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    M. Höchner, Selbstzeugnisse von Schweizer Söldneroffizieren im 18. Jahrhundert (Alexander Jungo)

    Francia-Recensio 2016/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Marc Höchner, Selbstzeugnisse von Schweizer Söldneroffizieren im 18. Jahrhundert, Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 2014, 284 S., 16 Abb., 2 Kt. (Herrschaft und soziale Systeme in der Frühen Neuzeit, 18), ISBN 978-3-8471-0321-9, EUR 54,99.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Alexander Jungo, Heidelberg

    Marc Höchner untersucht in seiner Studie, die als Dissertation an der Universität Freiburg (Schweiz) entstand, rund 400 Ego-Dokumente wie Tagebücher, Autobiografien und Briefe von Schweizer Soldoffizieren aus dem 18. Jahrhundert. Das Erkenntnisinteresse gilt dem »subjektiven Blickwinkel der Soldaten« (S. 16), ihrer Kriegserfahrung, Eigenwahrnehmung und Selbstdarstellung, um ein Bild der »schweizerische[n]«, aber auch der »gesamteuropäische[n] Mentalität« der Offiziere zu erhalten (S. 13). Methodisch orientiert sich der Autor an der Selbstzeugnisforschung und am »wissenssoziologischen Erfahrungsbegriff« des Tübinger Sonderforschungsbereichs 437, der veränderliche gesellschaftliche Deutungsmuster als für die individuelle Erfahrung konstitutiv versteht (S. 23). Darüber hinaus gelingt dem Autor eine quellengesättigte Gesamtschau des Solddienstes in kulturhistorischer Perspektive, gegliedert in die Abschnitte »Militärdienst in Friedenszeiten«, »Kriegserfahrung in den Selbstzeugnissen«, »Prägung und ›Deutung‹«, »Das Schweizerische in den Selbstzeugnissen« und »›Fremde Dienste‹ im Zusammenhang: Krisen und Kritik«.

    Nach einer kurzen Einführung in den historischen Kontext (S. 25–35) und der 30 Hauptquellen (S. 37–43) beginnt die Darstellung mit dem Offiziersalltag in Friedenszeiten, der sich in den Garnisonen zwischen Ausbildung, gesellschaftlichem Leben und Freizeitbeschäftigungen abspielte (S. 45–59). Viele Offiziere, vor allem tieferer Ränge, hatten Schwierigkeiten, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten und sahen sich regelmäßig gezwungen, bei ihren Verwandten in den Kantonen um Zuschüsse zu bitten (S. 59–64). Viel Platz nahm in der Korrespondenz der Offiziere die Beobachtung von Natur, Landwirtschaft und Kultur ihres Aufenthaltsortes ein; dabei waren die Offiziere Akteure eines Kulturtransfers, durch den exotische Pflanzen, Luxuswaren und Kolonialgüter oder Kunstgegenstände in die Kantone gelangten, wo sie von den führenden Familien als kulturelles Kapital genutzt werden konnten (S. 65–74). Der Kultur- und Wissenstransfer durch die Offiziere eröffnet spannende Fragen: So könnte etwa untersucht werden, inwiefern sich das im Ausland gewonnene technische und kulturelle Wissen, über den Bau von »Residenzen im französische oder italienischen Stil« (S. 71) hinaus, auf eine spätere Tätigkeit der Offiziere in den Kantonen auswirkte.

    In den von Frühjahr bis Herbst dauernden Feldzügen bestand der Soldatenalltag vor allem aus Märschen, Belagerungen und, weit seltener, Schlachten. Gerade letztere werden in den Selbstzeugnissen der Offiziere oft in stereotyper Weise dargestellt, die eine Schlachtordnung evozieren, die nicht der Realität chaotischer, kaum zu überblickender Schlachtszenen entsprochen haben dürfte (S. 101). Vorlagen dafür boten normative Texte oder auch literarische Verarbeitungen; so stellt der Autor fest, dass ein Bericht aus dem Tagebuch Beat Fidel Zurlaubens über die Schlacht von Fontenoy stark an eine Voltaire-Passage über dasselbe Ereignis erinnert (S. 98). Kaum geschildert wurde dagegen physische Gewalt (S. 102). Überhaupt sei die Realität von, meist ungewohnten, Kampfhandlungen von den Teilnehmern als etwas Unbeschreibliches empfunden worden (S. 94). Der Selbstdarstellung diente dagegen die ausführliche Beschreibung von Verletzungen, die als Beweise für Tapferkeit im Gefecht galten (S. 112).

