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    P. Diehl, A. Imhoff, L. Möller (Hg.), Wissensgesellschaft Pfalz (Wolfgang Müller)

    Francia-Recensio 2016/3 19.‒21. Jahrhundert ‒ Époque contemporaine

    Peter Diehl, Andreas Imhoff, Lenelotte Möller (Hg.), Wissensgesellschaft Pfalz. 90 Jahre Pfälzische Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, Ubstadt-Weiher, Neustadt a. d. W. (verlag regionalkultur) 2015, 536 S., 181 Abb. (Veröffentlichung der Pfälzischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, 116), ISBN 978-3-89735-903-1, EUR 39,80.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Wolfgang Müller, Kaiserslautern/Saarbrücken

    Unter der Ägide des bayerischen Kultusministers Dr. Franz Matt erfolgte am 25.Oktober 1925 die Gründungsversammlung der Pfälzischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften mit dem Ziel, »der Pfalz, die über keine Universität verfügte, ein geistiges Forum zu verschaffen, das heidelberg-badischen und französischen Einfluss auf die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Pfalz begrenzen sollte« (S.13). Zu ihrem 90-jährigen Bestehen präsentiert die sich in den verschiedensten kultur-, natur- und sprachwissenschaftlichen Fachgebieten von der Agrarwissenschaft bis zur Zoologie interdisziplinär der Erforschung der Pfalz widmende und so die Funktion einer Akademie der Wissenschaften erfüllende Gesellschaft einen voluminösen Sammelband, zu dem über 40 Mitglieder Beiträge aus ihren jeweiligen Forschungs- und Arbeitsfeldern verfasst haben. Dabei sind die Miszellen nicht nach Sachgebieten, sondern alphabetisch nach Autoren geordnet, immerhin wird gleichwohl wechselseitig auf thematisch verwandte Beiträge verwiesen. Aus pragmatischen Gründen und wegen des Schwerpunkts dieser Zeitschrift konzentriert sich die folgende Betrachtung ausschließlich auf die historisch orientierten Untersuchungen.

    So widmet sich Hans Ammerich am Beispiel der Einführung der Reformation im Herzogtum Pfalz-Zweibrücken und der mit der von der massiven Rekatholisierungspolitik Ludwigs XIV. profitierenden Entwicklung im Bistum Straßburg verglichenen Konfessionalisierung im Hochstift Speyer der Forschungsdiskussion um Konfessionsbildung und Konfessionalisierung. Demnach dürfen nach Paul Warmbrunn »Pfalz-Zweibrücken und Kurpfalz als besonders markante Beispiele einer später als in den meisten anderen Ländern des Reiches, nämlich am Ende des 17. Jahrhunderts, einsetzenden katholischen und lutherischen Konfessionalisierung« angesehen werden, »die schließlich in ein weitgehend gleichberechtigtes Nebeneinander der drei seit 1648 reichsrechtlich anerkannten Konfessionen Katholiken, Reformierte und Lutheraner in einem Territorium einmündete« (S. 21). Otto Böcher porträtiert den Heraldiker Otto Hupp (1859–1949), der unter anderem das Signet der Pfälzischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften entwarf, Arbeiten am Kaiserdom und am Historischen Museum in Speyer ausführte sowie das 1902 eingeführte protestantische Kirchengesangbuch Elsass-Lothringens ausgestaltete. Jochen Braselmann richtet den Blick auf vorgeschichtliche, spätrömische und frühmittelalterliche Höhenbefestigungen, wobei der »Forschungsstand keine klaren Antworten nach den Funktionen der frühmittelalterlichen Burgwälle in der Pfalz« gibt und »der Vergleich der frühmittelalterlichen Befestigungen im pfälzischen Gebiet unterschiedliche Funktionen nahe legt« (S. 55). Mit dem 1635 in Speyer geborenen Johann Joachim Becher und dem 1690 in Landau zur Welt gekommenen Johann Jakob Schmauß stellt Hans Fenske zwei »Wegbereiter« des deutschen Liberalismus im frühen 18. Jahrhundert vor. Beispielsweise publizierte Becher 1668 in München seinen »Politischen Discurs von den eigentlichen Ursachen des Auf- und Abnehmens der Städte und Länder« und betonte in einer späteren Schrift, »dass die Freiheit jedem Menschen angeboren und dass jeder Mensch so gut wie der ander sei« (S. 73). War Becher wirtschafts- und gesellschaftspolitisch »ein Vorläufer des Sozialliberalismus« (S. 74) und aus der Perspektive der politischen Willensbildung ein »Vorläufer der konstitutionellen Monarchie« (S. 74), so attackierte er in »Machiavellus Gallus« (1674/1675) die Expansionspolitik Ludwigs XIV. und bezeichnete die französische Nation als »Rute und Geißel Gottes« (S. 75). Mit dem Namen des Göttinger Professors für Geschichte und Völkerrecht Schmauß sind unter anderem Quelleneditionen zum Reichsrecht, eine zweibändige »Einführung in die Staatswissenschaft« sowie eine Biografie Karls  XII. verbunden.

