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    U. Lemke, M. Lucarelli, E. Mattiato (dir.), Cosmopolitisme et réaction (Malte König)

    Francia-Recensio 2016/3 19.‒21. Jahrhundert ‒ Époque contemporaine

    Ute Lemke, Massimo Lucarelli, Emmanuel Mattiato (dir.), Cosmopolitisme et réaction. Le triangle Allemagne-France-Italie dans l’entre-deux-guerres. Préface de Georges-Henri Soutou, Chambéry 2014 (Éditions de l’université de Savoie), 411 p. (Sociétés, religions, politiques, 28), ISBN 978-2-919732-31-9, EUR 20,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Malte König, Essen

    Kosmopolitismus ist kein Konzept, das für jedermann positiv besetzt ist, auch wenn dies die wohlklingende Bezeichnung »Weltbürger« zunächst vermuten lässt. Für George Cogniot, Chefredakteur der kommunistischen Tageszeitung »L’Humanité« repräsentierte der Kosmopolit vielmehr »die letzte Stufe kapitalistischer Unmenschlichkeit«; letztlich handele es sich um eine »weltweite zynische Ausbeutung entwurzelter Sklaven«. Wer in den Koordinaten einer proletarischen Internationalen dachte, sah im Kosmopolitismus eher ein Konkurrenzprojekt des gehobenen Bürgertums. Schließlich war die Grundidee des Weltbürgertums eng mit der Aufklärung und dem Reisenden des 18. Jahrhunderts verbunden, mit den Vertretern der Oberschicht, die während einer Grand Tour die benachbarten Kulturen kennenlernten und dort weltgewandtes Auftreten erwarben. Der Großteil der historischen Studien, die sich mit der Geschichte des Kosmopolitismus beschäftigen, konzentriert sich auf diese Epoche. Dass dadurch ein wichtiger Umbruchpunkt in der Entwicklung des Kosmopolitismus ausgeklammert wird, verdeutlicht der vorliegende Sammelband von Ute Lemke, Massimo Lucarelli und Emmanuel Mattiato, in dem der Fokus auf die zwanziger und dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts gelegt wird.

    Kosmopolitismus und Reaktion in Deutschland, Frankreich und Italien bilden das Leitmotiv, unter dem die Herausgeber 15 Aufsätze von Historikern und Literaturwissenschaftlern zusammengeführt haben. In zwei Sektionen sind die Beiträge untergliedert: Europakonzepten widmet sich der erste Teil, kosmopolitischen Orten und Netzwerken der zweite. Richtungsweisend ist die Einleitung von Emmanuel Mattiato, in der dieser in Anlehnung an den Soziologen Ulrich Beck einen Unterschied zwischen »cosmopolitisme« und »cosmopolitisation« herausstellt – eine Unterscheidung, die begreifbar macht, wie der Erste Weltkrieg Bild und Selbstbild des Kosmopoliten nachhaltig erschütterte. Bis dahin sei »Weltbürgertum« eine Wahl gewesen, für die sich das aufgeklärte Individuum entscheiden konnte; ab dem Krieg hingegen sei die Welt von selbst näher gerückt. Der Begriff »Kosmopolit« habe unweigerlich eine Veränderung erfahren, da es sich nicht mehr allein um eine freie Entscheidung handelte, sondern die Auseinandersetzung mit der Welt in zunehmendem Maße erforderlich wurde. Auch wenn dieser Gedanke in den folgenden Aufsätzen nicht gezielt verfolgt wird, bietet er doch einen Erklärungsansatz, warum Persönlichkeiten, die exemplarische Kosmopoliten zu sein schienen – wie etwa Sándor Márai oder Stefan Zweig –, sich gegen diese Bezeichnung zur Wehr setzten. Wie ein loser Faden, der straff gezogen werden müsste, verknüpft diese unterschwellige Skepsis am Weltbürgertum verschiedene Untersuchungen miteinander – nicht nur die Studien zu Sándor Márai (András Kányádi), den Zeitschriften »Literarische Welt« (Ulrike Stroeder) und »Weltbühne« (Ute Lemke), sondern auch die Untersuchung zu dem Projekt der Pariser Cité internationale universitaire (Roberto Colozza). Die proklamierte oder unterstellte umfassende Toleranz des Kosmopoliten gab diesem einen apolitischen Anschein: Der »Weltbürger« sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, oberflächlich zu sein, unpolitisch oder zumindest naiv. In dem Aufsatz über den konservativen Nationalisten Harro Schulze-Boysen wird dessen zentrales Problem als »patriotisme paradoxal« bezeichnet: das Dilemma, sowohl Patriot als auch Kosmopolit sein zu wollen (Christian Roy).

    Denkt man über das Missverhältnis nach, in dem ein Weltbürger unwillkürlich zu nationalem Denken stehen muss, stellt sich unweigerlich die Frage nach der politischen Ziel- und Umsetzung der kosmopolitischen Utopie: Waren das die Vereinigten Staaten von Europa, wie es die Darstellung der verschiedenen Europakonzepte suggeriert? Nein, das waren sie nicht, und tatsächlich klafft in dem Buch eine Lücke, da sich keiner der Beiträge mit dem Völkerbund beschäftigt. Wäre nicht der Völkerbund das konkrete Projekt gewesen, um kosmopolitische Ideen zu verwirklichen?