    Die Soldaten deuteten ihre Erlebnisse vor allem in den Kategorien Religion und Ehre; religiöse Deutungen fußten in der christlichen Begründung militärischer Verhaltensnormen, Ehrvorstellungen in adelig-europäischen (S. 123). Unabhängig von der Konfession hatte der Glaube für die Offiziere eine psychologische Entlastungsfunktion, verlor jedoch im Verlauf des 18. Jahrhunderts an Bedeutung, wo es um die Erklärung von Ereignissen ging (S. 123–131). In Bezug auf die eidgenössische Innenpolitik könnten konfessionell gemischte Schweizer Regimenter zu einer Annäherung der konfessionellen Blöcke beigetragen haben, insofern in ihnen Mitglieder der Eliten beider Konfessionen freundschaftlich zusammenkamen (S. 133). Bei der Ehre ist zwischen »inneren«, charakterlichen Eigenschaften wie Mut oder Urteilsvermögen und »äußeren« Zeichen wie Beförderungen, Auszeichnungen und Orden zu unterschieden. Letztere waren ein zentrales Thema der Offiziere und wurden normalerweise nach dem Anciennitätsprinzip vergeben; wo dies nicht der Fall war, konnten Beförderungen und Auszeichnungen für Konflikte sorgen (S. 135–140). Fühlten sich Offiziere übergangen, drohten sie gegenüber ihrem Auftraggeber damit, den Dienst zu quittieren, wobei es jedoch meist bei der Drohung blieb, um in den Verhandlungen ein Druckmittel zu haben (S. 143–145). Neben der individuellen Ehre dachten die Offiziere auch in kollektiven Kategorien wie der Familienehre oder der Regimentsehre, auf die sich individuelle Ehrgewinne und Ehrminderungen jeweils auch auswirkten (S. 151–152).

    Als besondere »schweizerische« Merkmale werden die Organisation des Soldgeschäfts in Familienunternehmen und ein gemeinsames »aristokratisch-republikanisches Ideal« (S. 170) der Offiziere genannt. So betrieben Familienangehörige in den Kantonen etwa Rekrutierungen oder Reinvestitionen der im Solddienst gewonnenen Finanzressourcen. Voraussetzung für das Funktionieren der Familienökonomie war der regelmäßige Austausch von Informationen zwischen den Familienmitgliedern im In- und Ausland (S. 155–159) Trotz ihrer kantonal und konfessionell heterogenen Herkunft fühlten sich die Schweizer Offiziere im Ausland durch eine geteilte »Mentalität mit einer eidgenössisch-republikanischen Prägung« (S. 172) zusammengehörig. Diese bezog sich auf ein aus der Antike tradiertes republikanisches Ideal und beinhaltete Werte wie Pflichterfüllung oder Selbstaufopferung für die Gemeinschaft und grenzte sich gegen eine vermeintlich dekadente französisch-höfische Lebensart ab; nach innen begünstigte diese Mentalität eine positive Lesart des Solddienstes als Ort der Formierung der künftigen kantonalen Eliten (S. 172–177). In den reformierten Kantonen war die Kritik am Soldgeschäft im 18. Jahrhundert als Bedrohung der Eigenständigkeit und Sicherheit der Eidgenossenschaft nach wie vor einflussreich und wurde gerade auch von Soldoffizieren betrieben, denen aufgrund ihrer Herkunft Aufstiegschancen verwehrt blieben (S. 220–228).

    Im Fazit beschreibt der Autor die Schweizer Soldoffiziere als »Angehörige einer doppelten Elite« (S. 246): Einerseits waren sie Teil einer europäisch-militärischen Leistungselite, an deren Werten sie sich orientierten und wodurch sich ihre Kriegserfahrung »nicht grundsätzlich von denjenigen ihrer preußischen, österreichischen oder französischen Kameraden« unterschieden habe (ibid.). Zugleich seien sie als Mitglieder kantonaler Oberschichten Angehörige einer politischen Elite mit einem »gemeinsame[n], schweizerische[n] Bewusstsein« gewesen (S. 247) Dabei hätten »sich die Offiziere, trotz der adeligen Offizierskultur, die sie auslebten, ebenso selbstverständlich in die nivellierende aristokratisch-republikanische Ordnung ihrer Heimatkantone« eingefügt (ibid.).

    Mit seiner Arbeit leistet Marc Höchner eine wertvolle Pionierstudie zur alltags- und kulturgeschichtlichen Erforschung des (Schweizer) Soldwesens, das in jüngerer Zeit vor allem im innenpolitischen Zusammenhang von Verflechtung und Patronage untersucht wurde. Viele der behandelten Themen wie Kulturtransfer oder »Republikanismus« und »Nationalismus« unter den Offizieren lohnten eine weitere Untersuchung. Vermisst wird eine grundlegende Problematisierung und Reflexion der Quellengattung Ego-Dokument.

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    PSJ Metadata
    Alexander Jungo
    Selbstzeugnisse von Schweizer Söldneroffizieren im 18. Jahrhundert
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
    Schweiz
    Militär- und Kriegsgeschichte
    18. Jh.
    1700-1800
    Schweizer (4053886-2), Offizier (4043375-4), Söldner (4055364-4), Krieg (4033114-3), Alltag (4001307-8), Augenzeugenbericht (4296633-4)
    PDF document hoechner_jungo.doc.pdf — PDF document, 267 KB
    M. Höchner, Selbstzeugnisse von Schweizer Söldneroffizieren im 18. Jahrhundert (Alexander Jungo)
    In: Francia-Recensio 2016/4 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2016-4/fn/hoechner_jungo
    Veröffentlicht am: 12.12.2016 09:47
    Zugriff vom: 15.11.2019 00:32
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