    Der durch seine außergewöhnliche Resonanz findenden Ausstellungen bekannte frühere Direktor des Historischen Museums der Pfalz in Speyer und heutige Generaldirektor und Geschäftsführer des Weltkulturerbes Völklinger Hütte Meinrad Maria Grewenig reflektiert über Industriekultur als Kulturplattform des 21. Jahrhunderts und »größte Chance, der rapide wegbrechenden Kulturbegeisterung der jungen Generation entgegenzuwirken« (S. 113). Während Joachim P. Heinz an den Anfang des 20. Jahrhunderts in Göllheim und Lautersheim betriebenen Tonbergbau erinnert, beschreibt Ulrich Himmelmann verschiedene – übrigens interessante Parallelen zu Funden im Karpatenbecken aufweisende – Objekte des 2013 durch eine Raubgrabung bekannt gewordenen Rülzheimer Schatzfundes aus der Völkerwanderungszeit.

    Traudel Himmighöfer und Lenelotte Möller kommentieren und edieren vier zwischen Juni 1520 und während des Wormser Reichstags im April 1521 an Martin Luther gerichtete Briefe Ulrich von Huttens, in denen der zeitweise auf Franz von Sickingens Ebernburg weilende Ritter dem Reformator Sickingens Schutzangebot übermittelte und ihn seiner Solidarität im gemeinsamen Bestreben versicherte, die »durch den Nebel der päpstlichen Verordnungen verdeckte Lehre« [Christi] zurück ans Licht zu bringen« (S. 185). Trotz unterschiedlicher Ziele und Motive galten Luther und Hutten als »wirkmächtige Doppelspitze der Reformation« (S. 181). Ausgehend von den Anfängen der Kurstadt im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts informiert Andreas Imhof über die Kurgeschichte der seit 1964 als Kneippheilbad anerkannten und zum »Bad« erhobenen südpfälzischen Stadt Bergzabern. Joachim Kemper, der zu den Pionieren der Öffnung der Archive für die neuen sozialen Medien gehört, bietet unter dem Motto »Stadtgeschichte 2.0« einen Überblick über die von ihm seit 2011 betriebene Präsentation und Vermittlung der Speyerer Stadtgeschichte im Web 2.0, wobei sich die Themen vor allem auf das 20. Jahrhundert konzentrieren, aber auch Speyer als Stadt der Reformation einbeziehen. Außerdem ist das Stadtarchiv Speyer an dem wegweisenden grenzüberschreitenden Projekt »Archivum Rhenanum – Digitale Archive am Oberrhein« beteiligt. Joachim Kermann beleuchtet die schillernde Rolle des seinerzeit als Kreisdirektorenadjunkt bei der gemeinschaftlichen Landesadministrationskommission tätigen Philipp Jakob Siebenpfeiffer bei der Überwachung und Absetzung des napoleonischer Sympathien verdächtigten Trierer Bischofs Charles Mannay 1815. Frank Konersmann präsentiert einen informativen Forschungsüberblick über die ländlichen Gesellschaften in der Pfalz in der Vormoderne und vergleicht dazu die beiden Handbücher »Pfälzische Landeskunde« (1981) und die neue Gesamtdarstellung »Kreuz, Rad Löwe. Rheinland-Pfalz. Ein Land und seine Geschichte« (2012). In einer materialreichen Darstellung wertet Klaus Kremb die inzwischen ebenfalls elektronisch verfügbaren Jahrbücher der 1768/1769 gegründeten »Physikalisch-ökonomischen Gesellschaft zu [Kaisers] Lautern« aus, die auch die Keimzelle der seinerzeit wegweisenden, am 3. Oktober 1774 errichteten »Kameral Hohen Schule« war. An dieser gemäß dem aufklärerischen Gebot auf den staatswirtschaftlichen Nutzen konzentrierten Einrichtung, die 1784 von Kaiserslautern nach Heidelberg verlegt und 1804 in die Ruperto Carola integriert wurde, lehrten unter anderem Georg Adolf Succow, Ludwig Benjamin Martin Schmid und Johann Heinrich Jung-Stilling. Jörg Kreutz dokumentiert die am 8./9. August 1925 von 10 bis 12.000 Besuchern frequentierte und mit besonderem Engagement vorbereitete Verfassungsfeier des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold auf dem Hambacher Schloss als machtvolles Bekenntnis zur Weimarer Demokratie und ihrer Verfassung. Franz Maier untersucht die Ersterwähnung der »Stadt« Oggersheim in einer Wadgasser Urkunde vom 16. Mai 1289 und datiert die Stadterhebung auf 1275/1276.

