel, Essen/Boston

Wie entsteht Ordnung aus dem Chaos, wie entsteht Etwas aus dem Nichts? Bereits im Jahre 1705 kam der in London lebende Niederländer, Bernard de Mandeville, in seinem Gedicht »The Grumbling Hive: or, Knaves turn’d Honest« (1714 in Buchform als »The Fable of The Bees: or, Private Vices and Public Benefits« veröffentlicht) zu einer seine Zeitgenossen provozierenden Antwort: Sein Gedicht, ein Kommentar auf die von ihm beobachtete ökonomische Situation des Englands seiner Zeit, legt dar, wie Ordnung aus von Eigeninteresse geleitetem, chaotischen Handeln entsteht. In seinen Ausführungen evozierte der Niederländer damit schon circa 70 Jahre vor Adam Smith eine »Invisible Hand«, eine regelnde Macht, die Ordnung aus dem Chaos schaffe, und die eigennütziges Streben dazu gebrauche, dem »public benefit« zu dienen.

Für die beiden Autoren von »Invisible Hands. Self-Organization and the Eighteenth Century«, Jonathan Sheehan und Dror Wahrman, ist Mandevilles »The Grumbling Hive« quasi Ausgangspunkt für ihre intelligente, von beeindruckender Belesenheit zeugende Studie der »Sprache der Selbstorganisation«. Mandevilles frühen Ausführungen provozieren gleichsam Fragen über diese Sprache: Wann wurde sie in Westeuropa »zur kulturellen Ressource« (S. XV)? Welche Fragen adressierte diese Sprache und warum wurde sie zu einem bestimmten Zeitpunkt wichtig?

Andererseits verweist Mandeville (zusammen mit Vico, Montesquieu und Pope, die den Autoren zu einem Prolog dienen) auch bereits auf die These der beiden Autoren: Indem Sie die Sprache der Selbstorganisation herausarbeiten, machen sie deutlich, dass Europäer schon circa ein halbes Jahrhundert vor Adam Smith auf verschiedene »Invisible Hands« referierten (deshalb auch der Plural im Titel), die in zahlreichen Varianten sowohl über den Glauben an christliche Providenz als auch über ein mechanistisches Weltbild hinausgingen und genug Gemeinsamkeiten aufwiesen, um gleichsam einen »dritten Weg« der Sinnschreibung zu bilden, der Zufall und Chance einerseits, aber auch individuelles Handeln innerhalb sich selbst ordnenden Strukturen andererseits, zusammen bringen konnte.

Die Geschichte, die der »intellectual historian« Sheehan und der »cultural historian« Wahrman erzählen – sie selbst betonen die unterschiedliche Schwerpunktsetzung in Methodik und regionaler Spezialisierung, die in den Kapiteln auch deutlich werden – inkludiert sowohl die Ideen uns wohl bekannter Denker, stellen uns aber auch Autoren, Wissenschaftler und vor allem Wissensbereiche vor, die die Leserinnen und Leser vermutlich nicht unbedingt mit der Logik der »invisible Hands« in Verbindung gebracht hätten. Die Fülle der Nachweise ist beeindruckend und reicht von René Descartes, Horace Walpole, zu Adam Smith, Immanuel Kant oder Samuel Taylor Coleridge. Sie umfasst jedoch nicht nur das Gebiet der Philosophie oder Ökonomie, sondern auch die Biologie und Hirnforschung, und schließlich den Bereich der Lebensversicherung und Mathematik. Sheehan und Wahrman verstehen folglich den diskursiven Verweis auf eine selbstorganisierende Macht als Sprache, die nicht nur auf einen Teil der Gesellschaft beschränkt war. Damit legen sie ein Metanarrativ frei, das für das Verständnis des 18. Jahrhunderts grundlegend sein kann. Ihre eigene Behauptung, die bisherige Sicht auf das 18. Jahrhundert zu revidieren, ist deshalb nicht anmaßend: Das Gemeinschaftswerk (nur das zweite Kapitel ist gemeinsam redigiert, alle weiteren Kapitel stammen aus der Feder eines einzelnen Autors) löst das 18. Jahrhundert aus einer dichotomen Interpretation, die zwischen Rationalität und Irrationalität einerseits und zwischen Ordnungswillen und Chaos andererseits oszilliert. Sheehan und Wahrman stellen einen »dritten Weg« der Betrachtung vor, der dem zeitgenössischen Bedürfnis nach systematischem Denken zwar Rechnung trägt, jedoch Unordnung, Zufall und Chance einen Platz in dieser Ordnung zumessen kann. Ferner fordert der hier vorgestellte »dritte Weg« die Erzählung des »rise of individual agency« heraus: Die Sprache der »self-organization« schaffte es demnach, individuelle Handlungen und prädeterminierte Resultate zusammendenken.

