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    K. Davids, B. De Munck (ed.), Innovation and Creativity in Late Medieval and Early Modern European Cities (Gisela Naegle)

    Francia-Recensio 2016/4 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Karel Davids, Bert De Munck (ed.), Innovation and Creativity in Late Medieval and Early Modern European Cities, Farnham, Surrey and Burlington (Ashgate Publishing) 2014, XVIII–420 p., 16 fig, 17 tabl., ISBN 978-1-4724-3987-1, GBP 85,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Gisela Naegle, Gießen/Paris

    Der von Karel Davids und Bert De Munck herausgegebene Band beschäftigt sich mit Innovation und Kreativität in spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Städten. Er verwendet einen weit definierten Innovationsbegriff. Es geht hier nicht nur um spektakuläre Erfindungen von Individuen, sondern auch um die Vermittlung und Weitergabe von Wissen und neuen Techniken im Handwerksmilieu: »a broad definition of innovation, including incremental as well as radical innovation, and product innovations as well as process innovations« (S. 13).

    Dabei spielen Zünfte und andere Formen der Handwerkskorporationen wie Bruderschaften eine zentrale Rolle. Derartige Organisationsformen entstanden vor allem in Gebieten, in denen es keine Zünfte im engeren und politischen Sinn gab, sodass andere Wege gefunden werden mussten, um Handwerkern ein Minimum an Partizipationsmöglichkeiten zu schaffen. Zahlreiche Verfasser thematisieren den in den letzten Jahrzehnten erfolgten Paradigmenwechsel in der Beurteilung der Zünfte. Die Diskussion darüber, ob sie Innovationen und technischen Fortschritt eher behinderten oder förderten, und inwieweit und mit welchen Mitteln sie aktiv versuchten, auf den Arbeitsmarkt und die Wirtschaftsentwicklung Einfluss zu nehmen, dauert jedoch immer noch an. So verweisen mehrere Autoren immer wieder auf die von Stephan R. Epstein und Sheilagh Ogilvie geführte Debatte. Dies wirkt sich ausgesprochen positiv auf die inhaltliche Kohärenz des Buches aus und macht eine zusammenhängende Lektüre der Aufsätze sehr anregend, zumal es unter den Beiträgen zahlreiche chronologische und thematische Querverbindungen gibt.

    Der Band enthält 15 Artikel, einen umfangreichen, sehr nützlichen bibliografischen Teil, ein Register und Hinweise zu den Autoren. Er ging aus einem gemeinsamen niederländisch-flämischen Forschungsprojekt zu »Circulation of knowledge in the Low Countries. Flows of technical knowledge in the western core-area of the Low Countries between c. 1400 and 1700« bzw. aus weiteren damit in Verbindung stehenden Tagungen und Vorträgen hervor. Die einzelnen Texte sind nicht in Sektionen eingeteilt, sondern orientieren sich weitgehend an der Chronologie. Obwohl manche Autoren auch teilweise auf das Spätmittelalter eingehen, liegt der zeitliche Schwerpunkt ganz eindeutig auf der Frühen Neuzeit. Dies zeigt sich auch bei der Durchsicht des Bibliografieteils.

    In geografischer Hinsicht dominiert klar der Vergleich zwischen den Niederlanden und Italien. Für Italien werden Glasherstellung, Textil- und Seidenproduktion (Venedig, Murano, Altare, Florenz, Vicenza, Padua), Keramik- und Porzellanmanufakturen in Neapel (18. Jahrhundert, Alida Clemente) und der Ausbau Triests zur Zeit der österreichischen Herrschaft behandelt (Daniele Andreozzi). Für den niederländisch-flämischen Raum werden schwerpunktmäßig Antwerpen (in mehreren Artikeln), die Epoche der Niederländischen Republik (1580–1800) und Holland (ca. 1650–1720) vorgestellt.

    Die sehr anregende Einleitung der Herausgeber K. Davids und B. De Munck führt in die Thematik und den aktuellen Forschungsstand ein, sie bilanziert jedoch zugleich die Erträge des Bandes und kann auch als Zusammenfassung gelesen werden. Ihre Unterkapitel verweisen auf wichtige Untersuchungsgegenstände des Bandes: den Vergleich (innerhalb der Niederlande und Italiens und zwischen beiden Gebieten), Zünfte und technologische Innovation, Ausbildung, Lehre und Wissensvermittlung, Migration, Bürgerrecht, Wissenszirkulation und über das Studium der Zünfte hinausweisende Perspektiven zukünftiger Forschung.