    Über die Herausforderungen an die Archive und die bürgernahe Geschichte im Zeitalter des Internets reflektiert der Leiter des Landesarchivs Speyer Walter Rummel und verweist unter anderem auf die Vision vom digitalen Lesesaal und digitalen Magazin, die Parallelität von digitaler und analoger Aktenführung oder die überaus kostenintensive Langzeitarchivierung. Da sich die Erschließung der Unterlagen auf die archivalischen Grunddaten konzentriert und keine detaillierte inhaltliche Auswertung erfolgt, diskutiert er auch die Frage, »welche Informationen Archive historisch interessierten Nutzern über das Internet anbieten können« (S. 344). Ferner fordert er eine an Prioritäten orientierte Digitalisierungsstrategie, moniert die »krasse Vernachlässigung des historischen Schriftgutes in vielen kommunalen Gebietskörperschaften« (S. 350) und plädiert deshalb für die »befristete Übertragung der Archivierungsaufgabe durch die Gemeinden und Kreise an das zuständige Landesarchiv« (S. 351).

    Karsten Ruppert lässt Entwicklung, Organisation, Struktur, Sozialprofil und Themenfelder der deutschen Katholikentage von ihren Anfängen 1848 bis zum Ende des Ersten Weltkrieges Revue passieren. Ihren öffentlichkeitswirksamen Höhepunkt erreichten die Katholikentage im Wilhelminismus. Das seit 1893 übliche »gemeinsame Hoch auf Kaiser und Papst« signalisierte die »Aussöhnung mit der kleindeutschen Reichsgründung« sowie »die weitgehende Integration der Katholiken« (S. 362). In einer äußerst knappen biografischen Skizze würdigt Werner Schineller den 1846 ernannten und als Konsequenz des revolutionären Umbruchs der Reichsverfassungskampagne am 30. Juni 1849 in den Ruhestand versetzten pfälzischen Regierungspräsidenten Franz Alwens (1792–1871). Armin Schlechter zeichnet in einer aufschlussreichen bibliotheksgeschichtlichen Miszelle den Weg einiger in Heidelberg verbliebener Dubletten aus der Bibliotheca Palatina in Heidelberg über das dortige Jesuitenkolleg, die alte Mainzer Universitätsbibliothek und die Speyer Ratsbibliothek in die 1817 gegründete Bibliothek des Speyerer Gymnasiums am Kaiserdom nach.