Zwei Schlüsselmomente weist die Erzählung der beiden Autoren auf: Kulminierender Punkt ihrer Analyse sind die Jahre um 1720. Aufgrund der ökonomischen Crashs um die Mississippi- und South Sea Bubble zeigten Europäer eine verstärkte Wahrnehmung von Chaos und Unsicherheit, die in die Reflektion und Suche nach selbst-organisierenden Wirkungsmächten und Organismen mündete. Die Jahre nach 1720 waren durch die ökonomischen Umwälzungen, die intensiv in Zeitungen, Pamphleten und Abhandlungen diskutiert wurden, für die Popularisierung der Sprache der Selbstorganisation entscheidend.

Zuvor stellt uns Sheehan (Autor des ersten, vierten und fünften Kapitels) aber das erste initiierende Moment für die Sprache der Selbst-Organisation vor. Geistreich beginnt das Kapitel mit den Herausforderungen der binären Arithmetik, wie sie von Gottfried Wilhelm Leibniz, Johann Bernoulli oder Johann Wiedeburg adressiert wurden und stellt sie in Verhältnis zur Philosophie Descartes’ und Spinozas. Sheehan erklärt, wie »Gottes Platz in der materiellen und moralischen Welt« (S. XV) neu diskutiert wurde. Das 17. Jahrhundert zeige »a real dismay about the natural and moral order of things« (S. 25), denn alte Fragen wurden seit der Jahrhundertmitte mit neuer Intensität debattiert: Wie sind die Erfahrungen von Kontingenz und die wahrgenommenen Regelmäßigkeiten und Ordnungen, die unsere natürliche und moralische Welt strukturieren, miteinander zu vereinbaren? (S. 25) Diese Fragen führten Philosophen und Denker wie etwa Plaise Pascal, John Ray, Ralph Cadworth oder Joseph Glanville in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zur Heterosis eines »providential materialism«, der den christlichen Providentialismus und den kartesischen kausalen Mechanismus überwand und epistemologische Fragen nach dem empirisch Wiss- und Erfahrbaren metaphysischen Überlegungen zurückführte. Dieser »providential materialism« schuf so eine »third way metaphysics« die nun nicht nur über große Fragen des Seins oder der weltgeschichtlichen Bewegung, sondern insbesondere über die kleinen und kleinsten, »unsichtbaren« Dinge spekulierte, wie Glanville uns dies bescheinigt, für den das Bewegung der Ordnung nicht im Großen, sondern »in those little things« sichtbar war, »which are too subtile for the grossness of our unhelp’d Senses« (S. 37). Ohne dies explizit zu benennen, gibt Sheehan seinen Leserinnen und Lesern hier schon das notwendige Werkzeug zur Hand, die Sprache der Selbstorganisation in den Life-Sciences, die er in den späteren Kapiteln 4 und 5 beschreibt und die den gesamten zweiten Teil des Buches einnehmen, selbst erkennen zu können.

Obwohl die Analyse dieses ersten Schlüsselmoments mit seiner Belesenheit und Vielfalt der Nachweise beeindruckt, bleiben selbst intellectual historians, vor allem diejenigen, die sich mit der sogenannten »Cambridge School Tradition« und ihrer Betonung der Kontextualisierung auseinandergesetzt haben, etwas unbefriedigt, da ausschließlich Ideen selbst und ihre Veränderungen als Erklärungsmoment für Ideen herangezogen werden. Jedoch: Sind epistemologische und metaphysische Fragen unberührt von politischen, sozialen oder kulturellen Entwicklungen? Entstehen Ideen aus sich selbst heraus, sind ausschließlich philosophisch inspiriert und haben nur wenig Rückbindung zu zeitgenössischen Praktiken oder Lebenslagen? Haben Ordnung und Unordnung durch den Dreißigjährigen Krieg und seine Nachwirkungen, das Erlebnis der Hinrichtung Karls I. von England und die darauffolgenden Regimewechsel oder auch frühneuzeitlich Toleranzgesetzgebungen keine Auswirkungen auf die Idee der Selbstorganisation?

