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D. Geuenich, U. Ludwig (Hg.), Libri vitae (Franz Neiske)

Francia-Recensio 2016/3 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Dieter Geuenich, Uwe Ludwig (Hg.), Libri vitae. Gebetsgedenken in der Gesellschaft des Frühen Mittelalters, Köln, Weimar, Wien (Böhlau) 2015, 464 S., ISBN 978-3-412-20943-8, EUR 54,40.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Franz Neiske, Münster

Die von Gerd Tellenbach und Karl Schmid begründete Erforschung der Libri vitae des Mittelalters wurde in den letzten Jahrzehnten vor allem von Dieter Geuenich (Universität Duisburg-Essen) und seinen Schülern erfolgreich fortgeführt. In dem vorliegenden Band werden die Beiträge einer Tagung vom Dezember 2011 präsentiert, die gewissermaßen als Bestandsaufnahme der Arbeiten an diesen schwierigen Quellen anzusehen ist. In vier großen Themenabschnitten werden die Grundidee der mittelalterlichen Memoria, die Komposition und Ordnung der Gedenkbücher, die Prosopografie der Gedenkbücher und die Philologie der Nameneinträge vorgestellt.

Die Einleitung von Dieter Geuenich und Uwe Ludwig (S. 9–13) führt in die mittelalterliche Bedeutung der Gedenkbücher sowie deren Überlieferung und Erforschung ein und ist dabei informativ und umfassend wie ein Lexikonartikel, nur besser lesbar als solche es normalerweise sind. Dazu ist ergänzend heranzuziehen die Liste der Zusammenstellung von acht in diesem Band behandelten Libri vitae mit Editions- und Bibliotheksnachweis sowie Anzahl der Einträge und chronologischer Einordnung (S. 125–126).

Rudolf Schieffer, »Memorialquellen in den Monumenta Germaniae Historica« (S. 17–32), zeichnet aus den Akten der MGH und der Korrespondenz mit den betreffenden Forschern die teils mühsamen, nicht immer von allen Kollegen und Kolleginnen anerkannten Wege der Publikation von Memorialquellen im Rahmen der MGH nach und würdigt vor allem die Verdienste Gerd Tellenbachs und seiner Freiburger Schule bei der Entwicklung neuer Forschungsmethoden. Eine zuweilen sogar vergnüglich zu lesende Darstellung! Der im Erscheinungsjahr des Bandes verstorbene Joachim Wollasch zeigt mit einem grundlegenden Beitrag zur Bedeutung des Gedenkwesens den weiten Horizont dieses Themas: »Formen und Inhalte mittelalterlicher memoria« (S. 33–55). Der Text kann als wissenschaftliches und auch persönliches Vermächtnis des Autors angesehen werden, der vor allem auf dem Feld der Nekrologforschung Grundlegendes zum Verständnis des Totengedenkens beigetragen hat. Dass er den allgemeingültigen und existenziellen Gedanken der Memoria vor dem Hintergrund eigenen Erlebens in Kriegs- und Nachkriegszeit erläutert, zeigt einmal mehr den oft zu beobachtenden Zusammenhang zwischen Forschungsinteresse und persönlicher Disposition. Der vom frühen bis ins späte Mittelalter reichende Überblick berührt die wichtigsten Ausprägungen der Gedächtniskultur und warnt uns Heutige vor einem mehr und mehr drohenden »Erinnerungsschwund«.

Meta Niederkorn-Bruck, »Nomina scripta sunt in coelo« (S. 59–86), beschreibt die theologische Dimension der memoria am Beispiel der Heiligennamen in Litaneien, Martyrologien und Libri vitae. Letztere vor allem bilden den himmlischen Ordo der Patriarchen, Propheten und Heiligen im Himmel ab und spiegeln in gleicher Weise mit den Namen der Verstorbenen die irdische Ordnung der Gesellschaft. In konkreten Einzelstudien werden im Folgenden zentrale Gedenkquellen vorgestellt. Franz-Josef Jakobi, »Der Liber Memorialis von Remiremont« (S. 87–121), gibt einen Überblick zum Forschungsstand dieser spätkarolingischen Quelle, die er selbst 1983 in seiner unveröffentlichten Habilitationsschrift untersucht hat. Das Gedenken des lothringischen Frauenklosters bewahrt in gleicher Weise die Erinnerung an den eigenen Konvent wie auch an die Königsfamilie. Elf Abbildungen mit Lagenschema, Eintragsmuster und Namenreihen ergänzen den Beitrag.

