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M. Lemoine, La Faveur et la Gloire (Christian Kühner)

Francia-Recensio 2016/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Mathieu Lemoine, La Faveur et la Gloire. Le maréchal de Bassompierre mémorialiste (1579–1646). Préface de Denis Crouzet, Paris (PUPS) 2012, 609 S. (Collection Roland Mousnier, 49), ISBN 978-2-84050-771-0, 24,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Christian Kühner, Freiburg im Breisgau

François de Bassompierre (1579–1646), maréchal de France, ein Höfling und ranghoher Offizier, der insbesondere Heinrich IV. und Ludwig XIII. diente, ist vor allem durch seine Memoiren bekannt geworden. Mathieu Lemoine stellt sich in seiner Dissertation ausdrücklich nicht die Aufgabe, eine weitere Biographie des Marschalls zu schreiben, sondern diejenige, eine »explication de texte«, einen Kommentar zu den Memoiren zu verfassen, durch die die Vorstellungswelt (imaginaire) des Autors und seine Selbststilisierung untersucht werden sollen (S. 41). Dieser Ansatz bedeutet, die chronologische Gliederung der Darstellung am Lebenslauf des Protagonisten entlang aufzugeben; dem Autor gelingt aber eine überzeugende Alternative.

Das erste Kapitel beschäftigt sich mit der »journée des Dupes«, in deren Folge Bassompierre verhaftet und für fast zwölf Jahre ohne genaue Begründung in der Bastille gefangen gehalten wurde. Die Gründe für seine Verhaftung sind letztlich nicht ganz klar; Mathieu Lemoine untersucht mehrere Hypothesen, die auf Verbindungen zu verschiedenen politischen Gegnern Kardinal Richelieus hindeuten könnten. Die Verhaftung führt zum Thema des zweiten Kapitels, Bassompierres Leben in der Bastille, das deswegen von zentraler Bedeutung ist, weil es die Schreibsituation der Memoiren darstellt – in der Tat verfasste der Marschall diese während seiner Haft.

Die folgenden beiden Kapitel beschäftigen sich mit Bassompierres komplexer Beziehung zur Monarchie, die sich in unterschiedliche Phasen gliedert. Das dritte Kapitel behandelt die Zeit Heinrichs IV. und der Regentschaft Marias von Medici. Bassompierre, ein junger Adliger aus dem Herzogtum Lothringen, kommt an den französischen Hof, wo er schnell eine derart enge Vertrauensbeziehung mit Heinrich IV. aufbaut, dass er beschließt, in dessen Dienste zu treten. Lemoine deutet Heinrich IV. als Schlüsselfigur für Bassompierre; er sieht im ersten Bourbonen nicht nur Bassompierres König, sondern auch dessen Lehrmeister und persönliches Vorbild, an dem der Marschall sich im Grunde zeitlebens orientiert habe. Auch die angemessene Beziehung von König und Adligen habe Bassompierre unter Heinrich IV. verwirklicht gesehen. Im vierten Kapitel, das die Zeit Ludwigs XIII. behandelt, wird diese These fortgeführt: Bassompierre habe – zunächst durchaus erfolgreich – versucht, mit Ludwig XIII. ein ähnliches Vertrauensverhältnis aufzubauen wie mit dessen Vater, das auf persönlicher Nähe und Beratung des Königs beruhte; Ludwig XIII. belohnte Bassompierre mit der Ernennung zum maréchal de France 1622. Der Umschwung sei eingetreten, als Ludwig XIII. mit Richelieu einen neuen Typus des Favoriten kreiert habe, dessen Beziehung zum König nicht mehr auf persönlicher Nähe, sondern auf politischem Sachverstand beruht habe. Schwertadlige wie Bassompierre seien unter der Regierung des Kardinals auf den Bereich des Militärischen beschränkt, vom Zentrum der politischen Entscheidungen aber ferngehalten worden – was ein Konfliktpotential schuf.