Problematisch ist die im Buch nicht thematisierte Beziehung zwischen intellektuellen Ideen und politischen oder ökonomischen Veränderungen dann auch für das zweite Schlüsselmoment des Buchs, das Dror Wahrman (Autor der Kapitel 3, 6, 7) mit »The Public Emergence of Self-Organization« überschreibt, den man aber auch den »The Bubble-Moment« nennen könnte. Wahrman beschreibt mit Fachkenntnis, die Sheehans Kapiteln in nichts nachstehen, die diskursive Verschiebung von göttlicher zu menschlicher Verantwortlichkeit im Zuge des Versuchs, die bubble zu erklären: Die zeitgenössische, britische öffentliche Meinung, die vor allem die South Sea directors für die Krise verantwortlich machte (der Historiker für britische Geschichte konzentriert sich hier vor allem auf die South Sea Bubble), entdeckte Wahrman zufolge sogar in den Handlungen der Direktoren einen ordnenden Willen, der konspirativ und gleichsam willentlich Chaos verursacht hatte. Anstatt also die Habgier der Vielen zu beklagen, entschied sich die öffentliche Meinung, die intendierten Handlung einiger weniger zu beklagen, weil damit, so Wahrman, der Glaube an eine organisierende Macht erhalten werde konnte: »Rather than finding fault in the avarice of everyone, they opted for conspiracy. All that had transpired, in this popular narrative, was orchestrated by the invisiable hands of a small group of men: a coterie of self-interested individuals who craftily pulled invisible strings to create chaos for their own selfish ends«(S. 114).

Wahrman überzeugt, wenn er anschließend beschreibt, wie die bubble die Sprache der Selbst-Organisation durch das Prisma der »conspiracy« popularisierte. Warum, wie und wann genau wurde aber, so fragt man sich wieder, diese Sprache überhaupt auf ökonomische Ereignisse übertragen? Wie geht der Weg der Sprache selbst? Wo ist der analytische Zusammenhang zwischen den zuvor beschriebenen intellektuellen Ideen und dem ökonomisch-politischen Explikativ der bubble-Zeit? Gibt es einen trickle-down-effect der Idee der Selbst-Organisation durch die von vielen Europäerinnen dun Europäern geteilte Erfahrung von Komplexität und Unsicherheit, die die beiden Autoren gemeinsam im »Bindekapitel“« zwischen den beiden Schlüsselmomenten beschreiben?

Leserinnen und Leser vermuten ein drittes Schlüsselmoment der Erzählung, das sich in der Politisierung des zu Ende des 18. Jahrhunderts allseits verbreiteten Verweises auf Selbstorganisation versteckt, und den Wahrman tatsächlich bei Autoren verschiedenster politischer Couleur nachweisen kann: Nicht nur Jean-Jacques Rousseaus Gemeinwillen spricht die Sprache der Selbstorganisation, auch Thomas Paine oder Edmund Burke verweisen nun auf die selbstregulierenden Mächte. Und die Autoren kommen deshalb zum Schluss: »it turns out that by late in the century self-organization spread far enough and proved pliable enough to be mobolized in support of different and even ecompatible political positions«(S. XVI). Was bedeutet dies nun aber für die Moderne, wenn die Sprache so verbreitet war, dass sie eigentlich, um mit Foucault zu sprechen, gar keine »Waffe im Diskurs« mehr darstellte, weil sie von allen geteilt und akzeptiert wurde? Es wird nicht ganz klar, warum die Crashs der 1720er Jahr und die mit ihnen einhergehende Verunsicherung ein bedeutsameres Ereignis für die Sprache der Selbstorganisation waren als die Revolutionen von 1776 und 1789.

Vielleicht ist es eine Erziehungsmaßnahme der Autoren, die Erwartungen der an Kausalzusammenhänge gewohnten Leserschaft vorsatzweise zu enttäuschen. Vielleicht übernehmen die Autoren aber auch die Sprache ihrer Quellen ohne dies zu reflektieren. Vielleicht vermissen die Leserinnen und Leser aber auch nur deshalb ein kausales Explikativ (oder eine stärkere Zuspitzung auf die Revolutionen hin) als Resultat unseres eigenen Ordnungswunsches. Vielleicht beweisen uns die Autoren damit die Bedeutung des von ihnen Erforschten für die Moderne. Die Antworten bleiben uns verborgen, klar ist dagegen, dass das Buch, das viele Denkanstöße sowohl für intellectual historians, wie Kultur- oder Wirtschaftshistorikerinnen und -historiker bietet, eine wahre Fundgrube für all diejenigen sein wird, die sich für die Bedeutung des 18. Jahrhunderts für die Moderne interessieren. Manche der Schlüsse müssen die Leserinnen und Leser allerdings selbst ziehen.

Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

PSJ Metadata
Christine Zabel
Invisible Hands
Self-Organization and the Eighteenth Century
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Europa
Ideen- und Geistesgeschichte
18. Jh.
1700-1800
Selbstorganisation (4126830-1), Aufklärung (4003524-4), Philosophie (4045791-6), Weltbild (4065352-3)
PDF document sheehan_zabel.doc.pdf — PDF document, 361 KB
J. Sheehan, D. Wahrman, Invisible Hands (Christine Zabel)
In: Francia-Recensio 2016/3 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2016-3/fn/sheehan_zabel
Veröffentlicht am: 20.09.2016 12:27
Zugriff vom: 27.01.2020 00:38
abgelegt unter: