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M. Lindemann, The Merchant Republics (Michael North)

Francia-Recensio 2016/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Mary Lindemann, The Merchant Republics. Amsterdam, Antwerp, and Hamburg, 1648–1790, Cambridge (Cambridge University Press) 2015, XVI–356 p., 9 ill., ISBN 978-1-107-07443-9, GBP 65,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Michael North, Greifswald

Die mit mehreren Veröffentlichungen zur Geschichte Hamburgs hervorgetretene amerikanische Historikerin Mary Lindemann legt mit ihrem neuesten Buch eine vergleichende Studie zu den drei »Kaufmannsrepubliken« (merchant republics) Amsterdam, Antwerpen und Hamburg vom Westfälischen Frieden bis zur Französischen Revolution vor. Es geht ihr darum zu testen, ob das Konzept »Kaufmannsrepublik« für eine historische Untersuchung tragfähig und auf mehrere Städte zugleich anzuwenden ist. Dazu untersucht Frau Lindemann sowohl die ökonomische, soziale und religiöse Entwicklung als auch die politische Organisation und insbesondere die politische Kultur.

Nach der Einleitung stellt sie in dem ersten Kapitel »A topographical perspective« die politischen Partizipationsmöglichkeiten in den drei Städten dar. Sie zeigt, dass – trotz der kleinen Zahl der in den Städten zur Teilnahme an der Macht Berechtigten – ein weitaus größerer Personenkreis in niederen städtischen Ämtern und durch Medien an der politischen Debatte partizipieren konnte und dies bereits im 17. Jahrhundert tat, bevor eine Öffentlichkeit im Habermasschen Sinne entstand.

Im Kapitel 2 »Political dynamics and dilemmas« arbeitet die Autorin heraus, dass die drei Städte vergleichbare (republikanische) Regierungsstrukturen aufweisen, die unabhängig von der ökonomischen Entwicklung der drei Städte im 18. Jahrhundert ihren Charakter bewahrten. Gemeinwohl und Wohlstand waren hierbei zentrale Ideen der Kaufmannsrepubliken. Aber es gab auch Zwietracht (Kapitel 3 »Discord«) und Auseinandersetzungen, die sich vor allem gegen die Misswirtschaft der politisch Verantwortlichen wandten. Kapitel 4 »Merchants and republicans« untersucht die Rolle der Kaufleute und Bürger als politische Führungsschicht. So disqualifizierte in Hamburg die Annahme eines Adelstitels einen Bürger für die Übernahme jeglichen politischen Amtes, wogegen in Antwerpen es geradezu Sehnsucht nach Adelstiteln innerhalb der Gruppe der Bankiers und Rentiers gab. Nichtsdestotrotz zeigt sich auch in Hamburg eine Konvergenz der Lebensstile von reichen Bürgern und Adligen. Dies hätte auf der Basis der jüngsten Forschung zum Kulturkonsum in den genannten Städten deutlicher herausgearbeitet werden können. Immerhin werden in diesem Kontext die Migration und der Aufstieg auswärtiger Kaufleute zu Reichtum in den Kaufmannsrepubliken erwähnt. Kapitel 5 »Virtuous commerce« behandelt die Fragen von Kredit, Spekulation und Vertrauen sowie deren Wahrnehmung in der zeitgenössischen Publizistik. Hieran schließt sich Kapitel 6 »Virtue bankrupt« an, das Bankrotte und die gesetzlichen Regelungen gegenüber Bankrotteuren untersucht. Führende Bankiers wie Hope & Company oder John Parish kommen ebenso zu Wort wie Politiker und Kaufleute, die die Ursachen für Bankrotte analysierten und die Gefahren für das Gemeinwesen voraussagten.

In der Zusammenfassung arbeitet Frau Lindemann noch einmal ihre wichtigsten Erkenntnisse heraus. »Kaufmannsrepublik« als Konzept erweist sich als produktives Instrument der historischen Forschung. Schon die Zeitgenossen ordneten alle drei Städte in die Kategorie der »berühmten Handelsstadt« ein und diese Bezeichnung überlebte auch das 18. Jahrhundert. Alle Städte waren in der Lage, kreativ auf die ökonomischen und politischen Veränderungen zu reagieren. Gleichzeitig blieb ein ähnliches kaufmännisches und republikanisches Selbstverständnis erhalten. Die Kaufleute verstanden sich immer auch als Bürger, aber auch als Regierende der Stadt, die zumindest vorgaben, die Interessen der Handelsstadt über die eigenen zu stellen. Auch andere Städte in Europa und Übersee, wie Bordeaux und Livorno, Charleston und Philadelphia, aber ebenso Frankfurt, Nürnberg und Leipzig könnten in diesem Kontext verortet werden.

Insgesamt handelt es sich hierbei um eine anregende Arbeit, die jedoch, was vor allem Hamburg betrifft, auf einem veralteten Forschungsstand beruht. Insbesondere die neueren Arbeiten zur Wirtschaftsgeschichte (z. B. Markus Denzel) oder zum frühen Patriotismus (Martin Krieger) fehlen völlig. Hierdurch hätte die Studie auch für Hamburg die Tiefenschärfe gewinnen können, die sie beispielsweise für Amsterdam besitzt. Die Gesamtperspektive hätte sich aber damit vermutlich nicht grundlegend geändert.

Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

PSJ Metadata
Michael North
The Merchant Republics
Amsterdam, Antwerp, and Hamburg, 1648–1790
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Deutschland / Mitteleuropa allgemein, Niederlande
Siedlungs-, Stadt- und Ortsgeschichte, Wirtschaftsgeschichte
17. Jh., 18. Jh.
1648-1790
Amsterdam (4001783-7), Hamburg (4023118-5), Antwerpen (4002364-3), Handelsstadt (4125402-8), Republik (4177823-6)
PDF document lindemann_north.doc.pdf — PDF document, 322 KB
M. Lindemann, The Merchant Republics (Michael North)
In: Francia-Recensio 2016/4 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2016-4/fn/lindemann_north
Veröffentlicht am: 12.12.2016 09:47
Zugriff vom: 08.07.2020 06:05
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