Die nächsten beiden Kapitel beschäftigen sich mit Bassompierres Verhältnis zur adligen Identität. Lemoine schließt dabei einerseits an Ellery Schalk an und grenzt sich andererseits von ihm ab: Es habe im französischen Adel nach den Religionskriegen kein Übergang von der Betonung militärischer Tapferkeit zur Abstammung von adligen Vorfahren stattgefunden, sondern vielmehr hätten edle Abstammung einerseits und Dienst am König andererseits die zwei komplementären Aspekte adliger Identität gebildet (S. 299)1. Das fünfte Kapitel untersucht zunächst den ersten Aspekt, die Familie. Tatsächlich beginnen Bassompierres Memoiren mit einer ausführlichen Beschreibung seiner Familie in Vergangenheit und Gegenwart. Lemoine hat hier mit großer prosopografischer Akribie Informationen über Bassompierres familiäres Umfeld zusammengetragen. So erfährt man durch die Beschreibung seiner Vorfahren viele Einzelheiten über die Herkunft des Marschalls. Lemoine beschreibt auch Bassompierres Brüder und Schwestern sowie seine Neffen und Nichten, wobei die Neffen insbesondere deswegen wichtig sind, weil der unverheiratete Marschall, der somit keine ehelichen Kinder hatte, wusste, dass sie den Namen der Familie weiterführen würden. Auch Bassompierres in den Memoiren nur am Rande erwähnte uneheliche Kinder werden vorgestellt. Das sechste Kapitel untersucht den zweiten Aspekt adliger Identität, den Dienst am König, den Lemoine in drei Erscheinungsformen gliedert, nämlich in den militärischen Dienst, die Funktion als Ratgeber des Königs und die Rolle als Gesandter im Ausland; sie werden jeweils anhand von Bassompierres Wirken in jedem dieser Bereiche untersucht.

Das siebte Kapitel untersucht zwei wichtige Quellen über Bassompierre jenseits der Memoiren. Die eine ist der Katalog von Bassompierres Bibliothek, der nach seinem Tod vermutlich zum Zweck des Verkaufs der Bücher aus seinem Nachlass erstellt wurde. Der Marschall besaß mit fast zweitausend Bänden eine der größten Bibliotheken Frankreichs zur damaligen Zeit. Die andere Quelle sind Bassompierres »Répertoires«, Notizbücher, in denen er sowohl Zitate und Exzerpte wie eigene Gedanken, Verse und Aphorismen sammelte. Das achte und letzte Kapitel widmet sich Bassompierres Rezeptionsgeschichte. Lemoine untersucht sie anhand dreier Aspekte: Bassompierres Verherrlichung durch Dichter seines eigenen Zeitalters, seine Rolle als Figur in historischen Romanen und Bühnenwerken des 19. und 20. Jahrhunderts und schließlich die Wirkungsgeschichte seiner Memoiren.

Dem Buch sind umfangreiche Anhänge beigegeben, unter denen insbesondere die Edition eines Bandes der »Répertoires« Bassompierres hervorzuheben ist.

Mathieu Lemoine gelingt mit seiner Studie eine überzeugende Deutung von Bassompierres Memoiren; er sieht sie einerseits als Selbstdarstellung ihres Autors, der darin von sich ein Bild als vorbildlicher Adliger und Höfling entwirft, und andererseits als Gegendarstellung zur offiziellen Geschichtsschreibung aus der Feder von Richelieus Historiografen. Als fruchtbar erweist sich auch Lemoines Arbeitsweise, die in den einzelnen Kapiteln dargestellten Themen jeweils umfassend zu kontextualisieren – so beispielsweise, wenn er die Beschreibung von Bassompierres Bibliothek mit Erläuterungen zu Aufbau und Rolle französischer Bibliotheken des 17. Jahrhunderts versieht. So entstehen Einblicke nicht nur in die Vorstellungswelt, sondern auch in die Lebenswelt des Marschalls von Bassompierre.

1 Lemoine bezieht sich hier auf Ellery Schalk, L’épée et le sang. Une histoire du concept de noblesse (vers 1500–vers 1650), Seyssel 1996; in der englischsprachigen Originalversion: ders., From Valor to Pedigree. Ideas of Nobility in France in the Sixteenth and Seventeenth Centuries, Princeton 1986.

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PSJ Metadata
Christian Kühner
La Faveur et la Gloire
Le maréchal de Bassompierre mémorialiste (1579–1646)
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Frankreich und Monaco
Familiengeschichte, Genealogie, Biographien, Militär- und Kriegsgeschichte
Neuzeit bis 1900
1579-1646
Bassompierre, François de (118507079), Frankreich (4018145-5), Marschall Militär (4392634-4), Biografie (4006804-3)
PDF document lemoine_kuehner.doc.pdf — PDF document, 332 KB
M. Lemoine, La Faveur et la Gloire (Christian Kühner)
In: Francia-Recensio 2016/4 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2016-4/fn/lemoine_kuehner
Veröffentlicht am: 12.12.2016 09:47
Zugriff vom: 27.01.2020 01:14
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