Dieter Geuenich, »Das Reichenauer Verbrüderungsbuch« (S. 123–146), und Uwe Ludwig, »Die beiden St. Galler Libri vitae aus dem 9.Jahrhundert« (S. 147–173), präsentieren die genannten Gedenkbücher und stellen ihre Bedeutung in einen größeren Forschungszusammenhang. Die europaweiten Beziehungen der Abtei Reichenau von Jumièges und Conques bis nach Nonantola und Salzburg oder Fulda und Saint-Vaast veranschaulichen zwei Karten (S. 131f.) der mit dem Bodenseezentrum verbundenen Klöster. Regional ähnlich ausgedehnt war das Verbrüderungsgeflecht der im 9. Jahrhundert entstandenen Gedenkbücher des Gallus-Klosters, in dem weitere Klöster aus Westeuropa nachgewiesen werden können. Doch zeigt sich hier, anders als im Inselkloster, in der Anordnung der Namenlisten »ein Mangel an planvoller Konzeption« (S. 162); außerdem wurden auch vermehrt Laiengruppen eingetragen. Die St. Galler Verbrüderungsbücher sind zurzeit im Druck in der Reihe »Libri memoriales et necrologia. Nova series« der MGH. Ein mehrere Gedenkbücher umfassendes Gesamtregister wird von den Autoren in Aussicht gestellt.

Elemente einer frühen Damnatio memoriae werden sichtbar im Beitrag von Alfons Zettler, »Otmars Gefährten. Studien zum St. Galler Gelübdebuch und zu den ältesten St. Galler Mönchslisten«(S. 175–201), der auf der Grundlage von Professbuch und Mönchslisten einen gegen Ende des 8. Jahrhunderts entstandenen Archetyp der Gedenkaufzeichnungen des Gallus-Klosters, wahrscheinlich in Form von Totenannalen, rekonstruieren kann. Dass man bei der Schaffung eines gründerzeitlichen Gedenkens im Kloster auch vor Verfälschungen nicht zurückschreckte, zeigt die Bedeutung, die man der liturgischen Memoria beimaß. Thomas Schilp, »Überlegungen zur Sakramentarhandschrift D 1 als Liber vitae der Essener Frauenkommunität« (S. 203–220), stellt für die Düsseldorfer Handschrift – vor allem basierend auf zwei anderen Publikationen1 – Überlegungen dazu an, ob die wenigen Namenlisten des 9. Jahrhunderts in der Handschrift als Teile eines Liber vitae anzusehen seien und eine in ihrem Entstehungsort unbestimmte Liste Hildesheimer Bischöfe vor dem Hintergrund des Aussterbens der Essener Gründerfamilie der Vergewisserung neuer Schutzherren gedient haben könnte.

Einer verstärkt rein prosopografischen Ausrichtung folgen die Beiträge des dritten Themenbereichs. Italienische Konvente in nordeuropäischen Libri vitae einerseits und insgesamt sechs teils verschollene Gedenkbücher aus Italien andererseits stellt Nicolangelo D’Acunto, »Mönchs- und Nonnenkonvente aus dem Regnum Italiae in den Libri vitae« (S. 223–238), vor: S. Salvatore/S. Giulia in Brescia, S. Savino in Piacenza, S. Maria in Albaneta, Subiaco, Farfa und Polirone. Mehr als bei anderen Gedenkaufzeichnungen stehen hier die Laien mit ihrem Wunsch nach Teilhabe an den Gnadenwirkungen des mönchischen Gebets im Vordergrund.

Jens Lieven, »Großgruppeneinträge in den Libri memoriales. Anmerkungen zu Bischöfen der späten Karolingerzeit im Kontext großer Gruppen« (S. 239–272), sieht in der gegen Ende des 9. Jahrhunderts zunehmenden Zahl von Bischofsgruppen in den Libri vitae ein Anzeichen für die Schwäche des Königtums bei gleichzeitiger Übernahme der Verantwortung für die Reichskirche durch den Episkopat. Eine entgegengesetzte Sicht für die früheren Jahrhunderte entwickelt folgerichtig Eva-Maria Butz, »Herrschergedenken als Spiegel von Konsens und Kooperation. Zur politischen Einordnung von Herrschereinträgen in den frühmittelalterlichen Libri memoriales« (S. 305–328). Die sorgfältige Anlage von oft über Generationen zurückgreifenden Einträgen der Herrscherfamilien kann demnach als »Beschwörung der konsensualen politischen Einheit im Reich« (S. 327) betrachtet werden.

In die Welt des Salzburger Verbrüderungsbuches führen die Beiträge von Maximilian Diesenberger, »Könige und Herzöge im Salzburger Verbrüderungsbuch um 800« (S. 329–341), der eine »agilolfingische Ausprägung« (S. 333) im 8. Jahrhundert feststellt, die auch auf die Förderung der Familienmemoria durch die verwandten Konventualen des Frauenklosters Nonnberg zurückzuführen ist, und Herwig Wolfram, »Die Libri vitae von Salzburg und Cividale und das Bayerische Ostland (799–907)« (S. 343–377), der die Gedenkbücher von Salzburg und Cividale (Codex Foroiulensis) für Probleme der Eingliederung und internen Organisation der neu eroberten südöstlichen Regionen ins karolingische Reich und die Slawenmission zum Sprechen bringt. Dazu werden slawische oder gemischt theodisk-slawische Personengruppen vor dem Hintergrund komplexer Verwandtschaftsstrukturen und politischer Wechselfälle untersucht. So kommen mehr als 300 slawische Namen aus den genannten Libri vitae in den Blick. Dieser Beitrag wurde ähnlich unter gleichem Titel bereits 2012 und 2013 in anderen Publikationen abgedruckt2. Das Salzburger Verbrüderungsbuch, das bisher nur in einer veralteten Edition von 1890 in der MGH und in einer Faksimile-Ausgabe von 1974 vorliegt, soll demnächst neu ediert werden.