    Der Aspekt der Arbeitsmigration und ihrer Steuerung spielt in vielen der Aufsätze eine erhebliche Rolle und zwar sowohl in Bezug auf ihre Beschränkung als auch im Sinne des Schaffens bewusster Anreize zur Niederlassung besonders qualifizierter Handwerker und Experten (Beispiel Neugründung von Porzellanmanufakturen, Ausbau von Triest). Corine Maitte analysiert zu dieser Fragestellung sehr aufschlussreiches Material, da sich für den Sektor der Glasherstellung die Strategien von Murano (weitgehende Ortsfestigkeit, Abwanderungsverbote) und des eher ländlich geprägten Altare (Wanderung von Handwerkergruppen) sehr stark unterschieden. Im von Francesco Ammannati eindrücklich beschriebenen Florenz des 15. und 16. Jahrhunderts sah sich die Arte della Lana mit einem wachsenden Autonomieverlust und Versammlungsverboten konfrontiert. Sie geriet immer stärker unter die Kontrolle des Herzogs. Zur selben Zeit versuchte Venedig, die von Edoardo Demo untersuchte Seidenherstellung von Vicenza in seinem Sinne zu steuern. Der Adel beteiligte sich dort aktiv an der Förderung dieses Produktionszweigs, es gab jedoch keine spezielle Zunft. Alberto Grandi stellt im Gegenüber mit norditalienischen Städten für die Seifenherstellung ebenfalls eine führende Rolle Venedigs fest, gegen die sich auch Bologna behaupten musste, für das die Seidenherstellung besonders wichtig war. Andrea Caracausi widmet sich dem Technologietransfer in Padua und Venedig (16.–18. Jahrhundert). Auch Padua musste sich mit venezianischem Protektionismus auseinandersetzen. Besonders interessant sind in diesem Zusammenhang die Ausführungen zur Rolle der Mode und Nachfrage, zur Vermeidung sozialer Verteilungskämpfe und zu frühen Versuchen der Arbeitsplatzsicherung.

    Im frühneuzeitlichen Antwerpen, für dessen Geschichte sein Fall von 1585 eine wichtige Zäsur darstellt, diente den Ergebnissen von Jan De Meester zufolge die Vergabe des Bürgerrechts nicht als Instrument, um gezielt und planmäßig qualifizierte Handwerker anzuwerben (S. 112). Der von den beiden Herausgebern und Ellen Burm vorgelegte Beitrag zu den frühneuzeitlichen Niederlanden (um 1450–1800) und zum innerniederländischen Vergleich von Zünften und Zunftlandschaften, der starke Unterschiede zwischen Norden und Süden zutage fördert, kommt zu ähnlichen Feststellungen. Ihrer Ansicht nach waren Aufnahmegebühren der Zünfte eher ein politisches und wirtschaftliches Instrument als ein Mittel zur Regulierung des Arbeitsmarktes. Handwerkslehren, Aufnahmegebühren, die Sicherung der Vertragseinhaltung, die Anerkennung auswärtiger Lehrzeiten und Meisterprüfungen im Küferhandwerk von Haarlem und Rotterdam bzw. Antwerpen sind Gegenstand der Darstellung der beiden Aufsätze von Janneke Tump (ca. 1650 und 1720) und von Raoul De Kerf (der auch die Problematik der Leiharbeit und illegaler Beschäftigung anspricht).

    Claartje Rasterhoff setzt sich mit dem Kunst- und Buchmarkt in der Niederländischen Republik (1580–1800) auseinander, in dem die Nachfrage besonders unsicher und schwankend war. Sie unterstreicht, dass in diesem Sektor räumliche Konzentrationsvorgänge und Clusterbildung eine herausragende Rolle spielten. Die von Dries Lyna präsentierte Geschichte der Kunstakademie von Antwerpen, die das Spannungsverhältnis zwischen Kunst und Handwerk im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert verdeutlicht, und die Darstellung der Entwicklung der dortigen Diamantenbearbeitung (Annelies De Bie) stellen dazu eine gute Ergänzung dar.

    Alles in allem handelt es sich um einen sehr gelungenen, inhaltlich kohärenten und überzeugenden Band, der wichtige und äußerst anregende Ausgangspunkte für weitere Diskussionen anbietet. Besonders reizvoll ist der Vergleich zwischen den Niederlanden und Italien, zwei der am stärksten urbanisierten Regionen Europas. Die Frage, inwieweit die hier erzielten Ergebnisse auch auf andere Gebiete übertragbar sind, sollte vertieft werden.



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    PSJ Metadata
    Gisela Naegle
    Innovation and Creativity in Late Medieval and Early Modern European Cities
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Spätes Mittelalter (1350-1500), Frühe Neuzeit (1500-1789), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
    Italien, Niederlande
    Wirtschaftsgeschichte
    Neuzeit bis 1900
    1400-1800
    Italien (4027833-5), Niederlande (4042203-3), Stadt (4056723-0), Technologie (4059276-5), Innovation (4027089-0), Produktinnovation (4047346-6), Wissens- und Technologietransfer (4125522-7), Gilde (4157349-3), Wirtschaftslenkung (4066470-3)
    PDF document davids_naegle.doc.pdf — PDF document, 260 KB
    K. Davids, B. De Munck (ed.), Innovation and Creativity in Late Medieval and Early Modern European Cities (Gisela Naegle)
    In: Francia-Recensio 2016/4 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500) | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2016-4/ma/davids_naegle
    Veröffentlicht am: 12.12.2016 09:32
    Zugriff vom: 08.07.2020 05:58
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