    Herausgearbeitet wird hingegen, welch einen Boom Europakonzepte in der Zwischenkriegszeit erfuhren – sei es das Paneuropa eines Richard N. Coudenhove-Kalergi, eines Benedetto Croce (Emmanuel Mattiato), der außenpolitische Vorstoß Aristide Briands (Bernard Bruneteau), seien es die Vorstellungen, die Intellektuelle wie Andrea Caffi oder Nicola Chiaromonte im Pariser Exil entwickelten (Marco Bresciani). Die Jahre 1924–1933 – ab der ökonomischen und politischen Stabilisierung, die der Dawes-Plan und die Locarno-Verträge mit sich brachten, bis zum Regierungsantritt Adolf Hitlers – galten in der Wahrnehmung der Zeitgenossen als die Hochzeit des Europäismus. Insbesondere Vertreter der Rechtskonservativen wie Asvero Gravelli, Carl Schmitt und Pierre Drieu la Rochelle grenzten sich in ihren Ausführungen dabei deutlich von kosmopolitischen Visionen ab (Tommaso Visone). Wenn das europäische Projekt funktionieren solle, benötige es die Bindekraft von Gefühlen – Gefühle, die selbstverständlich waren für einen Nationalisten, die jedoch dem Kosmopoliten zu fehlen schienen. Nicht nur Schmitt hielt Kosmopoliten daher für gefährlich, untergrabe ihr Ansatz doch das politische Denken an sich und somit die Stabilität des Systems. National denkende Theoretiker schienen aus ihrer Auseinandersetzung mit dem Kosmopolitismus den Schluss zu ziehen, dass ein vereintes Europa die emotionale Bindekraft eines Nationalgefühls benötige, wenn es vereint bleiben solle. Es verwundert daher nicht, dass die Konzepte des rechten Lagers im Regelfall auf einen Großraum abzielten, in dem eine Nation Europa dominierte.

    Anders als die kosmopolitische Utopie, mit der es keinerlei Übereinstimmungen gab, wurde der Europa-Gedanke Ende der 1920er Jahre folglich auch für die nationalistisch denkenden Faschisten attraktiv. Umgekehrt lässt sich nachweisen, dass sich die europäische Idee im Laufe der dreißiger Jahre von demokratischen Grundsätzen entkoppelte. Je deutlicher sich herausstellte, dass die europäische Bewegung in eine Sackgasse geraten war, desto mehr Interesse entwickelten Europabefürworter für die Stabilität, welche die hierarchisch autoritären Prinzipien der Faschismen anzubieten schienen (Bruneteau; Visone). Diese Vision eines »Neuen Europas« war freilich weit entfernt von den Ideen der Anfangsjahre, die nicht nur demokratische, sondern auch kosmopolitische, d.h. humanitäre Elemente in sich trugen. Der neue Ansatz basierte nur noch auf dem gemeinsamen Bewusstsein, dass der europäische Raum aufgrund politischer und wirtschaftlicher Machtfragen vereinigt werden müsse. Auf dieser Grundlage konnte Europäisten und Faschisten miteinander ins Gespräch kommen.

    Ohne einer einheitlichen Linie zu folgen, gelingt es den Beiträgen dieses Sammelbands, die unterschiedlichen Strömungen, in denen kosmopolitisches, europäisches und nationales Denken miteinander in Konkurrenz traten, aus vielfältiger Perspektive darzustellen. Durch die Konzentration auf die Zwischenkriegszeit wird die Geschichte des Kosmopolitismus um zahlreiche Facetten bereichert. Empfehlenswert ist der Band nicht nur, weil seine Lektüre neue Informationen und Zusammenhänge liefert, sondern auch, weil sein breites Spektrum zu Fragen anregt und ein großes, wenig bearbeitetes Forschungsfeld sichtbar macht.

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    PSJ Metadata
    Malte König
    Cosmopolitisme et réaction
    Le triangle Allemagne-France-Italie dans l’entre-deux-guerres
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Zeitgeschichte (1918-1945)
    Frankreich und Monaco, Deutschland / Mitteleuropa allgemein, Italien
    Ideen- und Geistesgeschichte, Politikgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte
    20. Jh.
    1913-1933
    Deutschland (4011882-4), Italien (4027833-5), Frankreich (4018145-5), Weltbürgertum (4189574-5)
    PDF document lemke_koenig.doc.pdf — PDF document, 342 KB
    U. Lemke, M. Lucarelli, E. Mattiato (dir.), Cosmopolitisme et réaction (Malte König)
    In: Francia-Recensio 2016/3 | 19.-21. Jahrhundert - Époque contemporaine | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2016-3/zg/lemke_koenig
    Veröffentlicht am: 20.09.2016 12:33
    Zugriff vom: 22.01.2020 18:00
    http://vg07.met.vgwort.de/na/35c54a6d3a4f4150ab07a73964a69851
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