Andreas Bihrer stellt »Angelsächsische Könige in der kontinentalen Memorialüberlieferung« (S. 379–402) zusammen und kann so, quer durch die Nekrologien und Gedenkbücher des Festlands, eine erstaunliche Anzahl von Nachweisen sammeln, die häufig auf Heiratsverbindungen aufgebaut waren und das Ansehen der angelsächsischen Königsfamilien gegenüber ihren »Großen im eigenen Reich« (S. 402) stärken sollten; gleichwohl ergaben sich daraus kaum dauerhafte Beziehungen.

Zwei Beiträge zur Namenphilologie schließen den Band ab. Wolfgang Haubrichs untersucht »Romanische und bairische Personennamen im Salzburger Verbrüderungsbuch« (S. 405–439). Damit werden vor allem die historischen Erkenntnismöglichkeiten der Onomastik in den Vordergrund gerückt: »romanische Kontinuität und Integration« (S. 406), »Bajuwarisierung romanischer Personennamen« (S. 414) und »Romanisierung althochdeutscher Namen« (S. 421). Karten verdeutlichen die regionale Verteilung von Namenformen bestimmter Provenienz. Der Beitrag zeigt, wie die Namenphilologie auf der Grundlage einer elektronisch verfügbaren vollständigen Erfassung der Namen aus der Gedenküberlieferung neue und valide Aussagen zur Varianz und Morphologie der Eigennamen treffen kann, die auch im historischen Kontext Beachtung verdienen. Von den drei erhaltenen englischen Gedenkbüchern: Thorney Abbey (Cambridgeshire), Hyde Abbey (Winchester) und Durham, stellt John Insley, »The Old English and Scandinavian Personal Names of the Durham Liber Vitae to 1200« (S. 441–452), den einen größeren Zeitraum umfassenden Liber vitae Dunelmensis der Kathedrale von Durham (Nordostengland) mit seinem speziellen Namenbestand vor.

Mehrere Beiträge illustrieren ihre Quellen mit einfachen Schwarz-Weiß-Abbildungen. Zusätzlich erleichtern eine Reihe hochwertiger Farbtafeln aus den Handschriften (S. 273–304) das Verständnis für die oft verwirrende Vielfalt der Schreiberhände auf den Pergamentblättern und die komplexe Ordnung (oder Unordnung) der Nameneinträge. Register der Personen- und Ortsnamen sowie eine Handschriftenliste (zum Teil mit Bibliotheksnachweis) beschließen den Band. Insgesamt gesehen steht damit der Forschung eine nützliche Bestandsaufnahme für ein schwieriges Arbeitsfeld zur Verfügung. Die sorgfältigen methodischen Erläuterungen können hoffentlich auch leichter die Neugier weiterer Interessenten für diesen Ansatz wecken. Eine wichtige Materialgrundlage kann dafür neben den bereits vorliegenden neuen kritischen Editionen die im Internet frei zugängliche Datenbank der Projektgruppe »Nomen et gens« bieten.

1 Volkhard Huth, Die Düsseldorfer Sakramentarhandschrift D 1 als Memorialzeugnis. Mit einer Wiedergabe der Namen und Namengruppen, in: Frühmittelalterliche Studien 20 (1986), S. 213–298; und Thomas Schilp (Hg.), Pro remedio et salute anime peragemus. Totengedenken am Frauenstift Essen im Mittelalter, Essen 2008 (Essener Forschungen zum Frauenstift, 6).

2 Peter Franz Kramml (Hg.), Stadt, Land und Kirche. Salzburg im Mittelalter und in der Neuzeit. Beiträge der Tagung zur Emeritierung von Heinz Dopsch in Salzburg vom 13. bis 24. September 2011, Salzburg 2012, S. 9–40; und in: Conversio Bagoariorum et Carantanorum. Das Weißbuch der Salzburger Kirche über die erfolgreiche Mission in Karantanien und Pannonien, hg., übers., kommentiert und um die Epistola Theotmari wie um gesammelte Schriften zum Thema ergänzt von Wolfram Herwig, Klagenfurt 32014, S. 274–301.

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PSJ Metadata
Franz Neiske
Libri vitae
Gebetsgedenken in der Gesellschaft des Frühen Mittelalters
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Frühes Mittelalter (600-1050), Hohes Mittelalter (1050-1350)
Europa nördlich und westlich der Italienischen Halbinsel / Alte Welt
Kirchen- und Religionsgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte
Mittelalter
800-1200
Verbrüderungsbuch (4062664-7), Totengedächtnis (4138973-6), Gebetsverbrüderung (4113668-8), Nekrologium (4130790-2), Kloster (4031225-2)
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D. Geuenich, U. Ludwig (Hg.), Libri vitae (Franz Neiske)
In: Francia-Recensio 2016/3 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500) | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2016-3/ma/geuenich_neiske
Veröffentlicht am: 20.09.2016 12:17
Zugriff vom: 22.01.2020 18:09
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