    Während Ernst Schworm der Geschichte des eng mit Hildegard von Bingen verbundenen Klosters am Disibodenberg nachgeht, widmet sich Pirmin Spieß der zwischen 965 und dem 9. Februar 966 zu datierenden Ersterwähnung der seinerzeit siebeneinhalb Hofstellen zählende Siedlung Duttweiler im »Liber Possessionum Wizenburgensis des Codex Edelini«. Von Konfirmationsscheinen über Wandbilder, Luther-Spieluhren und Feldpostkarten reicht die Palette des um 2000 im von Gabriele Stüber geleiteten Zentralarchiv der Protestantischen Landeskirche der Pfalz in Speyer eingerichteten Sammlungsbestandes »Volksfrömmigkeit«, der inzwischen rund 3000 Objekte vornehmlich aus dem 19. und 20. Jahrhundert umfasst. Anhand der vorliegenden Inventare berichtet Rolf Übel über Geschütze auf der Burg Neuscharfeneck, »die eine der am besten mit Artillerie ausgestatten Burgen der Pfalz« (S. 444) war und deren Schildmauer sechs Schießscharten aufweist.

    Jürgen Voss vermittelt pfälzische Impressionen aus in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstandenen Reisebeschreibungen des brandenburgischen Historikers Philipp Wilhelm Gercken (1722–1791), des lothringischen Adligen Jean-Nicolas-Étienne de Bock (1747–1809) und des Juristen Karl Ignaz Geiger (1756–1791). Seinerzeit existierte in der Region nicht nur eine Postlinie zwischen Mainz-Dürkheim-Kaiserslautern-Saarbrücken-Metz, sondern auch zwei Linien von Frankfurt nach Straßburg, die entweder den Weg über Neustadt und Weißenburg oder über Mannheim, Speyer und Lauterburg einschlugen. Erfreulicherweise wendet sich ein Beitrag des Sammelbandes auch der Geschichte der Pfälzischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften zu. Dank der Auswertung des im Landesarchiv Speyer verwahrten Familiennachlasses porträtiert Paul Warmbrunn den von 1925 bis zu seinem Rücktritt am 4.8.1933 und dann nochmals von 1950 bis 1955 agierenden Gründungspräsidenten Friedrich von Bassermann-Jordan (1872–1959), der unter anderem eine dreibändige »Geschichte des Weinbaus unter besonderer Berücksichtigung der Rheinpfalz«, eine Ausgabe der Erinnerungen seines Großvaters Friedrich Daniel Bassermann sowie Betrachtungen über Mélacs Verwüstung der Pfalz vorgelegt hat. Martin Wenz wendet sich seinerseits der Torhalle des mittelalterlichen Kirchhofes in Labach aus architekturgechichtlicher Perspektive zu, und Hans-Jürgen Wünschel widmet seinen Beitrag einem Abdruck des wohl Ende November/Anfang Dezember 1870 entstandenen Gedichts »Der deutsche Schmied« von Conrad Ferdinand Meyer im Sommer 1871 in der Beilage der von Johann Lukas Jäger begründeten und seit Januar 1871 von Eugen Jäger geprägten »Pfälzer Zeitung«.

    Diese wenigen Beispiele können das facettenreiche Panorama nur andeuten, das hier von der Geschichte der Pfalz ausgebreitet wird. Es reicht von der Vor- bis zur Zeitgeschichte und gibt dem an der Geschichte dieser Region interessierten Leser vielfältige Anregungen für eigene Forschungen.

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    PSJ Metadata
    Wolfgang Müller
    Wissensgesellschaft Pfalz
    90 Jahre Pfälzische Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Geschichte allgemein
    20. Jh.
    Pfalz (4076031-5), Wissenschaft (4066562-8)
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    P. Diehl, A. Imhoff, L. Möller (Hg.), Wissensgesellschaft Pfalz (Wolfgang Müller)
    In: Francia-Recensio 2016/3 | 19.-21. Jahrhundert - Époque contemporaine | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2016-3/zg/diehl_mueller
    Veröffentlicht am: 20.09.2016 12:31
    Zugriff vom: 22.09.2020 19:04
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