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    E. C. Tingle, J. Willis (ed.), Dying, Death, Burial and Commemoration (Inga Brinkmann)

    Francia-Recensio 2016/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Elizabeth C. Tingle, Jonathan Willis (ed.), Dying, Death, Burial and Commemoration in Reformation Europe, London (Routledge) 2015, XII–219 p., 7 b/w fig. (St Andrews Studies in Reformation History), ISBN 978-1-4724-3014-4, GBP 70,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Inga Brinkmann, Marburg

    Sowohl vormoderne Sepulkralkultur und Memoria als auch Reformation und Konfessionalisierung genießen besonders im Rahmen der geschichts- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen seit geraumer Zeit erhebliche Konjunktur und erweisen sich mit dem vorliegenden, interdisziplinär ausgerichteten Sammelband einmal mehr als ergiebige und längst noch nicht gänzlich ausgelotete Betätigungsfelder. Gerade auch Sterben, Tod und Begräbnis als zentrale Ereignisse gesellschaftlichen wie individuellen Lebens sowie die damit verbundenen Handlungen und Rituale sind in verschiedenerlei Hinsicht von konfessionsbedingtem Wandel betroffen bzw. Gegenstand interkonfessioneller Konflikte. Diesem Komplex nähern sich die einzelnen Beiträge u. a. aus historischer, theologischer, literatur- und musikwissenschaftlicher Perspektive. Der aus der Arbeit der European Reformation Research Group hervorgegangene Band bildet allerdings nicht das Resultat einer Tagung mit präzisierter Fragestellung, sondern versammelt z. T. aus Forschungsprojekten herausgelöste Fallstudien von Wissenschaftlern unterschiedlicher Qualifikationsstufen1. Ein über den im Titel genannten allgemeinen Themenkomplex hinausgehendes, verbindendes Gesamtkonzept findet sich dem gewählten Format entsprechend nicht. In den Blick genommen werden protestantische und katholische Phänomene des mittel- und westeuropäischen Raumes – vertreten sind Beispiele aus Schottland, England, Irland, Frankreich, Spanien und dem Heiligen Römischen Reich. Der weitausgreifenden geografischen Eingrenzung steht eine relativ enge zeitliche gegenüber: Sämtliche Beiträge legen – für die Forschung zu konfessionsbedingten Phänomenen durchaus charakteristisch – den Fokus auf das 16. und die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts. Allerdings wäre einmal grundsätzlich zu überlegen, ob zukünftig der Untersuchungszeitraum nicht sinnvollerweise eine Ausdehnung bis ins 18., wenn nicht sogar bis ins 19. Jahrhundert erfahren sollte, um so die bislang anhand von Reformationszeit und Konfessionellem Zeitalter eruierten Konfessionskulturen in ihrer Entwicklung über tendenzielle Annäherungen im Umfeld der Aufklärung bis zu einer erneuten Verschärfung konfessioneller Abgrenzung nach 1800 zu verfolgen und ein differenzierteres Bild zu gewinnen.

    In einer Einleitung bemühen sich die beiden Herausgeber zunächst, einen forschungsgeschichtlich orientierten Überblick über das weite Feld der mit Sterben, Tod, Begräbnis und Erinnerung verbundenen Handlungen und Rituale zu liefern und damit den großen Rahmen abzustecken, in dem sich die folgenden neun Beiträge bewegen. Die Anordnung der Aufsätze entspricht dabei im Groben der zeitlichen Abfolge der jeweils in den Blick genommenen sepulkralkulturellen Elemente vom eigentlichen Sterbeprozess über das Begräbnis bis hin zu verschiedenen Phänomenen der Gedächtniskultur und postumen Rezeption. So widmen sich die ersten beiden Beiträge (Ruth Atherton, Hannah Cleugh) dem Problemfeld der geistlichen Begleitung Sterbender und der Auffassung von Sterbevorbereitungen und dem guten Tod in der zunächst lutherischen, später dann reformierten Oberpfalz bzw. im protestantischen England. Als Quellen dienen dabei die einschlägigen pfälzischen Kirchenordnungen einerseits und verschiedene Ausgaben des »Book of Common Prayer« andererseits. Die folgenden beiden Aufsätze nehmen Begräbnis und Leichenbegängnis in den Blick: Hyun-Ah Kim untersucht Form und Funktion musikalischer Ausgestaltung von Begräbnisfeierlichkeiten im protestantischen England und versucht diese gegen mittelalterliche Traditionen abzugrenzen. Linda O’Halloran und Andrew Spicer hingegen illustrieren in ihrem Beitrag anhand eines Anfang des 17. Jahrhunderts speziell für Katholiken im protestantisch geprägten Lancashire eingerichteten Gottesackers, inwieweit Bestattungen und Begräbnisplätze ein Feld interkonfessioneller Konflikte boten. Dem weiten Bereich der Memoria widmen sich Laura Branch mit einer Untersuchung zu der sich wandelnden Praxis des Totengedächtnisses der Londoner Tuchmacherzunft und Rebecca Constabel, die konfessionsbedingte formale und funktionale Transformationen adeliger Grabplastik in Frankreich in den Blick nimmt. Die letzten drei Beiträge zur Darstellung von Märtyrern in Texten des Protestanten Jean Crespin (Jameson Tucker), der Sicht des Franziskaners Noel Taillepied auf Geister und Fegefeuer (Elizabeth Tingle) und zur nachtridentinischen Verehrung des Heiligen Ildefons von Toledo und seiner Reliquien (Maria Tausiet) weisen schließlich weit über das Feld der eigentlichen Sepulkralkultur (Sterben, Tod, Begräbnis, Memoria) hinaus.

    Alles in allem zeigt sich, in welcher Breite und welchem Umfang Reformation und Konfessionalisierung Einfluss auf unterschiedlichste Aspekte der Sepulkralkultur und das Verständnis von Tod und Verstorbenen nehmen konnten, wobei allerdings eine abschließende Bewertung des Bandes insgesamt aufgrund der Heterogenität der Beiträge und dem Verzicht auf eine präzisierte, übergeordnete Fragestellung schwer fällt. Das Ziel der Publikation ist denn auch vielmehr, Wissenschaftlerinnern und Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen eine Plattform zu bieten, Ergebnisse ihrer in größerem oder kleinerem Rahmen betriebenen Untersuchungen vorzustellen und in die Forschungsdiskussion einzubringen. So liegt der Ertrag des Bandes eher in der Erhellung unterschiedlichster Detailfragen, als auf systematisch-vergleichender Ebene.

    1 Die Veröffentlichung kann in gewissem Sinne als eine Fortsetzung zu dem Sammelband Bruce Gordon, Peter Marshall (ed.), The Place of the Dead. Death and Remembrance in Late Medieval an Early Modern Europe, Cambridge 2000, verstanden werden, der ebenfalls im Rahmen der European Reformation Research Group entstand.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

    PSJ Metadata
    Inga Brinkmann
    Dying, Death, Burial and Commemoration in Reformation Europe
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Europa
    Sozial- und Kulturgeschichte
    16. Jh.
    1500-1600
    Europa (4015701-5), Sterben (4057310-2), Tod (4060294-1), Bestattung (4006054-8)
    PDF document tingle_brinkmann.doc.pdf — PDF document, 255 KB
    E. C. Tingle, J. Willis (ed.), Dying, Death, Burial and Commemoration (Inga Brinkmann)
    In: Francia-Recensio 2016/3 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2016-3/fn/tingle_brinkmann
    Veröffentlicht am: 20.09.2016 12:27
    Zugriff vom: 27.01.2020 00:37
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